Friedrich Nicolai (Hrsg.):
Eyn feyner kleyner Almanach

 

 

Friedrich Nicolai

 

[Vorwort]

 

Gunstiger liber Leser. Es ist traun dz edle Handwerck der Poeterey, mit dem edlen Handwerck der Schusterey, so demselben gleichbürtig, nicht unbillichen tzu vergleichen. Denn ob schon in disen letzten betrubten Zeiten, die Welt sich wol umbkehrt hett, dz di Poeten große Hansen worden, unndt eynen erbern Schuster schier eben uber d' Achsel ansehn mügen; wars doch wol bey den liben Alten fast anders, uff latein: olim non erat sic. In Zeyten, da ein dapferer Feldhauptmann den Pflugk zu treyben, und Fürstenkinder zu spynnen unndt zu weben eyn feyn [4] Beliben trugen, geschah es furbas, dz eben derselbig Mann, one Spot, zugleich der Gesetzgeber, unndt der Poet, ja auch der Schuster seynes Stammes war. Auch ist sint solcher Zeyt, dicke Jare dz Handwerck der Poeterei bei andern erlichen Handwercken darob verbliben, furnemblich beyn löblichen Handwercken der Schuster, unndt nach disen der Leinweber.

Die Schuster sind alter Zeyten schon, bey teutzscher Nation sonderbarlich befliszen gewesen, libliche Reyen und Gesenge zu machen, desz zeugen mag, Meyster Hanns Sachs, wol eyn Vater aller Teutzscher Poeterey, unndt dero Groß-Vater, Ottfrid der Münch, welcher eyn Schuster wz, eh er eyn Münch ward, wie wir davon in der Kronicken lesen. Die Leinweber [5] aber, von ye her, waren flinck, mit klaren Stimmen zu singen, die Reyen von Schustern gemacht, unndt darob auch wol bey Feyerabend zu klügeln, unndt weydliche Theoreyen zu erdencken.

Als denn nun Undanck der Welt Lon ist, so haben, mit Gunst zu sagen, die erbern Leinweber, sich ungeburlicher Weyse, über die erbern Schuster erhebenn, unndt mit solcher Klugeley jrem Gewercke eynen zimlichen Ruhm der Poeterey bewaren, dem erbern Schustergewerck aber rauben wollen. Taufenn, gantz heymlich, sint etwelcher Zeyt, gewandsweyse allerley hipsche unndt artliche Eynfäll in der Poeterei, den ersten Wurff, als ob ettwan eyn Leinweber seyn Schiff wurfe, tau[6]fenn eyn'n hohen Sinnesbegriff der schlumps den Poeten antritt, eynen Sprung gleich als ob dem Weber, fur zu grobem Wurf, eyn Faden sprenge.

Ist aber eytel Mischmascherey mit solchen almodischen Genammsel, denn's solten, solch schnell unndt gewaltig Einfelle der Poeten, nicht so fast, der erste Wurff, als der erste Schnytt benamset werden. Haben denn wol unsere lieben Vorfaren an der Poeterei unndt an der Schusterei, ob sie eyn'n Reyen zu dichten, oder eyne Sole zu schneyden hatten, eyn Winckelmasz angelegt? Mit nichten. Dichten und Schustern geschah, uffm ersten Schnytt, frey, ausz innerm Drang eyn' Sole zu schneyden. Hir eyn Schnytt h'heyn, dort [7] eyn Schnytt h'raus, war eyne lebendige Darstellung, dz die Sole uffm ersten Schnytt geschnitten (*) war. Gerad so eben schnytt der Meyster seyne Poeterey, unndt alsz uber dem nackten Fusze, ob der Sole, der lebendige Odem freyer Luft webte unndt wehte, so wehte unndt webte auch alles in der Poeterei.

Da denn nu, in der Folge-Zeyt dz liebe Alte nimmer gelten solt, ward aus der [8] Poeterey die Versmacherkunst unndt aus der Schustereydie Schumacherkunst, trennten sich grymmiglich. Da tet der Meyster eyn hulzen Leysten nemen, druber schlug er seyn Schu, wie'n Geheuse, dz ja feyn an Fuszen passen solt, unndt macht Verse nach sonderlicher Regel unndt Furschrift. Da wurden Schue recht schicklich, dz die Fusze quetzschten sich ubereynander, krigten Lichdorn, dz Gott erbarm! Wi's denn mit'm Versen gyng, lygt zu Tage, wurden Dinger draus, die noch Schuster noch Leinweber erleyden mochten.

Endlich merckt nu eyn Bidermann wol eben, dz in disen letzten betrubten Zeyten, da der yungste Tag fur der Tur ist, vollends alles drunter unndt druber geet. Da [9] geets an eyn Cultiviren, dz heyst, an eyn Verderben, an eyn Newern, an eyn Schlemmen, an eyn Finantzen, an eyn Hofyren, da soll alles zirlich, manirlich, gelart unndt heflich seyn, dz gantzes menschliches Geschlecht ob solchem Verbessern unndt Verschenern, im Grund gantz verderbt ist, unndt keyn'n alten Schupfrymen mehr wert were, wenn nicht noch beym gemeinen Haufen, absonderlich bey den erbern Gewercken, eyn kleynes Funckleyn unverderbter Natur, sam unter eyner Asche ligen tete.

Mit der liben Poeterey, ists denn nun, Gott erbarms, gar zu Ende. Uber dem Versemachen mocht keyner mer den ersten Schnitt, oder dz ich nach leinweber Art unndt Kunst [10] spreche, den ersten Wurff, fulen konnen; wer's nicht, dz bey den erbern Handwercksburschen, noch die alte teutzsche redliche Poeterey weben unndt wehen tet. Nicht nach Regel Lynial unndt Brettergeruste newer Versmacher, denn kluge Handwercksbursche, wissen fast wol, dz Poeterey, Hertzens-Ausgusz ist, unndt wie'n Piltz aus feuchtem Balcken, ungeseet unndt unverlangt, aus innerm Drang hervorschwellen muß; sondern nach altem Schnitt unserer liben Vorfaren, singen sie alte Reyen und Lieder, nach alter eigner Weyse, pflanzens von Mund zu Mund ungeendert fort, unndt sindt dabei immer noch die Schumachergesellen unndt die Leinwebergesellen, wie sonst, die furnembsten.

[11] Zwaren spuret man hin unndt her, newe Gesellen, nennen sich Geneys, schwetzen d' Lang unndt d'y Queer, von Volcksliedern, vom Wurfe und Sprunge; 's aber eytel Mummerey mit den Kerlen, 's sind doch Versemacher. Wollen eben wz newes haben, wollen Oren kitzeln, wollen feynen Damen newe Lydlein vormachen, stelen drob, aus Volcksliedern, hir'n Wort, da'n Wort, flicken's in jre Verse, machen 'n Schnitt queereyn, als wer's erster Schnitt, mag doch solch Mummenschanze nicht erklecken, dz eyn erber Handwerckspursch solch almodische Reyen singen solt, möchtens feyne Damen, kann unser eyns nicht wissen. 'Sind eben unnder derley Geneys, gar grobe Knollen mit unnder, meynens feyn naturlich, wenns ungehobelt unndt plump ist, [12] reden da one Schew desz furm Frauenzimmer nicht zimet, gar von A * unndt Sch ** unndt solchem mehr, dz eyn erber Handwercksgesell eyn Grewel drob haben mechtt.

Mit solcher Mischmascherey, alter unndt newer, feyner und grober Art, ist traun nicht z' hoffen, alte teutzsche Volckspoeterey mochtt new emporbracht werden, gleych Genys etwann wenen. Wenn eyn Hofschrantz bey eynem Frewden-Gelage, sich in Sammt unndt Seyden, wie eyn Schlottfeger kleydett, mochtt er drumb konnen eyn Esze keren? Oder ob reiche Schlemmer bey eyn'm Mummen-Tantz eyn Wyrtschaft vorstellten, zugen auf, wie Schuster, Tischler, Zimmerleutt, Weber unndt Schneyder, wer [13] dz erliche Hantirung oder vilmer nicht groszer' Uppigkeit?

Di euszer Form thut's warlich nicht. Kleid'st du deyne almodischen Gedancken, Form eyn's alten Volcksreyen, bleibts doch ewig eyn almodischen Vers, wird drum keyn warer Volcksreyen. Wollt eyner Handwerckspurschen-Lider recht machen, unndt wollt sie recht geniszen, der must eyn rechten Handwerckspurschen-Sinn haben, must tuen, wie Handwercks Gebrauch ist. Komm her Meyster Genye! solst fru aufsteen, solst spat arbeiten, dz dir'r Schweisz ausbricht. Kommt Sonntag, gee in die Predig unndt darnach ynn die Herberg mit andern Gesellen, geneusz hertzlich die kleyne frohe Stunde, lasz [14] dyr geringen Tranck schmecken, brich ausz in eyn fröliches Lied. Sollst auff Wanderschaft gehen, sollst hungern, sollst keyn Pfennigk im Sack haben, tritt hin fur 'ne Tur, unndt sing 'n Lied dafur, von Lenore oder von Lenardo, nimm wz dir gute Leutte geben, gee fort, sticht dich d'Sonne, druckt dich 'r Renzel, sing 'n lustigen Reyen, vom Hirschleyn 'm Walde, oder von den drei Röslein, mochten doch Wurffe oder Sprunge, oder Schnitte dreyn sein, desz achtest du nicht, singst du dir doch den Weg hin, und erreichst frische Strew.

Wol traun meyn Genye, dz dunckt dich nicht gut. Mochst liber uff weichem Mattratzenstul gestreckt ligen, atzen dich mit Schlecken [17] unndt Mengelmusz vom franschen Koch gewurtzt, spulens ab mit Malvasier unndt franschem Sprudelweyn, syngen denn, satt unndt selig, eyn Volckslied, vom feynen Libchen oder von Gespenstern, die ym Mondenscheyn wancken, sprechen Hon der kalten Vernunft, schelten uff die Cultur, schon du keyne Uppigkeit, so myt sollicher Cultur hervorkommt, entberen mochtest, klagen bytterlich, schon du selbst ym Sause ligst, ob dem Verfeynern unndt Verzarteln, gee teutzsche Mannhaftigkeyt verloren, unndt teutzsche Poeterei konne keynen mechtigen Schwung nemen.

Oho! meyn Fentchen, so geets nicht. Wer eyns haben wyll, musz's andere auch nicht verschmehen, dz deme antwortet. Wollt [18] eyner hoch fligen, sam eyn Vogeleyn in der Luft, must er auch konnen, Wurmer unndt Spinnen essen, sam eyn Vogeleyn, unndt ynn eynen engen Ritz krichen furm Wetter; ist im aber feystes Ryndfleysch tzur Narung not, so bleyb' er uff Gottes Erdboden. Hebt sich so eyner aber doch, meynt er wolle fligen, wird er gar unsanft uff d' Nase fallen.

Esz musz traun gantz getan seyn, oder musz gar bleyben. Wolan, jr Genyes, wollt jr teutzscher alter Volckspoeterei aufhelfen, laszt alle Cultur, Uppigkeit unndt gelartes Wesen, werdet erliche Handwerckslewtt, Schuster, Weber, Schreyner, Gerber, Schmide, arbeitet vile Wochenlang mit Macht, bisz eyn Tag kommt, dz jr den Drang fulet, Volcksli[19]der z' dichten. Da wird denn Tatkraft ynne sein, di werdenn d' Sele fullenn, werden's Volck wie'n Fiber erschuttern, werden, eym freszenden Krebsz gleych, um sich greifen, werdenn aller bösen Cultur, die ewren Schnitten unndt Wurfen hynderlich ist, rein schababe machen. Sollt's euch aber, meyne Genyes, doch nicht gelyngen, aus teutzschem Vaterlande, d' leydige Ordnung unndt eyszkalte Vernunft gantz weg zu syngen, unndt dafür eynzufuren, den eynfeltigen Kyndessynn unndt erlichen Koler-Glauben, der euch Volckssengern wol fuget; wyrd doch teutzschem Vaterlande ewer Handarbeyt, mer Frommen bringen, als ewer putzige wyndschife gelerte Volckslider, womit jr eytel Spilwerck treybt, unndt di's Volck nymmer syngen mochtt.

[20] Eyns muszt jr sein, liben Leutt, unndt dz recht. Entweder bleibt furnembe unndt gelarte Leutte, dychtet unndt schreybt denn in Gottes-Namen, fur furnembe und gelarte Leutt, wi sichs geburt; oder werdet Handwerckspurschen unndt Kesselflicker, sonst konnt jr fur Handwerckspurschen unndt Kesselflicker fast nicht schreyben und dychten. Hat da eyner, heist Danyel Wunderlich, etwan eyn Schryftleyn von Volckslidern * ynn offenen Truck ausgeen laszen, mochtt auch Sachen vereynigen, die nicht zu vereynigen steen. Weent drob, all' di groszen gelarten Gedychte, alsz der rasende Roland, die Feen-Konyginne, Fyngal unndt Temora, unndt solltt' manns glauben, di [21] Jlyas unndt Odyszea, seyen nichts als Volckslider gewesen, di uff Marckten, uff den Gassen, oder fur den Turen, gegen eyn Pfennigksemmel oder Petermennchen gesungen worden, daher denn auch der gemeine Beyfall komme, der so vilen Leuttlein unbegreiflich ist. Meyns Dunckens aber, ist doch zweyerlei nicht eynerlei. Wenns denn wer, dz d' Geiszhirten ym Grichenland, dz Lied Jlyas genannt, unndt d' Sackpfeyfer ynn Schottland, den Reyen von Fingal, einst gesungen hetten; mag doch dz, wz den Geiszhirten unndt Sackpfeyfern darinn gefile, yetzunder 'ne Muck uffm Schwantz ubern Reyn furen, unndt musz noch etwan wz anders sein, dz so vilen furnemben gelarten Leuten, sint undencklichen Jaren, ynn disen Poetereyen basz gefellt. Wollt eyner yetziger Zeit d' Jlias etwan [22] nach Volcksliderart verteutzschen, mocht er desz, von Gelarten, wie von Handwerckspurschen, schlechten Danck haben.

Hett druber auch Danyel wol davon schweygen mögen, dz eyner die Geheimnysee der Zauberkunst der Volckslider aufdecken solte. Dabey spurt der gunstige Leser, dz Meyster Danyel eyn Leynweber ist, will wider eyne new Theorey unndt Klugeley uffbringen, die uff nichts besteet. Ist meynesz dunckens ynn Volckslidern weyter keyn Zauber, denn dz sie dem Volcke stetig liben, sintemal s' furs Volck grad recht sind; unndt erst nach hundert Jaren, tuen s' furbasz auch wol Gelarten gefallen, sintemal Furwitz ymmer wz newes furnemben wyll, unndt enndlich ausm alten wz newes zuschneyden musz.

[23] Dz aber gib ich Meyster Danyeln zu, 's were gut, alle alte Volcklieder wurden uff behalten, unndt ynn Truck geben. Nicht zwaren nach Danyels Sinn, fur d' gelarte Versmacher, dz sie 'ne Fundgrube fur jre Kunst hetten, oder teutzsch zu reden, dz eyner den andern, mit solchem Tand eyn Zeytlang eyn Nase dreen, oder als eyn'n Gympel henselirenn unndt heymseilenn mochte: Sondern in Steten fur erbere Handwerckspurschen, uffm platten Lande fur Spinnstuben, unndt uffn Merckten fur Benckelsenger, di sich damit neren. Sonst mogens d' gelarten Hansen, ymmer d' Hende davonn laszen.

Ist auch eben nicht not, alsz Meyster Danyel wenet, mann musze unnder Jegern [24] Hecheltregern unndt Trutscheln umblaufen, nach Volckslidern tzu spuren. Konnt auch nicht gar sicher seyn, ob alles echtt seyn mochte. Esz ist werte teutzsche Nation durchs leydige Cultiviren seer verderbt. Sind Jeger z' oft bey feynen Damen, unndt Trutschel z' oft bey feynen Herren, konnten s' wol von dero Belustigungen desz Verstandes unndt Witzes, unndt anderm firlefantz, wz an sich behalten. Hecheltreger sind gar Wahlen, singen welsche Arien, mochtenn unser' Frewleyn weytersz noch zum welschen Syngen verfuren, deszen Grewels, dz tugentsame Frewleyn Yris schon bytterliche Klage * furen tuet.

[25] Ich Endesbenanter kann, nachgesetzter echter alten Reyen unndt Lider halber, eynen beszern Gewersmann geben, an Meystern Gabryel Wunderlichen, welchen der Leser mit Meystern Danyel Wunderlichen nicht verwechseln wolle, sintemal Meyster Danyel, alsz schons erklert, eyn Leinweber ist, aber Meyster Gabryel war eyn Schuster.

Diser Meyster Gabryel ist geboren im Jar unsers Heylandes 1568, tzu Beuchlitz unweyt Merseburg, hat erlich dz Schusterhandwerck gelernt, war aber schons ynn zarter jugend eyn gewaltiger Meystersenger, macht' unndt sang hipsche Reyen unndt Lider unndt sonderliche Mordgeschichte. Alsz er Burger unndt Meyster tzu Dessaw worden, war jm, [26] da er eyn lustiger Gesell, das Schusterhandwerck nicht ser gemutlich, gab sich uffs Syngen, tett manche Reysen, hett wol Turyngen unndt den gantzen Hartz tzu Fusz durchwandert, lernett vil kostliche Lider unndt Reyen, syngett uff den Messen tzu Leipzigk, unndt kam wider nach Dessaw, als eyn stattlicher Benckelsenger, war bey hohen unndt niedern seer geert, unndt hett' sonderliche Gnade funden bey Fürst Joachim Ernst, dem macht' er das newe Lyd von Keys. May. wi sie die Franzosen gekrieget hatt', yn Bruder Veyten Ton; unndt ander Gesenge meer. Hett' auch das junge Herrleyn Fürst Ludewig, der nachher ein loblicher Regent worden, tzu Meyster Gabryeln eyne gnedige Zuneygung, mochtt deszen Gesang gern horen. Alsz nun Fürst Ludwig [27] nach Fürstbrüderlicher Teylung Anno Dom. 1606. d' Regirung antrat, nam er Meyster Gabryeln weyters in sonderliche Gnade, lisz jn oft myt seynem Gesange z' Cöthen bey Hofe uffwarten, unndt hett solch Gefallen dran, dz eyn yeder Meystern Gabryeln als eyn'n Furstl. Benckelsenger achten tete.

Ging alles feyn gut, bisz 1617, ynn Weimar, uff Anraten des edlen Caspar von Teutleben, die lobliche fruchtbringende Gesellschaft errychtet, unndt wurde Furst Ludwig, als der Durchlauchtige Nerende tzum ersten Oberhaupt erkiset. Da liesz der lobliche Furst, uffm Schlosse Melaw unfern Dessaw, ynn dem Turm, mitten ynn dem groszen runden Saale, eynen Palmbaum artlich zurichten, an dessen weytschichtigen Zweygen, di Conterfeye [28] der furnemben Mitglyder hingen, unndt an der Mauer rundumb, waren die Namen, Wort unndt Gemälde, uff graw Atlasz, unndt dero Wapen uff sittiggrunen Atlas, kunstlich gestickt uffgehangen, dz feyn lustig anzuschawen war.

Meyster Gabryel tett im eynbilden, er möge auch, eyn Glyd sollicher hohen Geselschaft werden, schyn auch der Furste deme schyr geneiget. Alsz aber der edle Caspar nacher Melaw kam, tett er dem Fursten eynreden, es zime sich nicht, dz eyn Benckelsenger ausz dem Oelberger * Bescheyd tette. [29] Machtt den loblichen Fursten abwendig, wurd Meyster Gabryel hindangesetzt, kam tzu Melaw gar eyn' newe Art uff, wurden da sonderliche Klynggedychte unndt Ryngelreyme verlesenn, nach welscher Weyse, unndt alte teutzsche Reyen wollt keyner noch horenn noch achtenn.

Desz tett sich Meyster Gabryel ynnigklichen hermenn, dz seyne altteutzsche Reyen unndt Lider nimannd furt liben mochtenn, must sie bey sich haltenn. War eyn kurtzer runder fast feyster Mann, unndt synd derley Volckslider fast uffblehender Natur, ist er zu Nacht schyr erstickt funden worden, konnt kaum mit eben schwacher Stimmen krechzen:

Es ritt eyn Jeger wolgemut
Wol ynn der Morgen-Stunde,

unndt verscheyd darob, Anno Dom. 1619.

[30] Seyn Leyb ist tzu Melaw uff gemeinem Kirchhoff begraben, seyn arme Seel aber hett sint deszen keyne Rue. Seyn'n Geyst hortt man oft vorm Schlosse tzu Melaw wo der Turm stund, dreymal kleglich seufzen, denn wandertt er uffm Wege von Melaw nacher Beuchlitz, da jn mancher Bidermann oft geseen unndt begegnet hett. Ist stets sittiggrun angetan, tut nimandem leydes, wandelt uff gruner Heyde, stet bey Stegen, bey anmutigen Waszern unndt Bechleyn, bey heyterm Mondenscheyn, unndt syngt mit heller Stymmen altteutzsche Volckslider.

[31] So hab denn ich Endesbenannter, Meyster Gabryels Geyst oft behorcht, unndt ausz deszen Munde, nachgesetzte echte altteutzsche Reyen unndt Lider, wo ich gekonnt, auch mit dero echten alten Weysen, uffgeschriben, unndt lasze sie, erbern Handwercksgesellen, Benckelsengern, unndt andern Volcke zu frommen, ynn offnen Truck auszgeen.

Meyster Gabryels Geyst syngt noch ymmer fort. Konntt nicht der erwirdig P. Gaszner etwann eyn Wunderteter in Elwanngen ym Beyerlande, welcher dato nach Obersachsen underwegs, des † † † Teufels Macht tzu zerstoren, oder sonst eyner der stattlichen Wun[32]derteter ynn der Schweytz, wirdt seyn, der St. Martyn vonn Schyrbach, die Waszerprophetynne tzu Byel, unndt derley mer, den Geyst bannen, unndt d' arme Sel zur Rue bringen, werd' ich Endesbenanter furbasz horchen, unndt wol tzu Jar wider eyn'n kleynen Almanach * vol [33] Volckslider auszgehen laszen, 's ist doch nicht newmodische Lapperey unndt Flyckerey, deren werte teutzsche Nation wol muszig geen konntt, sondern 's sind echte altteutzsche Reyen, alsz unsere liben Voreltern hetten, unndt gereycht erberm Schustergewerck tzu Trost unndt Eren. Desz mag der Neydhart di Zene fletzschenn, kummert mych nicht.

Mstr. Daniel Seuberlich
Schuster tzu Ritzmück ann der Elbe.

 

 

[Die Anmerkungen stehen als Fußnoten auf den in eckigen Klammern bezeichneten Seiten]

[7] (*) Mags nicht bergen, dz ich Endesbenannter, noch yetzt meyne Solen nach eben sollicher alten teutzschen Art schneyden thue, womit auch menniglichen wol zufriden, wer nicht der Kuster, eyn naseweyser Mann, ungescholten, der beym Wolfio in Halle, die Philosophey unndt solche andere brodlose Kunste gelernt hatt.   zurück

[20] * ymm teutzschen Museum. S. 449.   zurück

[24] * ym fünften Band S. 131.   zurück

[28] * Wer eyn stattlich Schalenglasz od. Pocal, den yedes Mitglyd des lobl. Palmenordens, bey der Uffname, vol Weyn ausztryncken must.   zurück

[32] * 's mögen erbere Gewercke himit wiszen, dz diser Zeyt, eynn Allmanach nimmer eyn Calender ist, nachen Jarzeyten unndt Wetter tzu seen, oder ob nöthig Haar abzuschneyden unndt Bawholtz tzu fellen, gleych unsere liben alten teten. Sondern sint nicht lengsten, heist eyn Allmanach eyn jerliches Bundel fast kleyner Verseleyn unndt lustiger Schlemperlider, muszigem Volcke tzur Kurtzweyl, unndt werden solliche Allmanachen, eben klyntzerlich kleyn getruckt, di furen almodische Men[33]leyn unndt Damen, ynn jren Teschleyn unndt Neebeuteln, gleich eben, fromme Handwerckspurschen, den Wanderszmann oder Cubachs Hertzensseuftzerleyn, ynn jren Rentzeln furen tuen.   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Eyn feyner kleyner Almanach Vol schönerr echterr liblicherr Volckslieder, lustigerr Reyen unndt kleglicherr Mordgeschichte, gesungen von Gabriel Wunderlich weyl. Benkelsengernn zu Dessaw, herausgegeben von Daniel Seuberlich, Schusternn tzu Ritzmück ann der Elbe. Erster Jahrgang. Berlynn unndt Stettynn, verlegst Friedrich Nicolai 1777, S. 3-33. [PDF]

Der erste Jahrgang erschien zur Herbstmesse 1776.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien). Die fehlerhafte Paginierung – es fehlen die Seiten 15-16 – wurde beibehalten.

 

 

Bibliographie der Almanache

 

Kommentierte und kritische Ausgaben

 

 

Literatur

Alt, Peter-André: Aufklärung. Lehrbuch Germanistik. 3. Aufl. Stuttgart 2007.

Bolte, Johannes: "Nachwort" zu: Friedrich Nicolais Volkslieder-Almanach 1777 – 1778. Bd. 3. Weimar 1918, S. 3-45.

Ellinger, Georg: "Einleitung" zu: Friedrich Nicolai's kleyner feyner Almanach. 1777 und 1778. Erster Jahrgang. Hrsg. von Georg Ellinger. Berlin 1888 (= Berliner Neudrucke, 1), S. V-XXXVI.
URL: https://archive.org/details/friedrichnicola01nicogoog

Falk, Rainer u.a. (Hrsg.): Friedrich Nicolai und die Berliner Aufklärung. Hannover 2008.

Falk, Rainer: Die Korrespondenz des 'gelehrten Buchhändlers' Friedrich Nicolai. In: Kulturen des Wissens im 18. Jahrhundert. Hrsg. von Ulrich J. Schneider. Berlin u.a. 2008, S. 105-112.

Gaier, Ulrich: Herders Volksbegriff und seine Rezeption. In: Herder im Spiegel der Zeiten. Verwerfungen der Rezeptionsgeschichte und Chancen einer Relektüre. Hrsg. von Tilman Borsche. Paderborn 2006, S. 32-57.

Galleron, Ioana (Hrsg.): L'art de la préface au siècle des Lumières. Rennes 2007 (= Collection "Interférences").

Genette, Gérard: Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches. Frankfurt a.M. 2001 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 1510)

Habersaat, Sigrid: Verteidigung der Aufklärung. Friedrich Nicolai in religiösen und politischen Debatten. 2 Bde. Würzburg 2001 (= Epistemata. Reihe Literaturwissenschaft, 316).

Herboth, Franziska: Satiren des Sturm und Drang. Innenansichten des literarischen Feldes zwischen 1770 und 1780. Hannover 2002.

Kämmerer, Harald: Nur um Himmels willen keine Satyren .... Deutsche Satire und Satiretheorie des 18. Jahrhunderts im Kontext von Anglophilie, Swift-Rezeption und ästhetischer Theorie. Heidelberg 1999 (= Probleme der Dichtung, 27).

Kaim-Kloock, Lore: Gottfried August Bürger. Zum Problem der Volkstümlichkeit in der Lyrik. Berlin 1963 (= Germanistische Studien).   –   Vgl. S. 97-100.

Karthaus, Ulrich: Sturm und Drang. Epoche – Werke – Wirkung. 2. Aufl. München 2007 (= Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte).

Kemper, Hans-Georg: Deutsche Lyrik der frühen Neuzeit. Bd. 6/II. Sturm und Drang: Genie-Religion. Tübingen 2002.   –   S. 239-244: "Putzige wyndschife gelerte Volckslider" – Nicolais satirische Provokation.

Kerschbaumer, Sandra: Muster aufklärerischer Literaturkritik bei Friedrich Nicolai – mit Blick auf die Gegenwart. In: Berliner Aufklärung. Kulturwissenschaftliche Studien. Bd. 3. Hrsg. von Ursula Goldenbaum u.a. Hannover 2007, S. 119-141.

Krummacher, Hans-Henrik: Odentheorie und Geschichte der Lyrik im 18. Jahrhundert. In: Ders., Lyra. Studien zur Theorie und Geschichte der Lyrik vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Berlin u.a. 2013, S. 77-123.

Lohre, Heinrich: Zur Entstehung von Nicolais 'Feynem kleynem Almanach'. In: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 25 (1915), S. 147-154.

Möller, Horst: Aufklärung in Preussen. Der Verleger, Publizist und Geschichtsschreiber Friedrich Nicolai. Berlin 1974 (= Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, 15).

Mollenhauer, Peter: Friedrich Nicolais Satiren. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts. Amsterdam 1977 (= German Language and Literature Monographs, 2).



Eyn feyner kleyner Almanach Vol schönerr echterr liblicherr Volckslieder, lustigerr Reyen unndt kleglicherr Mordgeschichte, gesungen von Gabriel Wunderlich weyl. Benkelsengernn zu Dessaw, herausgegeben von Daniel Seuberlich, Schusternn tzu Ritzmück ann der Elbe.
Erster Jahrgang.
Berlynn unndt Stettynn, verlegst Friedrich Nicolai 1777.
URL: https://archive.org/details/eynfeynerkleyne00nicogoog
URL: http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10925062.html

Eyn feyner kleyner Almanach Vol schönerr echterr liblicherr Volckslieder, lustigerr Reyen unndt kleglicherr Mordgeschichte, gesungen von Gabriel Wunderlich weyl. Benkelsengernn zu Dessaw, herausgegeben von Daniel Seuberlich, Schusternn tzu Ritzmück ann der Elbe.
Zweyter Jargang.
Berlynn unndt Stettynn, verlegst Friedrich Nicolai 1778.
URL: http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10925063.html

Friedrich Nicolai's kleyner feyner Almanach. 1777 und 1778. Erster Jahrgang. Hrsg. von Georg Ellinger. Berlin: Paetel 1888 (= Berliner Neudrucke, 1).
URL: https://archive.org/details/friedrichnicola01nicogoog

Nicolai, Friedrich: 'Kritik ist überall, zumal in Deutschland nötig'. Satiren und Schriften zur Literatur. Hrsg. von Wolfgang Albrecht. Leipzig u. Weimar: Kiepenheuer 1987.

Nicolai, Friedrich: Sämtliche Werke, Briefe, Dokumente. Kritische Ausgabe mit Kommentar. Werke, Bd. 3: Literaturkritische Schriften I. Hrsg. von P. M. Mitchell. Berlin u.a.: Lang 1991.

Nicolai, Friedrich: Sämtliche Werke, Briefe, Dokumente. Kritische Ausgabe mit Kommentar. Werke, Bd. 4: Literaturkritische Schriften II. Hrsg. von P. M. Mitchell. Berlin u.a.: Lang 1991.

Jacob-Friesen, Holger (Hrsg.): Profile der Aufklärung. Friedrich Nicolai – Isaak Iselin. Briefwechsel (1767 – 1782). Edition, Analyse, Kommentar. Bern u.a.: Haupt 1997 (= Schweizer Texte; N.F., 10).

Knigge, Adolph von / Nicolai, Friedrich: Briefwechsel 1779 – 1795. Mit einer Auswahl und dem Verzeichnis der Rezensionen Knigges in der "Allgemeinen deutschen Bibliothek". Hrsg. von Mechthild und Paul Raabe. Göttingen: Wallstein Verlag 2004.

Spieckermann, Marie-Luise: Verzeichnis der Schriften Friedrich Nicolais 1752 – 1811. In: Friedrich Nicolai. 1733 – 1811. Essays zum 250. Geburtstag. Hrsg. von Bernhard Fabian. Berlin: Nicolai 1983, S. 257-304.



Rudolph, Andre: Satiriker unter sich: Lichtenberg – Nicolai – Hamann. In: Lichtenberg-Jahrbuch 2006, S. 86-100.

Schneider, Joh. Nikolaus: Ins Ohr geschrieben. Lyrik als akustische Kunst zwischen 1750 und 1800. Göttingen 2004 (= Das achtzehnte Jahrhundert. Supplementa, 9).   –   S. 32-45: Nicolais Kritik an gelehrter Volkspoesie.

Schneider, Ute: Friedrich Nicolais Allgemeine Deutsche Bibliothek als Integrationsmedium der Gelehrtenrepublik. Wiesbaden 1995 (= Mainzer Studien zur Buchwissenschaft, 1).

Schultz, Helga: Die Gesellschaft der Aufklärer. Das Berlin Nicolais und Ramlers. In: Urbanität als Aufklärung. Karl Wilhelm Ramler und die Kultur des 18. Jahrhunderts. Hrsg. von Laurenz Lütteken u.a. Göttingen 2003 (= Schriften des Gleimhauses Halberstadt, 2), S. 15-38.

Selwyn, Pamela E.: Everyday Life in the German Book Trade. Friedrich Nicolai as Bookseller and Publisher in the Age of Enlightenment, 1750 – 1810. University Park, Pa. 2000 (= The Penn State Series in the History of the Book).

Singer, Rüdiger: "Nachgesang". Ein Konzept Herders, entwickelt an Ossian, der popular ballad und der frühen Kunstballade. Würzburg 2006 (= Epistemata; Reihe Literaturwissenschaft, 548).   –   S. 264-266: Zu Nicolais "Almanach".

Sommerfeld, Martin: Friedrich Nicolai und der Sturm und Drang. Ein Beitrag zur Geschichte der Aufklärung. Halle an der Saale 1921.

Stockhorst, Stefanie: Dossier Friedrich Nicolai (1733 bis 1811). Zum 200. Todestag des Berliner Aufklärers. In: Zeitschrift für Germanistik 21 (2011), S. 153-159.

Stockhorst, Stefanie u.a. (Hrsg.): Friedrich Nicolai (1733 – 1811). Berlin 2011 (= Memoria, 13).

Stockhorst, Stefanie (Hrsg.): Friedrich Nicolai im Kontext der kritischen Kultur der Aufklärung. Göttingen 2013 (= Schriften des Frühneuzeitzentrums Potsdam, 2).

Stockhorst, Stefanie: Englischer Geschmack auf dem Kontinent. Friedrich Nicolai als Vermittler ästhetisch-kritischer Diskurse in der Berliner Aufklärung. In: Göttinger Händel-Beiträge. Jahrbuch/Yearbook 15 (2014), S. 179-195.

Verweyen, Theodor / Witting, Gunther: Art. Parodie. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. 3. Berlin u.a. 2003, S. 23-27.

Wetzels, Walter D.: The Herder – Nicolai Controversy. In: Johann Gottfried Herder. Language, History, and the Enlightenment. Hrsg. von Wulf Koepke. Columbia, SC 1990 (= Studies in German Literature, Linguistics, and Culture), S. 87-97.

 

 

Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer