Friedrich Schiller

 

 

[Rezension]

 

Zürich, b. Orell u. Comp.: Gedichte von Friedrich Matthisson. Dritte vermehrte Auflage. 1794. mit einem Titelkupfer von Lips gezeichnet und von Guttenberg gestochen. 166 S. 8.

 

Daß die Griechen, in den guten Zeiten der Kunst, der Landschaftmalerey nicht viel nachgefragt haben, ist etwas bekanntes, und die Rigoristen in der Kunst stehen ja noch heutiges Tages an, ob sie den Landschaftmaler überhaupt nur als ächten Künstler gelten lassen sollen. Aber, was man noch nicht genug bemerkt hat, auch von einer Landschaft-Dichtung, als einer eigenen Art von Poesie, die der epischen, dramatischen und lyrischen ohngefähr eben so, wie die Landschaftmalerey der Thier- und Menschenmalerey gegenüber steht, hat man in den Werken der Alten wenig Beyspiele aufzuweisen.

Es ist nemlich etwas ganz anders, ob man die unbeseelte Natur bloß als Local einer Handlung in eine Schilderung mit aufnimmt, und, wo es etwa nöthig ist, von ihr die Farben zur Darstellung der beseelten entlehnt, wie der Historienmaler und der epische Dichter häufig thun, oder ob man es gerade umkehrt, wie der Landschaftmaler, die unbeseelte Natur für sich selbst zur Heldin der Schilderung, und den Menschen bloß zum Figuranten in derselben macht. Von dem erstern findet man unzählige Proben im Homer und wer möchte den großen Maler der Natur in der Wahrheit, Individualität und Lebendigkeit erreichen, womit er uns das Local seiner dramatischen Gemälde versinnlicht? Aber den Neuern, (worunter zum Theil schon die Zeitgenossen des Plinius gehören,) war es aufbehalten, in Landschaftsgemälden und Landschaftspoesien diesen Theil der Natur für sich selbst zum Gegenstand einer eigenen Darstellung zu machen, und so das Gebiet der Kunst, welches die Alten bloß auf Menschheit und Menschenähnlichkeit scheinen eingeschränkt zu haben, mit dieser neuen Provinz zu bereichern.

Woher wohl diese Gleichgültigkeit der griechischen Künstler für eine Gattung, die wir Neuern so allgemein schätzen? Läßt sich wohl annehmen, daß es dem Griechen, diesem Kenner und leidenschaftlichen Freund alles Schönen, an Empfänglichkeit für die Reize der leblosen Natur gefehlt habe, oder muß man nicht vielmehr auf die Vermuthung gerathen, daß er diesen Stoff wohlbedächtlich verschmähet habe, weil er denselben mit seinen Begriffen von schöner Kunst unvereinbar fand?

Es darf nicht befremden, diese Frage bey Gelegenheit eines Dichters aufwerfen zu hören, der in <Darstel[666]lung> der landschaftlichen Natur eine vorzügliche Stärke besitzt, und vielleicht mehr als irgend einer zum Repräsentanten dieser Gattung, und zu einem Beyspiele dienen kann, was überhaupt die Poesie in diesem Fache zu leisten im Stand ist. Ehe wir es also mit ihm selbst zu thun haben, müssen wir einen kritischen Blick auf die Gattung werfen, worin er seine Kräfte versuchte.

Wer freylich noch ganz frisch und lebendig den Eindruck von Claude Lorrain's Zauberpinsel in sich fühlt, wird sich schwer überreden lassen, daß es kein Werk der schönen, bloß der angenehmen Kunst sey, was ihn in diese Entzückung versetzte; und wer so eben eine Matthisonische Schilderung aus den Händen legt, wird den Zweifel, ob er auch wirklich einen Dichter gelesen habe, sehr befremdend finden.

Wir überlassen es andern, dem Landschaftmaler seinen Rang unter den Künstlern zu verfechten, und werden von dieser Materie hier nur soviel berühren, als zunächst den Landschaftdichter anbetrifft. Zugleich wird uns diese Untersuchung die Grundsätze darbieten, nach denen man den Werth dieser Gedichte zu bestimmen hat.

Es ist, wie man weiß, niemals der Stoff, sondern bloß die Behandlungsweise, was den Künstler und Dichter macht; ein Hausgeräthe und eine moralische Abhandlung können beide durch eine geschmackvolle Ausführung zu einem freyen Kunstwerk gesteigert werden, und das Portrait eines Menschen wird in ungeschickten Händen zu einer gemeinen Manufactur herabsinken. Steht man also an, Gemälde oder Dichtungen, welche bloß unbeseelte Naturmassen zu ihrem Gegenstand haben, für ächte Werke der schönen Kunst (derjenigen nemlich, in welcher ein Ideal möglich ist) zu erkennen; so zweifelt man an der Möglichkeit, diese Gegenstände so zu behandeln, wie es der Charakter der schönen Kunst erheischt. Was ist dieß nun für ein Charakter, mit dem sich die bloß landschaftliche Natur nicht ganz soll vertragen können? Es muß derselbe seyn, der die schöne Kunst von der bloß angenehmen unterscheidet. Nun theilen aber beide den Charakter der Freyheit; folglich muß das angenehme Kunstwerk, wenn es zugleich ein schönes seyn soll, den Charakter der Nothwendigkeit an sich tragen.

Wenn man unter Poesie überhaupt die Kunst versteht, "uns durch einen freyen Effect unsrer productiven Einbildungskraft in bestimmte Empfindungen zu versetzen" (eine Erklärung, die sich neben den vielen, die über diesen Gegenstand im Curs sind, auch noch wohl wird erhalten können) so ergeben sich daraus zweyerley Foderungen, denen kein Dichter, der diesen Namen verdienen will, sich entziehen kann. Er muß fürs erste [667] unsre Einbildungskraft frey spielen und selbst handeln lassen, und zweytens muß er nichts desto weniger seiner Wirkung gewiß seyn, und eine bestimmte Empfindung erzeugen. Diese Foderungen scheinen einander anfänglich ganz widersprechend zu seyn, denn nach der ersten müßte unsre Einbildungskraft herrschen, und keinem andern als ihrem eigenen Gesetz gehorchen; nach der andern müßte sie dienen, und dem Gesetz des Dichters gehorchen. Wie hebt der Dichter nun diesen Widerspruch? Dadurch, daß er unserer Einbildungskraft keinen andern Gang vorschreibt, als den sie in ihrer vollen Freyheit und nach ihren eigenen Gesetzen nehmen müßte, daß er seinen Zweck durch Natur erreicht, und die äußere Nothwendigkeit in eine innere verwandelt. Es findet sich alsdann, daß beide Foderungen einander nicht nur nicht aufheben, sondern vielmehr in sich enthalten, und daß die höchste Freyheit gerade nur durch die höchste Bestimmtheit möglich ist.

Hier stellen sich aber dem Dichter zwey große Schwierigkeiten in den Weg. Die Imagination in ihrer Freyheit folgt, wie bekannt ist, bloß dem Gesetz der Ideenverbindung, die sich ursprünglich nur auf einen zufälligen Zusammenhang der Wahrnehmungen in der Zeit, mithin auf etwas ganz empirisches, gründet. Nichts destoweniger muß der Dichter diesen empirischen Effect der Association zu berechnen wissen, weil er nur in soferne Dichter ist, als er durch eine freye Selbsthandlung unsrer Einbildungskraft seinen Zweck erreicht. Um ihn zu berechnen, muß er aber eine Gesetzmäßigkeit darin entdecken, und den empirischen Zusammenhang der Vorstellung auf Nothwendigkeit zurückführen können. Unsre Vorstellungen stehen aber nur in sofern in einem nothwendigen Zusammenhang als sie sich auf eine objective Verknüpfung in den Erscheinungen, nicht bloß auf ein subjectives und willkührliches Gedankenspiel gründen. An diese objective Verknüpfung in den Erscheinungen hält sich also der Dichter, und nur wenn er von seinem Stoffe alles sorgfältig abgesondert hat, was bloß aus subjectiven und zufälligen Quellen hinzugekommen ist, nur wenn gewiß ist, daß er sich an das reine Object gehalten, und sich selbst zuvor dem Gesetz unterworfen habe, nach welchem die Einbildungskraft in allen Subjecten sich richtet, nur dann kann er versichert seyn, daß die Imagination aller andern in ihrer Freyheit mit dem Gang, den er ihr vorschreibt, zusammenstimmen werde.

Aber er will die Einbildungskraft nur deswegen in ein bestimmtes Spiel versetzen, um bestimmt auf das Herz zu wirken. So schwer schon die erste Aufgabe seyn mochte, das Spiel der Imagination unbeschadet ihrer Freyheit zu bestimmen, so schwer ist die zweyte, durch dieses Spiel der Imagination den Empfindungszustand des Subjects zu bestimmen. Es ist bekannt, daß verschiedene Menschen bey der nemlichen Veranlassung, ja daß derselbe Mensch in verschiedenen Zeiten von derselben Sache ganz verschieden gerührt werden kann. Ungeachtet dieser Abhängigkeit unserer Empfindungen von zufälligen Einflüssen, die außer seiner Gewalt sind, muß der Dichter unsern Empfindungszustand bestimmen; er muß also auf die Bedingungen wirken, unter welchen [668] eine bestimmte Rührung des Gemüths nothwendig erfolgen muß. Nun ist aber in den Beschaffenheiten eines Subjects nichts nothwendig als der Charakter der Gattung; der Dichter kann also nur in sofern unsere Empfindungen bestimmen, als er sie der Gattung in uns, nicht unserm specifischverschiedenen Selbst, abfodert. Um aber versichert zu seyn, daß er sich auch wirklich an die reine Gattung in den Individuen wende, muß er selbst zuvor das Individuum in sich ausgelöscht und zur Gattung gesteigert haben. Nur alsdann, wenn er nicht als der oder der bestimmte Mensch (in welchem der Begriff der Gattung immer beschränkt seyn würde) sondern wenn er als Mensch überhaupt empfindet, ist er gewiß, daß die ganze Gattung ihm nachempfinden werde wenigstens kann er auf diesen Effect mit dem nemlichen Rechte dringen, als er von jedem menschlichen Individuum Menschheit verlangen kann.

Von jedem Dichterwerke werden also folgende zwey Eigenschaften unnachlaßlich gefodert: erstlich: nothwendige Beziehung auf seinen Gegenstand (objective Wahrheit); zweytens: nothwendige Beziehung dieses Gegenstandes, oder doch der Schilderung desselben, auf das Empfindungsvermögen (subjective Allgemeinheit). In einem Gedicht muß alles wahre Natur seyn, denn die Einbildungskraft gehorcht keinem andern Gesetze, und erträgt keinen andern Zwang, als den die Natur der Dinge ihr vorschreibt; in einem Gedicht darf aber nichts wirkliche (historische) Natur seyn, denn alle Wirklichkeit ist mehr oder weniger Beschränkung jener allgemeinen Naturwahrheit. Jeder individuelle Mensch ist gerade um soviel weniger Mensch, als er individuell ist; jede Empfindungsweise ist gerade um soviel weniger nothwendig und rein menschlich, als sie einem bestimmten Subject eigenthümlich ist. Nur in Wegwerfung des Zufälligen und in dem reinen Ausdruck des Nothwendigen liegt der große Styl.

Aus dem gesagten erhellet, daß das Gebiet der eigentlich schönen Kunst sich nur soweit erstrecken kann, als sich in der Verknüpfung der Erscheinungen Nothwendigkeit entdecken läßt. Außerhalb dieses Gebietes, wo die Willkühr und der Zufall regieren, ist entweder keine Bestimmtheit oder keine Freyheit; denn sobald der Dichter das Spiel unserer Einbildungskraft durch keine innere Nothwendigkeit lenken kann, so muß er es entweder durch eine äußere lenken, und dann ist es nicht mehr unsre Wirkung; oder er wird es gar nicht lenken, und dann ist es nicht mehr seine Wirkung; und doch muß schlechterdings beides beysammen seyn, wenn ein Werk poetisch heissen soll.

Daher mag es kommen, daß sich bey den weisen Alten die Poesie sowohl als die bildende Kunst nur im Kreise der Menschheit aufhielten, weil ihnen nur die Erscheinungen an dem (äussern und innern) Menschen diese Gesetzmäßigkeit zu enthalten schienen. Einem unterrichteteren Verstand, als der unsrige ist, mögen die übrigen Naturwesen vielleicht eine ähnliche zeigen; für unsre Erfahrung aber zeigen sie sie nicht, und der Willkühr ist hier schon ein sehr weites Feld geöffnet. Das Reich bestimmter Formen geht über den thierischen Körper und das menschliche Herz nicht hinaus, daher nur in [669] diesen beiden ein Ideal kann aufgestellt werden. Ueber dem Menschen (als Erscheinung) gibt es kein Object für die Kunst mehr, obgleich für die Wissenschaft; denn das Gebiet der Einbildungskraft ist hier zu Ende. Unter dem Menschen gibt es kein Object für die schöne Kunst mehr, obgleich für die angenehme, denn das Reich der Nothwendigkeit ist hier geschlossen.

Wenn die bisher aufgestellten Grundsätze die richtigen sind (welches wir dem Urtheil der Kunstverständigen anheim stellen), so läßt sich, wie es bey dem ersten Anblicke scheint, für landschaftliche Darstellungen wenig Gutes daraus folgern, und es wird ziemlich zweifelhaft, ob die Erwerbung dieser weitläuftigen Provinz als eine wahre Grenzerweiterung der schönen Kunst betrachtet werden kann. In demjenigen Naturbezirke, worinn der Landschaftmaler und Landschaftdichter sich aufhalten, verliert sich schon auf eine sehr merkliche Weise die Bestimmtheit der Mischungen und Formen; nicht nur die Gestalten sind hier willkührlicher, und erscheinen es noch mehr; auch in der Zusammensetzung derselben spielt der Zufall eine, dem Künstler sehr lästige, Rolle. Stellt er uns also bestimmte Gestalten, und in einer bestimmten Ordnung vor, so bestimmt er, und nicht wir, indem keine objective Regel vorhanden ist, in welcher die freye Phantasie des Zuschauers mit der Idee des Künstlers übereinstimmen könnte. Wir empfangen also das Gesetz von ihm, das wir uns doch selbst geben sollten, und die Wirkung ist wenigstens nicht rein poetisch, weil sie keine vollkommen freye Selbsthandlung der Einbildungskraft ist. Will aber der Künstler die Freyheit retten, so kann er es nur dadurch bewerkstelligen, daß er auf Bestimmtheit, mithin auf wahre Schönheit, Verzicht thut.

Nichts destoweniger ist dieses Naturgebiet für die schöne Kunst ganz und gar nicht verloren, und selbst die von uns so eben aufgestellten Principien berechtigen den Künstler und Dichter, der seine Gegenstände daraus wählt, zu einem sehr ehrenvollen Range. Fürs erste ist nicht zu läugnen, daß bey aller anscheinenden Willkühr der Formen auch in dieser Region von Erscheinungen noch immer eine große Einheit und Gesetzmäßigkeit herrschet, die den weisen Künstler in der Nachahmung leiten kann. Und dann muß bemerkt werden, daß, wenn gleich in diesem Kunstgebiet von der Bestimmtheit der Formen sehr viel nachgelassen werden muß (weil die Theile in dem Ganzen verschwinden, und der Effect nur durch Massen bewirkt wird) doch in der Composition noch eine große Nothwendigkeit herrschen könne, wie unter andern die Schattirung und Farbengebung in der malerischen Darstellung zeigt.

Aber die landschaftliche Natur zeigt uns diese strenge Nothwendigkeit nicht in allen ihren Theilen, und bey dem tiefsten Studium derselben wird noch immer sehr viel willkührliches übrig bleiben, was den Künstler und Dichter in einem niedrigern Grade von Vollkommenheit gefangen hält. Die Nothwendigkeit die der ächte Künstler an ihr vermißt, und die ihn doch allein befriedigt, liegt nur innerhalb der menschlichen Natur, und daher wird er nicht ruhen, bis er seinen Gegen[670]stand in dieses Reich der höchsten Schönheit hinübergespielt hat. Zwar wird er die landschaftliche Natur für sich selbst so hoch steigern als es möglich ist, und soweit es angeht, den Charakter der Nothwendigkeit in ihr aufzufinden und darzustellen suchen; aber weil er, aller seiner Bestrebungen ungeachtet, auf diesem Wege nie dahin kommen kann, sie der menschlichen gleich zu stellen, so versucht er es endlich, sie durch eine symbolische Operation in die menschliche zu verwandeln, und dadurch aller der Kunstvorzüge, welche ein Eigenthum der letztern sind, theilhaftig zu machen.

Auf was Art bewerkstelligt er nun dieses, ohne der Wahrheit und Eigenthümlichkeit derselben Abbruch zu thun? Jeder wahre Künstler und Dichter, der in dieser Gattung arbeitet, verrichtet diese Operation, und gewiß in den mehresten Fällen, ohne sich eine deutliche Rechenschaft davon zu geben. Es gibt zweyerley Wege, auf denen die unbeseelte Natur ein Symbol der menschlichen werden kann: entweder als Darstellung von Empfindungen, oder als Darstellung von Ideen.

Zwar sind Empfindungen, ihrem Inhalte nach, keiner Darstellung fähig; aber ihrer Form nach sind sie es allerdings, und es existirt wirklich eine allgemein beliebte und wirksame Kunst, die kein anderes Object hat, als eben diese Form der Empfindungen. Diese Kunst ist die Musik, und in sofern also die Landschaftmalerey oder Landschaftpoesie musikalisch wirkt, ist sie Darstellung des Empfindungsvermögens, mithin Nachahmung menschlicher Natur. In der That betrachten wir auch jede malerische und poetische Composition als eine Art von musikalischem Werk, und unterwerfen sie zum Theil denselben Gesetzen. Wir fodern auch von Farben eine Harmonie und einen Ton und gewissermaaßen auch eine Modulation. Wir unterscheiden in jeder Dichtung die Gedankeneinheit von der Empfindungseinheit, die musikalische Haltung von der logischen, kurz wir verlangen, daß jede poetische Composition neben dem, was ihr Inhalt ausdrückt, zugleich durch ihre Form Nachahmung und Ausdruck von Empfindungen sey, und als Musik auf uns wirke. Von dem Landschaftsmaler und Landschaftsdichter verlangen wir dieß in noch höherem Grade und mit deutlicherem Bewußtseyn, weil wir von unsern übrigen Anfoderungen an Producte der schönen Kunst bey beiden etwas herunter lassen müssen.

Nun besteht aber der ganze Effect der Musik (als schöner und nicht bloß angenehmer Kunst) darin, die inneren Bewegungen des Gemüths durch analogische äußere zu begleiten und zu versinnlichen. Da nun jene innern Bewegungen (als menschliche Natur) nach strengen Gesetzen der Nothwendigkeit vor sich gehen; so geht diese Nothwendigkeit und Bestimmtheit auch auf die äußern Bewegungen, wodurch sie ausgedrückt werden, über; und auf diese Art wird es begreiflich; wie, vermittelst jenes symbolisches Acts, die gemeinen Naturphänomene des Schalles und des Lichts von der ästhetischen Würde der Menschennatur participiren können. Dringt nun der Tonsetzer und der Landschaftmaler in das Geheimniß jener Gesetze ein, welche über die innern Bewegungen des menschlichen Herzens walten, [671] und studirt er die Analogie, welche zwischen diesen Gemüthsbewegungen und gewissen äußern Erscheinungen statt findet, so wird er aus einem Bildner gemeiner Natur zum wahrhaften Seelenmaler. Er tritt aus dem Reich der Willkühr in das Reich der Nothwendigkeit ein, und darf sich, wo nicht dem plastischen Künstler, der den äußern Menschen, doch dem Dichter, der den innern zu seinem Objecte macht, getrost an die Seite stellen.

Aber die landschaftliche Natur kann auch zweytens noch dadurch in den Kreis der Menschheit gezogen werden, daß man sie zu einem Ausdruck von Ideen macht. Wir meynen hier aber keinesweges diejenige Erweckung von Ideen, die von dem Zufall der Association abhängig ist; denn diese ist willkührlich und der Kunst gar nicht würdig; sondern diejenige, die nach Gesetzen der symbolisierenden Einbildungskraft nothwendig erfolgt. In thätigen und zum Gefühl ihrer moralischen Würde erwachten Gemüthern sieht die Vernunft dem Spiele der Einbildungskraft niemals müssig zu; unaufhörlich ist sie bestrebt dieses zufällige Spiel mit ihrem eigenen Verfahren übereinstimmend zu machen. Bietet sich ihr nun unter diesen Erscheinungen eine dar, welche nach ihren eigenen (praktischen) Regeln behandelt werden kann; so ist ihr diese Erscheinung ein Sinnbild ihrer eigenen Handlungen, der todte Buchstabe der Natur wird zu einer lebendigen Geistersprache, und das äußere und innre Auge lesen dieselbe Schrift der Erscheinungen auf ganz verschiedene Weise. Jene liebliche Harmonie der Gestalten, der Töne und des Lichts, die den ästhetischen Sinn entzücket, befriedigt jetzt zugleich den morali[672]schen; jene Stetigkeit, mit der sich die Linien im Raum oder die Töne in der Zeit aneinander fügen, ist ein natürliches Symbol der innern Uebereinstimmung des Gemüths mit sich selbst und des sittlichen Zusammenhangs der Handlungen und Gefühle, und in der schönen Haltung eines pittoresken oder musikalischen Stücks malt sich die noch schönere einer sittlich gestimmten Seele.

Der Tonsetzer und der Landschaftmaler bewirken dieses bloß durch die Form ihrer Darstellung, und stimmen bloß das Gemüth zu einer gewissen Empfindungsart und zur Aufnahme gewisser Ideen; aber einen Inhalt dazu zu finden, überlassen sie der Einbildungskraft des Zuhörers und Betrachters. Der Dichter hingegen hat noch einen Vortheil mehr; er kann jenen Empfindungen einen Text unterlegen, er kann jene Symbolik der Einbildungskraft zugleich durch den Inhalt unterstützen und ihr eine bestimmtere Richtung geben. Aber er vergesse nicht, daß seine Einmischung in dieses Geschäft ihre Grenzen hat. Andeuten mag er jene Ideen, anspielen jene Empfindungen; doch ausführen soll er sie nicht selbst, nicht der Einbildungskraft seines Lesers vorgreifen. Jede nähere Bestimmung wird hier als eine lästige Schranke empfunden, denn eben darin liegt das Anziehende solcher ästhetischen Ideen, daß wir in den Inhalt derselben wie in eine grundlose Tiefe blicken. Der wirkliche und ausdrückliche Gehalt, den der Dichter hineinlegt, bleibt stets eine endliche; der mögliche Gehalt, den er uns hinein zu legen überläßt, ist eine unendliche Größe.

[673] Wir haben diesen weiten Weg nicht genommen, um uns von unserm Dichter zu entfernen, sondern um demselben näher zu kommen. Jene dreyerley Erfodernisse landschaftlicher Darstellungen, welche wir so eben nahmhaft gemacht haben, vereinigt Hr. M. in den mehresten seiner Schilderungen. Sie gefallen uns durch ihre Wahrheit und Anschaulichkeit, sie ziehen uns an durch ihre musikalische Schönheit, sie beschäftigen uns durch den Geist, der darin athmet.

Sehen wir bloß auf treue Nachahmung der Natur in seinen Landschaftsgemählden, so müssen wir die Kunst bewundern, womit er unsre Einbildungskraft zu Darstellung dieser Scenen aufzufodern, und ohne ihr die Freyheit zu rauben über sie zu herrschen weiß. Alle einzelnen Parthien in denselben finden sich nach einem Gesetz der Nothwendigkeit zusammen, nichts ist willkührlich herbeygeführt, und der generische Charakter dieser Naturgestalten ist mit dem glücklichsten Blick ergriffen. Daher wird es unserer Imagination so ungemein leicht, ihm zu folgen, wir glauben die Natur selbst zu sehen, und es ist uns, als ob wir uns bloß der Reminiscenz gehabter Vorstellungen überließen. Auch auf die Mittel versteht er sich vollkommen, seinen Darstellungen Leben und Sinnlichkeit zu geben, und kennt vortreflich sowohl die Vortheile als die natürlichen Schranken seiner Kunst. Der Dichter nemlich befindet sich bey Compositionen dieser Art immer in einem gewissen Nachtheil gegen den Mahler, weil ein großer Theil des Effects auf dem simultanen Eindruck des Ganzen beruhet, das er doch nicht anders als successiv in der Einbildungskraft des Lesers zusammensetzen kann. Seine Sache ist nicht sowohl, uns zu repräsentiren, was ist, als was geschieht; und versteht er seinen Vortheil, so wird er sich immer nur an denjenigen Theil seines Gegenstandes halten, der einer genetischen Darstellung fähig ist. Die landschaftliche Natur ist ein auf einmal gegebenes Ganze von Erscheinungen, und in dieser Hinsicht dem Mahler günstiger, sie ist aber dabey auch ein successiv gegebenes Ganze, weil sie in einem beständigen Wechsel ist, und begünstiget in sofern den Dichter. Hr. M. hat sich mit vieler Beurtheilung nach diesem Unterschied gerichtet. Sein Object ist immer mehr das Mannichfaltige in der Zeit als das im Raume, immer mehr die bewegte, als die feste und ruhende Natur. [674] Vor unsern Augen entwickelt sich ihr immer wechselndes Drama, und mit der reizendsten Stetigkeit laufen ihre Erscheinungen in einander. Welches Leben, welche Bewegung, findet sich z.B. in dem lieblichen Mondscheingemählde S. 85.

Der Vollmond schwebt im Osten;
   Am alten Geisterthurm
Flimmt bläulich im bemoosten
   Gestein der Feuerwurm.
Der Linde schöner Sylfe
   Streift scheu in Lunens Glanz,
Im dunkeln Uferschilfe
   Webt leichter Irrwischtanz.

Die Kirchenfenster schimmern;
   In Silber wallt das Korn;
Bewegte Sternchen flimmern
   Auf Teich und Wiesenborn;
Im Lichte wehn die Ranken
   Der öden Felsenkluft;
Den Berg, wo Tannen wanken,
   Umschleyert weißer Duft.

Wie schön der Mond die Wellen
   Des Erlenbachs besäumt,
Der hier durch Binsenstellen,
   Dort unter Blumen schäumt,
Als lodernde Kaskade
   Des Dorfes Mühle treibt,
Und wild vom lauten Rade
   In Silberfunken stäubt u.s.w.

Aber auch da, wo es ihm darum zu thun ist, eine ganze Decoration auf einmal vor unsre Augen zu stellen, weiß er uns durch die Stetigkeit des Zusammenhanges die Comprehension leicht und natürlich zu machen, wie in dem folgenden Gemählde S. 54.

Die Sonne sinkt; ein purpurfarbner Duft
   Schwimmt um Savoyens dunkle Tannenhügel;
Der Alpen Schnee entglüht in hoher Luft;
   Geneva mahlt sich in der Fluten Spiegel

Ob wir gleich diese Bilder nur nach einander in die Einbildungskraft aufnehmen, so verknüpfen sie sich doch ohne Schwierigkeit in eine Totalvorstellung, weil eines das andere unterstützt und gleichsam nothwendig macht. Etwas schwerer schon wird uns die Zusammenfassung in der nächstfolgenden Strophe, wo jene Stetigkeit weniger beobachtet ist.

In Gold verfließt der Berggehölze Saum;
   Die Wiesenflur, beschneyt von Blüthenflocken,
Haucht Wohlgerüche; Zephyr athmet kaum;
   Vom Jura schallt der Klang der Heerdenklocken.

[675] Von dem vergoldeten Saum der Berge können wir uns nicht ohne einen Sprung auf die blühende und duftende Wiese versetzen; und dieser Sprung wird dadurch noch fühlbarer, daß wir auch einen andern Sinn ins Spiel setzen müssen. Wie glücklich aber nun gleich wieder die folgende Strophe!

   Der Fischer singt im Kahne, der gemach
Im rothen Wiederschein zum Ufer gleitet,
Wo der bemooßten Eiche Schattendach
Die netzumhangne Wohnung überbreitet.

Zeigt ihm die Natur selbst keine Bewegung, so entlehnt der Dichter diese auch wohl von der Einbildungskraft, und bevölkert die stille Welt mit geistigen Wesen, die im Nebelduft streifen, und im Schimmer des Mondlichts ihre Tänze halten. Oder es sind auch die Gestalten der Vorzeit, die in seiner Erinnerung aufwachen, und in die verödete Landschaft ein künstliches Leben bringen. Dergleichen Associationen bieten sich ihm aber keineswegs willkührlich an; sie entstehen gleichsam nothwendig entweder aus dem Locale der Landschaft, oder aus der Empfindungsart, welche durch jene Landschaft in ihm erweckt wird. Sie sind zwar nur eine subjective Begleitung derselben, aber eine so allgemeine, daß der Dichter es ohne Scheu wagen darf, ihnen eine objective Würdigung zu ertheilen.

Nicht weniger versteht sich Hr. M. auf jene musikalischen Effecte, die durch eine glückliche Wahl harmonirender Bilder, und durch eine kunstreiche Eurhythmie in Anordnung derselben zu bewirken sind. Wer erfährt z.B. bey folgendem kurzen Lied nicht etwas dem Eindruck analoges, den etwa eine schöne Sonate auf ihn machen würde. S. 91.

         Abendlandschaft.

       Goldner Schein
       Deckt den Hayn
Mild beleuchtet Zauberschimmer
Der umbüschten (?) Waldburg Trümmer.

       Still und hehr
       Stralt das Meer;
Heimwärts gleiten, sanft wie Schwäne,
Fern am Eiland Fischerkähne.

       Silbersand
       Blinkt am Strand;
Röther schweben hier, dort blässer,
Wolkenbilder im Gewässer.

       Rauschend kränzt
       Goldbeglänzt
Wankend Ried des Vorlands Hügel,
Wildumschwärmt vom Seegeflügel.

       Malerisch
       Im Gebüsch
Winkt mit Gärtchen Laub und Quelle
Die bemooßte Klaußnerzelle.

       Auf der Flut
       Stirbt die Glut,
Schon erblaßt der Abendschimmer
An der hohen Waldburg Trümmer.

       [676] Vollmondschein
       Deckt den Hayn,
Geisterlispel wehn im Thale
Um versunkne Heldenmahle.

Man verstehe uns nicht so, als ob es bloß der glückliche Versbau wäre, was diesem Lied eine so musikalische Wirkung gibt. Der metrische Wohllaut unterstützt und erhöht zwar allerdings diese Wirkung, aber er macht sie nicht allein aus. Es ist die glückliche Zusammenstellung der Bilder, die liebliche Stetigkeit in ihrer Succession; es ist die Modulation und die schöne Haltung des Ganzen, wodurch es Ausdruck einer bestimmten Empfindungsweise, also Seelengemählde wird.

Einen ähnlichen Eindruck, wiewohl von ganz verschiedenem Inhalt, erweckt auch der Alpenwanderer S. 61. und die Alpenreise S. 66.; zwey Compositionen, welche mit der gelungensten Darstellung der Natur noch den mannichfaltigsten Ausdruck von Empfindungen verknüpfen. Man glaubt einen Tonkünstler zu hören, der versuchen will, wie weit seine Macht über unsere Gefühle reicht; und dazu ist eine Wanderung durch die Alpen, wo das Große mit dem Schönen, das Grauenvolle mit dem Lachenden so überraschend abwechselt, ungemein glücklich gewählt. Man kennt schon Hn. M. zauberischen Pinsel in Darstellung des Sanften und Lieblichen; hier ist eine kleine Probe von dem, was er im Starken und Erhabenen zu leisten im Stande ist. S. 63.

   Im hohen Raum der Blitze
Wälzt die Lawine sich,
Es kreischt im Wolkensitze
Der Adler fürchterlich.
Dumpfdonnernd wie die Hölle
In Aetnas Tiefen ras't,
Kracht an des Bergstroms Quelle
Des Gletschers Eispallast.

Oder auch folgende Darstellung. S. 67. 69.

   Nun sterben die Laute beseelter Natur;
Dumpftosend umschäumen Gewässer mich nur,
Die hoch an schwarzen Gehölzen
Dem Gletscher entschmelzen. u.s.f.

   Hier wandelte nimmer der Odem des Mays;
Hier wiegt sich kein Vogel auf düftendem Reis;
Nur Moos und Flechten entgrünen
Den wilden Ruinen.

   Jetzt neigt sich allmählig von eisigem Plan
An steiler Granitwand hinunter die Bahn.
Wie dräun, halb dunstig umflossen,
Die Felsenkolossen!

   Oft reißen hoch aus der Umwölkungen Schooß
Mit Donnergetöse die Blöcke sich los,
Daß rings in langen Gewittern
Die Gipfel erzittern.

Endlich finden sich unter diesen Landschafts-Gemählden mehrere, die uns durch einen gewissen Geist oder Ideenausdruck rühren, wie gleich das erste der ganzen Sammlung, der Genfersee, in dessen prachtvollem Ein[677]gange uns der Sieg des Lebens über das Leblose, der Form über die gestaltlose Masse sehr glücklich versinnlicht werden. Der Dichter eröfnet dieses schöne Gemählde mit einem Rückblick in die Vergangenheit, wo die vor ihm ausgebreitete paradiesische Gegend noch eine Wüste war:

   Da wälzte, wo im Abendlichte dort
Geneva, deine Zinnen sich erheben,
Der Rhodan seine Wogen traurend fort
Von schauervoller Hayne Nacht umgeben.

   Da hörte deine Paradieses Flur
Du stilles Thal voll blühender Gehege,
Die großen Harmonien der Wildniß nur
Orkan und Thiergeheul und Donnerschläge.

   Als senkte sich sein zweifelhafter Schein
Auf eines Weltballs ausgebrannte Trümmer,
So goß der Mond auf diese Wüsteneyn
Voll trüber Nebeldämmrung seine Schimmer.

Und nun enthüllt sich ihm die herrliche Landschaft, und er erkennt in ihr das Local jener Dichterscenen, die ihm den Schöpfer der Heloise ins Gedächtniß rufen.

   O Clarens! friedlich am Gestad erhöht,
Dein Nahme wird im Buch der Zeiten leben.
O Meillerie! voll rauher Majestät
Dein Ruhm wird zu den Sternen sich erheben.

   Zu deinen Gipfeln, wo der Adler schwebt,
Und aus Gewölk erzürnte Ströme fallen,
Wird oft, von süßen Schauern tief durchbebt,
An der Geliebten Arm der Fremdling wallen.

Bis hieher wie geistreich, wie gefühlvoll und mahlerisch! Aber nun will der Dichter es noch besser machen, und dadurch verderbt er. Die nun folgenden, an sich sehr schönen Strophen, kommen von dem kalten Dichter, nicht von dem überströmenden, der Gegenwart ganz hingegebenen Gefühl. Ist das Herz des Dichters ganz bey seinem Gegenstande, so kann er sich unmöglich davon losreißen, um sich bald auf den Aetna, bald nach Tibur, bald nach dem Golf bey Neapel, u.s.w. zu versetzen, und diese Gegenstände nicht etwa bloß flüchtig anzudeuten, sondern sich dabey zu verweilen. Zwar bewundern wir darin die Pracht seines Pinsels, aber wir werden davon geblendet, nicht erquickt; eine einfache Darstellung würde von ungleich größerer Wirkung gewesen seyn. Soviele veränderte Decorationen zerstreuen endlich das Gemüth so sehr, daß, wenn nun auch der Dichter zu dem Hauptgegenstand zurückkehrt, unser Interesse an demselben verschwunden ist. Anstatt solches aufs neue zu beleben, schwächt er es noch mehr durch den ziemlich tiefen Fall beym Schluß des Gedichts, der gegen den Schwung, mit dem er anfangs aufflog, und worin er sich so lang zu erhalten wußte, gar auffallend absticht. Hr. M. hat mit diesem Gedicht schon die dritte Veränderung vorgenommen, und dadurch, wie wir fürchten, eine vierte nur desto nöthiger gemacht. Gerade die vielerley Gemüthsstimmungen, denen er darauf Einfluß gab, haben dem Geist, der es anfangs dictirte, Gewalt angethan, und [678] durch eine zu reiche Ausstattung hat es viel von dem wahren Gehalt, der nur in der Simplicität liegt, verloren.

Wenn wir Hn. M. als einen vortreflichen Dichter landschaftlicher Scenen characterisirten, so sind wir darum weit entfernt, ihm mit dieser Sphäre zugleich seine Grenzen anzuweisen. Auch schon in dieser kleinen Sammlung erscheint sein Dichtergenie mit völlig gleichem Glück auf sehr verschiedenen Feldern. In derjenigen Gattung, welche freye Fictionen der Einbildungskraft behandelt, hat er sich mit großem Erfolg versucht, und den Geist, der in diesen Dichtungen eigentlich herrschen muß, vollkommen getroffen. Die Einbildungskraft erscheint hier in ihrer ganzen Fessellosigkeit und dabey doch in der schönsten Einstimmung mit der Idee welche ausgedrückt werden soll. In dem Liede, welches das Feenland überschrieben ist, verspottet der Dichter die abentheuerliche Phantasie mit sehr vieler Laune; alles ist hier so bunt, so prangend, so überladen, so grotesk, wie der Charakter dieser wilden Dichtung es mit sich bringt; in dem Liede der Elfen alles so leicht, so duftig, so ätherisch, wie es in dieser kleinen Mondscheinwelt schlechterdings seyn muß. Sorgenfreye, selige Sinnlichkeit athmet durch das ganze artige Liedchen der Faunen, und mit vieler Treuherzigkeit schwatzen die Gnomen ihr (und ihrer Consorten) Zunftgeheimniß aus. S. 141.

   Des Tagscheins Blendung drückt
Nur Finsterniß beglückt!
Drum hausen wir so gern
Tief in des Erdballs Kern.
Dort oben wo der Aether flammt,
Ward alles, was von Adam stammt,
Zu Licht und Glut mit Recht verdammt.

Hr. M. ist nicht bloß mittelbar, durch die Art, wie er landschaftliche Scenen behandelt, er ist auch unmittelbar ein sehr glücklicher Mahler von Empfindungen. Auch läßt sich schon im voraus erwarten, daß es einem Dichter, der uns für die leblose Welt so innig zu interessiren weiß, mit der beseelten, die einen soviel reicheren Stoff darbietet, nicht fehlschlagen werde. Eben so kann man schon im voraus den Kreis von Empfindungen bestimmen, in welchem eine Muse, die dem Schönen der Natur so hingegeben ist, sich ohngefähr aufhalten muß. Nicht im Gewühle der großen Welt, nicht in künstlichen Verhältnissen – in der Einsamkeit, in seiner eigenen Brust, in den einfachen Situationen des ursprünglichen Standes sucht unser Dichter den Menschen auf. Freundschaft, Liebe, Religionsempfindungen, Rückerinnerungen an die Zeiten der Kindheit, das Glück des Landlebens u.d.gl. sind der Inhalt seiner Gesänge; lauter Gegenstände, die der landschaftlichen Natur am nächsten liegen, und mit derselben in einer genauen Verwandtschaft stehen. Der Charakter seiner Muse ist sanfte Schwermuth und eine gewisse contemplative Schwärmerey, wozu die Einsamkeit und eine schöne Natur den gefühlvollen Menschen so gerne neigen. Im Tumult der geschäftigen Welt verdrängt eine Gestalt unseres Geistes unaufhaltsam die [679] andere, und die Mannichfaltigkeit unsers Wesens ist hier nicht immer unser Verdienst; desto treuer bewahrt die einfache, stets sich selbst gleiche, Natur um uns her die Empfindungen, zu deren Vertrauten wir sie machen, und in ihrer ewigen Einheit finden wir auch die unsrige immer wieder. Daher der enge Kreis, in welchem unser Dichter sich um sich selbst bewegt, der lange Nachhall empfangener Eindrücke, die oftmahlige Wiederkehr derselben Gefühle. Die Empfindungen, welche von der Natur als ihrer Quelle abfließen, sind einförmig und beynahe dürftig; es sind die Elemente, aus denen sich erst im verwickelten Spiele der Welt feinere Nüancen und künstliche Mischungen bilden, die ein unerschöpflicher Stoff für den Seelenmahler sind. Jene wird man daher leicht müde, weil sie zu wenig beschäftigen; aber man kehrt immer gerne wieder zu ihnen zurück, und freut sich, aus jenen künstlichen Arten, die so oft nur Ausartungen sind, die ursprüngliche Menschheit wieder hergestellt zu sehen. Wenn aber diese Zurückführung zu dem Saturnischen Alter und zu der Simplicität der Natur für den cultivirten Menschen recht wohltätig werden soll, so muß diese Simplicität als ein Werk der Freyheit, nicht der Nothwendigkeit, erscheinen, es muß diejenige Natur seyn, mit der der moralische Mensch endigt, nicht diejenige, mit der der physische beginnt. Will uns also der Dichter aus dem Gedränge der Welt in seine Einsamkeit nachziehen, so muß es nicht Bedürfniß der Abspannung, sondern der Anspannung, nicht Verlangen nach Ruhe, sondern nach Harmonie seyn, was ihm die Kunst verleidet, und die Natur liebenswürdig macht; nicht weil die moralische Welt seinem theoretischen, sondern weil sie seinem practischen Vermögen widerstreitet, muß er sich nach einem Tibur umsehen, und zu der leblosen Schöpfung flüchten.

Dazu wird nun freylich etwas mehr erfodert, als bloß die dürftige Geschicklichkeit, die Natur mit der Kunst in Contrast zu setzen, die oft das ganze Talent der Idyllendichter ist. Ein mit der höchsten Schönheit vertrautes Herz gehört dazu, jene Einfalt der Empfindungen mitten unter allen Einflüssen der raffinirtesten Cultur zu bewahren, ohne welche sie durchaus keine Würde hat. Dieses Herz aber verräth sich [680] durch eine Fülle, die es auch in der anspruchslosesten Form verbirgt, durch einen Adel, den es auch in die Spiele der Imagination und der Laune legt, durch eine Disciplin, wodurch es sich auch in seinem rühmlichsten Siege zügelt, durch eine nie entweyhte Keuschheit der Gefühle; es verräth sich durch die unwiderstehliche und wahrhaft magische Gewalt, womit es uns an sich zieht; uns festhält, und gleichsam nöthigt, uns unsrer eignen Würde zu erinnern, indem wir der seinigen huldigen.

Hr. M. hat seinen Anspruch auf diesen Titel auf eine Art beurkundet, die auch dem strengsten Richter Genüge thun muß. Wer eine Phantasie, wie sein Elisium (S. 34.) componiren kann, der ist als ein Eingeweyhter in den innersten Geheimnissen der poetischen Kunst und als ein Jünger der wahren Schönheit gerechtfertigt. Ein vertrauter Umgang mit der Natur und mit klassischen Mustern hat seinen Geist genährt, seinen Geschmack gereinigt, seine sittliche Grazie bewahrt; eine geläuterte heitre Menschlichkeit beseelt seine Dichtungen, und rein wie sie auf der spiegelnden Fläche des Wassers liegen, mahlen sich die schönen Naturbilder in der ruhigen Klarheit seines Geistes. Durchgängig bemerkt man in seinen Producten eine Wahl, eine Züchtigkeit, eine Strenge des Dichters gegen sich selbst, ein nie ermüdendes Bestreben nach einem Maximum von Schönheit. Schon vieles hat er geleistet, und wir dürfen hoffen, daß er seine Grenzen noch nicht erreicht hat. Nur von ihm wird es abhängen, jetzt endlich, nachdem er in bescheideneren Kreisen seine Schwingen versucht hat, einen höheren Flug zu nehmen, in die anmuthigen Formen seiner Einbildungskraft und in die Musik seiner Sprache einen tiefen Sinn einzukleiden, zu seinen Landschaften nun auch Figuren zu erfinden, und auf diesen reizenden Grund handelnde Menschheit aufzutragen. Bescheidenes Mißtrauen zu sich selbst ist zwar immer das Kennzeichen des wahren Talents, aber auch der Muth steht ihm gut an; und so schön es ist, wenn der Besieger des Python den furchtbaren Bogen mit der Leyer vertauscht, so einen großen Anblick gibt es, wenn ein Achill im Kreise thessalischer Jungfrauen sich zum Helden aufrichtet.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Allgemeine Literatur-Zeitung.
1794:
Nr. 298, 11. September, Sp. 665-672
Nr. 299, 12. September, Sp. 673-680. [PDF]

Ungezeichnet.

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Zeitschriften-Repertorien

 

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Das besprochene Werk

 

 

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Lyriktheorie » R. Brandmeyer