Friedrich Hölderlin

 

 

[Über den Unterschied der Dichtarten]

 

Das lyrische, dem Schein nach idealische Gedicht ist in seiner Bedeutung naiv. Es ist eine fortgehende Metapher Eines Gefühls.

Das epische, dem Schein nach naive Gedicht ist in seiner Bedeutung heroisch. Es ist die Metapher großer Bestrebungen.

Das tragische, dem Schein nach heroische Gedicht ist in seiner Bedeutung idealisch. Es ist die Metapher einer intellectuellen Anschauung.

Das lyrische Gedicht ist in seiner Grundstimmung das sinnlichere, indem diese eine Einigkeit enthält, die am leichtesten sich giebt, eben darum strebt es im äußern Schein nicht so wohl nach Wirklichkeit und Heiterkeit und Anmuth, es gehet der sinnlichen Verknüpfung und Darstellung so sehr aus dem Wege (weil der reine Grundton eben dahin sich neigen möchte), daß es in seinen Bildungen und der Zusammenstellung derselben gerne wunderbar und übersinnlich ist, und die heroischen energischen Dissonanzen, wo es weder seine Wirklichkeit, sein Lebendiges, wie im idealischen Bilde, noch seine Tendenz zur Erhebung, wie im unmittelbareren Ausdruk verliert, diese energischen heroischen Dissonanzen, die Erhebung und Leben vereinigen, sind die Auflösung des Widerspruchs, in den es geräth, indem es von einer Seite nicht ins sinnliche fallen, von der andern seinen Grundton, das innige Leben nicht verläugnen kann und will. Ist sein Grundton jedoch heroischer, gehaltreicher, wie z.B. der einer Pindarischen Hymne, an den Fechter Diagoras, hat er also an Innigkeit weniger zu verlieren, so fängt es naiv an, ist er idealischer, dem Kunstkarakter, dem uneigentlichen Tone verwandter, hat er also an Leben weniger zu verlieren, so fängt es heroisch an, ist er am innigsten, hat er an Gehalt, noch mehr aber an Erhebung, Reinheit des Gehalts zu verlieren, so fängt es idealisch an.

[267] In lyrischen Gedichten fällt der Nachdruck auf die unmittelbarere Empfindungssprache, auf das Innigste,   das Verweilen, die Haltung auf das Heroische, die Richtung auf das Idealische hin.

Das epische, dem äußern Scheine nach naive Gedicht ist in seiner Grundstimmung das pathetischere, das heroischere aorgischere; es strebt deswegen in seiner Ausführung, seinem Kunstkarakter nicht so wohl nach Energie und Bewegung und Leben, als nach Präcision und Ruhe und Bildlichkeit. Der Gegensaz seiner Grundstimmung mit seinem Kunstkarakter, seines eigentlichen Tons mit seinem uneigentlichen, metaphorischen löst sich im idealischen auf, wo es von einer Seite nicht soviel an Leben verliert, wie in seinem engbegränzenden Kunstkarakter, noch an Moderation soviel wie bei der unmittelbareren Äußerung seines Grundtones. Ist sein Grundton, der wohl auch verschiedener Stimmung seyn kan, idealischer, hat er weniger an Leben zu verlieren, und hingegen mehr Anlage zur Organisation, Ganzheit, so kann das Gedicht mit seinem Grundtone, dem heroischen, anfangen, μηνιν αειδε ϑεα – und heroischepisch seyn. Hat der energische Grundton weniger idealische Anlage, hingegen mehr Verwandtschaft mit dem Kunstkarakter, welcher der naive ist, so fängt es idealisch an; hat der Grundton seinen eigentlichen Karakter so sehr, daß er darüber an Anlage zum Idealen, noch mehr aber zur Naivetät verlieren muß, so fängt es naiv an. Wenn das, was den Grundton und den Kunstkarakter eines Gedichts vereiniget und vermittelt, der Geist des Gedichts ist, und dieser am meisten gehalten werden muß, und dieser Geist im epischen Gedichte das Idealische ist, so muß das epische Gedicht bei diesem am meisten verweilen, da hingegen auf den Grundton, der hier der energische ist, am meisten Nachdruk, und auf das Naive, als den Kunstkarakter, die Richtung fallen, und alles darinn sich koncentriren, und darinn sich auszeichnen und individualisiren muß.

Das tragische, in seinem äußeren Scheine heroische Gedicht ist, seinem Grundtone nach, idealisch, und allen Werken dieser Art muß Eine intellectuale Anschauung zum Grunde liegen, welche keine andere seyn kann, als jene Einigkeit mit allem, was lebt, die [268] zwar von dem beschränkteren Gemüthe nicht gefühlt, die in seinen höchsten Bestrebungen nur geahndet, aber vom Geiste erkannt werden kann und aus der Unmöglichkeit einer absoluten Trennung und Vereinzelung hervorgeht, und am leichtesten sich ausspricht dadurch, daß man sagt, die wirkliche Trennung, und mit ihr alles wirklich Materielle Vergängliche, so auch die Verbindung und mit ihr alles wirklich Geistige Bleibende, das Objective, als solches, so auch das subjective als solches, seien nur ein Zustand des Ursprünglich einigen, in dem es sich befinde, weil es aus sich herausgehen müsse, des Stillstands wegen, der darum in ihm nicht stattfinden könne, weil die Art der Vereinigung in ihm nicht immer dieselbe bleiben dürfe, der Materie nach, weil die Theile des Einigen nicht immer in derselben näheren und entfernteren Beziehung bleiben dürfen, damit alles allem begegene, und jeden ihr ganzes Recht, ihr ganzes Maas von Leben werde, und jeder Theil im Fortgang dem Ganzen gleich sei an Vollständigkeit, das Ganze hingegen im Fortgang den Theilen gleich werde an Bestimmtheit, jenes an Inhalt gewinne, diese an Innigkeit, jenes an Leben, diese an Lebhaftigkeit, jenes im Fortgange mehr sich fühle, diese im Fortgang sich mehr erfüllen; denn es ist ewiges Gesez, daß das gehaltreiche Ganze, in seiner Einigkeit nicht mit der Bestimmtheit und Lebhaftigkeit sich fühlt, nicht in dieser sinnlichen Einheit, in welcher seine Theile, die auch ein Ganzes, nur leichter verbunden sind, sich fühlen, so daß man sagen kann, wenn die Lebhaftigkeit, Bestimmtheit, Einheit der Theile, wo sich ihre Ganzheit fühlt, die Grenze für diese übersteige, und zum Leiden, und möglichst absoluter Entschiedenheit und Vereinzelung werde, dann fühle das Ganze in diesen Theilen sich erst so lebhaft und bestimmt, wie jene sich in einem ruhigern aber auch bewegten Zustande, in ihrer beschränkteren Ganzheit fühlen (wie z.B. die lyrische (individuellere) Stimmung ist, wo die individuelle Welt in ihrem vollendetsten Leben und reinsten Einigkeit sich aufzulösen strebt, und in dem Puncte, wo sie sich individualisirt, in dem Theile, worinn ihre Theile zusammenlaufen, zu vergehen scheint, im innigsten Gefühle, wie da erst die individuelle Welt in ihrer Ganzheit sich [269] fühlt, wie da erst, wo sich Fühlender und Gefühltes scheiden wollen, die individuellere Einigkeit am lebhaftesten und bestimmtesten gegenwärtig ist, und wiedertönt). Die Fühlbarkeit des Ganzen schreitet also in eben dem Grade und Verhältnisse fort, in welchem die Trennung in den Theilen und in ihrem Centrum, worin die Theile und das Ganze am fühlbarsten sind, fortschreitet. Die in der intellectualen Anschauung vorhandene Einigkeit versinnlichet sich in eben dem Maaße, in welchem sie aus sich herausgehet, in welchem die Trennung ihrer Theile stattfindet, die denn auch nur darum sich trennen, weil sie sich zu einig fühlen, wenn sie im Ganzen dem Mittelpuncte näher sind, oder weil sie sich nicht einig genug fühlen der Vollständigkeit nach, wenn sie Nebentheile sind, vom Mittelpuncte entfernter liegen, oder, der Lebhaftigkeit nach, wenn sie weder Nebentheile, im genannten Sinne, noch wesentliche Theile im genannten Sinne sind, sondern weil sie noch nicht gewordene, weil sie erst theilbare Theile sind. Und hier, im Übermaaß des Geistes in der Einigkeit, und seinem Streben nach Materialität, im Streben des Theilbaren Unendlichern Aorgischern, in welchem alles organischere enthalten seyn muß, weil alles bestimmter und nothwendiger vorhandene ein Unbestimmteres, unnothwendiger Vorhandenes nothwendig macht, in diesem Streben des Theilbaren Unendlichern nach Trennung, welches sich im Zustande der höchsten Einigkeit alles organischen allen in dieser enthaltenen Theilen mittheilt, in dieser nothwendigen Willkür des Zevs liegt eigentlich der ideale Anfang der wirklichen Trennung.

Von diesem gehet sie fort bis dahin, wo die Theile in ihrer äußersten Spannung sind, wo diese sich am stärksten widerstreben. Von diesem Widerstreit gehet sie wieder in sich selbst zurük, nemlich dahin, wo die Theile, wenigstens die ursprünglich innigsten, in ihrer Besonderheit, als diese Theile, in dieser Stelle des Ganzen sich aufheben, und eine neue Einigkeit entsteht. Der Übergang von der ersten zur zweiten ist wohl eben jene höchste Spannung des Widerstreits. Und der Ausgang bis zu ihm unterscheidet sich vom Rükgang darinn, daß der erste ideeller, der zweite realer ist, daß im ersten das [270] Motiv ideal bestimmend, reflectirt, mehr aus dem Ganzen, als individuell ist, p.p.     im zweiten aus Leidenschaft und den Individuen hervorgegangen ist.

Dieser Grundton ist weniger lebhaft als der lyrische, individuellere. Deswegen ist er auch, weil er universeller und der universellste ist,

 

 

 

 

Ist im Grundton des tragischen Gedichts mehr Anlage zur Reflexion und Empfindung zu seinem mittleren Karakter, hingegen weniger Anlage zur Darstellung, weniger irrdisches Element, wie es denn natürlich, daß ein Gedicht, dessen Bedeutung tiefer, und dessen Haltung und Spannung und Bewegkraft stärker und zarter sich in seiner sprechendsten Äußerung so schnell und leicht nicht zeigt, wie wenn die Bedeutung und die Motive der Äußerung näher liegen, sinnlicher sind, so fängt es füglich vom idealischen Grundton an,

 

 

 

 

Ist die intellectuelle Anschauung subjectiver, und gehet die Trennung vorzüglich von den conzentrirenden Theilen aus, wie bei der Antigonä, so ist der Styl lyrisch,   gehet sie mehr von den Nebentheilen aus und ist objectiver, so ist er episch, geht sie von dem höchsten Trennbaren, von Zevs aus wie bei Oedipus, so ist er tragisch.

Die Empfindung spricht im Gedichte idealisch – die Leidenschaft naiv – die Phantasie energisch.

So wirkt auch wieder das Idealische im Gedichte auf die Empfindung (vermittelst der Leidenschaft), das naive auf die Leidenschaft (vermittelst der Phantasie), das energische auf die Phantasie (vermittelst der Empfindung).

[271] naives Gedicht.
Grundton.
      Leidenschaft. pp.               vermittelst der Phantasie.
Sprache.
      Empfindung  Leidenschaft  Phantasie  Empfindung  Leidenschaft
                                Phantasie Empfindung.
                                             vermittelst der Phantasie.
Wirkung.
      Leidenschaft  Phantasie  Empfindung  Leidenschaft  Phantasie
                                Empfindung Leidenschaft.


energisches Gedicht.
Grundton.
      Phantasie. pp.                    vermittelst der Empfindung.
Sprache.
      Leidenschaft  Phantasie  Empfindung  Leidenschaft
                         Phantasie  Empfindung  Leidenschaft.
                                    vorz. vermittelst der Empfindung.
Wirkung.
      Phantasie  Empfindung  Leidenschaft  Phantasie
                     Empfindung  Leidenschaft  Phantasie.


Idealisches Gedicht.
Grundton.
      Empfindung. pp.                  vermittelst der Leidenschaft.
Sprache.
      Phantasie  Empfindung  Leidenschaft  Phantasie
                      Empfindung  Leidenschaft  Phantasie.
                                     vorz. vermittelst der Leidenschaft.
Wirkung.
      Empfindung  Leidenschaft  Phantasie  Empfindung
                        Leidenschaft  Phantasie  Empfindung.


?     Phantasie  Leidenschaft  Empfindung  Phantasie
              [272] Leidenschaft Empfindung Phantasie.
                                             vermittelst der Empfindung.
      Empfindung  Phantasie  Leidenschaft  Empfindung
                        Phantasie  Leidenschaft  Empfindung.
                                              Styl des Lieds Diotima.

 

In jeder Dichtart, der epischen, tragischen und lyrischen, wird ein stoffreicherer Grundton im naiven, ein intensiverer, empfindungsvollerer im idealischen, ein geistreicherer im energischen Style sich äußern; denn wenn im geistreicheren Grundton die Trennung vom Unendlichen aus geschieht, so muß sie zuerst auf die conzentrirenden Theile oder auf das Centrum wirken, sie muß sich diesen mittheilen, und insofern die Trennung eine empfangene ist, so kan sie sich nicht bildend, nicht ihr eigenes Ganzes reproduzirend äußern, sie kan nur reagiren und diß ist der energische Anfang. Durch sie erst reagirt der entgegengesezte Haupttheil, den die ursprüngliche Trennung auch traf, der aber als der empfänglichere sie so schnell nicht wiedergab, und nun erst reagirte,   durch die Wirkung und Gegenwirkung der Haupttheile werden die Nebentheile, die auch durch die ursprüngliche Trennung ergriffen waren, aber nur bis zum Streben nach Veränderung, nun bis zur wirklichen Äußerung ergriffen, durch diese Äußerung die Haupttheile pp., bis das ursprünglich Trennende zu seiner völligen Äußerung gekommen ist.

Gehet die Trennung vom Centrum aus, so geschieht es entweder durch den empfänglicheren Haupttheil; denn dann reproducirt sich dieser im idealischen Bilden, die Trennung theilt

 

 

 

 

Druckvorlage

Hölderlin: Sämtliche Werke. Bd. 4,1. Hrsg. von Friedrich Beissner. Stuttgart: Kohlhammer 1961, S. 266-272.

Editionsrichtlinien.

Entstehung: Frühestens Sommer 1800.

Erstdruck: Friedrich Hölderlin: Gesammelte Werke. Hrsg. von Wilhelm Böhm. Bd. 3. 2. Aufl. Jena 1911, S. 405-413.

 

 

Kommentierte und kritische Ausgaben

 

 

Literatur

Brandmeyer, Rudolf: Das historische Paradigma der subjektiven Gattung. Zum Lyrikbegriff in Friedrich Schlegels "Geschichte der Poesie der Griechen und Römer". In: Wege in und aus der Moderne. Von Jean Paul zu Günter Grass. Herbert Kaiser zum 65. Geburtstag. Hrsg. von Werner Jung u.a. Bielefeld 2006, S. 155-174. [PDF]

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Waibel, Violetta L.: Hölderlin und Fichte. 1794 – 1800. Paderborn u.a. 2000.

 

 

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Lyriktheorie » R. Brandmeyer