Friedrich Ast

 

 

System der Kunstlehre
oder Lehr- und Handbuch der Aesthetik

 

Formen der Poesie.

 

§. 148.

Die Poesie ist die Darstellung des absolut harmonischen Geistes; ihre Formen gehen daher aus den Elementen des Geistes selbst hervor. Der Geist ist die Absolutheit im Idealen, und als Absolutheit ist er absolute Eintracht zweyer Elemente, eines unendlichen, realen, des Anschauens, und eines endlichen, idealen, des Empfindens und Vorstellens. Beide sind ursprünglich eins und unabtrennlich, so daß der Geist der unendliche Begriff seines eigenen Wesens, die ungetheilte Vielheit und Einheit seiner selbst ist. Aber die Kunst kann, als Darstellung des absolut Gebildeten in der Besonderheit, auch die Absolutheit des Geistes [166] nur in der Besonderheit offenbaren, indem entweder das reale oder das ideale Element des Geistes aus der ungetheilten, absoluten Eintracht ihrer selbst als Besonderheit hervortritt: so daß entweder die Anschauung, die Vielheit, oder das Vorstellen und Empfinden, die Einheit, oder auch Beide in ihrer unmittelbaren und positiven Entgegensetzung dem Erzeugnisse des an sich unendlichen und überall seine Unendlichkeit offenbarenden Geistes eine besondere und individuelle Gestaltung geben.


§. 149.

Das Anschauen faßt ein unmittelbar gegebenes, objektives auf. – Der Ausdruck für alles schlechthin objektive und reale ist die Natur. Die Poesie aber, als Kunst des Geistes, kann nicht ein für uns bewußtloses Anschauen darstellen, sondern ein geistiges, bewußtes. Die Natur, der Gegenstand der realen Poesie, wird demnach geistige und menschliche Natur, ein aus dem Idealen, der Menschheit, real Gebildetes, d.h. Geschichte seyn. Denn gleichwie sich die Natur als Phänomen unseren Sinnen darstellt, rein objektiv im Raume, so auch fließt die Geschichte als geistige, aus dem Idealen erschaffene Natur, in der Zeit vor dem [167] inneren Sinn unsers Geistes vorüber; und der Geist, in der innern Anschauung sie ergreifend, entfaltet sie zum Raume, dadurch daß er sie als Harmonie in der Zeit zusammenfaßt. Die Darstellung einer Geschichte oder Begebenheit heißt Erzählung (ἐπος, lebendige Sage). Das Epos ist demnach die eine, in der Absolutheit des Geistes selbst gegründete Form der Poesie, und zwar das reale Element der Poesie, ganz in der Anschauung des real gebildeten Unendlichen lebend. Tritt aber das ideale Element, des Geistes, das Empfinden und Vorstellen vor dem Realen, der Anschauung, hervor; so daß der Dichter sein Vorstellen und Empfinden des Angeschauten, nicht seine Anschauung selbst darstellt, so steigt die Kunst in das Gemüth des Menschen herab, die Musik seines Inneren offenbarend in Tönen, die, als poetische, frey gebildete Töne, mit der Rede sich vermählen, also zum Gesange werden: lyrische Poesie, das ideale Element der Poesie. Anschauen und Vorstellen oder Empfinden aber stellen sich als die entzweyten Elemente eines Gesammten, zu welchem sie in Wechselharmonie zurückzukehren trachten, im Handeln dar, wo das Ideale in das Reale und Objektive überzugehen strebt. Die dritte Form der Poesie also, wo Epos und Lyra, Vielheit und Einheit, sich entgegenge[168]setzt sind, im Kampfe der Entgegensetzung aber ihre Eintracht erkennen und zur Allheit zurückfließen, ist die Darstellung einer Handlung, das Drama. Das Organ des Epos ist demnach Phantasie, das Organ der Lyra Empfindung, und das Organ des Drama Vernunft oder Totalität des Geistes. So stellen das Epos, die Lyra und das Drama die drey Formen des absoluten Geistes dar, und stehen zu einander in dem Verhältnisse, in welchem die Formen des Absoluten selbst gedacht werden müssen, nemlich Religion, Poesie und Philosophie, die Formen des Unendlichen und Allgemeinen, des Endlichen und Besonderen, und des Zurückgehens der Besonderheit in das Allgemeine: die drey ewigen Formen aller Bildung, die sich mit gleicher Nothwendigkeit auch in der Natur darstellen als Magnetismus (Religion der Natur), als Elektricität (Poesie der Natur) und als Proceß (Philosophie der Natur). Im Magnetismus ist alles in Einer Cohäsion begriffen, in Ein Ganzes verschlungen, so daß die Differenz nicht hervortritt. Darum ist der Magnetismus die Urform der Natur, als eines Ganzen; sein Wesen ist plastisch oder episch. In der Elektricität hingegen tritt die Besonderheit als Differenz hervor, und zwar in sichtbarer Anschauung als Lichterscheinung; die [169] Form der Elektricität ist also die der Musik oder Poesie: das Hervortreten des Besonderen in objektiver Offenbarung. Im Processe endlich ringen die Gegensätze des Magnetismus und der Elektricität bis zur Durchdringung mit einander, und aus dieser Wechselbefruchtung und Wechselerkenntniß entspringt, ein beiden gemeinsames Produkt, das die Vielheit und Einheit, die Allgemeinheit und Besonderheit in sich begreift: die Idee, die Totalität, die real und ideal zugleich ist, real in der Anschauung (als Orchestik) und ideal im Geiste (als Poesie), real im Lichte und ideal im Feuer.


§. 150.

Wenn das Epos aus der Anschauung des Absoluten, als eines realgebildeten Unendlichen, oder der Vielheit entspringt, so ist es, da die Poesie an sich aus der Anschauung und Darstellung des Absoluten hervorblüht, die Urpoesie selbst, als solche die Mutter aller Kunstformen, die in sich selbst alle Gattungen der Poesie trägt, und aus welcher sie alle durch die Entfaltung der absoluten Eintracht der Kunst in ihre Besonderheiten entsprossen sind. In Beziehung auf die Poesie ist folglich das Epos die Religion der Poesie, gleich mit ihr [170] in der Gesammtheit und Allheit lebend. So wie demnach Homeros, der erste Epiker der Griechen, der Vater der griechischen Kunst, und Thales, der erste Realist, der Gründer der griechischen Philosophie war, so ist das Epos selbst die Urpoesie des Menschengeschlechts im Elemente der Religion: so gewiß als alles wahrhaft endliche nur Besonderheit eines höheren Ganzen ist, und sich aus diesem entwickelt hat; so gewiß, als der Mensch selbst aus einem real-unendlichen, göttlichen Leben, einem Paradiese hervorgegangen ist, und er diesen Zustand der unbewußten Seligkeit verlassen mußte, sobald er sich erkannte und seine Besonderheit der Allheit entgegensetzte. Denn erst in der Erkenntniß seiner selbst und der aus ihr erfolgenden Entgegensetzung des Endlichen und Unendlichen gab es ein Gutes und Böses für ihn; dann erst fing er an, als Mensch, als Besonderheit und ideelles Glied des Universums zu leben, in den Freuden und Schmerzen der Liebe (lyrisch), kämpfend im Guten und Bösen (dramatisch). So wie also das Epos die Einheit und den Realismus der Poesie bezeichnet, so ist es das ursprünglichste Sinnbild des realen und göttlichen Lebens, welches der Mensch als den dem irdischen Leben vorangegangenen Zustand der Se[171]ligkeit sich denkt; denn ursprünglich findet er sich als ein aus der Allheit ausgeflossenes Wesen. Das Epos lebt darum in der Vergangenheit. Die Lyra hingegen ist ein Sinnbild des reinen Lebens in der Selbstheit und Idealität, und die lyrische Kunst, die aus der Eigenheit und dem Gemüthe des Menschen das Göttliche hervorbildet, ist die eigentliche Poesie, die freye, bewußte Erschaffung und Bildung des Unendlichen. Darum weilt sie am liebsten in der Gegenwart, in den Freuden und Schmerzen der Liebe, des Strebens der Idealität zum Realen und Göttlichen. Das Drama endlich ist das Zurückfließen der Gegenwart und Selbstheit in die Gesammtheit und Allheit, die, aus der Gegenwart sich erzeugend, Zukunft ist: das Sinnbild der Philosophie, die in der Erkenntniß des Endlichen und Unendlichen lebt und beide zur Eintracht wieder vermählt.

 

[§§ 151-167 = 1) Epos, als das objektive Element der Poesie.]

 

 

2) Lyra, als das subjektive Element der Poesie.

 

§. 168.

Das Lyrische Gedicht, von der musikalischen Begleitung der griechischen Leyer so genannt, weil sich das begeisterte, unsichtbare Gemüth nur in hörbaren Tonbewegungen, also im Gesang und musikalisch kund thut, ist die Darstellung des harmonischen Gemüths im Elemente einer bestimmten Empfindung, als der Form und Einheit, wodurch die Vielheit und das unendliche Leben des Gemüths begränzt wird und sich in begeisterter Selbstbeschauung ausspricht. Die Einheit aber, als das subjektive Element der Wesenheit, ist Eigenheit und Selbstheit. Sonach erfordert das lyrische Gedicht den musikalischen, in Wohllaut und Gesang sich ergießenden Ausdruck harmonisch gebildeter, d.h., schöner Eigenthümlichkeit. Diejenigen Empfin[199]dungen und Leidenschaften demnach, welche aller Harmonie und Schönheit des Gemüths widerstreben, weil in ihren Dissonanzen keine Auflösung in vollständige Harmonie möglich ist, ohne die Empfindungen selbst zu vernichten, als neidischer Haß, Aerger, deren Wesen selbst Differenz und Feindschaft ist, ohne die Liebe zum Urgrunde ihrer Zwieträchtigkeit zu haben, sind von der lyrischen Darstellung ausgeschlossen.

In der lyrischen Poesie steigt die Kunst in das Gemüth des Menschen selbst herab, und lebt als Poesie der Poesie in demjenigen Elemente, welches an sich schon als vollendete Besonderheit ein Gleichniß des Absoluten ist. So ist die Lyra die rein-menschliche Kunst, die das Menschliche in seiner Gottähnlichkeit offenbart, da hingegen die epische Kunst die göttliche Poesie ist, weil sie das rein-Göttliche, das Göttliche im Göttlichen, in seiner Universalität darstellt.


§. 169.

Die Empfindung, welche im lyrischen Gedichte offenbart werden soll, muß als [200] die Einheit in der vollendet gebildeten Vielheit oder Gesammtheit erscheinen, als die Form des absoluten, inneren Lebens. Empfindung an sich aber ist Begränztheit der Vielheit, die Ansichfindung der Bestimmtheit, gegen welche die Gesammtheit des Gemüths die Bestimmbarkeit und Möglichkeit ist. Sonach lebt die Empfindung als Begränztheit des Unbestimmten und Möglichen ganz in der Wirklichkeit und kann die Gesammtheit des Gemüths nur idealisch und negativ offenbaren. Als wirkliche Begränztheit des Gemüths kann sie ferner nur unmittelbar und gegenwärtig erscheinen, nicht mittelbar und vergangen. Deshalb kann sie auch nicht beschrieben oder geschildert werden, außer da, wo der Zustand wehmüthiger Betrachtung eintritt, und die Empfindung sich selbst als Empfindung, folglich als vorübergegangene Empfindung beschaut. Denn in sich selbst hat die Empfindung, als das reine Leben des Gemüths im Wechsel der Begränzungsmomente, der inneren Regungen, nichts Beharrliches; ihre Realität ist daher eine unmittelbar empfundene und gegenwärtige. Objektivität also erlangt sie entweder nur durch die Reflexion, wodurch sie zu einem vergangenen, gleichsam äußeren und entfernten wird, oder durch [201] die Beziehung auf das Empfundene, das Reale, als dasjenige, dessen Ideales oder innerliche Wahrnehmung sie ist; und diese subjektive Objektivität ertheilt ihr der objektiv-subjektive Ausdruck der Poesie, die Sprache. Alle Empfindung an sich nemlich ist als reine Innerlichkeit schweigend und in sich verschlossen; soll sie sich äußerlich darstellen oder offenbaren, so kann sie nur durch die Beziehung auf ein Objektives objektive Bedeutung erhalten. Sie muß also dasjenige, das die Begränztheit und Affection des Gemüths erzeugte, als ein für sich äußerliches und reales zugleich mit der Offenbarung ihrer Leidenschaftlichkeit und Erregtheit in Tönen andeuten oder durch die Sprache bezeichnen; denn die Tonsprache, d.h., die Melodie und der Gesang, geht nicht aus ihrer Innerlichkeit und Leidenschaftlichkeit zum Freyen, sich von sich selbst losreißenden Sätzen eines Objektiven über, wie die artikulirte, durch ihre Selbstleiblichkeit zugleich ein Leibliches schaffende und setzende Sprache. Darum erlangt die Musik durch die Verbindung mit der lyrischen Poesie äußere Gestaltung und objektive Bedeutung.


§. 170.

[202] Im lyrischen Gedichte, welches die Absolutheit des Gemüths offenbart, also die Absolutheit in der Eigenheit, muß die Eigenheit das schlechthin herrschende Princip seyn. Alles wird folglich durch diese Eigenheit und Empfindung, die sich im Gegensatze gegen ein Aeußeres als Freyheit darstellt, also durch die Subjektivität des Dichters bestimmt seyn. Die lyrische Einheit besteht demnach in einem herrschenden Tone, in einer vorwaltenden Stimmung, welcher sich die anderen Empfindungen und Regungen des Gemüths auf das innigste anschließen, als Sprößlinge Eines Keimes; denn der Gegensatz des gesammten Gemüths und der einen vorherrschenden, erregten Empfindung ist ein Liebesringen des Gemüths zur Einheit seiner selbst, indem die Fülle des innern Lebens die vorwaltende Empfindung, als die Einheit und Bestimmtheit des Gemüths, durchdringt und durchbebt, und hinwiederum die Empfindung nicht mit Nothwendigkeit bestimmende und zwingende Einheit oder Gesetz ist, sondern die freye Form und Bestimmtheit in der lebendigen Harmonie des Inneren, die Vielheit bestimmend und selbst von der Vielheit wiederum bestimmt.


§. 171.

[203] So wie demnach die Subjektivität des Dichters und der vorherrschenden Empfindung des Gemüths die innere und äußere Welt des lyrischen Gedichts bestimmt und gestimmt ist, weil der <Lyriker> ursprünglich nur in seiner Eigenheit lebt, und alles Aeußerliche nur durch das Element seines Gemüths auffaßt: so ist auch die Darstellung und der Ausdruck des lyrischen Dichters subjektiv und nach seiner Eigenheit frey gebildet, so daß die Sprache über die gewöhnlichen Formen und Gesetze am weitesten hinausgeht. Daher erlaubt sich die lyrische Sprache die ungewöhnlichsten Wörter und Wendungen, kühne Sprünge und Auslassungen, verwickelte Wortfügungen und Stellungen; daher entspringt die scheinbare Unordnung, das Dunkle und Verflochtene der Ode, das aller realen Gebildetheit und objektiven Klarheit entgegenstrebt. Auch ist die lyrische Begeisterung die höchste, weil sie aus der eigensten, freyesten Kraft des Menschen entspringt, und ihr Wesen Erhabenheit ist, d.h., Erhebung des Menschlichen zum Absoluten, Emporstrebung zum Unendlichen. Darum ist der lyrische Schwung so hochfliegend im Gefühle seiner angeregten Kraft, und so [204] kühn-energisch im Bewußtseyn seines unendlichen Strebens. Ganz wesentlich also unterscheidet sich die lyrische Sprache von der epischen in der kräftigen Gedrängtheit und unendlichen Intensität, in welcher sie ihre Gefühle und Ideen ausspricht, so daß sie ihre Betrachtungen oft als absolute Gebote und erhabene Gemeinsprüche hinstellt, da hingegen die epische das objektiv-Unendliche, in der Anschauung lebende, in ruhiger, gleichsam räumlicher Entfaltung vorträgt. Denn die Idee ist Einheit, die Anschauung aber lebt in der Ganzheit und Vielheit; jene ist Kraft und Thätigkeit, diese aber bezieht sich auf ein Seyendes, real Gebildetes.


§. 172.

Je mehr aber der lyrische Dichter in sich selbst unendlich frey und energisch ist, um so mehr muß er sich im Gegentheil nothwendig von außen beschränken, damit sich nicht seine Eigenheit und Kraft in der indifferenten Unbestimmtheit und Allgemeinheit der epischen Sprache verliere. Denn so wie das Wesen und die Schönheit der lyrischen Poesie auf der frey gebildeten und absoluten Eigenheit des Dichters beruht, so ist auch seine Sprache eigens gebildet und auf einen selbstgesetzten Umfang [205] beschränkt. Darum trägt alle lyrische Poesie auch in der Sprache ein individuelles, und als Volkspoesie, ein nationelles Colorit, so daß selbst in einem Volke, dessen verschiedene Stämme durch eigene Bildung sich unterscheiden, ein jeder seinen eigenen Geist und Charakter in der Lyrik abdrückt. So ist die Freyheit in ihrer abgezogenen Selbstbildung zugleich Selbstbeschränkung.


§. 173.

So eigens gebildet und individuell nun der Charakter und die Sprache eines lyrischen Gedichts ist, so sind auch die Versmaaße in der lyrischen Poesie höchst frey und eigens gebildet, und wegen der unendlichen Verschiedenheit der Stimmungen und Empfindungen, so wie auch der Eigenheit des Dichters, höchst verschieden und mannichfaltig, da hingegen das Versmaaß des Epos wegen der einfachen, ruhigen Beschreibung, die in ihm waltet, das einfachste und anscheinend unveränderlichste ist. Auch sind die Rhythmen und Verse im lyrischen Gedichte auf das mannichfaltigste mit einander verbunden und in steter Veränderlichkeit schwebend, weil sich das rege, wechselnde Leben des Gemüths, so wie in der Musik nur durch die Bewegungen des Rhythmus, so [206] auch in der lyrischen Poesie nur durch den freyen Reichthum und Wechsel von Füßen und Versen in mannichfaltiger Taktart offenbaren kann. Darum tritt das Beharrliche im Versmaaße zurück, und die Wiederkehr derselben Füße ist nicht so faßlich und auf einander folgend, wie im epischen Versmaaße. Von der andern Seite aber ist wegen des bestimmten Charakters und der individuellen Stimmung des Ganzen das Gesetz der rhythmischen Bewegungen desto strenger, und erlaubt nur wenige Abweichungen. Je freyer und veränderlicher also das Versmaaß von außen ist, desto gebundener und bestimmter ist es in sich selbst; seine Unendlichkeit ist nach außen gekehrt, aber seine Begränztheit trägt es in sich selbst; da hingegen das epische Versmaaß von außen einfach und gebunden ist, eine desto größere Fülle und Abwechselung aber in sich selbst hat. Im Epos nemlich ist die Einheit indifferente Einheit, d.h., eine Einheit, die ihre Vielheit in sich selbst hat, aber im Lyrischen ist die Einheit different, also eine Einheit, die ihre Vielheit außer sich hat.


§. 174.

Die Empfindung oder erregte Innerlichkeit und Eigenheit kann entweder unmittelbar und [207] positiv dargestellt werden, oder mittelbar und negativ, so daß der Dichter nur seine <eigenen> Betrachtungen über seine Empfindungen und Rührungen ausspricht. Demnach zerfällt die lyrische Poesie in gleiche Elemente mit der Musik. Denn die rein positive Darstellung der Empfindung ist die Ode, (der reine Gesang, die Melodie, im Elemente des Rhythmus) die sich bey den Griechen mit Tanz verbunden zum großen, feyerlichen Chorgesange erweiterte. Die Darstellung der Betrachtungen über die Empfindung aber, wo die Empfindung als ein Gemüthszustand für die Beschauung Beharrlichkeit empfängt, ist der subjektive, bald wehmüthige, bald in Selbstbeschaulichkeit sich erfreuende Gesang, die Elegie, der Harmonie vergleichbar, welche ebenfalls das Gemüth in seiner Wesenheit und Tiefe als Beharrlichkeit offenbart.


§. 175.

Die Ode ist rein musikalisch; darum ist auch in ihr der Rhythmus als die Form des harmonischen Lebens der Empfindungen vorherrschend. So stellt sich in den Strophen der Ode der Kreislauf der Empfindungen in harmonischem Wechsel dar, der, sich immer wiederholend, immer wieder in sich selbst zurück[208]kehrt. Und so wie eine jede Strophe die einzelnen Verse, aus denen sie besteht, zu einem nach einander, also ideell und in der Zeit fortfließenden Ganzen vereint, so sind die Strophen zusammen genommen wieder ein innigst und eigenst verflochtener Kranz. Die Ode hat aber in sich selbst wiederum einen Gegensatz, in sofern sie entweder eine aufregende, männliche Empfindung und Gemüthskraft darstellt (jambische Ode), oder eine besänftigende, weich sich ergießende, weibliche (trochäische Ode). Die Elegie hingegen neigt sich vermöge der Besonnenheit in der Selbstbetrachtung und Selbstbeschauung zum Epischen hin; und sie, die in der Beschauung und Reflexion auf ein Ideales lebt, geht gern in die Vergangenheit zurück, um durch die Verweilung in der Vorzeit ihre Gefühle und Gedanken zu ruhiger Beschaulichkeit zu bringen. Darum ist auch ihr Versmaaß episch, und in der alten Poesie daktylisch, aus einem Hexameter und Pentameter bestehend, so daß sich im Hexameter die harmonische, ruhige Entfaltung des Gemüths abspiegelt, in der beinahe antispastischen Hemmung und Abbrechung des Pentameters aber der Widerstreit des Gemüths und der ruhige, sanfte Schmerz des Innern als wehmü[209]thige Klage verkündet. Von der Elegie unterscheidet sich die Heroide dadurch, daß sie ein Sendschreiben ist.


§. 176.

Wenn die Empfindung nicht das gesammte, absolute Gemüth ergreift und in eigentliche Begeisterung versetzt, so daß die Beziehung auf ein Objektives oder ein Gedanke als solcher vorherrschend ist; so entstehen die leichteren lyrischen Gedichte, in denen sich entweder die Empfindung über einen Gegenstand als Empfindung oder Gedanke ausdrückt: Lieder, oder als Verstandesreflexion und Einfall, oft auch als Witz: Epigramme. Die Lieder also näheren sich den Oden oder sind kleinere Oden, in sofern sich in ihnen die Empfindung als solche, also positiv ausspricht, aber ohne lyrische Begeisterung; die Epigramme aber sind kleinere Elegieen, da sich in ihnen die Empfindung als selbstbewußte Empfindung, d.h., als Reflexion mit Beziehung auf ein Aeußeres darstellt.


§. 177.

In der romantischen an sich schon subjektiven Poesie entspricht der Ode die Canzone, [210] die aber, nach dem Wesen der Romantik, die Empfindung und Idee nicht rein objektiv und positiv darstellt, sondern subjektiv als inneres Leben des Gemüths im Elemente der Liebe offenbart, so daß die Canzone einem musikalischen Selbstgespräche vergleichbar ist. Auch liebt sie, dem mystischen Geiste des Romantischen gemäß, wunderbare Visionen und Allegorieen. Sie hat ferner lange Strophen, weibliche Schlüsse der Verse und vielfach verschlungene Reime. Ihr Charakter ist demnach unendliches Streben und ein ächt sentimentales Liebesspiel. Das subjektive Element der romantischen Lyrik, in welchem sich die Empfindung nur negativ darstellt, ist die Ballade, die sich des Geschichtlichen nur zum Behufe der Empfindung bedient, also elegischer Natur ist wegen der ruhigen Betrachtung und besonnenen Verweilung in der Vergangenheit. Auch ihre Form ist wegen der steten Wiederkehr der Strophen episch. Die eigentlichen Lieder in der romantischen Poesie sind das Madrigal, Triolet, Rondeau u.a.: leichte und sinnreiche Spiele der Empfindung oder auch des Verstandes. Dem Epigramme aber ist vergleichbar das Sonnet, dessen Charakter, so wie der des Epigrammes, bald mehr elegisch, bald mehr satyrisch ist, je nachdem es eine Empfin[211]]dung oder eine Verstandesreflexion darstellt. Als kleinere Elegie ist es durch die symmetrische Gebundenheit seiner Form ganz dazu geeignet, eine romantische Gemüthsregung als inneres, sich selbst beschauendes Leben und als harmonisches Spiel der Liebe auszusprechen, so wie es sich auch durch den Gegensatz der sechs letzten Verse, die in ihrer Einheit durch den Reim die Antistrophe zur Strophe in den acht ersten Versen darstellen, zum modernen Charakter des Epigramms hinneigt.


§. 178.

Als eigene Gattung der reinsten lyrischen Poesie sind die Minnelieder zu betrachten, in denen die Lyrik ganz in Musik ergossen ist, und sowohl in Sprache, als in Charakter das regste Leben des Inneren auf die unmittelbarste und kindlich-einfachste Weise mit der innigsten Wahrheit offenbart ist, ohne daß sich die Empfindung in objektive Schönheit, wie in der antiken Poesie, oder subjektiv in Geist verwandelt hat, wie im metaphysischen Phantasiren der Romantik. Und so wie die Minnelieder in der Mitte zwischen der antiken und der romantischen Poesie stehen, nach dem Charakter der altdeutschen Poesie, so auch bezeichnen sie die [212] Indifferenz der Ode und der Elegie, gleichwie in der griechischen Poesie die attisch-dithyrambische Lyrik die Indifferenz der objektiven und subjektiven, der Ode und der Elegie, darstellt, weil sich in ihr das Gemüth in seiner unendlichen Begeisterung und Erhebung als reine Unendlichkeit offenbarte, von welcher die Empfindung selbst, als die Begränztheit und Besonnenheit des Gemüths, fortgerissen das endliche Bewußtseyn überflog. Für den Griechen war die Lyrik aller Lyrik und das Princip der Poesie selbst das gotttrunkene Leben in einer unendlichen Anschauung oder Idee, für den Deutschen ist es das reine, edle Gemüth.

 

[§§ 179-205 = 3) Drama, als Einheit des Epos und der Lyra.]

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Friedrich Ast: System der Kunstlehre oder Lehr- und Handbuch der Aesthetik zu Vorlesungen und zum Privatgebrauche entworfen.
Leipzig: Hinrichs 1805, S. 165-171 u. S. 198-212.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

URL: http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10572896.html
URL: https://books.google.fr/books?id=-SlKAAAAcAAJ


Vgl. August Wilhelm Schlegels Jenaer "Vorlesungen über philosophische Kunstlehre" (1798), deren Nachschrift von Friedrich Ast stammt.

 

 

Literatur

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Ast, Friedrich: System der Kunstlehre oder Lehr- und Handbuch der Aesthetik zu Vorlesungen und zum Privatgebrauche entworfen. Leipzig: Hinrichs 1805.
URL: http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10572896.html
URL: https://books.google.fr/books?id=-SlKAAAAcAAJ

Ast, Friedrich: Grundlinien der Grammatik, Hermeneutik und Kritik. Landshut: Thomann 1808.
URL: https://archive.org/details/grundlinienderg00astgoog
URL: http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10582791.html

Ast, Friedrich: Grundriss der Philologie. Landshut: Krüll 1808.
URL: https://catalog.hathitrust.org/Record/009407878
URL: https://archive.org/details/bub_gb_rngZAAAAYAAJ

Ast, Friedrich: Grundlinien der Aesthetik. Landshut: Krüll 1813.
URL: http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10572897.html



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