Anton Dietrich (Hrsg.):
Braga. Vollständige Sammlung klassischer und volkthümlicher deutscher Gedichte
aus dem 18. und 19. Jahrhundert

 

 

Ludwig Tieck

 

Einige Worte zur Einleitung.

 

In allen Zeiten ist den Einwohnern der verschiedenen Länder ihre Sprache als das wichtigste Kennzeichen ihres eigenthümlichen Daseins erschienen. Den Ueberwundenen war es von je das schwerste Opfer, das sie ihren Siegern bringen konnten, die überlieferten Laute aufzugeben und sich in andre zu fügen, weil sie mit dem alten, angebornen Ausdruck ihrer Gesinnung diese selbst, die unerläßlichste Freiheit und das allernächste Leben aufgaben. Wie sich ein Volk bildet, mächtig wird, mannigfaltige Verhältnisse in sich selbst und zu den Nachbarn entwickelt, so wird es bald die wichtigste Aufgabe mit Anstrengung durchsetzen, die Sprache nehmlich geistig und vielseitig zu erheben, um den errungenen Besitz zu sichern und durch den Stempel des Geistes die irdischen Güter zu würklichen zu machen. Denn wie die Sprache für das nächste Bedürfniß, für die unentbehrlichsten Dinge Zeichen und Austausch er[VI]schafft, so ist sie zugleich der Mittelpunkt und die Niederlage für die theuersten unsichtbaren Güter, durch welche alle Anstalten und Besitzthümer erst Werth und Sicherheit erhalten. Wird dann Sage und Geschichte, die heilige Begeisterung großer Menschen, der klare und forschende Gedanke, Scherz und Heiterkeit dem Buchstaben, Rhythmus und Reim anvertraut, steht durch Lied und Gesang der späte Enkel mit großen, entschwundenen Zeiten in unmittelbarer Verbindung, so hat dann ein solches Volk eine wahre Selbstständigkeit, eine ächte historische Zeit errungen. Politische Stürme von innen und erschütternde Angriffe von aussen können eine solche ausgebildete Nation zum Wanken bringen und erniedrigen, große Revolutionen können sie auf Zeiten und endlich auf immer vernichten; so lange aber der vaterländische Laut, der Gesang alter und neuer Dichter ihr bleibt und die verschiedenartigen Einwohner belebt und hebt, ficht das Wort des längst abgeschiedenen Dichters in den vordersten Reihen mit, stärkt den Patriotismus, begeistert den Schwankenden und Ungewissen, und selbst Gegner haben ein Zeichen, an welchem sie sich wieder erkennen und oft an ihm versöhnen. Nur wenn die Sprache und mit ihr die Gesänge erloschen und umgetauscht sind, die Literatur vergessen [VII] ist und ein fremder Ton den alten verdrängt hat, ist ein Volk gänzlich besiegt und vernichtet.

Es ist darum nicht leere, müssige Liebhaberei, oder nur allein Huldigung der Schönheit, oder gar Eitelkeit und blinde Vorliebe, wenn eine gebildete Nation ihre Dichter ehrt, die vergessenen wieder hervorsucht, erklärt, sammelt und mit immer neuer Liebe das Alte von neuem lebendig macht. Je mannigfaltiger die poetische Literatur eines Volkes ist, um so mehr wird sich auch in den übrigen Verhältnissen ein reiches Leben entwickelt haben; um so weiter es seine dichterischen Erinnerungen in die Vorzeit hinauf führen kann, um so treuer wird es an seinen Sitten hangen, um so selbstständiger, fester und sichrer wird es auch in seiner politischen Kraft und Eigenthümlichkeit erscheinen, wenn die alten Denkmale und deren Gesinnungen wirklich noch das Volk beleben, und nicht etwa nur dazu dienen, dem Gelehrten ein Feld für eigensinnige Forschungen darzubieten. Es war eine dürftige Zeit des deutschen Lebens wie unserer Literatur, als selbst der Kenner die Geschichte der Poesie mit Opitz anfing. Ueber Hans Sachs hinaus reichte auch lange nachher noch die Bekanntschaft der Forschenden nicht, und der Deutsche kann den Bemühungen eines v. d. Hagen, Grimm und anderer Freunde nicht dankbar genug [VIII] sein, die uns die Nibelungen nun als Grundlage und festen Boden unserer poetischen Literatur gelegt und erklärt haben. Unstreitig hat der Deutsche die älteste wahre Poesie in Europa und sein Nachbar jenseit des Rheines, der Nordfranzose, kann etwa nur noch mit ihm in diesem Ruhme wetteifern: denn schon geraume Zeit vor Dante blühte die deutsche Sprache in Zier und Lieblichkeit, die nachher nie wieder so zart ausgebildet wurde, in Kraft und Fülle, die späterhin in Dürftigkeit und Härte traurig ausarteten.

Es ist zu hoffen und zu wünschen, daß unser altes National-Epos populärer wird und bleibt, als es der alte Cid bei den Spaniern ward, welches Gedicht (in Alexandrinern) sich freilich auch in Schönheit und Kraft nicht mit den Nibelungen messen kann. Die Minnesänger müssen freilich dann auch mehr Eingang finden, damit jeder gebildete Deutsche erfahre, was seine herrliche Sprache damals vermochte, und in welchen Liebes- und Zaubergedichten sich die berauschten und begeisterten Eschilbach, Gottfried, Herrmann und verwandte Geister versuchen durften. Ist dieser Wunsch kein unmöglicher, geht er nur irgend in Erfüllung, so gewinnt der Deutsche dadurch einen unendlichen Vortheil über die andern Nationen, und seine Lite[IX]ratur die ächte Begeisterung, der Einfluß der ältesten Sagen und Gesinnungen kann wohlthätig und mit wahrer Kraft des Vaterlandes auf alle Generationen hinaus belebend wirken. Die Nibelungen wenigstens scheinen dem Volke jetzt schon anzugehören.

Der Italiäner kennt seine Poesie nur von Ariost an, Petrarca ist nicht populär und Dante war es noch weniger, doch deuten vielleicht die vielfachen Auflagen dieses großen Dichters in der neuesten Zeit darauf hin, daß die Nation ein innigeres Interesse an dem Begründer ihrer Sprache nimmt, was auf eine erfreuliche Wiederbelebung der edleren Stämme hindeuten möchte: und Zeit wäre es, daß dieses Volk sich besönne und wieder die erlahmten Kräfte erhöbe. Ein großer Dichter ist die schönste Fahne, um welche sich die geistigen Streiter vereinigen können.

In Spanien beginnt die neue populäre Poesie mit Boscan und Garcilasso, ohngefähr um die Zeit des Ariost. Der naive Romanzenton des Landes ist älter, aber nur weniges vom frühern Ursprünglichen übrig geblieben. Wenn Cervantes die Prosa bildete, so überbot sein Zeitgenoß Gongora die Nachahmung italiänischer Kunst, welche Garcilasso eingeführt hatte, um eine conventionelle, fast räthselhafte Künstlichkeit einheimisch zu machen, die [X] seitdem geistreich peinigend aus den meisten Werken sprach. Die Uebersättigung und zugleich die nähere Bekanntschaft mit der französischen Literatur bewog einige Stimmführer, fast in Gottscheds Weise, eine arme Nüchternheit für das richtige Maaß, und eine negative Trockenheit, das blosse Verläugnen und Verkennen des Vaterländischen und Großen für das Vortreffliche und Nothwendige zu halten. Der Sinn für die einheimische Poesie konnte nicht vernichtet werden, und fand seine Vertheidiger, unter denen in unsern Tagen sich die lautesten Stimmen erhoben, so daß er wohl die pedantische Verehrung des Fremden wieder ausstossen wird.

Bei den Engländern sind Shakspeare und sein Zeitgenoß Spenser die Begründer der jetzt bei ihnen lebenden Poesie. Die Erinnerung reicht bis Chaucer hinauf und der Ton der Sprache klingt von jener frühern Zeit noch jetzt bürgerlich, schlicht und humoristisch scharf in die neuesten Werke hinein. Von jenem Kampfe, den alle neuen Sprachen haben durchstreiten müssen, um fremde Kunst und Form von dem gesteigerten, geistigen Streben, welches die Poesie vom Volke trennen und als höhere Weihe nur dem Gebildeten verständlich machen will, hat die englische Literatur nur wenig und nur vorübergehend erfahren. Jene Aneignung fremder For[XI]men geschah schon zu Chaucer’s Zeit, und, wie es scheint, ohne vielen Widerspruch. Auch ließ man dies Gewonnene wieder fallen, und nur in unsern neusten Tagen sind wieder jene italiänischen Kunstformen versucht worden, doch ohne herrschend zu werden, oder das Einheimische irgend zu verdrängen.

Die jüngste poetische Literatur hat der Franzose, der alles als unbrauchbar weggeworfen hat, was vor Corneille, Moliere und Racine, vor dem Zeitalter Ludwig’s des vierzehnten geschehen ist, sei es auch noch so wichtig; denn wenn er etwa auch noch Malherbe gelten läßt, und Marot nennt, so wird doch dieser, wie einige andere, die vielleicht noch bedeutender sind, nur wenig beachtet. Nirgend, als in Frankreich, ist neue und alte Literatur so scharf geschieden und wie durch eine tiefe weite Kluft auf immerdar von einander gesondert. Es ist eine sonderbare Erscheinung, daß in einer Nation, die die Lieblichkeit ihrer alten Sprache verkennt, die die glänzenden Gedichte des Mittelalters verwirft, neuerdings viele haben auftreten wollen, ihr die sogenannte Romantik annehmlich zu machen. Diese Reformatoren müssen von fremden Nationen Töne, Bilder und Gesinnungen borgen, die in der eignen nahe liegenden Literatur sich nicht mehr vernehmlich machen, und es ist daher zu glauben, daß dieses Bestreben [XII] nur ein vorübergehendes sein werde. Sollte diese ausländische Pflanze Wurzel fassen, so wird sie auch Früchte tragen, und es kann nicht ausbleiben, daß das Volk alsdann auch mit Sehnsucht zu seiner alten und vergessenen Zeit zurückkehren wird.

Sieht man die Poesie in Europa als eine gemeinschaftliche an, so kann man bemerken, daß nach dem Erlöschen der großen Kräfte des Mittelalters, d.h. nach dem Untergange der Hohenstaufen, auch der Minnesang, die Lieder der Troubadours, die Wunder- und Liebeserzählungen dieser merkwürdigen Zeit, jene Poesie, welche auch ein Gemeingut für Europa gewesen war, in Vergessenheit und Verachtung sank, und in Italien durch Dante und nachher durch Petrarca noch bestimmter eine neue Art der Poesie in neuen Formen bildete, eine Wissenschaft dieser Kunst, die sich allen Völkern früher oder später mittheilte. So ward England, Spanien und Frankreich, und zu allerletzt Deutschland von neuem belebt, und in Kampf und Einverständniß, im Widerspruch und Nachgeben, im Verlust und Gewinn erzeugten sich neue Zeiten und Werke, die in Spanien zumeist, nächst Italien, die Poesie in gewissen Formen festhielten und in diesen hauptsächlich ausbildeten. In wiefern diese Wendung der Dinge gefruchtet oder geschadet, ist eine Untersu[XIII]chung, die uns hier zu lange aufhalten würde, nur zeigt sich auch dem blödesten Auge die Ueberzeugung klar, daß diese Herrschaft der italischen Art und Weise eine ganz andere war, als welche im achtzehnten Jahrhundert die französische Literatur-Despotie auf die Völker ausübte. Entwickelten und bildeten sich unter jener Herrschaft eigenthümliche Werke, vereinigten sich die neuen Formen freundlich mit den ältern einheimischen, so ertödtete diese Despotie im Gegentheil, wohin sie ihre Richtung nahm, alles Vaterländische, Deutsche und Spanische, Italiänische und Englische, um in matter, nichts bedeutender Nachahmung einen armen Schein-Triumph zu feiern. Jedes Volk hatte und hat noch genug daran zu thun, um sich nur auf seine eigne Art und Weise zurück zu besinnen, und dies Besinnen ist die Geschichte der deutschen Literatur ohngefähr seit 1740, der neusten schwedischen und der jetzigen spanischen und italiänischen. –

Kann es keinen Fortschritt ohne Kampf, soll es keinen Stillstand geben, der eben so gut Rückschritt ist, wie Geschmacklosigkeit und Barbarei, so droht im Gegentheil aus dem Mittelpunkt der Kunst selbst, nachdem sie sich groß ausgesprochen hat, ein eben so gefährlicher Feind, die Künstlichkeit nämlich, die im einseitigen Bewußtsein das Aechte überbieten, das Glänzende durch Blendung überstralen [XIV] will. Ganze Zeitalter haben sich diesem Götzen hingegeben, und Marini's allgemeiner Ruhm sollte wohl die Eitelkeit manches Poeten und die übertriebenen Lobsprüche manches Kritikers unserer Tage mit einiger Schüchternheit abkühlen. In Spanien und mehr noch in Italien hat diese Ausartung eine Unzahl von Gedichten in allen möglichen schwierigen Versarten hervorgebracht, und die neuere deutsche Poesie hat schon viele dieser tauben Blüthen wieder abgeschüttelt, und wird noch manches der Art in Zukunft beseitigen können. Wo ein alter Stamm von Urpoesie geblieben ist, wo die Töne ächt vaterländischer Vorzeit noch nicht verklungen sind, da kann, wie es in Spanien sich zeigte, die Künstlichkeit niemals einen unbedingten Sieg erringen, und in Italien war es nur dadurch möglich, daß Volkslieder, alte Traditionen und Geschichte die Nation schon längst nicht mehr belebten, und die Poesie zu sehr ein Luxus-Bedürfniß für eine geschlossene Zunft der Gelehrten und Gebildeten war. Die alte Romanze der Spanier, sei ihr Ursprung, aus welcher Gegend er wolle, klang durch alle Zeiten bis zu unsern Tagen herab, in ihr lebt das Eigenthümliche fort, und in frühern Zeiten hat eben die Verbindung der vaterländischen Gesinnung mit der italiänischen Kunst und Bildung die größten Werke hervorgebracht.

[XV] Als in England während dem sogenannten goldenen Zeitalter der Literatur unter der Königin Anna viel Schmuck der Rede, Kritik und Feinheit, leere galante Poesie und Nüchternheit der alten gesunden Kraft gefährlich zu werden drohten, erweckte die erneute Bekanntschaft mit alten Nationalgesängen, Volksliedern und einfachen Balladen einen neuen Enthusiasmus und erzeugte Dichter und bessere Kritik. Es war dieselbe Zeit, in welcher zugleich Milton und Shakspeare inniger erkannt wurden. Sind diese Balladen und ähnliche Erzeugnisse damals wie nachher auch oft überschätzt worden, hat man auch oft das Treffliche dieser Art vom Mittelmässigen und Schlechten nicht genug gesondert, so ist von ihnen doch auch Gesundheit, Einfalt und Natur wieder ausgegangen und verstanden worden, sie haben redlich gegen Unnatur und Künstlichkeit gekämpft und die Erkenntniß des Aechten erleichtert.

Schon zu Opitz Zeit waren die italiänischen Poesieformen bei uns bekannt geworden. Die Nachbildung derselben erwachte in den neuern Jahren, nachdem durch Gottsched und andere die arme Nachahmung der Franzosen war beliebt worden, und dieses Spiel schon längst wieder in Vergessenheit gesunken war. Aber auch in unsern Jahren erzeugte sich ein heftiger Kampf gegen sie, wie ihn die Dichterfeinde auch wohl in [XVI] andern Ländern geführt hatten. Den alten Spaß auszuspielen, indem man ein Sonett mit dem Bett des Prokrustes vergleicht, kann wenig bedeuten, denn der Prosaist kann dasselbe auf die Ottave, Terzine, selbst auf den Alexandriner und jedes arme Couplet und Bänkelsängerei anwenden, ja der noch mehr Unküstlerische kann die Waffe fragend gegen diesen selbst kehren, warum er denn in Perioden, und, wo möglich, zierlichen und gerundeten, spreche und schreibe. Aufschrei des Wilden, Lallen des Kindes, unzusammenhängendes Plaudern des Thoren wäre somit hinlängliche Poesie und genügende Prosa. Der Geist kann sich nur in Form offenbaren, das Unbedingte im Bedingten, und ein gutes Sonett ist nur darum ein gutes, weil es sich in keiner andern Gestalt so rein und eben so ungezwungen als edel aussprechen könnte. Misbrauch, Unkunde, Mode und Eitelkeit haben auch mit der Einfalt der Romanze und Ballade, so wie mit dem Lallen des Volksliedes ihr widerwärtiges Spiel getrieben.

Betrachten wir die deutsche poetische Literatur, so war sie nach ihrer schönen Blüthe schon um die Zeit des Dante und noch mehr des Petrarca fast erstorben, die Zeit des Hans Sachs und diesen treuherzigen Sänger selbst, kann man gewiß nicht groß und originell, oder eine neue Belebung nennen. [XVII] Es bewegen sich nur noch die Schatten der letzten trüben Erinnerung. Mit dem sechszehnten Jahrhundert schließt diese Epoche der deutschen Poesie völlig, die schon mit dem dreizehnten glänzend anhob. Mit dem siebenzehnten beginnt eine ganz neue Zeit, welche in allen Bestrebungen der frühern ungleich, in gewissem Sinne entgegen gesetzt ist, bis sich erst seit kurzem Anfang und Ende, das Aelteste und das Neueste wieder mehr zu berühren scheinen. Opitz, Flemming und Wekherlin erhoben die Sprache wieder, Andr. Gryphius versuchte sich im Schauspiel in Nachahmung der Holländer, und Lohenstein und Hofmannswaldau verpflanzten die bilderreiche und üppige Weise des gefeierten Marini nach Deutschland. In Manier und Wortschwall untergesunken, ragen kaum einige, wie Günther, durch ein Streben nach Kraft und Eigenthümlichkeit hervor, und erst um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts entsteht eine wahre deutsche Schule, die sich schnell entwickelt und vielseitig ausbreitet. Klopstock's und Lessing's Kampf gegen die Gottschedische Nüchternheit bezeichnet diese merkwürdige Epoche, und mit Recht beginnt die Sammlung dieser Gedichte (Braga) mit dieser Zeit. Was früher von andern Nationen ungenügend versucht und vielleicht nur übereilt wieder aufgegeben war, die Nachahmung der [XVIII] Versmaaße der Alten, wurde von Klopstock in großem Sinne unternommen. Recht im Gegensatz der italiänischen Reimspiele sehn wir eine Schule sich formen, die sich nach und nach den Hexameter als einen wahren deutschen Vers angeeignet und ausgebildet hat, so daß er bei uns eben so einheimisch und naturgemäß wie der deutsche Reim geworden ist. Haben in den lezten Jahren Voß und einige Nachahmer auch hier übertrieben und die Sprache mehr wie einmal, statt sie zu biegen, gebrochen, so wird sich das rechte Maaß, in welchem Voß selber früher Beispiel und Muster war, von selbst wieder herstellen, und Göthe's Herrmann und Dorothea kann allein schon, gleichsam als Naturton, dieser Künstelei, die in Barbarei ausarten möchte, entgegen stehn. An Göthe's Auftreten braucht man nur zu erinnern, um den wichtigsten Wendepunkt der deutschen Literatur und Poesie zu bezeichnen. Welche Töne Schiller alsdann in unsrer Sprache angeklungen, weiß jedermann, und wie vielseitig sich der deutsche Laut nach allen Richtungen gebildet, wie mannichfaltiges er versucht, wie viele Schwierigkeiten und Unmöglichkeiten Dichter und Uebersetzer beseitigt und überwunden haben, liegt am Tage.

Sind wir immerdar in Gefahr, in leerer Künstlichkeit unterzugehn, so werfen sich jene Naturtöne, [XIX] die Göthe in seiner frühesten Zeit in jener einzigen einfachen Erhabenheit angeschlagen hat, und die niemals verklingen können, dieser Krankheit entgegen. Droht Einfalt, das Schlichte und Natürliche in Bänkelsängerei und Plattheit auszuarten, so wirkt die Kunst und der edle Sinn Schiller's, Göthe's vollendete Zartheit, und so vieler andern ausgearbeitete Fülle und gelehrte Vollständigkeit diesem Verderbniß entgegen. Eine Sammlung aber, die die Zeiten abspiegeln und für die Gegenwart und Zukunft so vieles erneuern will, was beinahe vergessen war, an so vieles erinnern, was einst bedeutend gewesen und wieder werden kann, muß eben von allen Arten und Ausartungen Beispiele geben, ohne einer gerechten oder gar einseitigen Kritik ängstlich zu folgen. Und so kann diese Ausgabe, die mit Liebe und Kenntniß unternommen ist, eine Erinnerung der Vorzeit, eine Schule der Gegenwart und eine Aufmunterung der Zukunft werden, und selbst der Kenner und Gelehrte werden in diesen Bändchen gern alte Bekanntschaften neu auffrischen und manches ganz Vergessene wieder mit Vergnügen in ihr Gedächtniß zurückrufen.

 

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Erstdruck und Druckvorlage

Braga. Vollständige Sammlung klassischer und volkthümlicher deutscher Gedichte aus dem 18. und 19. Jahrhundert, herausgegeben von Anton Dietrich. Mit einer Einleitung von Ludwig Tieck. Erstes Bändchen. Dresden: Wagner 1827, S. V-XIX. [PDF]

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Aufgenommen in

 

 

Literatur

Bark, Joachim: Art. Anthologie. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 1. Tübingen 1992, Sp. 678-684.

Bluhm, Lothar u.a. (Hrsg.): Romantik und Volksliteratur. Beiträge des Wuppertaler Kolloquiums zu Ehren von Heinz Rölleke. Heidelberg 1999 (= Beihefte zum Euphorion, 33)

Fink, Gonthier-Louis: Volk und Volksdichtung in der ersten Berliner Romantik. In: Romantik in Deutschland. Ein interdisziplinäres Symposion. Hrsg. von Richard Brinkmann. Stuttgart 1978 (= Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte; Sonderband), S. 532-549.

Gebhardt, Armin: Ludwig Tieck. Leben und Gesamtwerk des "Königs der Romantik". 2. Aufl. Marburg 2008.

Genette, Gérard: Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches. Frankfurt a.M. 2001 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 1510)

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Herlinghaus, Hermann: Art. Populär / volkstümlich / Popularkultur. In: Ästhetische Grundbegriffe. Bd. 4. Stuttgart u.a. 2002, S. 832-884.

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Känner, Andreas: "Jeder Ort hat seinen Heiligen ...". Gruppenbildung um Ludwig Tieck in Dresden – Inszenierung und Selbstinszenierung eines Autors. Dresden 2009 (= Oskar-Walzel-Schriften, 1).

Kremer, Detlef / Kilcher, Andreas B.: Romantik. Lehrbuch Germanistik. 4. Aufl. Stuttgart 2015.

Martus, Steffen: Werkpolitik. Zur Literaturgeschichte kritischer Kommunikation vom 17. bis ins 20. Jahrhundert; mit Studien zu Klopstock, Tieck, Goethe und George. Berlin u.a. 2007 (= Historia Hermeneutica; Series Studia, 3).

Martus, Steffen: Der Literaturkritiker. In: Ludwig Tieck. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg. von Claudia Stockinger u.a. Berlin u.a. 2011, S. 389-400.

Paulin, Roger: Ludwig Tiecks Essayistik. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik 14,1 (1982), S. 126-156.

Paulin, Roger: Die Rolle Ludwig Tiecks im Heidelberger Umfeld. In: 200 Jahre Heidelberger Romantik. Hrsg. von Friedrich Strack. Berlin u.a. 2008 (= Heidelberger Jahrbücher, 51), S. 41-52.

Polheim, Karl K. (Hrsg.): Der Poesiebegriff der deutschen Romantik. Paderborn 1972 (= UTB, 60/61).

Preisler, Horst: Gesellige Kritik. Ludwig Tiecks kritische, essayistische und literaturhistorische Schriften. Stuttgart 1992 (= Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik, 261).

Schultz, Hartwig: Die letzten Ritter der Romantik im Vormärz. Ludwig Tieck, Joseph von Eichendorff und Bettine von Arnim. In: Philosophie und Literatur im Vormärz. Der Streit um die Romantik (1820 – 1854). Hrsg. von Walter Jaeschke. Hamburg 1995 (= Philosophisch-literarische Streitsachen, 4), S. 153-171

Sengle, Friedrich: Biedermeierzeit. Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution 1815 – 1848. 3 Bde. Stuttgart 1971/80.



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Tieck, Ludwig: Gedichte. Zweiter Theil. Dresden: Hilscher 1821.
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Tieck, Ludwig: Gedichte. Dritter Theil. Dresden: Hilscher 1823.
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Braga. Vollständige Sammlung klassischer und volkthümlicher deutscher Gedichte aus dem 18. und 19. Jahrhundert, herausgegeben von Anton Dietrich. Mit einer Einleitung von Ludwig Tieck. Erstes Bändchen. Dresden: Wagner 1827.
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S. V-XIX: Ludwig Tieck: Einige Worte zur Einleitung. [PDF]

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Tieck, Ludwig: Kritische Schriften. Bd. 2. Leipzig: Brockhaus 1848
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Tieck, Ludwig: Kritische Schriften. Bd. 3. Leipzig: Brockhaus 1852
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URL: http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10574786_00001.html
URL: http://catalog.hathitrust.org/Record/001210134

Tieck, Ludwig: Kritische Schriften. Bd. 4. Leipzig: Brockhaus 1852
URL: https://archive.org/details/kritischeschrif04tiecgoog
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Schweikert, Uwe (Hrsg.): Ludwig Tieck. 3 Bde. München: Heimeran 1971 (=  Dichter über ihre Dichtungen; 9,1/3).

Lohner, Edgar (Hrsg.): Ludwig Tieck und die Brüder Schlegel. Auf der Grundlage der von Henry Lüdeke besorgten Edition neu herausgegeben und kommentiert. München: Winkler 1972.

Tieck, Ludwig: Ausgewählte kritische Schriften. Hrsg. von Ernst Ribbat. Tübingen: Niemeyer 1975 (= Deutsche Texte, 34).

Schmitz, Walter / Strobel, Jochen: Repertorium der Briefwechsel Ludwig Tiecks. CD-ROM. Dresden: Thelem bei w.e.b. 2002.

Hanuschek, Sven: Art. Tieck. In: Internationales Germanistenlexikon, 1800 – 1950. Bd. 3. Berlin u.a.: de Gruyter 2003, S. 1884-1886.

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Zimmermann, Harm-Peer: Ästhetische Aufklärung. Zur Revision der Romantik in volkskundlicher Absicht. Würzburg 2001.

 

 

Edition
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