Nikolaus Lenau

 

 

[Rezension]

 

Leipzig, b. Fr. Fleischer: Lyra und Harfe, Liederproben von Georg Keil. 1834. XII u. 272 S. 8. (2 Rthlr.)

 

Der Vf. dieser Gedichtesammlung gehört, wenigstens seinem poetischen Charakter nach, offenbar einer ältern Aera unserer Literatur. Dies bewei[295]sen diejenigen seiner Lieder am augenfälligsten, in welchen er sich als Naturdichter zeigt; dies beweist auch die auffallende Erscheinung, daß ihm die Ironie, das Characteristicum unserer Zeit, völlig fremd geblieben ist. Die Naturpoesie unserer Dichter vorigen Jahrhunderts besteht wohl größtentheils darin, daß sie entweder eine Reihe von Naturerscheinungen aufzählen, welche weder durch Empfindung, noch durch Situation in einen lebendigen Verband gebracht sind; oder sie ziehen eine Parallele zwischen irgend einer Erscheinung des Menschenlebens und einer correspondirenden Erscheinung aus der Natur. Allein weder jene sterile Enumeration, noch dieser blos verständige Parallelismus dürfte, streng genommen, künstlerische Darstellung zu nennen seyn. Die wahre Naturpoesie muß unseres Bedünkens die Natur und das Menschenleben in einen innigen Conflict bringen, und aus diesem Conflicte ein drittes Organischlebendiges resultiren lassen, welches ein Symbol darstelle jener höhern geistigen Einheit, worunter Natur und Menschenleben begriffen sind. Diese Gestaltung der Naturpoesie scheint unserer Zeit vorbehalten und auf eine merkwürdige Weise mit der charakteristischen Ironie der neuesten Poesie überhaupt zusammenzuhängen. Scheint es doch, als ob gerade die ironische Auffassung des Menschenlebens, und ihre schmerzliche Nichtbefriedigung das Herz des Dichters näher zur Natur dränge, um in einem innigeren Verkehre mit derselben die ideale Befriedigung zu suchen, welche in der einseitigen Dissonanz der Ironie nimmer zu finden ist.

Als belegendes Beispiel jener sterilen Enumeration führen wir an das Gedicht: "Frühlingslied" S. 16. Hier werden eine Menge freundlicher Naturerscheinungen je vier und vier in jeder Strophe aufgezählt, und nach jedem Doppelpaar wird gesagt, daß dies Alles recht schön sey. Durch eine solche Aufzählung wird die Natur für den Leser getödtet, und das vermeintliche Poem ist nichts, als ein wohlgereimtes Inventar über die Verlassenschaft der Verblichenen. – Das Gedicht: "Die Thränen" S. 53. ist ein Beispiel jener Naturpoesie, die sich in bloßen Verstandes-Parallelen bewegte. Die vom Sonnenbrande durchglühte Erde findet Linderung und Erquickung im wohlthätigen Regen; das von Schmerzen durchglühte Menschenherz findet die seinige in den wohlthätigen Thränen.

Glücklicher ist der Vf. wo er das Menschenleben zum Vorwurfe seiner Gedichte nimmt, und [296] er hat in dieser Sphäre manches wahrhaft schöne Lied gesungen. Vorzüglich haben uns angesprochen: "Traum der Liebe" S. 10, bei welchem Liede wir nur zu bedauern finden, daß es nicht mit der vierten Strophe schließt, indem uns die folgenden als lähmende Erläuterung erschienen sind; ferner: "Abschied" S. 19; – "Wünsche" S. 32, ein liebenswürdig naives Lied. Eines der schönsten Lieder dieser Sammlung nennen wir: "der geliebte Name" voll wahren Gefühls und überaus glücklichen Wohlklanges im Vers. – "Der gefangene Schmetterling" S. 43 ist ein vortreffliches Lied, in welchem der ominöse Schluß mit der lieblich lebhaften Schilderung der Ungeduld des gefangenen Schmetterlings zu einem sehr angenehmen parabolischen Effekte verschmilzt. – "Spinnerliedchen" S. 75. – "Des Jägers Lust und Leid" S. 91 u. flg. nennen wir ebenfalls mit Auszeichnung. – Je individueller und concreter die Situation ist, welche der Vf. aus dem Leben wählt, je gelungener wird auch sein Gedicht. Wo die Beziehung eine blos allgemeine ist, vermissen wir die lebendige Lokalfarbe. Dies ist z.B. der Fall, wenn der Vf. eine Lehre ausspricht, in dem Gedichte: "Glück" S. 18, oder eine psychologische Thatsache in: "Stürmische Nacht" S. 41; oder allgemeine altbekannte Reflexionen über die "Liebe" S. 82.

Die Romanzen und Balladen dieser Sammlung sind weniger bedeutend, als die Lieder. Die Sprache, die alles bildlichen Schmuckes entbehrt, eignet sich wohl zur unmittelbaren Darstellung, wie sie im Liede gefodert wird, nicht aber zur epischen. – Hierauf folgen Epigramme und Gnomen, dann Sprüche, in welchen viel Sinnreiches oft sehr präcis gesagt ist. Den Schluß dieser Sammlung bilden "Vermischte Gedichte" von welchen die Anakreontischen Lieder S. 254 u. flg. schön zu nennen sind.

Resumiren wir die Eindrücke, die uns bei Durchlesung dieses Buches geworden, so müssen wir dem Vf. ein achtungswerthes Talent für das Lyrische, namentlich für das Lied zuerkennen. Wahre Empfindung, die höchst selten an das Weichliche streift, glücklicher Sinn für poetisch brauchbare Situationen, und bedeutende Formgewandtheit sind die Vorzüge dieses Talentes. – Die Ausstattung des Werkes in Druck und Papier, mit geschmackvoller Vignette, ist zu empfehlen.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Allgemeine Literatur-Zeitung.
1834, Nr. 113, Juni, Sp. 294-296. [PDF]

Ungezeichnet.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

Kommentierte und kritische Ausgaben

 

 

Literatur

Abraham, Ulrike: "Stumm rang die Nacht mit letztem Sonnenstrahle". Die Naturmetaphorik Nikolaus Lenaus. Frankfurt a.M. 2000.

Anz, Thomas: Art. Rezension. In: Handbuch der literarischen Gattungen. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart 2009, S. 606-612.

Bach, Thomas u.a. (Hrsg.): Naturphilosophie nach Schelling. Stuttgart-Bad Cannstatt 2005 (= Schellingiana, 17).

Bormann, Alexander von: Natura loquitur. Naturpoesie und emblematische Formel bei Joseph von Eichendorff. Tübingen 1968 (= Studien zur deutschen Literatur, 12).   –   Vgl. S. 61-63.

Braungart, Georg: Naturlyrik. In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart u.a. 2011, S. 132-139.

Breuer, Ulrich: "Farbe im Reflex": Natur / Lyrik im 19. Jahrhundert. In: Lyrik im 19. Jahrhundert. Gattungspoetik als Reflexionsmedium der Kultur. Hrsg. von Steffen Martus u.a. Bern u.a. 2005 (= Publikationen zur Zeitschrift für Germanistik, 11), S. 141-164.

Eke, Norbert O. / Skrodzki, Karl J.: Lenau-Chronik. 1802 – 1851. Wien u.a. 1992.

Felstiner, John: Can Poetry Save the Earth? A Field Guide to Nature Poems. New Haven 2009.

Freund, Winfried: "Natur! – will dir ans Herz mich legen!". Nikolaus Lenau. Eine Hommage an den Dichter aus Anlaß seines 200. Geburtstags. In: In dem milden und glücklichen Schwaben und in der Neuen Welt. Beiträge zur Goethezeit. Festschrift für Hartmut Fröschle. Hrsg. von Reinhard Breymayer. Stuttgart 2004 (= Suevica, 9), S. 325-344.

Gassner, Florian: Nikolaus Lenau. Hannover 2012 (= Meteore, 9).

Gibson, Carl: Lenau. Leben – Werk – Wirkung. Heidelberg 1989 (= Beiträge zur neueren Literaturgeschichte; 3. Folge, 100).

Grant, Iain H.: Philosophies of Nature after Schelling. New York 2006.

Häntzschel, Günter: Nikolaus Lenau. Forschungsbericht. In: Zur Literatur der Restaurationsepoche 1815 – 1848. Forschungsreferate und Aufsätze. Hrsg. von Jost Hermand u.a. Stuttgart 1970, S. 62-107.

Hammer, Jean-Pierre: Nikolaus Lenau. Dichter und Rebell. Schwaz 1993.

Herin, Chrisoph: Biedermeier. In: Geschichte der deutschen Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Hrsg. von Walter Hinderer. 2. Aufl. Würzburg 2001, S. 279-307.

Hochheim, Rainer: Nikolaus Lenau. Geschichte seiner Wirkung 1850 – 1918. Frankfurt a.M. u.a. 1982 (= Europäische Hochschulschriften; Reihe 1, 470).

Jauß, Hans R.: Ursprünge der Naturfeindschaft in der Ästhetik der Moderne. In: Romantik: Aufbruch zur Moderne. Hrsg. von Karl Maurer u.a. München 1991 (= Romanistisches Kolloquium, 5), S. 357-382.

Kittstein, Ulrich: Deutsche Naturlyrik. Ihre Geschichte in Einzelanalysen. Darmstadt 2009.

Kühlmann, Wilhelm: Das Ende der 'Verklärung'. Bibel-Topik und prädarwinistische Naturreflexion in der Literatur des 19. Jahrhunderts. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 30 (1986), S. 417-452.



Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart u. Tübingen: Cotta 1832.
URL: http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/lenau_gedichte_1832

Lenau, Nikolaus: Neuere Gedichte. Stuttgart: Hallberger 1838.
URL: http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10130289.html

Lenau, Nikolaus: Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Bd. 7: Aufzeichnungen. Vermischte Schriften. Hrsg. von Norbert O. Eke u.a. Wien: Deuticke 1993.

Lenau, Nikolaus: Gedichte. Hrsg. von Hartmut Steinecke. Bibliogr. erg. Ausg. Stuttgart: Reclam 2005 (= Reclams Universal-Bibliothek, 1449).

Stock, Karl F. / Heilinger, Rudolf / Stock, Marylène: Personalbibliographien österreichischer Dichterinnen und Dichter. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bd. 2. 2. Aufl. München: Saur 2002.
S. 1023-1035: Lenau.

Hochheim, Rainer u.a.: Nikolaus Lenau. Deutschsprachige Personalbibliographie (1850-1981). Frankfurt a.M. u.a.: Lang 1986 (= Europäische Hochschulschriften; Reihe 1, 902).
S. 13-47: Nikolaus Lenaus Werke (1827-1971).



Mádl, Antal: Nikolaus Lenau und sein kulturelles und sozialpolitisches Umfeld. München 2005 (= Veröffentlichungen des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas; Wissenschaftliche Reihe, 92).

Pott, Sandra: Poetiken. Poetologische Lyrik, Poetik und Ästhetik von Novalis bis Rilke. Berlin u.a. 2004.

Pott, Sandra: Poetologische Reflexion. Lyrik als Gattung in poetologischer Lyrik, Poetik und Ästhetik des 19. Jahrhunderts. In: Lyrik im 19. Jahrhundert. Gattungspoetik als Reflexionsmedium der Kultur. Hrsg. von Steffen Martus u.a. Bern u.a. 2005 (= Publikationen zur Zeitschrift für Germanistik, 11), S. 31-59.

Prutz, Robert: Nicolaus Lenau. Eine Charakteristik. In: Hallische Jahrbücher für deutsche Wissenschaft und Kunst.
1839:
Nr. 211, 3. September, Sp. 1684-1688
Nr. 212, 4. September, Sp. 1693-1696
Nr. 213, 5. September, Sp. 1702-1704
Nr. 214, 6. September, Sp. 1710-1712
Nr. 215, 7. September, Sp. 1718-1720
Nr. 216, 9. September, Sp. 1725-1728. [PDF]

Risch, Anastasia: "... wir schaffen aus Ruinen". Der Byronismus als Paradigma der ästhetischen Moderne bei Heine, Lenau, Platen und Grabbe. Würzburg 2013 (= Philologie der Kultur, 7).

Roček, Roman: Dämonie des Biedermeier. Nikolaus Lenaus Lebenstragödie. Wien u.a. 2005 (= Literatur und Leben; N.F., 65).

Ruprecht, Dorothea: Untersuchungen zum Lyrikverständnis in Kunsttheorie, Literarhistorie und Literaturkritik zwischen 1830 und 1860. Göttingen 1987 (= Palaestra, 281).

Sautermeister, Gert: Lyrik und literarisches Leben. In: Zwischen Restauration und Revolution 1815 – 1848. Hrsg. von Gert Sautermeister u.a. München u.a. 1998 (= Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Bd. 5), S. 459-484.

Schmidt-Bergmann, Hansgeorg: Ästhetismus und Negativität. Studien zum Werk Nikolaus Lenaus. Heidelberg 1984 (= Frankfurter Beiträge zur Germanistik, 23).   –   S. 80-83: "Über Naturpoesie".

Schumann: Art. Keil, Johann Georg K. In: Allgemeine Deutsche Biographie. Bd. 17. Leipzig 1883, S. 451-452.

Sengle, Friedrich: Biedermeierzeit. Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution 1815 – 1848. 3 Bde. Stuttgart 1971/80.

Steinecke, Hartmut: "Mit Lenau". Person und Werk im Spiegel der Literatur 1850 – 2000. In: Lenau-Jahrbuch 27 (2001), S. 9-28.

Weiss, Walter: Enttäuschter Pantheismus. Zur Weltgestaltung der Dichtung in der Restaurationszeit. Dornbirn 1962 (= Gesetz und Wandel, 3).

 

 

Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer