Friedrich Theodor Vischer

 

 

[Rezension]

 

Gedichte von Eduard Moerike. Stuttgard u. Tübingen, 1838. Verlag der Cotta'schen Buchhandlung.

 

Es sei uns erlaubt, unseren Standpunkt in der subjectiven Werkstätte der Poësie, dem dichterischen Bewußtsein, zu nehmen, natürlich in dem umfassenderen Sinne, wonach das subjective Bewußtsein des Einzelnen durch sein Zeitalter und seine Nationalität bedingt ist.

Daß die dichterische Production, im Gegensatze gegen jede andere, ihrer Natur nach unmittelbar auf Entdeckung des Wahren, Förderung des Guten und Zweckmäßigen gehende, Thätigkeit des Geistes, im[109]mer im Elemente der Naivetät wurzeln möchte, ist eine anerkannte Wahrheit; daß die Naivetät im Allgemeinen ein Zustand relativer Bewußtlosigkeit sei, worein das zarte Seelchen Phantasie vor der alten Schwiegermutter Weisheit sich einhüllt, weiß man ebenfalls. Schwierig wird die Untersuchung erst, wenn die Grenze bestimmt werden soll, innerhalb welcher das Bewußtsein von sich, seinem Gegenstand und seiner Thätigkeit, das natürlich, wo überhaupt Geist ist, niemals fehlt, also auch dem Dichter nicht abgehen kann, auch bei ihm in verschiedenen Graden auf und niedergehen könne, ohne in diejenige Bewußtheit überzugehen, welche die Naivetät zerstört und die Poësie in Prosa auflöst. Die Dichter des Mittelalters sind im Gegensatz gegen die modernen als naiv zu bezeichnen, aber auch ihre Poësie scheidet sich in eine bewußte und unbewußte, eine Naturpoësie und eine Kunstpoësie, eine volksthümliche und eine höfischritterliche. Umgekehrt innerhalb der modernen Poësie, die im Gegensatz gegen die mittelalterliche als eine bewußte zu bezeichnen ist, kehrt der Gegensatz des Naiven und Bewußten wieder nicht blos zwischen verschiedenen Ständen (das Volkslied und die Naturpoësie einzelner Autodidakten kann als Nachklang des Mittelalters angesehen werden), zwischen verschiedenen Individuen innerhalb der gebildeten Stände, sondern auch zwischen den verschiedenen Entwicklungs-Epochen einzelner Individuen. Goethes Jugendpoësie war ein Naturquell, der gewaltsam mit urkräftiger Frische hervorsprudelte, dagegen die Producte seines reifen Mannesalters: mit wie viel Bewußtsein über das eigene Thun, mit welcher Helle der Besonnenheit sind sie künstlerisch gebildet, und welche krystallische Durchsichtigkeit haben sie dadurch gewonnen! Es fällt mit diesem Unterschiede der Lebensalter ein Unterschied der Gattungen häufig zusammen: die naiv jugendliche Periode ist eine lyrische, der besonnene Mann erhebt sich in die objectiven Gebiete der epischen und dramatischen Poësie, hört aber darum nicht auf, Lyriker zu sein, und indem die lyrischen Gebilde der reiferen Mannes-Periode an diesem Lichte geläuterten Selbstbewußtseins, vielseitiger Reflexion und mannigfach verschlungenen Bildungs-Momente Theil nehmen, so kehrt aufs Neue auch innerhalb der Lyrik des einzelnen Dichters jener Gegensatz zurück. <An> unseren großen Dichtern, Goethe und Schiller, ist das Größte, [110] dies, daß sie haarscharf auf der Linie, welche die, innerhalb der Poësie mögliche, und die prosaische Bewußtheit scheidet, mit sicherem Schritte hinwandeln. Aber nur in der Fülle der Mannskraft; wie die Locken ergrauen, geht auch Goethes Poësie unaufhaltsam in die Prosa, die didaktische Breite, die behagliche Contemplation über, während bei Schiller freilich auch auf der Sonnenhöhe seiner Poësie Nebelflecken der prosaischen Reflexion sich zeigen, und mitten im siegreichen Kampfe gegen diese ihm wohl bekannten Mängel der Tod ihn abrief.

Die romantische Schule war ein neuer Versuch, den Boden der Poësie dem Elemente der Naivetät zurückzugeben. Da das Studium der Alten und der kritische Geist des Protestantismus vorzüglich es waren, welche die neue Poësie in jene Klarheit des Bewußtseins, aber auch nahe an die Schwelle der prosaischen Besonnenheit geführt hatten so wurde nun das Mittelalter heraufbeschworen, das Volkslied, das Volksbuch zum Loosungswort gemacht. Wenn so das subjective Verhalten des Dichters zu seinem Stoffe ganz zur Naivetät jener alten guten Zeit zurückkehren sollte, so wurde an die objectiven Gebilde der Phantasie eine entsprechende Forderung gestellt: die Welt, welche der Dichter darstellt, sollte, wie die Anschauungsweise des Mittelalters es meinte, nicht die Wirklichkeit mit ihrem verständigen Nexus darstellen, die Charaktere sollten nicht von einfach menschlichen Motiven zu einem klaren und consequenten Handeln bestimmt erscheinen; die Natur sollte als Schauplatz von Wundern kaleidoskopisch ihre Gestalten wechseln, die Charaktere in geheimnißvollem Helldunkel zwischen unendlichen, unsagbaren Gefühlen und illusorischen Willens-Erregungen schwanken: kurz die Welt sollte eine phantastische, abentheuerliche und mährchenhafte sein, die Phantasie sollte im Mondlichte mit Feen spielen, mit Nixen in Wellen plätschern, mit Salamandern in zackigen Flammen flackern, sie sollte traumartig wirken; man nahm es mit dem Ausdrucke, daß der Dichter in einer Art von Wahnsinn schaffe, sehr ernstlich. Es war aber nicht ein natürliches, sondern ein gemachtes, ein künstliches wiederbelebtes Mittelalter, es war Theorie und Grundsatz, so zu dichten, von der Philosophie der Zeit vielfach bestimmt, es war eine Spiegelung einer längst verschwundenen Zeit in einem ihr entwachsenen Bewußtsein, es war Manier; daher es [111] nur scheinbar ein Widerspruch ist, wenn gerade die Romantiker das berüchtigte, zu viel verschrieene Prinzip der Ironie aufstellten. Indessen konnte es nicht fehlen, daß ächt poëtische Naturen, im Zorne über die Prosa, die selbst während der Glanzperiode neuer Poësie fortfuhr breite Bettelsuppen zu kochen und fortfahren wird, so lange die Welt steht, im Zorne darüber und im Gefühle des ewigen Rechtes, das sich die Naivetät im Gebiete der Poësie vorbehält, dieser Schule sich anschlossen, die ja ohnedieß in der jugendlichen Lyrik Goethes, in mancher seiner schönsten Romanzen und Balladen einen großen Verfechter hatte. Je gesunder diese Naturen, desto weniger konnten sie sich in der Einseitigkeit der Schule abschließen, desto gewisser nahm ihre Phantasie im Fortgange ihrer Läuterung auch das Element höherer Besonnenheit, plastischer Klarheit in sich auf. Tieck selbst fand den Uebergang in die Poësie gesunder, naturgemäßer, darum aber nicht gemeiner Wirklichkeit in seinen Novellen, Uhlands Muse beschränkte sich nicht auf die nordische Nebelwelt, sondern schwang sich, wenn sie auch ihre Gegenstände aus dem Mittelalter zu nehmen immer liebte, doch durch den Geist ihrer Auffassung und Darstellung in hellere Zonen, wo vom klaren Himmel edle, rein menschliche Gestalten in gediegener Rundung und scharfen Umrissen sich abheben.

Während nun diese Schule ihrem Ableben sich näherte, veränderte sich mehr und mehr die Physiognomie der Zeit. Die Revolution, der Liberalismus, die Technik, die materiellen Tendenzen, die Cultur, die Alles beleckt, die Philosophie, die den letzten Rest des Unmittelbaren in die Vermittlung des Denkens hereinzuziehen systematisch fortfuhr, der Geschäftsdrang, der uns von Morgen bis Abend an den Arbeitsstuhl fesselt und der zehnten Muse, der langen Weile, ihr bischen Lebensluft vollends zu erdrücken droht: Alles dieß verschwor sich gegen die poëtische Stimmung und stellte vor die letzte Wiese, auf der ein Dichter schlendern mochte, den Schlagbaum der Sorge. Die Dialektik ergriff nun auch das sittlich sociale Leben und rüttelte mit kritischen Zweifeln an seinen bemoosten, ur[112]alten Grundpfeilern. Die Menschheit ist unverwüstlich gesund, sie wird auch aus diesen Wirren verjüngt aufstehen; aber der Poësie könnte man unter diesen Umständen wenigstens für die nächste Folgezeit keine heitere Zukunft prophezeien. Andere Thätigkeiten des Geistes, die Ueberlistung der Materie im Gebiete des Zweckmäßigen, die Wissenschaft werden die ersten Heilkräfte aus diesem Bade ziehen; die üblen Folgen für die Poësie zeigten sich bald. Man verlor den Standpunkt, aus welchen allein ein Dichter zu beurtheilen ist, man rief ihn an: halt! nicht so schnell! du mußt dich erst ausweisen, ob du auch die Fragen der Gegenwart, die großen speciellen Probleme in dein Gedicht aufgenommen hast! Nun soll sich freilich die Brust des Dichters niemals der Gegenwart und ihrer bewegenden Ideen verschließen, aber es fragt sich, ob diese Ideen reif sind zur poëtischen Gestaltung, und darum kümmerte man sich nicht, man übersah, daß es sich nicht darum handelt, ob der Dichter die Zeitfragen, sondern wie, ob er sie auf poëtische Weise in sein Werk aufgenommen, ob er sie in ästhetischen Körper gewandelt hat. Producte, denen man die didaktische Tendenz, die Absicht, modern zu sein, an der Stirne ansah, wurden um des bloßen Stoffes willen als Gedichte gerühmt. Ein Lyriker, dessen produktive Jugend noch in die letzten Tage der Romantik fiel, versetzte dieses Element mit den giftigen Stoffen einer Ironie, welche von der modernen Stimmung die negative Seite ohne das Gegengift in sich aufgenommen hatte, trat als letzter Ausläufer, als irrendes Streiflicht dieser poëtischen Abendröthe hervor: Heine. Er ist die giftig gewordene Romantik, der faulige Gährungsprozeß, der ihre Auflösung in ein Afterbild der modernen Freiheit des Selbstbewußtseins darstellt, aber indem er auch in diesem Thun genial blieb, in glänzenden, bunten Farben schillert und noch auf einen Augenblick den Gegensatz der Naivetät und einer sich selbst überspringenden, perfiden Bewußtheit zu einer im Entstehen verschwindenden Einheit zusammenbindet. In Heine stellt sich eigentlich erst dasjenige dar, was Hegel unter Ironie versteht und so eifrig bei jeder Gelegenheit verfolgt.

[113] Seither suchen wir eine neue Poësie und haben sie noch nicht gefunden, werden sie vielleicht erst in später Zukunft finden. In der Hast, Verwirrung und Unmuße dieses Suchens muß sich der Freund der Poësie nach einer Labung sehnen. Wo sprudelt sie denn noch, die klare Waldquelle mit ihren frischen Wassern? Wo duftet die reine Erdbeere in kühlen, unbetretenen Gründen, auf der noch der Duft der Naivetät liegt? Gewiß, hier, in diesen Gedichten sprudelt der frische Quell, duftet die kühle Frucht! Unbekannt der Welt, in ländlicher Stille den Pfaden der Phantasie nachgehend schüttet uns hier ein reicher Genius den vollen Segen aus.

Wenn ich hier nun vor Allem sage, daß es ein naiver Dichter ist, welchen einzuführen ich unternehme, so habe ich nicht vergessen, daß in dem Sinne, wie der Dichter des Mittelalters, kein moderner naiv sein kann und soll. Auch ist gar nicht die Rede von einem sogenannten Naturdichter, sondern von einem Manne, der auf reichen Bildungswegen die Schätze des Alterthums, die Kämpfe des ringenden Bewußtseins in Leben und Wissenschaft nicht von sich abgewiesen, aber auch nur so daran Theil genommen hat, wie die Biene, die über Blumen und Disteln hinfliegt, den Honig daraus zu saugen. Er tritt hier als Lyriker vor uns, aber es ist, wie schon oben bemerkt, nicht sein erster Besuch, er gab der Literatur vor sechs Jahren schon einen Roman, der in unverdientem Dunkel blieb. Doch sind es die Erstlinge seiner Muse, zum Theil schon in jenes Werk eingeflochten, die er mit wenigen späteren Geschenken des Genius in einen Strauß gebunden uns hier reicht. Die Mehrzahl dieser Lieder nun ist als naiv in dem Sinne zu bezeichnen, daß sie in der Stimmung des Volkslieds empfan[114]gen sind; man sieht ihnen an, daß sie gesungen sind, wie der Vogel singt, der auf dem Zweige sitzet, durchaus geworden, nicht gemacht, im Ausdruck schlicht; wie das Volkslied lassen sie sich nicht lesen, ohne sie innerlich oder laut in die Lüfte zu singen; die Empfindung ist ganz in der Gestalt ausgesprochen, wie sie in dem einfältigen Gemüthe des Volkes unvermischt und unreflectirt waltet. Haben wir – da die mittelalterlich naive Gestalt des Bewußtseins ein integrirendes Moment des Romantischen ist – diese Naivetät als romantisch zu bezeichnen, so ist in diesem Zusammenhange sogleich ein wesentlicher weiterer Charakterzug dieser Gedichte hervorzuheben: Mörike liebt das Wunderbare, das Geister- und Mährchenhafte, kurz das Phantastische in einem Grade, in welchem nur die norddeutschen Romantiker, aus der schwäbischen Gruppe blos Just. Kerner es zum herrschenden Geiste ihrer Poesie erheben, während Uhland und Schwab lieber mit den markigen Gestalten und Handlungen gediegener Charaktere verkehren, und das Wunder, wo sie es aufnehmen, häufig aus der Objectivität heraus als blos inneres Phänomen in's Bewußtsein hineinrücken, wie z.B. Uhland in seinem trefflichen "Der Waller". Eine strenge ästhetische Gesetzgebung wird nun allerdings behaupten, daß das moderne Ideal, wie es durch Verschmelzung des romantischen Gehalts mit der Schärfe der klassischen Form unsere großen Dichter Goethe und Schiller hingestellt haben, Ein für allemal nicht eine phantastisch-taumelnde, sondern eine Welt naturgemäßer und innerhalb der Bedingungen des Naturgemäßen zum Ideale gereinigter Wirklichkeit in Anspruch nehme, daß ebendaher die Romantik, sofern sie Poesie des Phantastischen ist, zu den ausgelebten Gestalten des Bewußtseins zurückzulegen sei. Was ferner die Gesittung und das geistige Verhalten überhaupt betrifft, worin die Poesie als dem Schauplatze ihrer Darstellung sich bewegt, so wird verlangt wer[115]den, daß sie die Kämpfe des modernen Bewußtseins, die Wirren des tausendfach gebrochenen und reflectirten geistigen Lichtes, das Skeptische und Ironische in unsern Zuständen keineswegs abweisen und dagegen die verschwundene altdeutsche Einfalt als das Höchste setzen dürfe. Ich antworte: der wahre Dichter unserer neuesten Zeit wird in jenen Gebieten des Unbestimmten, Traumartigen und der glücklichen Blindheit eines unkritischen Bewußtseins freilich nicht seine bleibende und einzige Wohnstätte aufschlagen, diese Klänge werden nur unter anderen auch bei ihm vorkommen; aber sie werden, wenn wir ihm das specifisch-Poetische in ungemischter Aechtheit sollen zuerkennen dürfen. Es ist nicht die höchste und reinste Gestalt der Phantasie, wo sie traumartig phantastisch wirkt, aber wer eine reiche Phantasie hat, der wird ihr neben der höheren und rein idealen Thätigkeit gerne auch diese Spiele gönnen, wie Raphael, derselbe, der die Sixtinische Madonna malte, mit großer Vorliebe die Arabesken im Vatikan ausführte. Er wird dazu um so mehr berechtigt sein, weil die Poesie dem platten Verstande, der von ihr nur eine Kopie der Dinge in ihrer gemeinen Deutlichkeit erwartet, von Zeit zu Zeit in phantastischer Gestalt entgegentreten und ihm ihr zauberisches Traumgesicht zeigen muß, auf daß sein Herz erschrecke und er sehe, daß er sich getäuscht habe, wenn er in der Einfachheit und Klarheit des poetischen Ideals Zugeständnisse für seine prosaische Weltansicht zu finden glaubte, daß der poetische Genius die Dinge nicht läßt, wie sie sind, sondern auf einen neuen, geistigen Boden versetzt und umgestaltet. Ebenso, was die Gestalt des vom Dichter dargestellten Bewußtseins betrifft, ist die schlichte Unbewußtheit des Volkslieds, seine wortarme Innigkeit allerdings nicht die Gesittung und Stimmung, auf welche ein moderner Dichter die Poesie kann beschränken wollen; aber wenn er sich diejenige Naivetät, welche bei allem übrigen Unterschiede in den Graden der Reflexion des Bewußtseins auf sich selbst ein spezifisches Merkmal der Poesie aller Zeiten bleiben muß, rein bewahrt hat, so wird er dieß unter Anderem immer auch dadurch beweisen, daß er naive Lieder im engeren Sinne der volksthümlichen Naivetät dichtet. Es ist nicht die einzige, aber es ist eine Probe des Dichters, daß er auch in dieser Region sich unbefangen bewege, und ich gestehe; wenn man mich fragt, ob derjenige Grad von [116] Reflexion und Bewußtheit, den die Gedichte Rückerts an der Stirn tragen, nicht über die Grenze der ächten Poesie hinausgehe, so suche ich bei ihm ein Lied, ein reines Lied im Tone der Naivetät, der volksthümlichen Stimmung; ich suche und finde, daß er, wo er naiv sein will, sich immer nicht enthalten kann, witzig zu sein, und nun zweifle ich, bei aller übrigen gerechten Bewunderung seiner Kunst, ob wir ihn unter die Dichter zählen dürfen, bei denen das specifisch-Poetische rein und unvermischt wirkt. Gehe ich aber an Uhlands Haus vorüber, sehe ich eine Truppe von Handwerksburschen Arm in Arm vorüberziehen, und höre sie mit dem Ausdruck der innigsten Empfindung singen: "Ich hatt' einen Kameraden" u.s.w., unbewußt, wer der Verfasser sei, nicht ahnend, daß er ihnen aus dem Fenster zuhört, dann weiß ich gewiß, daß Uhland ein ächter Dichter ist.

Wir haben aber erst die eine Seite unseres Dichters in's Auge gefaßt, die naive. Der Bruch mit der Naivetät hat seinen Ursprung in einem Bruche des Geistes mit der Natur und Unmittelbarkeit überhaupt. Die zwei Flüsse, Natur und Geist, gingen im Alterthum vereinigt in Einer Strömung, das Christenthum riß sie auseinander, um sie höher zu versöhnen. Wir schiffen auf dem einen und blicken sehnsüchtig nach den Ufern des andern hinüber – was Schiller sentimental nennt. Ruht der naive Volksdichter noch halb unbewußt in der Substanz, so blickt der sentimentale mit wehmüthigem Auge nach ihr, von der er sich getrennt weiß, hinüber, wie nach dem verlorenen Glücke der Kindheit. Bei diesem Gefühle des Gegensatzes darf es nicht bleiben, dieß wäre die falsche, die schwächliche Sentimentalität. Er wird die Natur wieder zu sich herüberziehen, an seiner Brust erwärmen und sie wird wie Pygamalions Statue vom leblosen Gestelle steigen. Ist es überhaupt Aufgabe des ästhetischen Ideals, daß es Personbildend sei (man gestatte mir Schleiermachers genialen Ausdruck), so wird uns der Dichter stets die vor dem Verstande und jeder prosaischen Betrachtung getrennten Hälften der Welt, Subject und Object, Natur und Geist zu Einem Ganzen vermählen, so daß der Eine Mensch wieder dasteht, der in der Urzeit in bewußtloser Unschuld sich als Einheit von Seele und Leib genoß, dann durch Schuld und Zerrissenheit seine Einheit einbüßte, um sie verdoppelt wiederzugewinnen. Der Dichter wird [117] der Natur ein Auge geben, daß sie geistig blicke, und einen Mund, daß sie rede; er wird den Menschen mit Sonne und Erde, Fluß und Wald wieder in den ursprünglichen Rapport setzen und an die Brust der Mutter zurückführen, er wird dadurch die ganze gewaltige Erschütterung hervorbringen, wie nach Plato der Weise staunend erschrickt, von der ἀναμνησις der ewigen Idee der Schönheit überrascht, wenn er eine schöne Gestalt erblickt. Ich hoffe, durch wenige Proben darzuthun, daß unser Dichter den Zauberstab führt, diese Beseelung der Natur und diese Naturwerdung des Geistes, wodurch die Persönlichkeit des Weltalls hergestellt wird, zu bewirken.

Aber nicht nur die äußere Natur ist durch jenen Bruch des Bewußtseins uns zu einem gegenüberstehenden Objecte geworden, das wir auf's Neue erst wieder herüberzubringen streben, auch das Bewußtsein des Subjects hat sich in sich verdoppelt, das Ich ist sich selbst in einer Schärfe der Trennung, die keinem früheren Bildungszustande möglich war, Object geworden, und in der modernen Poesie wird daher auch der Mensch als ein sich selbst gegenüberstehendes und sich suchendes Wesen erscheinen, er wird sich als sein Doppelgänger in's Auge sehen und sich als seinen alten Bekannten wiederfinden, er wird sich seiner erinnern. Dem Manne wird an der Stätte, wo er seine Jugendjahre durchlebt, der Knabe begegnen, der er war; die Gestalten seines Bewußtseins, durchlebt oder noch gegenwärtig, werden ihm im Spiegel erscheinen, das Gefühl wird sich selbst beschauen, ohne darum seine Wahrheit zu verlieren, selbst der Witz wird in den Wogen der eigenen Gemüthswelt seine Delphine scherzen lassen, ohne sie darum zu trüben; ja die Mängel der eigenen Individualität und jeder andern wird der Geist im Bewußtsein der Nothwendigkeit dieses Widerspruchs humoristisch belächeln. Doch daß wir nicht sogleich von tieferer Komik hier reden; Mörikes Laune klingt in dieser Sammlung nur als epigrammatischer Witz und hier und da in Balladen als phantastische Komik, den eigentlichen Humor, der nicht ein einzelnes Bild oder ein Witz, sondern eine Weltanschauung ist, hat er sich für das epische Feld vorbehalten, wie denn der Roman Maler Nolten in Larkens und in dem Barbier Wispel zwei treffliche humoristische Figuren, jene im hohen, diese im niedrigeren Style, aufzuweisen hat, deren Einführung zwischen die [118] ernsten Figuren dem Ganzen ein Accompagnement der tiefsten Ironie giebt, um so mehr, da die humoristische Laune des Schauspielers Larkens auf Melancholie ruht. Hier ist von dem Uebergange im Allgemeinen zu reden, den Mörike's Muse aus der Dämmerung volksthümlicher Naivetät in das bisher bezeichnete Reich des bewußten Geistes, in das helle Licht der Besonnenheit und künstlerischen Weisheit genommen hat.

Offenbar nun ist es, die Universalität und schöne Humanität des Gemüths als erste Bedingung natürlich vorausgesetzt, der Geist der Griechen und Römer, der in ihm die Vereinigung der germanischen Innigkeit und der nordischen Phantasie mit der hellen und heiteren Form der höheren künstlerischen Bewußtheit vermittelt hat. Die griechischen und römischen Elegiker vorzüglich und das alte Epigramm scheinen von großem Einfluß auf ihn gewesen zu sein. Der heitere, harmonische Geist der alten Lyrik, wo auf mäßig erregten Wellen des Gefühls oder Affects der Geist sich im Kahne der Betrachtung schaukelt, und bald fröhlich bald wehmüthig, das Maaß des Schönen niemals überspringend, in das Spiel hinuntersieht, diese Grazie, dieses Ebenmaaß, wie es ihm freilich in noch höherer Bedeutung aus dem Epos und der Tragödie der Griechen und aus Goethe, dem modernen Homer, entgegentrat, um ihn zu größeren und objectiveren Dichtwerken zu begeistern: dieß war es, was unsere Dichter aus dem Schattenreich der Träume in den hellen Aether, aus dem gothischen Dunkel in die lichten Säulengänge der Weisheit heraufführte. Ich rede hier nicht nur von denjenigen seiner Gedichte, welche nach Inhalt und Form antik sind, sondern auch von solchen, die ganz das romantische Gemüth athmen mit seinem Mysticismus und der Unendlichkeit des innern Nachhalls, den jede angeschlagene Saite in ihm weckt: auch diese erscheinen durch diese Klärung und Lichtung des Formsinns in einer so edlen und ideellen Form, wie Goethe, Schiller, Hölderlin, genährt vom Genius der Alten, sie in ihre Gewalt bekamen. Wo aber der Dichter wirklich in's alte Hellas wandert und in seinen Tempeln die alten Götter aufsucht, da am bestimmtesten ist er mit Hölderlin zu vergleichen. Die alte Mythologie ist für uns eine Sammlung abgebleichter Gestalten, wir wissen, es sind allgemeine Potenzen, Krieg, Recht, Liebe, Wein u.s.w., die hier ver[119]sinnbildlicht sind, und sie erscheinen uns daher, in der jetzigen Kunst und Poesie nachgeahmt, als kalte Allegorieen, so lange der Dichter nicht die Schöpferkraft hat, diese Schatten neu zu beleben. Dieß kann ihm nur gelingen, wenn er (freilich klarer und mit blos poetischer Illusion) den Prozeß in sich wiederholt, wodurch die Götter entstanden. Es hat wohl noch jetzt Jeder solche Momente, wo es ihm plötzlich ganz begreiflich wird, wie die Alten auf die Dichtung der Götter kamen; es sind Momente, wo wir auf eklatante Weise eine natürliche oder sittliche Macht in ihrer ganzen Bestimmtheit und Nothwendigkeit jedes Einzelne, das sie umfaßt, überwinden und widerstandslos sich ausbreiten sehen. Ein plötzlicher Schrecken ergreift eine Masse, oder ein plötzlicher Muth; eine gewaltige Bewegung der Phantasie verschlingt in einem Subjecte die nüchterne Besonnenheit des Verstandes und redet aus ihm in der Sprache dunkler Bilder; die Leidenschaft der Liebe reißt jeden Vorsatz, den ihr der Wille entgegenzustemmen sucht, mit fort; der Wein benebelt Sinn und Verstand: hier scheint eine Nothwendigkeit gegeben, deren Zusammenhang sich durch kein vermittelndes Denken expliciren lasse, die Alten standen ohnedieß nicht auf dem Standpunkte des Pragmatismus, der aus Gründen erklärt und die Grenze der Beobachtung überhaupt oder der Selbstbeobachtung ward (wie Schleiermacher es scharfsinnig von dem christlichen Glauben an den Satan nachweist), dadurch mit bunter Hülle, verdeckt, daß man den Grund der Erscheinung aus dem Innern des Subjects oder aus dem Naturzusammenhang hinauswarf in eine außerweltliche Person und sagte: das hat ein Gott gethan. Ebenso, auch ohne Beziehung auf das subjective Leben, wenn wir das Wirken einer Naturpotenz in seiner Prägnanz, wie sie Alles, was in ihre Sphäre fällt, mit siegreicher Sicherheit trägt, nährt oder zerstört, in ästhetischer Stimmung betrachten, so werden wir uns leicht in die Anschauung hineinfühlen, daß hier ein Gott walte. Das Licht: wie nahe liegt es, dieses alle Räume durchfliegende, siegreiche, manifestirende Wesen zu vergöttern! In diesem Geiste hat Hölderlin "An den Aether" den Drang aller Wesen nach freier Luft, an sich eine ganz einfach physische Erscheinung, die dem Naturforscher nichts als [120] ein Bedürfniß von Sauerstoff u.s.w. ist, so edel dargestellt, daß uns der Luftraum ganz von selbst zu einem Subject, zu einem Gott wird. Wir werden Aehnliches bei Moerike finden. Natürlich wird der germanische Dichter diesen Göttern einen Zug von Geistigkeit und Verklärung leihen, den sie in ihrer alten Heimath nicht hatten, wie Goethe auch der Iphigenie sein deutsches Herz einhauchte, wie Uhland im Ver sacrum einer düsteren Vorstellung einen wohlthuend edlen Ton im Geiste der Humanität hellerer Zeiten lieh. Uhland hat ebenfalls aus dem gothischen Dämmerscheine zu einer idealen Classicität den Uebergang gefunden: auch innerhalb der volksthümlichen und mittelalterlichen <Sphäre> liebt er das Klare und Gediegene, scharf umrissene Charaktere, während Moerike, wo er in dieser Sphäre verweilt, im Geiste eines Arnim und Brentano die Phantasie durch Nebelheiden schweifen, auf schnaubendem Rappen an Sylphen und Feen vorüberjagen läßt. Seine Phantasie ist in diesem Gebiete träumerischer, schwelgerischer, verweichlichter und verzogener, als die Uhlandsche, der gerade diejenige Trockenheit in rechten Maaße besitzt, die der Poësie als sichere und feste Basis so nothwendig ist, als dem Körper die Ferse und der Ballen, um sich fest an den Boden zu stemmen. Einigen Liedern fehlt aber auch Uhlands und Schwabs körnige Bestimmtheit nicht, und in weiteren Sphären erhebt er sich entschieden zu künstlerischer Klarheit.

Hat sich dieses offene Gemüth auch den Schmerzen und Leiden des modernen geistigen Lebens erschlossen? Daß die Gestalt der zerrissenen Subjectivität ihm nicht fremd ist, beweist eine der schönsten Parthieen im Maler Nolten, welche sich doch von jeder häßlichen Disharmonie und negativen Ironie ganz ferne hält. Als Lyriker aber bleibt er ganz im Geleise einer harmonischen Stimmung; die Töne des Schmerzes werden nie zum wilden Schrei, die Wunden heilen leicht, es ist hier nichts Titanisches, nichts Byron'sches zu sehen. Sein Genius erscheint in dieser Milde mehr als ein weiblicher, denn als ein männlicher, man fühlt jenen Geist der Sänftigung alles Wilden, der Ebnung alles Unebenen und Heilung alles Verstörten, den eine edle Weiblichkeit um sich verbreitet.

[121] Am wenigsten wird der Wohlschmecker, der das Wildpret nur im Uebergange zur Fäulniß liebt, in diesem Büchlein seine Rechnung finden, er wird nichts von dem haut gout der Blasirtheit und Abgeschlagenheit entdecken. Unser Dichter ist, wie billig, in natürlichen Dingen unverblümt, die Sinnlichkeit pulsirt in voller Kraft, aber es ist die Kraft der Jugend, nicht der künstliche Reiz abgeschwächter Natur. Man halte uns nicht für pedantisch; es sollen der Dichtkunst objectiv keine Grenzen gesteckt werden, sie beleuchte immer mit ihrer Fackel die dunkelsten Falten des Seelenlebens, sie lasse uns den ganzen Trotz prometheischer Empörung sehen, sie durchwandre die Höhlen der tiefsten Verwirrung und Verirrung; sie fahre kühnlich in die Hölle, wie die Legende von Christus erzählt. Nur ihr Engel verlasse sie nicht. Und so lange kein Dichter da ist, der die Wehen des jüngsten Zeitgeistes treu an der Hand dieses Begleiters durchwandert hat, seien wir zufrieden, eine edle Muse mit rein harmonischen Gestalten verkehren zu sehen.

Wir wollen jetzt unsern Dichter durch die in unbestimmtem Umrisse bezeichneten Sphären begleiten und uns dadurch das Bild seiner Persönlichkeit zu individueller Bestimmtheit erheben.

Nicht wenige dieser Lieder bewegen sich so natürlich und so ganz von selbst im Elemente der Naivetät, daß man schlechtweg sagen muß: dieß sind Lieder, ächte Lieder, daß man bei den ersten Zeilen schon von Weitem jene Melodien hört, nach welchen junge Bursche und Dirnen des Sonntags unter der Linde des Dorfes ihre alten Lieder singen. Man lese folgenden einfachen Klang aus dem Herzen treulos verlassener Liebe:

      [122] Agnes (S. 76).

Rosenzeit! Wie schnell vorbei,
                  Schnell vorbei
Bist du doch gegangen!
Wär' mein Lieb nur blieben treu,
                  Blieben treu,
Sollte mir nicht bangen.

Um die Ernte wohlgemuth,
                  Wohlgemuth,
Schnitterinnen singen.
Aber ach! mir kranken Blut,
                  Mir kranken Blut
Will nichts mehr gelingen.

Schleiche so durch's Wiesenthal,
                  So durch's Thal,
Als im Traum verloren,
Nach dem Berg, da tausend Mal,
                  Tausend Mal
Er mir Treu geschworen.

Oben auf des Hügels Rand,
                  Abgewandt,
Wein' ich bei der Linde,
An dem Hut mein Rosenband,
                  Von seiner Hand,
Spielet in dem Winde
.

Hier ist nichts zu declamiren, keine Rhetorik, man muß singen, sogleich singen, man hört schon innerlich die Töne des wehmuthsvollen Refrains im Echo der Thäler verklingen, so hinschwindend, so vergehend, wie die Gestalt, die wir vor uns sehen und die nichts ist als eine todtkranke Erinnerung an ein entschwundenes Glück; sie sagt es nicht, nur in abgebrochenen Lauten entbindet sich der Schmerz, aber sie ist es. Dadurch ist Ohr und Auge der Phantasie gerade so, wie es durch die ächte Lyrik soll, angesprochen, wir sehen vor uns und hören diese tönende Gestalt der Unglücklichen, Sinn und Musik fallen in Eins, und unser ganzes Herz klingt und tönt sympathetisch mit. Die [123] Schlußlosigkeit ferner ist ganz im Charakter des reinen Lieds: das flatternde Band schwebt noch eine Weile vor unsrer Phantasie, ein Bild der Untreue, und unser Gefühl zittert wie in unbestimmt verschwebenden Tönen der Windharfe fort.

Milder, doch ebenso tief aus dem Herzen, klagt das verlassene Mägdlein (S. 23).

Früh, wann die Hähne kräh'n,
Eh die Sternlein verschwinden,
Muß ich am Herde stehn,
Muß Feuer zünden.

Schön ist der Flammen Schein,
Es springen die Funken,
Ich schaue so drein,
In Leid versunken.

Plötzlich, da kommt es mir,
Treuloser Knabe,
Daß ich die Nacht von dir
Geträumet habe.

Thräne auf Thräne dann
Stürzet hernieder,
So kommt der Tag heran, –
O gieng er wieder!

Nicht so hinreißend musikalisch ist dieses Lied, mehr betrachtend, wie das Mädchen selbst äußerlich ruhig vor dem knitternden Feuer steht, aber ganz ebenso wie das erste, nicht nur auf die Empfindung, sondern durch ein bestimmtes klares Phantasiebild erst auf diese wirkend. Ueberhaupt, wenn alle Poësie der Phantasie, welche wesentlich ein inneres Sehen ist, ein bestimmtes Bild vorüberführen muß, wie kann die Lyrik, welche allerdings mehr als die andern Gattungen der Poësie noch unmittelbar mit der Musik verwachsen im Elemente subjectiver Empfindung verweilt, in ihrer Art dennoch dieser Pflicht genügen? Ein bestimmtes Bild muß auch sie geben, und zwar noch außer dem <rhythmisch> musikalischen Sprachkörper. Spricht nun der Dichter rein subjectiv seine eigene Empfindung aus, so ist der Körper, den diese dennoch auch so annehmen muß, seine eigene Person, ganz erfüllt von der dargestellten Gemüthsbewegung. Darum sind jene Gedichte "An die" u.s.w. die jetzt immer seltener vorkommen, so prosaisch. "An die Freundschaft, die Freude, die Unsterblichkeit u. dergl." Da stellt der Dichter den Gegenstand als ein Abstractum aus sich hinaus sich gegenüber und singt an ihn hin, er bleibt äußerlich. Der Dichter soll vielmehr sich selbst als [124] durchdrungen von der darzustellenden Empfindung introduziren, sie soll Eins mit ihm sein, nicht er soll an sie hin, sondern sie soll aus ihm singen, dadurch ist sie individualisirt, verkörpert; der Dichter selbst ist die tönende Gestalt. Ein bestimmterer Schritt zur Objectivität und der Keim des Epischen und Dramatischen innerhalb der Lyrik, der sodann in der Ballade und Romanze schon deutlich hervortritt, ist es, wenn der Dichter sein Gefühl in eine fremde Gestalt, die er vor uns hinführt, so hineinlegt, daß diese durchaus das Organ wird, durch welches hindurchklingend jene Empfindung zu uns herübertönt. Mit der objectiveren Form muß hier auch der Gehalt objectiver, er kann nicht ein unbestimmtes Privatgefühl sein, und der Dichter hat zu bewähren, daß er sich in jede menschliche Lage hineinzuempfinden vermag. So steht hier das arme verlassene Kind sinnend am Feuer, sie hat bei dem gewöhnlichen Geschäfte des Haushalts ihr Unglück vergessen, da plötzlich kommt die Erinnerung desselben über sie: hier haben wir ein ganz klares kleines Gemälde, wer es nicht innerlich deutlich sieht, muß kein geistiges Auge haben; dieses Gemälde ist aber ganz lyrische Empfindung.

Einen anderen Charakter nimmt der Schmerz über die Untreue des Geliebten in dem schönen Liede S. 74 an; eine bestimmte Natur-Erscheinung singt dem liebenden Mädchen das Lied von der Untreue, sie hält den Wind an: "Sausewind! Brausewind! Dort und hier, Deine Heimath sage mir!" Der Wind will nicht Rede stehen: "Kindlein, wir fahren Seit viel vielen Jahren Durch die weit weite Welt, Und möchten's erfragen, Die Antwort erjagen Bei den Bergen, den Meeren, Bei des Himmels klingenden Heeren, Die wissen es nie u.s.w." Da fragt sie die Winde: "Halt an, Gemach, Eine kleine Frist! Sagt, wo der Liebe Heimath ist, Ihr Anfang, ihr Ende?" und erhält die Antwort: "Wer's nennen könnte! Schelmisches Kind! Lieb ist wie Wind, Rasch und lebendig, Ruhet nie, Ewig ist sie, Aber dein Schatz *) nicht beständig" u.s.w. Dieses schöne [125] Lied stellt jene organische Einheit, in welche Gehalt und innere sowohl als äußere Form miteinander treten sollen, besonders musterhaft dar; jene instinctmäßige Symbolik hat es gedichtet, die in Wort und Rhythmus die Natur-Erscheinung und eingehüllt in ihre Anschauung die geistige Bewegung an Ohr und Sinn bringt. Weil wir eben von dem Thema der unglücklichen Liebe reden, weise ich hier noch auf das ächt im Volkstone gehaltene Lied "Die Schwestern" (S. 79) hin. Zwei Schwestern gleichen einander wie ein Ei dem andern, man wird ihre lichtbraunen Haare nicht unterscheiden, wenn du sie in Einen Zopf flichtst, sie sitzen an Einer Kunkel, schlafen in Einem Bett, aber:

"O Schwestern zwei, ihr schönen,
Wie hat sich das Blättchen gewendt!
Ihr liebet einerlei Liebchen –
Jetzt hat das Liedel ein End.
"

Doch einmal wird die Liebe auch glücklich, es gilt nur noch zu warten und man hat indessen Zeit zu einem Scherze (Die Soldatenbraut 192.). Den verliebten Jägersmann erinnert des Vogels Tritt im Schnee an die zierlichen Züge, die ihm die Hand des Liebchens aus der Ferne schreibt: "Zierlich ist des Vogels Tritt im Schnee u.s.w." (Jägerlied S. 19). Wie niedlich, wie lieblich ist dieser Gedanke, bei den zierlichen Fußstäpfchen der Wachtel, des Rebhuhns im Schnee der Federzüge des Liebchens träumerisch zu gedenken! Wie einfach groß dann der zweite Vers, wo der schlichte Jägersmann den Reiher in die Lüfte hoch steigen sieht, dahin weder Pfeil noch Kugel fleugt: Tausendmal so hoch und so geschwind Die Gedanken treuer Liebe sind. Endlich vereinigt wohl auch eine glückliche Stunde die Getrennten zu ungetheilter Gegenwart und in unschuldigem Muthwillen läßt uns der Dichter ihr Glück errathen, da wir am Morgen nach einer stürmischen Nacht einen schönen Burschen einem schüchternen Mädchen auf der Straße begegnen sehen: Wie sehn sich freudig und verlegen Die ungewohnten Schelme an! Das Mädchen geht vorüber, – der Bursche träumt noch von den Küssen, Die ihm das süße Kind getauscht, Er steht, von Anmuth hingerissen, Derweil sie um die Ecke rauscht.

Das letztere Lied gehört nicht mehr ganz unter die volksthümlichen; die Sprache ist die der Gebildeten, anmutige Betrachtung, der Stoff aber in seiner Einfachheit und unschuldigen Sinnlichkeit naiv. Nach [126] Sprache und Ton ganz im Volks-Elemente hält sich das hübsche, schalkhafte Lied: Storchenbotschaft S. 24. Der Schäfer ruht in seinem Wagen, da knopert und klopft es, bis er öffnet, da stehen zwei Störche aus der Heimath am Rhein und gestehen ihm klappernd, daß sie sein Mädel in's Bein gebissen haben; da sie zu zweien sind, so fragt der Schäfer: es werden doch, hoff' ich, nicht Zwillinge sein? Da klappern die Störche im lustigen Ton, Sie nicken und knixen und fliegen davon. Mit glücklichem Takte benutzt der Dichter bei solchen Stoffen alterthümliche oder provinzielle Formen, wie im Anfang ächt volksmäßig: "Des Schäfers sein Haus und das steht auf zwei Rad, Steht hoch auf der Heiden so frühe wie spat." Ziefer für Geziefer u. dergl.

Die Phantasie, in der Dämmerung volksthümlichen Bewußtseins schweifed, irrt gerne in das Reich der Wunder, der Phantasmagorie hinüber, und in dieser Art ist denn Alles, was uns der Dichter von Balladen und Romanzen gibt. Kein historischer Stoff im engeren oder weiteren Sinne, lauter mythische, mährchenhafte. Wir haben hierüber bereits oben gesprochen. Es soll diese Region dem Dichter keineswegs verschlossen oder verkümmert werden: es ist aber zu wünschen, daß er seine Phantasie an den markigen Gestalten der Geschichte zur Begrenzung und Bestimmtheit zusammennehme. Dann wird es ihm gelingen, große Leidenschaften, welthistorischen Gehalt in rein menschlichen Sphären wirkend, darzustellen. Der unstete Fackelschein ist schön, aber wir sehnen uns doch auch nach der reinen Flamme der Weisheit; Mondschein ist schön, aber nach seinem ungewissen Lichte möchten wir auch die Sonne, nach der Nacht den Tag. Es erscheint hart und paradox, aber es kann nicht verschwiegen werden: das Premiren des Wunderbaren in der Poësie ruht ebenso auf dem abstracten Verstande, wie der Feind, gegen den eben das Wunderbare opponirend auftritt, die prosaische Weltansicht. Die prosaische Weltansicht hält die naturgemäße Wirklichkeit für Gott- und Geist-verlassen; die Phantastik läßt Gott und Geist in dieselbe einbrechen, aber indem dieß auf wunderbare Weise geschieht, also die Naturgesetze erst weichen müssen, damit die Idee Platz habe, ist zugestanden, daß der gesunde Verlauf an sich die Idee ausschließe: was eben das Prinzip der Prosa ist. Es ist wie der Supranaturalismus in der Theologie. Moerike [127] schwebt, er hat die Füße nicht am Boden, er hat Schritte getan, ihn zu gewinnen, den größten in seinem Roman, allein er thue noch entschiednere und reinige sich vollends von allem Trüben und Bodenlosen. Heimisch ist es unserem Dichter bei den Nixen in ihrer krystallenen Grotte, im Zauber-Leuchtthurm (169), wo des Zauberers Tochter die Schiffer hinlockt, daß Schiff und Mann zu Grunde sinkt, einen Geisterzug sieht er nächtlich zum Mummelsee schweben, er hört leise die Gebete der Geister schwirren, sie tragen ihre Königin zu Grabe, versenken ihren Sarg in die Wogen, die in grünlichem Feuer über ihm zusammenschlagen und tief unten hört man nun ihre Lieder summen. Es ist nicht die breitgetretene und tausend mal dagewesene Balladen-Manier, Moerike ist ganz Dichter und zieht uns, als hätten wir diesen Eindruck zum erstenmale, ganz in diese mystischen, bangen Gefühle und Anschauungen hinein. Besonders mit dem unsteten Geiste des Windes hat er gerne zu thun. Jung Volker, der lustige Räuber (eine herrliche Figur aus dem Maler Nolten) ist vom Winde empfangen, seine Mutter, ein schön frech *) braunes Weib, wollte nichts vom Mannsvolk wissen, sie rief lachend: möcht' lieber sein des Windes Braut, denn in die Ehe gehen! Da kam der Wind, da nahm der Wind Als Buhle sie gefangen: Von dem hat sie ein lustig Kind In ihren Schooß empfangen (S. 60). Die schöne Müllerstochter lockt den Rittersohn in ihre Mühle, er will sie umarmen, da sausen und singen ihre Zöpfe im Winde, da beschwört sie die Windgeister und fährt mit ihm durch's Fenster hinaus auf die Heide und erdrückt den Liebkosenden an ihrer Brust (S. 26). Diese Ballade ist wirklich gar zu unklar und unbestimmt, ein Extrem nebelhafter Romantik. Ungleich concreter durch die Bestimmtheit des Gegenstands und gewiß etwas Vortreffliches ist das Gedicht S. 85, wo der angstvoll wilde Geist der Feuersbrunst in einem wahnsinnigen Feuer[128]reiter personifizirt ist, den man in einer alten Stadt regelmäßig vor Anfang einer Feuersbrunst mit scharlachrother Mütze am Fenster auf und nieder huschen, dann auf klapperdürrer Mähre nach der Brandstätte jagen sieht.

Gehaltvoller jedoch wird diese Poësie des Wunderbaren, wo das Wunder im Dienste einer concreten sittlichen Idee auftritt. Die Ballade "Die traurige Krönung" ist voll Gewitterschwüle und tragischer Angst, ganz im Geiste des Macbeth (S. 70). König Milesint von Irland hat sein Bruderskind ermordet, um sich auf den Thron zu schwingen, die Krönung ward mit Prangen auf Liffeyschloß begangen. O Irland! Irland! warest du so blind? Der König sitzt einsam um Mitternacht beim Pokale, sich seiner neuen Pracht zu freuen, er will sich am Anblick der Krone weiden, sein Sohn soll sie ihm bringen; doch schau, wer hat die Pforten aufgemacht? Ein Geisterzug schwebt herein mit Flüstern ohne Worte, eine Krone schwankt inmitten. Dem Könige, dem wird so geisterschwül,

Und aus der schwarzen Menge blickt
Ein Kind mit frischer Wunde,
Es lächelt sterbensweh und nickt,
Es macht im Saal die Runde,
Es trippelt zu dem Throne.
Es reichet eine Krone
Dem Könige, deß Herze tief erschrickt.

Darauf der Zug von dannen strich,
Von Morgenluft berauschet;
Die Kerzen flackern wunderlich,
Der Mond am Fenster lauschet;
Der Sohn mit Angst und Schweigen
Zum Vater thät sich neigen, –
Er neiget über eine Leiche sich
.

Aber auch die komische Stimmung weiß der Dichter in's phantastische Element einzuführen, wenn er uns (S. 80) in den Garten des "Schloßküpers" (Moerike schreibt, ich weiß nicht warum, die niederdeutsche Form statt der hochdeutschen: Küfer) zu Tübingen geleitet und acht Kegel aus dem Todesschlummer erweckt, welche eigentlich verzauberte Studiosen sind aus der Zopf- und Puderzeit, rothe Röcklein, kurze Hosen, und ganz charmante Leut.

[129] Wie komisch klingt es, wenn diese altfränkischen Geister den Küfer in der bekannten stehenden Formel des Volkslieds anreden: ach, Küper, lieber Küper mein! und erzählen, ihr ehemaliger Schoppenkönig, ein geschworener Weintrinker – kam Tags auf sieben Maß – habe sie in Kegel verzaubert, weil er sie mit ein paar lausigen Dichtern bei'm sauren Bier, zwar sämmtlich nudelnüchtern, auf der Kegelbahn traf, er habe hierauf, da das Biertrinken ganz in Schwang kam, seine Krone weggelegt – "an mir ist Hopfen und Malz verlorn" und sei in edlem Zorn vom Throne gestiegen, für Kummer und für Grämen zerfallen wie ein Schemen, gestorben und in das tiefe Gewölbe des Schlosses zu "Tüwingen" *) bestattet worden u.s.w. Ob Moerike gut gethan, eine phantastisch scherzhafte Lieblingsfiction aus seinen Jugendjahren, das Mährchen vom sicheren Mann, einem täppischen gutmüthigen Riesen, in welchem die Elemente kaum erst zu den gröbsten Umrissen menschlicher Gestalt sich formirt, im Versmaaß des Hexameters hier aufzunehmen, muß ich bezweifeln. Es ist zwar an sich ganz interessant, wie diese uralte Lieblings-Vorstellung der Deutschen, die Vorstellung von linkischen Riesen, in denen das Volk seine naive, ungehobelte Kraft sich zum eigenen Scherze im Spiegel zeigte, nachdem sie in der Poësie des Mittelalters ein stehendes Thema gewesen war, in der späteren verfeinert als Simplicissimus u.s.w. zum Vorschein kam, hier bei einem ganz modernen Dichter ohne Zusammenhang, vielleicht ohne Bekanntschaft mit dieser altdeutschen Figur wieder hervortritt. Allein der [130] Gegenstand liegt dem Publikum zu ferne, es läßt sich keine Vertrautheit mehr mit einem solchen Bilde bewirken. Die Freunde des Dichters, die sich erinnern, wie er mit seinem trefflichen mimischen Talente diese Figur dargestellt, wie er bei'm Weinglase mit geistesverwandten Freunden diese lustigen, tollen Träume ausgeheckt, erzeugen sich aus dieser speziellen Erinnerung leicht wieder das Bild, Fremde aber finden sich, weil ihnen diese Supplemente fehlen, nicht zurechte, ja sie denken vielleicht gar an versteckte Räthsel.

Endlich erhebt sich diese Poësie des naiven substantiellen Bewußtseins in das Gebiet der Religion. Vollkommen trifft der Verf. den schlichten Ton der Legende (Erzengel Michaëls Feder S. 87.). S. 144 versucht er einen jener herrlichen lateinischen altkatholischen Kirchengesänge, wovon er zugleich meines Wissens zuerst den Text mittheilt, zu übersetzen, es will uns aber die Zeile "war Eis im Herzen" als Uebersetzung von: O frigus triste etwas pretiös vorkommen. Herrlich ist das Lied: Wo find' ich Trost? (S. 126).

"Eine Liebe kenn' ich, die ist treu,
War getreu, so lang ich sie gefunden" u.s.w.

Hier seuftzt das Herz aus seinen innersten Tiefen zu Gott und fragt in seiner Noth: Hüter, Hüter, ist die Nacht bald hin, Und was rettet mich von Tod und Sünde?

Doch es ist Zeit, daß wir diesen Genius auch in das Gebiet der Kunstpoësie, der klassisch veredelten Form, der reinen Idealität begleiten. Hier dürfen wir sogleich die tiefe Wärme bewundern, mit der er das bewußtlose Naturleben beseelt. Aus dieser Sphäre hebe ich vor Allem das Gedicht: Mein Fluß (S. 62) hervor. Ich setze nur den Anfang her, um jeden Leser, der die Poësie des Badens in einem Flusse kennt und fühlt, nach dem schönen Ganzen lüstern zu machen.

[131] O Fluß, mein Fluß im Morgenstrahl!
Empfange nun, empfange
Den sehnsuchtsvollen Leib einmal
Und küsse Brust und Wange!
– Er fühlt mir schon herauf die Brust,
Er kühlt mit Liebesschauerlust
Und jauchzendem Gesange
.

Welche Innigkeit der Begeistung liegt schon allein in der Wendung "er fühlt mir", wo ist diese Sehnsucht nach der Berührung des Elements, dieses Gefühl der Einheit mit dem All der Natur schöner poëtisch ausgesprochen worden? Ein andermal fühlt sich die Brust, begierig, dem Naturgeiste sich zu vermählen, von seiner kalten Strenge in sich zurückgeworfen. Der Dichter wendet sich aus dem Grün des Waldes nach dem Ursprung der Quellen, die der Matten grünes Gold durchspielen, zeigt mir, ruft er, die urbemoosten Wasserzellen, Aus denen euer ewigs Leben rollt, Im kühnsten Walde die verwachsnen Schwellen, Wo euer Mutter Kraft im Berge grollt, Bis sie im breiten Schwung an Felsenwänden Herabstürzt, euch im Thale zu versenden, –

O hier ist's, wo Natur den Schleier reißt!
Sie bricht einmal ihr übermenschlich Schweigen:
Laut mit sich selber redend will ihr Geist
Sich selbst vernehmend, sich ihm selber zeigen.
– Doch ach, sie bleibt, mehr als der Mensch, verwaist,
Darf nicht aus ihrem eignen Räthsel steigen!
Dir biet' ich denn, begier'ge Wassersäule,
Die nackte Brust, ach! ob sie dir sich theile!

Vergebens! und dein kühles Element
Tropft an mir ab, im Grase zu versinken.
Was ist's, das deine Seele von mir trennt?
Sie flieht, und möcht' ich auch in dir ertrinken!
Dich kränkt's nicht, wie mein Herz um dich entbrennt,
Küssest im Sturz nur diese schroffen Zinken;
Du bleibest, was du warst seit Tag und Jahren,
Ohn' ein'gen Schmerz der Zeiten zu erfahren
.

Soll ich etwas über diese alterthümliche Kraft, dieses Mark des Verses und der Sprache hinzufügen? Doch nicht immer erscheint die Natur in so abweisender Erhabenheit, dem Dichter wird wohl und warm um's Herz, wenn er im leichten Wanderschweiße durch den Wald voll Vogelsangs wandert und es fühlt der alte, liebe Adam Herbst- und Frühlingsfieber, Gottbeherzte, Nie verscherzte Erstlings-Paradieseswonne. (Fußreise 47.) Voll Jugendfrische glüht sein Inneres auf bei'm Aufflammen der winterlichen Morgenröthe (An einem Wintermorgen S. 1 Zurechtweisung S. 148), den Früh[132]ling fühlt er ahnungsvoll einziehen (Er ist's, S. 37), das leise Weben der Nacht belauscht er, hört in ihrer stillen Einsamkeit der Erdenkräfte flüsterndes Gedränge –

Wie ein Gewebe zuckt die Luft manchmal,
Durchsicht'ger stets und leichter aufzuwehen,
Dazwischen hört man weiche Töne gehen
Von sel'gen Feen, die im Sternensaal
Bei'm Sphärenklang
Und fleißig mit Gesang
Die goldnen Spindeln hin und wider drehen
.

Besonders bezeichnet das schöne Gedicht S. 46. "Im Frühling" die mystisch träumerische Art seiner in unendlich unsagbare Tiefen sich hinabsenkenden Empfindungsfülle. Der Dichter liegt auf dem Hügel, sieht dem Laufe der Wolken, des Flusses zu, das Herz steht offen gleich der Sonnenblume, sehnt sich, dehnt sich in Lieben und Hoffen, die Augen, wunderbar berauscht, thun, als schliefen sie ein, nur noch das Ohr lauscht dem Ton der Biene –

Ich denke dieß, und denke das,
Ich sehne mich, und weiß nicht recht, nach was:
Halb ist es Lust, halb ist es Klage,
Mein Herz, o sage:
Was webst du für Erinnerung
In golden grüner Zweige Dämmerung?
– Alte, unnennbare Tage!

Im orientalischen Geist nennt er die Nacht einen schönen Mohrenknaben, den Tag seine Geliebte, die jener ewig sucht und nicht erreicht: Tag und Nacht S. 156. Dagegen muß es auffallen, wie ein so ächter Dichter die dunkle Allegorie "Die Elemente" S. 158 verfertigen mochte, so ausgezeichnet übrigens dieses Gedicht durch Wohlklang und einzelne phantasievolle Bilder ist. Dieses Gedicht stammt, wie wir wissen, aus der Periode ersten unklaren dichterischen Drangs und findet hierin seine Zurechtlegung.

Der Dichter blickt in seine eigne Brust, seine Vergangenheit erscheint ihm, mit unendlicher Wehmuth wandelt er an der Stätte, wo er die ersten, ahnungsvollen Jünglingsjahre durchlebt hat. Hier bezeichne ich das besonders schöne Gedicht: Besuch in Urach S. 48, woraus ich schon die Strophen anführte, die der Dichter beim Anblick des Wasserfalls im Uracher Thale ausruft. Kennt ihr mich noch, fragt er die besonnten Felsen, "alte Wolkenstühle", die dichten Wälder voll balsamreicher Schwüle, kennt ihr mich noch, der sonst hieher flüchtet? Hier wird ein Strauch, ein jeder Halm zur Schlinge, Die mich in rührende Betrachtung fängt, – Ich fühle, wie von Schmerz und Lust gedrängt Die Thräne stockt, indeß ich ohne Weile, Unschlüssig, satt und durstig, weiter eile." Das Bild erster Freundschaft taucht in seiner Erinnerung auf, er sieht sich am Arme des kindlichen Freundes durch diese Wälder nackend wallen; ihr Hügel, ruft er aus, von der alten Sonne warm, Erscheint mir denn auf keinem von euch allen Mein Ebenbild, in jugendlicher Frische Hervorgesprungen aus dem Waldgebüsche? O komm, enthülle dich, Dann sollst du mir mit Freundlichkeit in's dunkle Auge schauen! Noch immer, guter Knabe, gleich' ich dir, Uns beiden wird nicht voreinander grauen!" [133] Voll Rührung sagt er endlich der theuren Stätte Lebewohl: O Thal! Du meines Lebens andre Schwelle! Du meiner tiefsten Kräfte stiller Herd! Du meiner Liebe Wundernest! ich scheide, Leb wohl! und sei dein Engel mein Geleite!"

Wir haben gesehen, wie innig und wahr der Dichter die Liebe in ihrer naiv volksthümlichen Gestalt sich aussprechen läßt. Ideenvoller, geistiger blickend wird sie in der Gestalt der Kunst-Poësie vor uns treten. Dem einfachen Volksliede noch näher steht das ganz im Geiste Goethischer Anmuth empfangene Erste Liebeslied eines Mädchens S. 38. Das Mädchen glaubt einen Aal im Netze zu ergreifen, aber er schnellt und schnellt ihr in Händen, schlüpft an die Brust, "Er beißt sich, o Wunder! Mir keck durch die Haut, Schießt's Herze hinunter, schnalzet da drinnen, legt sich im Ring – Gift muß ich haben! Hier schleicht es herum, Thut wonniglich graben Und bringt mich noch um!" Wie kindlich traulich ist die Erinnerung des Dichters an eine Jugendliche, die mit den Worten beginnt und schließt: Jenes war zum letztenmal, Daß ich mit dir ging, o Klärchen!" S. 3. Die kräftige Gluth edler und reiner Sinnlichkeit brennt wie die Flammenkrone der Granathblume in dem Gedichte: Liebesvorzeichen S. 40. Aber in höherer Bedeutung geht Schönheit und Liebe auf, da sie auf den Schwingen erhabener Musik dem Dichter zuschwebt. Josephine S. 64. Die Liebe erscheint ihm aber auch als die anmuthvolle Muse seiner Poësie; wenn es im Innern gährt und ringt, wenn dem unruhigen Geiste das tief Empfundene in des Dichters zweite Seele, den Gesang, zu ergießen nicht gelingen will, da beschwichtigt die einfach milde Erscheinung der Geliebten den inneren Kampf – "Wie du dann geruhig deine braunen Lockenhaare schlichtest, Also legt sich schön geglättet All dies wirre Bilderwesen, All des Herzens eitle Sorge, Vielzertheiltes Thun und Denken" – – –. (Der junge Dichter S. 9). Die heilige Bedeutung der Ehe, das rührende Bild des schönsten menschlichen Festes hat uns der Dichter mit jener edlen, beruhigten Sittlichkeit, mit jener tiefen stillen Wärme des Goethischen Genius an's Herz gelegt in dem Hochzeitliede S. 54. Ein räthselhaft geheimnißvolles weibliches Bild, wie aus seltsamen Träumen gewebt, führt der Dichter am Schlusse in einer Reihe von Gedichten "Peregrina" S. 231 vor uns. Hätten wir nur irgend einen Anknüpfungspunkt, um uns diese Phantasmagorieen zu deuten, so müßten uns diese herrlichen Bilder, dieser Zauberhauch, diese mystische Gluth mit ungetheilter Bewunderung erfüllen. Wie schön ist die Stanze im Eingang:

Der Spiegel dieser treuen, braunen Augen
Ist wie von innrem Gold ein Wiederschein;
Tief aus dem Busen scheint er's anzusaugen,
Dort mag solch Gold in heil'gem Gram gedeih'n:
In diese Nacht des Blickes mich zu tauchen,
Unwissend Kind, du selber lädst mich ein,
Willst, ich soll kecklich mich und dich entzünden,
Reichst lächelnd mir den Tod im Kelch der Sünden!

Aber das Bild hat keinen Boden, es fehlt eine Notiz, ein trockener Anhaltspunkt des Verständnisses, und wir [134] müssen hier wiederholen, was wir über phantastische Poësie bereits gesagt haben. Zwar erhalten diese Gedichte im Maler Nolten, in den sie aufgenommen sind, eine Unterlage in der Fabel dieses Romans, aber wenn man auch diese zu Hilfe nimmt, so bleibt doch zu viel Dunkel zurück.

Wir treten aus diesen geweihten Räumen edler Empfindung hinaus in das rauhe Leben und sehen den Dichter von bitteren Erfahrungen erschüttert; doch der harmonische Geist dämpft die Seufzer des Schmerzens, wenn der Dichter aufs Krankenlager hingestreckt, die Muse nicht um Gaben der Dichtkunst, nur um Gesundheit, um Leben fleht – Muse und Dichter S. 119. Genesen schließt er wie ein frohes Kind die Hoffnung wieder in seine Arme und begrüßt heiter den Hilfekundigen Retter – An meinen Arzt 121. Er glaubt sich von den Freunden verkannt, sein Glück, das langgewohnte, endlich hat es ihn verlassen, doch – –

Ich sprach zu meinem Herzen:
Laß uns fest zusammenhalten!
Denn wir kennen uns einander,
Wie ihr Nest die Schwalbe kennt,
Wie die Cither kennt den Sänger,
Wie sich Schwert und Schild erkennen,
Schild und Schwert einander lieben.
Solch ein Paar, wer mag es scheiden?
    Als ich dieses Wort gesprochen,
Hüpfte mir das Herz im Busen
Das noch erst geweinet hatte
.

Im Gefühle der Freiheit des Geistes neckt er lustig die lästigen Philister – Die Visite S. 198. Im Bewußtsein, daß ächte Poësie einen Scherz versteht, parodirt er höchst ergötzlich Goethe's Schäferlied auf einen verlumpten Lammwirth und läßt ihn schließen:

Da kommen die Chaisen gefahren!
Der Hausknecht springt in die Höh'.
Vorüber, ihr Rößlein, vorüber,
Dem Lammwirth ist gar so weh!

Ich wünschte, daß die Leser durch nähere Bekanntschaft mit dem köstlichen Humor, womit der Dichter in schläfrige, etwas simpelhafte Zustände einzugehen weiß, in die treffliche Darstellung des Katzenjammers sich ganz hineinfühlen könnten, der ihn über einem schlechten Gedichte befällt, und woraus ihn endlich ein herzhafter Rettig rettet, den er auffrißt bis auf den Schwanz – Restauration 212. Aehnlich S. 213: Zur Warnung.

Befreit ihn aus dem Druck dieser kleineren Uebel sein Humor, so erhebt sich dagegen im Schwunge der Religion die Seele über den großen und allgemeinen Schmerz der Endlichkeit. Ganz das morgentliche Sabbathsgefühl des neuen Jahrs hauchen die schönen Strophen S. 138, ganz die heilige Trauer der Charwoche das schöne Gedicht S. 155.

Als ein wesentliches Moment in der Durchbildung des Dichters zu diesen durchsichtig edlen Formen der Kunstpoësie erkannten wir die Einflüsse des plastischen Geists der Alten. Von dem vertrauten Umgange mit diesen zeugt die größere Zahl derjenigen Gedichte, die in den letzteren Theil dieses Büchleins aufgenommen sind. Als den poëtischen Genius, dem wie keinem An[135]dern, die Höhen des Pelikon noch einmal sonnenwarm erglänzten, begrüßt er Goethe S. 134, unsern trefflichen Maler Eberhard Wächter läßt er uns in dem schönen Sonnette S. 135 sehen zurückgezogen in seine stillen Wände, Mit traurig schönen Geistern im Verkehr, Gestärkt am reinen Athem des Homer, Von Goldgewölken Attika's umflossen. Aber er darf sich selbst diesen edlen Geistern gesellen, denn Wenigen ist es gelungen, die alten Götter noch einmal in's Leben heraufzuführen, wie er von dem Jubel einer schwäbischen Weinlese begeistert in dem Gedichte: Herbstfeier S. 104 den Gott des Weins und seinen bacchantischen Dienst zu einem neuen, aber im Geiste der Innigkeit und modernen Humanität verklärten Leben aus dem Todesschlummer erweckt. Seine Feier naht, braune Männer, schöne Frauen sind versammelt, ihn zu ehren, Noch ist vor der nahen Feier Süß beklommen manche Brust, Aber weiter bald und freier Uebergibt sie sich der Lust, – der Jubel beginnt, schon ist der Dienst des Gottes in vollem Lauf, Amor auch hat nichts dawider, Wenn sich Wang' an Wange neigt, Und der Mund, im Takt der Lieder, Sich dem Mund entgegenbeugt, – dort drückt ein betrunkener Alter kindisch den Krug an die Wange, indeß ein Junge ihm mit der Fackel kräftig den gekrümmten Rücken schlägt. Aber ernst schaut aus dem Gebüsche, von Epheu umrankt, das träumerische Marmorbild des Gottes –

Wie er lächelnd abwärts blicket!
Er besinnet sich nur kaum.
Herrlicher! Dein Auge nicket,
Doch dieß Alles ist ein Traum;
Luna sucht mit frommer Leuchte
Dich, o schöner Jüngling, hier,
Schöpfet zärtlich ihre feuchte
Klarheit auf die Stirne dir
.

Er ist der Liebling der Götter und Menschen, der Retter des Zeus, Mars schließt erst ihn in seine Arme, Fühlet nun am Göttermarke sich gedoppelt einen Gott, Dann erst brüllt der Himmlisch-Arge Todeslust und Siegerspott. Die Feiernden treten vor ihn, flehen ihn um ein Zeichen, daß ihm ihr Dienst willkommen sei –

Tritt in unsre bunte Mitte,
Oder winke mit der Hand,
Wandle drei gemeßne Schritte
Längs der hohen Rebenwand!
– Ach, er läßt sich nicht bewegen –
Aber, horcht, es bebt das Thal!
Ja, das ist von Donnerschlägen:
Horch, und schon zum dritten Mal!

Selber Zeus hat nun geschworen,
Daß sein Sohn uns günstig sei.
So ist kein Gebet verloren,
So ist der Olymp getreu. –
Doch nach solcher Götterfülle
Ungestümem Ueberschwang
Werden alle Herzen stille,
Alle Gäste zauberbang.

Stimmet an die letzten Lieder!
Und so, Paar an Paar gereiht,
Steiget nun zum Fluß hernieder,
Wo ein festlich Schiff bereit,
Auf dem vordern Rand erhebe
Sich der Gott und führ' uns an
,
[136] Und der Kiel, mit Flüstern, schwebe
Durch die mondbeglänzte Bahn!

Wie vergeistigt erscheint hier der alte wilde Naturdienst im romantischen Echo dieser herrlichen Reime! Doch Moerike hat auch antike Formen nachgebildet und gar manches Anmuthige im Sinne der elegischen und epigrammatischen Lyrik der Alten gegeben. Wie lieblich ist S. 103. Die lose Waare! Amor als Savoyarde tritt zu dem Dichtern auf's Zimmer, das Jäckchen verschiebt sich, der Dichter ruft: Ei, laß sehen, mein Sohn! Du führst auch Federn im Handel? Amor legt lächelnd den Finger auf die Lippen und flüstert: Stille! sie sind nicht verzollt. Er füllt umsonst dem Dichter das Tintenfaß, und entschlüpft. Von dem Moment an, will er was Nützliches schreiben, gleich wird ein Liebesbrief, wird ein Erotikon draus. Unter den lieblichsten Epigrammen erotischer Gattung zeichne ich besonders noch aus: Maschinka S. 123. Das edelste kindliche Gefühl spricht aus den Distichen "An meine Mutter" S. 126. Wie sinnig ist die wilde Rose an dem unberühmten Grabe von Schillers Mutter gedeutet! S. 113. So vieles Liebliche und Edle aber der Dichter in diesen älteren Formen reicht, so wenig scheint er für das moderne Epigramm und dessen witzige Spitze bestimmt zu sein. Einiges zwar ist ihm gelungen, namentlich S. 202. Der Liebhaber an die heiße Quelle in B.

Du heilest Den und tröstest Jenen,
O Quell, so hör auch meinen Schmerz!
Ich klage dir mit bittern Thränen
Ein hartes, kaltes Mädchenherz.
Es zu erweichen, zu durchglühen,
Dir ist es eine leichte Pflicht;
Man kann ja Hühner in dir brühen,
Warum ein junges Gänschen nicht?

Anderes aber ist matt und ohne Salz: der Dichter selbst in seiner Phantasiefülle, welche mehr als Witz ist, verbarg sich diesen Mangel gewiß durch das Charakteristische des Bildes, das ihm dabei vorschwebte, vergaß aber, daß das Poëtische, ohne solches Rückwärtsschließen auf etwaige Supplemente im Subjecte des Dichters, bezaubern soll. Hier beginnt wirklich der anfänglich so volle Strom dieser Lyrik im Sande zu verlaufen; statt der prasselnden Flamme reibt der Dichter Zündhölzchen, die öfters nicht brennen wollen. Schmieden wir aber dem Geiste, der bis dahin gewiß in unserer Liebe sich festgesetzt, keinen Vorwurf. Moerike steht an poëtischen Gaben zu hoch, um im Witze zu glänzen. Lessing war ein feiner Epigrammatist, aber kein Dichter, sondern ein Kritiker. Unter den Xenien sind bekanntlich die pikantesten, nicht von Goethe, sondern von Schiller. Moerike hat mehr komische Ader als diese beiden: dieß ist aber die komische Anschauung, die himmelweit über dem Witze steht, und die sich erst im Epischen, wozu sich dieser glückliche Genius erhob, zeigen konnte. Indem wir hier von ihm als Lyriker Abschied nehmen, mache ich noch besonders darauf aufmerksam, wie reicher Stoff für Componisten in diesen Liedern ist, und kehre eben hiedurch zum herzlichsten Lobe dieser ächt poëtischen Produkte zurück.

 

 

[Die Anmerkungen stehen als Fußnoten auf den in eckigen Klammern bezeichneten Seiten]

[124] *) Es heißt im Maler Nolten: aber nicht immer beständig. Gewiß schöner. Moerike hat auch sonst in einer allzuängstlichen Besorgniß, dem platten Verstande paradox zu erscheinen, mit seinen Gedichten bei der Herausgabe derselben verflachende Correcturen vorgenommen; eine Unsicherheit, die man öfters bei genialen Geistern findet, wenn sie im Zustande der Reflexion das in der poëtischen Stimmung Empfangene wieder vor sich nehmen.   zurück

[127] *) Ich weiß nicht, ob das Wort "frech" auch außerhalb Schwaben vom Volke noch in seiner ursprünglichen Bedeutung (frei) für einen Ausdruck von Kühnheit und Selbstgefühl gebraucht wird. Es gehört unter die erst später unedel gewordenen Wörter.   zurück

[129] *) Dieses "Tüwingen" für Tübingen ist, so wie der Ausdruck: bis daß die Zeit erfüllet was (was, für war, gienge wohl, aber es muß nach dem Zusammenhang "ist" heißen) eine Spielerei, die wir nicht billigen können.   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik.
1839, Juli:
Nr. 14, Sp. 108-112
Nr. 15, Sp. 113-120
Nr. 16, Sp. 121-127
Nr. 17, Sp. 129-136. [PDF]

Gezeichnet: Fr. Vischer.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).


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Zeitschriften-Repertorien

 

Mit geringfügigen Änderungen aufgenommen in

 

Das besprochene Werk

 

 

Literatur

Ajouri, Philip: Vischer als Literaturhistoriker und Literaturkritiker. In: Friedrich Theodor Vischer. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg. von Barbara Potthast u.a. Heidelberg 2011 (= Beihefte zum Euphorion, 61), S. 99-118.

Albrecht, Wolfgang: Wegweiser zu neuer Poesie? Ästhetische Kriterien politisierter deutscher Literaturkritik um 1850 (Wienbarg, Vischer, J. Schmidt). In: Literaturkonzepte im Vormärz. Hrsg. von Michael Vogt u.a. Bielefeld 2001 (Forum Vormärz Forschung, Jb. 2000), S. 23-47.

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Vgl. bes. S. 205-221.

Ansel, Michael: Prutz, Hettner und Haym. Hegelianische Literaturgeschichtsschreibung zwischen spekulativer Kunstdeutung und philologischer Quellenkritik. Tübingen 2003.

Anz, Thomas: Art. Rezension. In: Handbuch der literarischen Gattungen. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart 2009, S. 606-612.

Barnouw, Dagmar: Entzückte Anschauung. Sprache und Realität in der Lyrik Eduard Mörikes. München 1971.
S. 17-33: Mörikes Situation im 19. Jahrhundert: das Verhältnis zu F. Th. Vischer und D. F. Strauss.

Burkhardt, Ursula: Germanistik in Südwestdeutschland. Die Geschichte einer Wissenschaft des 19. Jahrhunderts an den Universitäten Tübingen, Heidelberg und Freiburg. Tübingen 1976 (= Contubernium, 14).

Busch, Werner: Die Antrittsvorlesung Friedrich Theodor Vischers bei Übernahme des Lehrstuhls für Ästhetik und Literaturwissenschaft an der Universität Tübingen 1844. In: "Auch einer". Friedrich Theodor Vischer zum 100. Todestag. Katalog zur Ausstellung des Städtischen Museums Ludwigsburg 14. Sept. 1987 – 28. Feb. 1988. Ludwigsburg 1987, S. 28-39.

Eck, Else von: Die Literaturkritik in den Hallischen und Deutschen Jahrbüchern (1838 – 1842). Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft. Nendeln/Liechtenstein 1967.   –   Nachdruck der Ausgabe Berlin 1926 (= Germanische Studien, 42).

Gethmann-Siefert, Annemarie: Friedrich Theodor Vischer – "Der große Repetent deutscher Nation für alles Schöne und Gute, Rechte und Wahre". In: "O Fürstin der Heimath! Glükliches Stutgard". Politik, Kultur und Gesellschaft im deutschen Südwesten um 1800. Hrsg. von Christoph Jamme u.a. Stuttgart 1988 (= Deutscher Idealismus. Philosophie und Wirkungsgsgeschichte in Quellen und Studien, 15), S. 329-349.

Glockner, Hermann: Friedrich Theodor Vischer und das neunzehnte Jahrhundert. Berlin 1931 (= Neue Forschung. Arbeiten zur Geistesgeschichte der germanischen und romanischen Völker, 10).

Görner, Rüdiger: Lyrik in der Literaturkritik. In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart u.a. 2011, S. 251-257.

Herin, Chrisoph: Biedermeier. In: Geschichte der deutschen Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Hrsg. von Walter Hinderer. 2. Aufl. Würzburg 2001, S. 279-307.

Hohendahl, Peter U.: Literarische Kultur im Zeitalter des Liberalismus 1830 – 1870. München 1985.

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Kipper, Hannalene: Die Literarkritik Friedrich Theodor Vischers. Gießen 1941 (= Gießener Beiträge zur deutschen Philologie, 78).

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Todesko, Martina: Poesie, Philosophie, Ästhetik: Zum Briefwechsel zwischen Vischer und Mörike. In: Friedrich Theodor Vischer. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg. von Barbara Potthast u.a. Heidelberg 2011 (= Beihefte zum Euphorion, 61), S. 137-151.

Todorow, Almut: Gedankenlyrik. Die Entstehung eines Gattungsbegriffs im 19. Jahrhundert. Stuttgart 1980 (= Germanistische Abhandlungen, 50).



Vischer, Friedrich Theodor: Ueber das Erhabene und Komische, ein Beitrag zu der Philosophie des Schönen. Stuttgart: Imle & Krauss 1837.
URL: http://catalog.hathitrust.org/Record/005721313

Vischer, Friedrich Theodor: [Rezension zu:] Maler Nolten. Novelle in zwei Theilen von Eduard Mörike. In: Hallische Jahrbücher für deutsche Wissenschaft und Kunst.
1839:
Nr. 144, 17. Juni, Sp. 1145-1149
Nr. 145, 18. Juni, Sp. 1153-1157
Nr. 146, 19. Juni, Sp. 1161-1168
Nr. 147, 20. Juni, Sp. 1175-1176. [PDF]
Aufgenommen in: Friedrich Theodor Vischer: Kritische Gänge. Bd. 2. Tübingen: Fues 1844; hier: S. 216-242.
URL: http://archive.org/details/kritischegnge06viscgoog
URL: http://catalog.hathitrust.org/Record/006095189

Vischer, Friedrich Theodor: [Rezension zu:] Gedichte von Eduard Moerike. Stuttgard u. Tübingen, 1838. Verlag der Cotta'schen Buchhandlung. In: Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik.
1839, Juli:
Nr. 14, Sp. 108-112
Nr. 15, Sp. 113-120
Nr. 16, Sp. 121-127
Nr. 17, Sp. 129-136. [PDF]
Aufgenommen in: Friedrich Theodor Vischer: Kritische Gänge. Bd. 2. Tübingen: Fues 1844; hier: S. 243-281. [PDF]
URL: http://archive.org/details/kritischegnge06viscgoog
URL: http://catalog.hathitrust.org/Record/006095189

Vischer, Friedrich Theodor: Der Triumph der Religion in den Künsten, von Friedrich Overbeck. In: Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst.
1841:
Nr. 28, 3. August, S. 109-111
Nr. 29, 4. August, S. 113-114
Nr. 30, 5. August, S. 117-120
Nr. 31, 6. August, S. 121-124
Nr. 32, 7. August, S. 125-128. [PDF]
Aufgenommen in: Friedrich Theodor Vischer: Kritische Gänge. Bd. 1. Tübingen: Fues 1844; hier: S. 163-206.
URL: http://catalog.hathitrust.org/Record/006095189

Vischer, Friedrich Theodor: [Rezension zu:] Gedichte eines Lebendigen. Mit einer Dedication an den Verstorbenen. Sechste Auflage, 1843. Zürich, Literarisches Comptoir. In: Jahrbücher der Gegenwart.
1843, Juli:
Nr. 1, S. 3-4
Nr. 2, S. 7-8
Nr. 3, S. 11-12
Nr. 4, S. 15-16
Nr. 5, S. 18-20. [PDF]
Aufgenommen in: Friedrich Theodor Vischer: Kritische Gänge. Bd. 2. Tübingen: Fues 1844; hier: S. 282-315. [PDF]
URL: http://archive.org/details/kritischegnge06viscgoog
URL: http://catalog.hathitrust.org/Record/006095189

Vischer, Friedrich Theodor: [Rezension zu:] Gedichte eines Lebendigen. Zweiter Band. Zürich u. Winterthur: Verlag des litterarischen Comptoirs 1844. In: Friedrich Theod. Vischer: Kritische Gänge. Bd. 2. Tübingen: Fues. 1844, S. 316-340. [PDF]
URL: http://archive.org/details/kritischegnge06viscgoog
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Vischer, Friedrich Theodor: Shakspeare, in seinem Verhältniß zur deutschen Posie, insbesondere zur politischen. In: Literaturhistorisches Taschenbuch. Hrsg. von R. E. Prutz. Jg. 2, 1844, S. 74-130. [PDF]

Vischer, Friedrich Theodor: Noch ein Wort darüber, warum ich von der jetzigen Poesie nichts halte. Zur Entgegnung auf eine Aeußerung von Hrn. A. Stahr. In: Jahrbücher der Gegenwart. 1844, Februarheft, S. 165-177. [PDF]

Vischer, Friedrich Theodor: Politische Poesie. In: Jahrbücher der Gegenwart. 1845, Märzheft, S. 237-253. [PDF]

Vischer, Friedrich Theodor: Aesthetik oder Wissenschaft des Schönen. Zum Gebrauche für Vorlesungen. 3 Teile. Reutlingen u.a.: Mäcken 1846-1857.
URL: [Deutsches Textarchiv, HathiTrust, ZVDD: vollständig].

Vischer, Robert (Hrsg.): Briefwechsel zwischen Eduard Mörike und Friedrich Theodor Vischer. München: Beck 1926.

Vischer, Friedrich Theodor: Über das Erhabene und Komische und andere Texte zur Ästhetik. Hrsg. von Willi Oelmüller. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1967.

Vischer, Friedrich Theodor: Kritische Skizzen. Hrsg. von Hermann Bausinger. Tübingen: Klöpfer & Meyer 2009 (= Eine kleine Landesbibliothek, 6).


Verzeichnisse

Reck, Alexander: Art. Vischer. In: Internationales Germanistenlexikon, 1800 – 1950. Bd. 3. Berlin u.a.: de Gruyter 2003, S. 1953-1956.

Jacob, Herbert (Bearb.): Deutsches Schriftstellerlexikon 1830 – 1880. Bd. St-V. Berlin: Akademie Verlag 2007.   –   S. 457-471: Art. Vischer.




Widhammer, Helmuth: Realismus und klassizistische Tradition. Zur Theorie der Literatur in Deutschland 1848 – 1860. Tübingen 1972 (= Studien zur deutschen Literatur, 34).

 

 

Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer