Ferdinand Freiligrath

 

 

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                                Aus Spanien.

 

            (Vorgetragen von Herrn Balson in der dritten Soirée des
            Frankfurter Museums, Freitag, 19. November 1841.)

 

                                    Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor.

5   Der Platz ist leer, das Volk hat sich verlaufen,
Der Dampf verflog, die Schüsse sind verhallt;
Nur hier und dort steht einsam noch ein Haufen,
Im Auge Zorn, die Hände starr geballt;
Husaren zieh'n; – ein Tag der Schmach war Euer!
10   Ihr goßt das Blei, das seine * Brust zerriß!
Ihr schoßt es ab! Euch galt sein Wort: "Gebt Feuer!
. . . . Exoriare aliquis!"

"Gebt Feuer!" – ja, das hat er oft gesprochen,
Wenn er zu Roß durch eure Reihen flog,
15   Wenn zu der Hufe ungeduld'gem Pochen
Er nun sein Schwert, das makellose, zog!
Für Spaniens Heil, für eurer Waffen Ehre,
Wie hat er stets zu führen euch gewußt!
Heut' lenkt' er wieder eure Feuerröhre,
20   – O Gott, auf seine eigne Brust!

Und wer verdammt' ihn? – Er, der jezt das Ruder
Des morschen Staats in ehr'nen Händen hält!
Der Waffenbruder seinen Waffenbruder!
Nicht wahr – sie schliefen in demselben Zelt?
25   Ihr saht sie rasten oft in Einer Scheuer?
Aus Einem Becher tranken sie? – Gewiß!
Ihr saht es oft! – O Gott, und heute? – "Feuer!
. . . . Exoriare aliquis!"

So war sein Wunsch: "Laßt mich zu Pferde sitzen!
30   Ja, laßt mich steigen auf mein liebstes Pferd!
Noch einmal gern säh' ich mein Schwert erblitzen,
So wie es Reitern aus der Scheide fährt!
Den ich im Kampf erblickt auf tausend Seiten,
Dem ich seit Jahren dreist die Stirne bot,
35   Auch jezt dem Tod möcht' ich entgegen reiten
Gern stürb' ich einen Reiterstod!"

Er starb ihn nicht – er ward hinaus gefahren!
Gesenkten Halses blieb daheim sein Roß;
Dicht lag der Staub auf seinen Mähnenhaaren,
40   Indeß man draußen seinen Herrn erschoß!
[1142] Einförm'gen Hufschlags trat es sein Gemäuer –
Ha, lieber wahrlich knirscht' es in's Gebiß,
Und stampfte wiehernd in den Zuruf: – "Feuer!
. . . . Exoriare aliquis!"
45    
Schlank, hoch und herrlich trat er aus dem Wagen;
Dann küßt' er brünstig ein Marienbild.
"In allen Schlachten hab' ich dich getragen:
Was du vermochtest, hast du treu erfüllt!
Die dich mir gab, mein Weib hat dich gesegnet,
50   Geh' zu ihr heim – gethan ist deine Pflicht!
Du lenkst die Kugeln, so die Wahlstatt regnet,
Der Richtstatt Kugeln lenkst du nicht!" –

Dann, daß kein Blei an ihm vorüberpfeife,
Gab er den Schützen selber ihren Stand,
55   Und wies sie an und richtete die Läufe,
Und riß sich auf sein blitzend Kriegsgewand;
Gab Ring und Kreuz dem Freunde drauf: – "Du Treuer!
Dieß dem Regenten – meinem Weibe dieß!
Zerbrich mein Schwert! Was zaudert ihr? Gebt Feuer!
60   ... Exoriare aliquis!"

Die Salve fiel: – was wollt ihr weiter wissen?
Die Salve fiel: – sein Auge zuckte nicht!
"Legt an, gebt Feu'r!" – Zerschmettert und zerrissen
Sank in den Staub sein edel Angesicht! –
65   So war sein Tod! Ich heiß' ihn einen schönen!
Es war ein muth'ger, ritterlicher Fall,
Und er verdient es, daß ihm Verse dröhnen,
Dumpf, wie gedämpfter Trommeln Schall.

Die ihr gehört – frei hab' ich sie verkündigt;
70   Ob Jedem recht: – schiert ein Poet sich drum?
Seit Priam's Tagen, weiß er, wird gesündigt
In Ilium und außer Ilium!
Er beugt sein Knie dem Helden Bonaparte,
Und hört mit Zürnen d'Enghien's Todesschrei:
75   Der Dichter steht auf einer höhern Warte,
Als auf den Zinnen der Partei.

Drum auch: – Soll ja, was Jener ernst gesprochen,
Jezt oder später in Erfüllung gehn,
Soll aus der Opfer blutbesprizten Knochen
80   Ein Held, ein Rächer flammend auferstehn: –
Nicht sey's für sie! Was Einzelnen Altäre!
Dir nur, o Spaniens kriegszerriß'ne Mark,
Dir nur, du Land altritterlicher Ehre,
Zwei Arme wünsch' ich, fest und stark.
85    
Unselig Land, dich wollt' ich, daß sie rächten;
Du liegst und stöhnst – kein Helfer tritt heran.
Du gleichst dem Stier in deinen Stiergefechten,
Der blutend zuckt und doch nicht sterben kann.
Die Völker sehn's, sie stehn geschaart im Kreise!
90   Daß er dich rette – tritt kein Einz'ger vor?
Ein Matador! – Wen lüstet nach dem Preise? –
"Ein Reich für einen Matador!"

Nicht, daß er vollends dich zum Tod verwunde –
Nein, daß er heile deine Wunden dir!
95   Noch ist es Zeit! – Noch hast du Kraft! – Gesunde!
Wirf deine Quäler, Andalusia's Stier!
Noch wehn in Büscheln deines Hauptes Haare,
Dein Auge glüht, scharf noch ist dein Gebiß!
Ein Matador! – Wer wagt's? – – Exoriare!
   
Exoriare aliquis!

 

 

[Fußnote, S. 1141]

* Diego Leon's. Vergl. Preuß. Staatszeitung vom 2ten November 1841.   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Morgenblatt für gebildete Leser.
1841, Nr. 286, 30. November, S. 1141-1142.

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Zeitschriften-Repertorien

 

Mit geringfügigen Änderungen aufgenommen in

 

 

 

Werkverzeichnis


Verzeichnisse

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Vierte, vermehrte Auflage. Stuttgart u. Tübingen: Cotta 1841.
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PURL: http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10108199-5
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Frankfurt a.M.: Sauerländer 1845.
URL: http://catalog.hathitrust.org/Record/006633002

Freiligrath, Ferdinand (Übers.): Englische Gedichte aus neuerer Zeit.
Stuttgart u. Tübingen: Cotta 1846.
URL: https://archive.org/details/englischegedicht01frei
URL: https://catalog.hathitrust.org/Record/006502763

Freiligrath, Ferdinand: Ça ira! Sechs Gedichte.
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Freiligrath, Ferdinand (Hrsg.): Dichtung und Dichter. Eine Anthologie.
Dessau: Katz 1854.
PURL: http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10108205-1
URL: https://archive.org/details/dichtungunddich00freigoog

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URL: https://digipress2.digitale-sammlungen.de/

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PURL: http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb11016207-7


Haeckel, Manfred (Hrsg.): Freiligraths Briefwechsel mit Marx und Engels.
2 Bde. 2. Aufl. Berlin: Akademie Verlag 1976.

Füllner, Bernd (Hrsg.): "Das Büchlein ist nun einmal, wie es ist!".
Ferdinand Freiligraths Briefwechsel mit August Schnezler.
Bielefeld: Aisthesis 2016
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Literatur

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Bock, Adolf: Das Phänomen der jetzigen Lyrik. In: Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst.
1842:
Nr. 87, 13. April, S. 345-346
Nr. 88, 14. April, S. 349-351
Nr. 89, 15. April, S. 353-354
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URL: https://catalog.hathitrust.org/Record/000542560
URL: http://www.ub.uni-koeln.de/permalink/2009/00/katkey:255582

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Vaßen, Florian: Exotismus, Revolution und Vaterland. Ferdinand Freiligrath (1810 – 1876) – ein Lyriker des 19. Jahrhunderts. Zum 200. Geburtstag. In: Zeitschrift für Germanistik 20 (2010), S. 622-629.

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Werner, Hans-Georg: Geschichte des politischen Gedichts in Deutschland von 1815 bis 1840. 2. Aufl. Berlin 1972.

Wild, Reiner: Politische Lyrik im Vormärz. In: Revolution 1848/49. Ereignis – Rekonstruktion – Diskurs. Hrsg. von Gudrun Loster-Schneider. St. Ingbert 1999 (= Mannheimer Studien zur Literatur- und Kulturwissenschaft, 21), S. 197-236.

Woesler, Winfried: Heines Kritik an der Tendenzdichtung. Zur Parodie von Freiligraths "Mohrenfürst". In: "Trotz Alledem". Ferdinand Freiligrath. Dichtung zwischen Innerlichkeit und Engagement. Tagung der Evangelischen Akademie Iserlohn vom 29.11. bis 01.12.1985 in Haus Orthlon, Iserlohn. Hrsg. von der Evangelischen Akademie Iserlohn. Iserlohn 1985, S. 20-28.

Ziegler, Edda: Literarische Zensur in Deutschland 1819 – 1848. Materialien, Kommentare. 2. Aufl. München 2006.

 

 

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Lyriktheorie » R. Brandmeyer