Julian Schmidt

 

 

[Rezension]

 

Ferdinand Freiligrath. *)

 

Bei jeder neuen Sammlung von Gedichten, welche Freiligrath herausgiebt, überkommt uns ein unangenehmes Gefühl, daß so viel poetisches Talent durch eine verkehrte Richtung schmählich zu Grunde geht. Daß Freiligrath noch immer das alte Talent besitzt, zeigt sich in den Uebersetzungen, die auch diesmal so ziemlich die Hälfte der Sammlung ausmachen. Man findet in denselben keine Spur von jenem steifen, gezwungenen Wesen, welches in der Regel lyrische Uebertragungen charakterisirt. Sie klingen genau wie Originalgedichte, und dabei ist nicht nur der Sinn, sondern auch der Ton und die Stimmung der Gedichte auf das Getreueste wiedergegeben. In der eigenen dagegen, wenn sie nicht rein formeller Natur sind, und eigentlich ohne allen Inhalt und ohne Pointe, z.B. das Gedicht "Nach England", empört uns nicht nur der Gegenstand, sondern auch der Ton. Nicht ungestraft ergeht sich die Muse in sansculottischen Empfindungen, die Rohheit der Empfindung geht auch auf die Sprache über. Während Freiligrath früher die Salbung und das Pathos seiner Sprache etwas über die Gebühr steifte, hält er es jetzt für seine Pflicht, in dem cynischen Ton eines verwilderten Trunkenboldes zu reden. "Schwerenoth, verdammt, vermaledeit" und ähnliche Flüche quellen nicht naturwüchsig aus seinen Anschauungen, sie bilden die Würze, welche das Gericht für das demokratische Publicum genießbar machen soll. Bis zu welcher Geschmacklosigkeit sich ein Dichter auf diesem Wege verirren kann, dafür ist das beste Zeugniß das Gedicht "Californien", von dem wir hier die erste Strophe anführen:

Auf sein Lager wirft sich lachend der Gnom:
Sacrament! Ja, der Sacramentostrom!
Hohoho, und die Menschheit, die kecke!
Kaum daß ihrer Einer den Bettel entdeckt,
Als gleich Tausende rufen: Hui, das schmeckt,
Und aber Tausende: Fort, daß es kleckt,
Und nun stehn sie stille, vergnügt und bedreckt,
Und wühlen im Dreck nach dem Drecke.

Und in diesem Tone geht es durch zehn Strophen fort, abwechselnd mit Zeitungsanspielungen und eben so unklaren als schmuzigen Bildern. – Noch [55] schlimmer ist es mit dem Inhalt. Ich will hier nicht von den neuen Variationen auf das alte Thema der Marseillaise reden, die doch immer nur auf ein ausgeführtes Hurrah! schlagt todt! herauskommen. Daß man in der Hitze seinen Gegner verwünscht und ihm mit allem möglichen Unheil droht, liegt in der Natur der Sache, und da unsre royalistischen Dichter sich im Schimpfen gegen die Demokraten einander überbieten, so können sie es den demokratischen Dichtern nicht verargen, wenn Diese ihrerseits über das Maß hinausgehen. Aber wenn man die übertriebene Wildheit in Schlacht- und Trinkliedern verzeiht, deren bacchantischer Charakter Vieles entschuldigt, so ist das nicht der Fall bei solchen Gedichten, die sich auf einen bestimmten historischen Gegenstand beziehen. Hier werden wir von dem Dichter verlangen, daß die Empfindung, die er seinen Helden leiht, oder welche diese Helden in ihm erwecken, wenigstens in einigem Verhältniß zur Wirklichkeit stehen; wenn aber Freiligrath in einem seiner Gedichte einen edlen, tugendhaften Menschen auf der Grenzscheide von England und Frankreich, trotz der Gefahren, die ihn umdrohen, aus aufopfernder, hingebender Liebe für's Vaterland die Flucht nach der Fremde aufgeben und den sichern Tod für sein Volk vorziehen läßt, und wenn wir dann erfahren, daß dieser Held kein Andrer ist, als Marat, so können wir das nicht mehr hingehen lassen. Abgesehen von der Rohheit der Gesinnung, die darin liegt, sich überhaupt für ein Ungeheuer zu begeistern, kann man sich doch wenigstens eine Stimmung vorstellen, in der man, wie Nero, der Menschheit einen einzigen Hals wünscht, um ihn umdrehen zu können, und in einer Art von geistiger Trunkenheit den Neronen der Vergangenheit oder Lucifer, ihrem Obersten, ein Vivat bringt: aber aus dieser Stimmung herausgehen und mit anscheinender Ruhe und Gelassenheit den scheußlichsten Bluthund, den die Erde gesehen hat, wie einen frommen, sanften, verklärten Märtyrer feiern, das ist eine Sünde gegen den heiligen Geist der Geschichte, die nicht vergeben werden kann.

Und doch klingt hinter allen diesen Renommistereien ein Etwas durch, was den Argwohn aufkommen läßt, das Alles sei nicht wirkliche Leidenschaft, sondern erkünsteltes, gemachtes Wesen. Der Umschwung, den Freiligrath in seinen politischen Ueberzeugungen erfahren, war zu gewaltsam, zu wenig vorbereitet, als daß wir recht daran glauben könnten. Es sieht fast so aus, als ob dieser Jakobinismus nur der übrigens gleichgiltige Stoff wäre, an dem er sein formelles inhaltloses Talent eben so ausübt, wie früher an den Wüstengeschichten, die er auch nicht aus unmittelbarer Anschauung und Empfindung, sondern nach dem Medium von Reisebeschreibungen darstellte.

Freiligrath's Talent ist wenigstens nach seiner Seite hin überschätzt worden, wie es fast bei jedem Dichter der letzten Jahrzehende der Fall gewesen ist. *) [56] Allerdings ist seine Virtuosität in der Handhabung der Sprache, des Metrums und des Reims bewundernswürdig. Er spielt mit dem Alexandriner, in dem die Deutschen früher nur das steife, pedantische Wesen gesehen hatten, mit derselben Leichtigkeit und Sicherheit, wie mit der Ottave, dem Sonett und andern Italienischen Weisen. Diese Virtuosität verführt ihn sogar, wie die herumreisenden Geiger und Clavierspieler, sich unnöthige Schwierigkeiten zu schaffen, deren Ueberwindung mehr die technische Fertigkeit, als den guten Geschmack verräth. Er bewegt sich mit großer Vorliebe in unerhörten und gewaltsamen Reimen, die dem Ohr zwar keinen besonders angenehmen Eindruck machen, die aber doch durch die Leichtigkeit imponiren, mit der er ihrer Herr wird, und es ist nicht zu läugnen, daß wenigstens ein Theil seines Erfolgs diesem Virtuosenthum zugeschrieben werden muß. Ich kenne nur einen Dichter, dessen Technik ihm an die Seite zu stellen ist, und dessen Beispiel auf ihn den größten Einfluß ausgeübt hat: Victor Hugo. Freiligrath hat auch noch ein zweites Talent: er weiß wenigstens an einzelnen Stellen die poetische Empfindung in das angemessene Bild zu übersetzen, und einzelne Strophen, z.B. in seinem bekannten Gedichte: "Der Löwenritt", sind darin unvergleichlich, während die übrigen Strophen auf leere Reimereien herauskommen. Bei einem lyrischen Gedicht ist es aber erforderlich, daß es in seiner Totalität einen befriedigenden, melodischen Eindruck macht; das verkennen unsre modernen Lyriker und ihre Verehrer.

Aber eben so wie Victor Hugo fehlt ihm die Hauptsache, die den lyrischen Dichter macht. Die Sprache hat für ihn keine Schwierigkeiten, er kann Alles sagen, was er will und wie er es will, aber – er hat Nichts zu sagen. Er hat niemals in sein eigenes Innere geblickt, niemals mit theilnehmender Aufmerksamkeit das Herz der Menschen durchforscht. Das Herz ist aber der einzige Gegenstand der lyrischen Poesie, und alles Uebrige, Natur, Kunst, Politik u.s.w. nur, insofern es sich im Herzen wiederspiegelt. Ich fordere aber die Verehrer Freiligrath's auf, irgend eines seiner Gedichte nachzuweisen, in welchem eine neue Saite des Herzens entdeckt und mit überwältigender Kraft angeschlagen wäre. Aus diesem Mangel ist es auch zu erklären, daß selbst seine Naturbilder nie jene Unmittelbarkeit und jene innere Harmonie zeigen, welche allein im Stande ist, das Seelenlose in den Kreis der Poesie einzuführen. Seine vereinzelten, zum Theil glücklichen Anschauungen gestalten sich nie zu einer vollkommen reinen, abgerundeten Stimmung, nie zu einer klaren, melodisch empfundenen Geschichte, seine Balladen sind fast alle ohne Pointe, und in seinen beschreibenden Gedichten kann man die Strophen beliebig durch einander mischen, ohne daß der Eindruck geschwächt wird. Diese Reflexionspoesie, die sich der Natur und dem Herzen entzieht, kann nur durch Eins gerechtfertigt werden, durch die tiefen Gedanken und durch die sittliche Energie, wie sie Schiller's didaktischen Gedichte auszeichnet. Von beiden ist bei Freiligrath keine Spur.

[57] Ich glaube daher nicht zu irren, wenn ich das Gefühl der innern Armuth, dessen er sich auf die Länge nicht mehr erwehren konnte, für eins der bedeutendsten Motive seiner Umkehr halte. Als er das bekannte Gedicht gegen Georg Herwegh machte, in dem der ganz richtige Ausspruch vorkam: der Dichter steht auf einer höhern Warte, als auf den Zinnen der Partei, d.h. mit andern Worten, der ästhetische Gesichtspunkt kann nicht vollständig mit dem politischen zusammenfallen (wobei ich freilich bemerken muß, daß beide in einem dritten, in dem sittlichen, ihre höhere Vereinigung und Vermittelung finden), und als Herwegh, dessen melancholische, etwas sentimentale Natur durch den Weihrauch, der ihm von allen Seiten überschwenglich gestreut wurde, bereits vollständig berauscht war, ihm in den pöbelhaftesten Schimpfreden antwortete, hatte dieser Angriff die entgegengesetzte Wirkung, die er sonst bei einer energischen und eigensinnigen Natur zu haben pflegt: Freiligrath wurde bekehrt. Die Macht der allgemeinen Stimmung riß ihn nicht allein fort, sie gab ihm zu gleicher Zeit den Stoff, nach dem er lange vergebens gesucht hatte, und die Gelegenheit zu einer autonomen That, die ihn über das Gefühl jenes Mangels emporhob: er brach mit etwas Ostentation mit dem Königthum, er opferte dem Vaterland jenes Jahrgehalt des Königs von Preußen, das ihm von Seiten Herwegh's so harte Vorwürfe zugezogen hatte (1843). Seit der Zeit hat er sich in die neue Anschauungsweise so vertieft, daß an eine weitere Fortbildung kaum zu denken ist.

Ich habe mich schon mehrmals dahin ausgesprochen, daß die principielle Abneigung gegen die politische Poesie, wie sie heut zu Tage von vielen Seiten zur Schau getragen wird, keineswegs zu rechtfertigen ist. Das historische Leben der Gegenwart giebt Gelegenheit zu eben so poetischen Bildern, und ist eben so geeignet, das Herz zu kühnen, muthigen, feurigen Empfindungen zu begeistern, oder es mit jener reizenden Trauer zu erfüllen, wie die Ruinen einer großen Vergangenheit; aber zweierlei müssen wir von dem politischen Dichter verlangen, wenn wir ihn billigen sollen, einerlei, welcher Partei er angehört: einmal, daß er sein Gefühl für das Schöne nicht verläugnet, daß er edle und ideale Empfindungen hervorruft, und zweitens, daß der politische Fanatismus ihn nicht über die innere Wahrheit, über das Gefühl für Recht und Sittlichkeit hinausrückt. Man kann die Revolution preisen, und man kann das Königthum preisen, denn Beides bietet nicht allein ästhetische, sondern auch sittlich berechtigte Momente, die Kraft, den Heroismus, die Aufopferung, die Lust der Freiheit und die Hingebung der Treue; aber in dem Schmuz zu wühlen, der sich ebenfalls in beiden Seiten vorfindet, und ihn durch den Zauber der Poesie verklären zu wollen, ist eines tüchtigen Talents unwürdig, und ein Frevel gegen eine der schönsten Gaben des Glücks.

 

 

[Die Anmerkungen stehen als Fußnoten auf den in eckigen Klammern bezeichneten Seiten]

[54] *) Neuere sociale und politische Gedichte. Zweites Heft. Düsseldorf, Selbstverlag.   zurück

[55] *) Freiligrath ist 1810 in Detmold geboren; seine ersten Gedichte erschienen im Musenalmanach von Schwab 1835, die erste Sammlung derselben 1838.   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Die Grenzboten. Zeitschrift für Politik und Literatur.
Jg. 10, 1851, Bd. 3, Nr. 28, 11. Juli, S. 54-57. [PDF]
URL: http://brema.suub.uni-bremen.de/grenzboten

Ungezeichnet.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

Die Grenzboten online
URL: http://brema.suub.uni-bremen.de/grenzboten

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

Der anonym erschienene Aufsatz wird von Widhammer (1977, S. 67) Gustav Freytag zugeschrieben; er ist aber von Julian Schmidt. Dieser hat ihn in großen Teilen wortwörtlich in seine Literaturgeschichte übernommen

 

 

Literatur

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Die Bibliographie enthält ein Verzeichnis der wichtigsten "Grenzboten"-Aufsätze aus den Jahrgängen 1847 – 1860.

Widhammer, Helmuth: Die Literaturtheorie des deutschen Realismus (1848 – 1860). Stuttgart 1977 (= Sammlung Metzler, 152).

Wild, Reiner: Politische Lyrik im Vormärz. In: Revolution 1848/49. Ereignis – Rekonstruktion – Diskurs. Hrsg. von Gudrun Loster-Schneider. St. Ingbert 1999 (= Mannheimer Studien zur Literatur- und Kulturwissenschaft, 21), S. 197-236.

Wünsch, Marianne: Realismus (1850 – 1890). Zugänge zu einer literarischen Epoche. Kiel 2007 (= Limes – Literatur- und Medienwissenschaftliche Studien – Kiel, 7).

 

 

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Lyriktheorie » R. Brandmeyer