Hermann Marggraff

 

 

[Rezension]

 

Neueste Phasen der modernen deutschen Lyrik.

 

1. Auf stillen Wegen. Dichtungen von Julius Hammer. Leipzig, Brockhaus. 1859. 16. 24 Ngr.
2. Fromme Gedanken eines weltlichen Mannes. Dichtungen von Karl Egon Ebert. Leipzig, Brockhaus. 1859. 16. 1 Thlr.
3. Natur und Gottheit. Preisgesänge von Adolf Peters. Meißen, Schmidt. 1859. 16. 25 Ngr.
4. Der Stunden Gottesgruß. Eine Apotheose des Lebens. Den deutschen Müttern geweiht von Franziska Gräfin Schwerin. Leipzig, Veit u. Comp. 1859. 16. 1 Thlr. 10 Ngr.

Man hat gegenwärtig für die Besprechungen gewisser Literaturgattungen feststehende Einleitungen; hat man z.B. eine Reihe dramatischer Producte zu beurtheilen, so schickt man meist einige herkömmliche Bemerkungen über den Verfall des Theaters und der dramatischen Poesie voraus, oder hat man humoristische und satirische Schriften zu besprechen, so stellt man in der Regel zuvörderst den Satz auf, daß unsere Zeit zu ernst und zu gewichtig sei, um bei dem Humoristen die nöthige launige Stimmung zu erzeugen und ihm einen hinlänglichen Vorrath von Stoffen, die sich humoristisch behandeln ließen, zuzuführen, ungerechnet, daß das Publikum gegenwärtig für den Genuß humoristischer Erzeugnisse sehr wenig empfänglich sei und Wichtigeres zu thun habe, als sich Spaß vormachen zu lassen. Wer aber über ein Rudel von neuern Lyrikern zu urtheilen hat, kann sich meist nur schwer enthalten, das bekannte Klagelied über die auf lyrischem und episch-lyrischem Gebiete herrschende übermäßige Vielschreiberei anzustimmen.

Nun leugnen wir keineswegs, daß auf diesem Gebiete so gut wie auf den meisten andern Gebieten literarischer Production zu viel hervorgebracht wird und daß schädliche Folgen davon unvermeidlich sind; aber wir glauben, daß man die letztern in zu übertriebenem Lichte und mit einigem Unrecht als allgemeinschädlich darstellt, da unter ihnen mehr die producirenden Lyriker selbst, als das consumirende Publikum zu leiden haben. Schlechte Gedichte oder auch nur solche, welche bloßes Mittelgut sind, finden einfach keine Abnahme, und dem Buchhändler, der sie auf seine Kosten verlegte, oder dem Dichter, der sie drucken ließ und in Commission gab, geschieht es dann ganz recht, wenn er neben seinem pecuniären Schaden auch noch den Spott tadelnder Recensionen mit in den Kauf nehmen muß. Ganz anders verhält es sich mit schlechten, vielleicht sogar geschmack- und sittenverderblichen Romanen, von denen doch immer eine Anzahl von Exemplaren in die Leihbibliotheken gelangt und von einer Anzahl Abonnenten gelesen wird. Hier liegt der öffentliche Schaden, den solche Producte anrichten, auf der Hand. Nun mag allerdings die Ueberfülle, die sich auf dem Felde der lyrischen Production bemerkbar macht, auch mitunter bessern Erzeugnissen den Weg versperren, indeß geschieht dies doch nicht so weit, daß wirklich Gutes gänzlich unbeachtet bliebe; der Absatz mag durch die allerdings leider allzu große Concurrenz und infolge der Uebersättigung des Publikums mit lyrischem Futter erschwert, gehemmt, verzögert und in nur zu bedauerlicher Weise verringert werden; aber in der Literatur wird das wirklich Gute und Eigenartige doch früher oder später seinen ihm gebührenden Platz angewiesen erhalten. Von der papierenen und zum Theil löschpapierenen Unsterblichkeit, die sich in Anthologien, Literaturgeschichten u.s.w. fortpflanzt, kann ein Dichter freilich nicht satt werden, ja er kann dabei sogar in bester oder schlechtester Form verhungern und zu Grunde gehen; indeß an diesen Gedanken einer fortdauernden Hungerkost, welche den Leib abmagert und dafür dem Geiste um so höhere Schwungkraft verleiht, ist der deutsche Dichter als ein nothwendiges Attribut und als eine besondere Zierde seines ganzen Daseins und Wirkens schon seit alters her gewöhnt; das deutsche Publikum ist aus naheliegenden Gründen von diesem Gedanken wahrhaft erbaut, und wenn Schiller's "Theilung der Erde" bei irgendeiner öffentlichen Feier vorgetragen wird, so kann man darauf rechnen, daß die Schlußstelle unermeßlichen, so recht aus dem Herzen kommenden Beifall findet. Denn klopft ein darbender Dichter an irgendeines kunstliebenden deutschen Philisters Thür, so braucht dieser nur ganz einfach mit Berufung auf Schiller zu sagen: "Lieber, was willst du bei mir? was incommodirst du mich? Geh doch zum Zeus; du weißt ja, daß dessen Himmel dir offen [782] sein soll, so oft du kommen willst. Ach, wenn es unsereiner so gut hätte wie so ein deutscher Dichter, für den meine Behausung viel zu niedrig, mein Braten viel zu unschmackhaft, mein Wein viel zu sauer und mein Geld viel zu schmuzig ist!" Wie man hieraus sieht, kommt der spießbürgerlichen Selbstsucht und Trägheit das, was man in Deutschland Idealismus nennt, oft sehr gelegen.

Im übrigen will es uns bedünken, als ob in der letzten Zeit sich wirklich in der lyrischen und besonders der lyrisch-epischen Dichtung, welche letztere überhaupt wol nur eine künstlich gepflegte Mode- und Treibhauspflanze war, einige Abnahme wahrnehmen ließe. Indeß kann dies auch nur Folge bekannter Zeitverhältnisse sein, und es wäre demnach voreilig, hieraus den Schluß zu ziehen, daß jetzt überhaupt weniger gedichtet würde oder daß – was jedenfalls höchlichst zu wünschen wäre – die Dichter nicht mehr in so unbesonnener und übereilter Weise ihre Poesien drucken ließen als bisher, oder daß endlich Drucker und Verleger, durch manche Verluste gewarnt, difficiler geworden, was wir ihnen auch keineswegs verdenken möchten. Leider glauben wir also, daß jene ohnehin nicht sehr bedeutende Abnahme eine nur scheinbare und vorübergehende sein und daß auf diese doch immer nur unerhebliche Ebbe vielleicht eine nur um so stärkere Flut folgen werde. *)

Auf der andern Seite sollte es uns freilich auch fast wundern, wenn der überwiegend realistische, sogar vielfach in rohen Materialismus ausartende, genuß- und erwerbsüchtige Geist und Charakter der Zeit, diese Vorliebe für die praktischen Berufszweige, für das Maschinenwesen und für industrielle Unternehmungen, diese wachsende Theilnahme an socialen, confessionellen, politischen und nationalökonomischen Streitfragen und Häkeleien, diese Zunahme kühl und egoistisch berechnender Verständigkeit, kritischen, alles zersetzenden oder negirenden Geistes und mehr und mehr alles Ideale abweisender Illusions- und Glaubenslosigkeit, dabei wieder diese im Publikum sich aussprechende gedankenlose und häufig sich bis ins Unsinnige steigernde, mehr künstlich erhitzte als naiv gesunde, oft völlig lügenhafte Begeisterung für alles handwerklich Virtuosenhafte, für das Prickelnde, für alles blos äußerlich Glänzende, überhaupt für alles, was die Meinung des Tags, was die flüchtige Mode, was die schlauen Machinationen irgendeiner Coterie für den Augenblick auf den Thron gehoben haben: es sollte, wie gesagt, uns fast wundern, wenn alles dies und anderes den poetischen Trieb der Nation nicht allmählich abstumpfen, untergraben oder vernichten sollte. Manche scheinen die Zeit, wo dies eingetreten sein wird, gar nicht abwarten zu können; vielleicht wird sie aber früher da sein, als sie selbst erwarten und als es diesen Baissiers selbst lieb sein wird; denn ihre Bemühungen, diese allgemeine poetische Baisse wieder in eine Hausse zu verwandeln, dürften dann vergebens sein.

Es ist in der deutschen Lyrik mit Lenz und Liebe, Mondschein und Blumenduft allerdings viel Misbrauch getrieben worden, aber wie sehr das Ansehen dieser Gegenstände bereits gesunken ist, brauchen wir wol nicht erst zu sagen. Ein vereinsamter Nachtschwärmer mag davon wol noch singen, aber er findet kein Publikum mehr, und die Zukunft wird schwerlich noch solche Schwärmer hervorbringen. Die Vaterlandsliebe nimmt immer mehr einen nationalökonomischen Ausdruck an; die Freundschaft findet in diesem Interessengewühle keinen Boden mehr; das Gefühl für die Reize und Schönheiten der Natur stumpft sich immer mehr ab und wird sich immer mehr abstumpfen, je mehr die Zunahme der Eisenbahnen es gestatten wird, flüchtig in wenigen Stunden zu genießen, wozu man früher ebenso viele Tage brauchte, die Liebe selbst wird mehr zur Genuß- oder Finanzsache, und schon jetzt wissen die meisten lyrischen Dichter an ihr nur die sinnliche Seite, nicht ihren geistigen Gehalt hymnologisch zu feiern. Unsere Poeten der Zukunft werden den Rauch eines Dampfschlots, den schrill pfeifenden Laut einer Dampfmaschine, das betäubende Geklapper eines Bahnzugs vielleicht viel poetischer und besingenswerther finden als den Nebelrauch in einer Gebirgsschlucht, die aufmunternden Signaltöne eines Posthorns und das heimliche Geklapper einer romantisch gelegenen Wassermühle; die Düfte, welche Rosen und Lilien ausströmen, werden ihnen weniger angenehm dünken, als die gemischten Düfte in einer Herings-, Talg- und Thranniederlage, wovon wir schon Beispiele in der Literatur erlebt haben, und die unsichtbaren Räder und Schrauben an der großen "Weltenuhr", für die sich noch Schiller so lebhaft interessirte, werden sie weniger kümmern, als die sichtbaren Räder und Schrauben an einem Maschinenwerk. Die schon heutzutage sehr zweifelhafte Ehre, ein Dichter zu sein, in der bereits Schiller nur einen "Fluch" erblickte, "welchen die Welt über diese Libertinage des Geistes, die Dichtkunst, verhängt", wird dann schwerlich noch für jemand etwas besonders Verlockendes haben; oder nur reichen Dichtern wird es gelingen, ihren poetischen Nimbus durch ihren finanziellen zu stützen und aufrecht zu erhalten. Nehmen wir doch schon jetzt wahr, wie förderlich der Besitz ansehnlicher finanzieller Mittel den Jüngern der Kunst und Dichtkunst ist, mit welchem Glück Angehörige des niedern und höhern [783] Adels, des niedern und höhern Finanzstandes den ärmern Talenten Concurrenz machen. Im vorigen Jahrhundert, wo die Adelichen und die Wohlhabenden genossen und die Armen für sich arbeiten ließen, dafür aber auch deren Mäcene waren, war das Verhältniß bekanntlich ein ganz anderes. Dafür haben wir freilich auch das Vergnügen, in einem demokratischern Jahrhundert zu leben, d.h. in einem Jahrhundert, in welchem die Aermern den Reichern und Höherstehenden auch noch die letzten Vortheile und Vorrechte, die sie sich früher durch eisernen Fleiß und Charakterstärke erwerben konnten, mehr und mehr abtreten müssen.

Vielleicht tritt aber die Zeit, von der ich hier hypothetisch sprach, gar nicht ein, vielleicht erleben wir früher als wieder andere glauben einen Rückschlag gegen den fortschreitenden Materialismus der Zeit. Was wir bemerkten, wollten wir nur denen zu bedenken geben, welche von der jetzigen, wie wir gestehen allerdings übermäßigen Production auf poetischem und namentlich lyrischem Gebiete der Himmel weiß welche Gefahren für das gemeinsame Vaterland zu fürchten scheinen. Diese Wieseblümchen der Lyrik, laßt sie doch ein paar Tage blühen und sich wohlgefällig im Bache selbstbespiegeln, bis sie im Sonnenbrande, unbeschattet von der Gunst des Publikums und saft- und wurzellos wie sie vielleicht sind, verwelken oder unter dem schweren Fußtritt eines erbarmungslosen Kritikers zusammenbrechen! Man wird vielleicht später nicht mehr so viel dichten, aber man wird nicht weniger schreiben, und die literarische Betriebsamkeit und der literarische Ehrgeiz werden sich andere Bahnen suchen. Was wird man dabei gewinnen? In der That ist unsern Poeten von gewisser Seite her, um unsern classischen Dichtern ihr Monopol in alle Ewigkeit zu sichern, der Rath gegeben worden, doch lieber über den Kanal von Suez und den atlantischen Kabel zu schreiben, statt zu dichten. Das fehlte noch! Diese unpraktischen Leute sollen nun gar über industrielle und nationalökonomische Angelegenheiten ihr Urtheil abgeben! Als Lyriker sind sie doch wenigstens harmlos und unschädlich, aber als Politiker und handelsökonomische Schriftsteller könnten sie in der That gefährlich werden. Es fehlt uns schon jetzt durchaus nicht an gemeinschädlichen und wohlfahrtsgefährlichen Politikern und Nationalökonomen; will man diese Legion noch aus den Scharen unserer schwebelnden und nebelnden Lyriker vermehren? Die Politik hat schon in der Lyrik nicht immer eine sehr glänzende Rolle gespielt; welche Rolle wird aber die Lyrik in der Politik spielen?

Wie sich übrigens die Lyrik der Zukunft gestalten wird, läßt sich in keiner Weise voraussagen; denn es ist auch denkbar, daß sie gerade im Gegensatz zu dem materialistischen Treiben und dem lärmhaften Interessengeklapper der Zeit nur einen um so stillern, gemüthlichern, von diesem Lärm gänzlich abgewandten idyllischen Charakter annehmen oder als gepanzerte Jungfrau muthig und weltverachtend den Kampf mit dem Materialismus aufnehmen und gerade in dieser Richtung zu neuen Formen und Gestaltungen gelangen wird, von denen wir jetzt noch nichts ahnen. Hoffentlich wird es in Deutschland immer eine lyrische Gemeinde geben, die an Zahl und innerer Bedeutung vielleicht um so mehr zunimmt, je unlyrischer sich das Treiben der Welt gestaltet, je mehr der Gassenlärm die zartern Gemüther schreckt und beängstigt. Deutsche Dichter sind im Grunde nie wahrer, als wo sie lyrisch werden, auch im Epos, Roman und Drama. Das liegt so in unserer Natur, und darin ist auch der Grund zu suchen, daß die deutsche Lyrik im Auslande sicherlich mehr unbedingte Verehrer zählt als der deutsche Roman und das deutsche Drama.

Eine Zeit lang schien auch die deutsche Lyrik in Gefahr, sich in die bloße Negation und in geistreiche Ironie zu verlieren. Vor unserer classischen Periode war die deutsche Lyrik eine überwiegend christlich-moralische oder doch didaktische; die Weimaraner stellten den Grundsatz fest, daß die Moral in die Dichtkunst nicht mit dreinzureden habe; sie proclamirten die Selbstherrlichkeit des Kunstwerks, die Alleinherrschaft der Schönheit. Aber große, freie humane Gesichtspunkte und zum Theil das erhabene Pathos des Kant'schen kategorischen Imperativs ließen bei ihnen die Abwesenheit eigentlich moralischer Motive nicht oder wenig empfinden. Der Mensch war der Gott der Welt, und kein höherer über ihm; er bedurfte daher auch keiner Anlehnung an einen Hülfsgott, keiner Tröstung, keines christlichen Beistandes. Manche Anhänger des neuen weimarer Evangeliums legten den Satz, daß jedes Kunstwerk nur seiner eigenen Schönheitsregel Rechenschaft geben dürfe und keiner andern Forderung unterworfen sei, dahin aus, daß man in einem Kunstwerk aller Moral und Ethik vor den Kopf stoßen dürfe oder müsse, weil man dadurch seine künstlerische Freiheit am besten darthue, ja daß ein Werk zur Hälfte schon dadurch ein Kunstwerk werde, wenn von Moral darin gar nicht oder nur in höhnischem und ironischem Sinne die Rede sei. Auch einige Koryphäen der Romantik betraten diesen Weg, der ihnen dann zum gefährlichen Irrweg wurde und sie in Regionen führte, die nicht blos von der Moral sondern auch von der Schönheit gänzlich fern lagen. Aber gerade waren es auch wieder einige Lyriker der romantischen Schule, welche, indem sie die menschliche Creatur als eine sehr gebrechliche und hülfsbedürtige erkannten, von neuem die Tiefe christlicher Anschauungen erschlossen; oder vielmehr sie fanden zu diesem Lebensbrunnen wieder den Zugang, nachdem er von den seichten Rationalisten des 18. Jahrhunderts fast gänzlich verschüttet worden. Man muß überhaupt bei den Romantikern zwischen denen unterscheiden, welche die altkirchliche Symbolik und Mystik nur als poetischen Aufputz verwertheten, und denen, deren ganzes Wesen von dem Aether dieses Christenthums durchdrungen und befruchtet war, sodaß diese Gesinnung mit ihrer Poesie, ihrer Vaterlandsliebe, ihrem ganzen Leben in eins verschmolz. Zu den letztern gehörten Novalis und Max von Schenkendorf, deren Gedichte eine so tiefe Innerlichkeit, eine so tröstende und zugleich so innerlich stärkende Heilkraft athmen, daß der Mensch von wahrer und tiefer Empfindung, [784] und nicht von blos moderner Appretur in gewissen Gemüthslagen lieber zu ihnen als zu den Gedichten unserer classischen Autoren seine Zuflucht nehmen wird, und in diesem Sinne sagten wir neulich, daß es nicht gut sei, auf Abschaffung des Polytheismus in der Literatur hinzuarbeiten. Sind die Stimmungen, denen z.B. Novalis Ausdruck gab, blos deshalb niedern Ranges und Werthes, weil sie einer andern Region des Empfindens und der Weltbetrachtung angehören als diejenigen, in denen sich unsere Classiker vorzugsweise bewegten? Sind sie von diesen ebenso an Gehalt wie in der Art verschieden? Gehört die christliche Anschauungsweise schon jetzt der Vergangenheit an und hat sie nicht einmal mehr so viel Recht, in der Poesie vertreten zu sein als die ferner liegende antike? Sollen uns Christus und seine Sendboten weniger werth sein als die Lehrer des Stoicismus und Epikuräismus? Man setzt sich zwar – in christlichen Zeiten und unter christlichen Völkern! – bei gewissen Leuten leicht Verdächtigungen aus, wenn man überhaupt nur das Wort Christenthum in den Mund nimmt, sobald man damit eine andere Absicht als die dagegen zu polemisiren verbindet. Aber es handelt sich ja hier nicht um das dogmatisch verunstaltete, zu weltlichen Zwecken misbrauchte und in Decrete gezwängte, unduldsame cardinalbischöfliche oder consistorialräthliche Christenthum, sondern um seine ursprüngliche erlösende, bildende und tröstende Kraft, um seine vom Princip der Liebe als dem Mittelpunkt ausstrahlende Ethik, um seine auch die Armen an Leib und Geist umfassende Allbarmherzigkeit. Es gibt Stunden, in denen die Creatur bange aufseufzt und sich wie von etwas Unnennbarem und Ungeheuerm beklemmt und angefochten fühlt, Stunden, in denen man sich nicht an den Klage der Ceres über den Verlust ihrer Tochter oder an den Vorwürfen des Prometheus gegen den hartherzigen und harthörigen Zeus aufzurichten vermag; es gibt unerklärbare Stimmungen, die nicht immer blos dieses oder jenes Individuum, sondern oft selbst ganze Geschlechter und Völker erfassen, Stimmungen, welche Novalis so wahr und ergreifend in den Strophen schildert:

Es gibt so bange Zeiten,
Es gibt so trüben Muth,
Wo alles sich von weitem
Gespenstisch zeigen thut.

Es schleichen wilde Schrecken
So ängstlich leise her,
Und tiefe Nächte decken
Die Seele centnerschwer.

Die sichern Stützen schwanken,
Kein Halt der Zuversicht;
Der Wirbel der Gedanken
Gehorcht dem Willen nicht.

Der Wahnsinn zieht und locket
Unwiderstehlich hin;
Der Puls des Lebens stocket,
Und stumpf ist jeder Sinn u.s.w.

In diesen Strophen spricht sich nicht blos eine individuelle Empfindung, sondern eine tief geschichtliche Auffassung aus. Solche Stimmungen voll Wahnsinn, voll wilder gespenstischer Schrecken waren es, welche die Welt beherrschten, als über Nazareth der Stern der Erlösung aufging. Und vielleicht leben wir in einer nicht ganz unähnlichen Zeit, wenn uns auch die Einflüsse desselben Christenthums und die dadurch möglich gewordene Geistes- und Herzensbildung vor einem gleichen Grade von Wahnsinn und Selbstverzweiflung schützen. Aber wer, der überhaupt zu denken weiß und nicht ganz und gar in Frivolität versunken ist, hat nicht ähnliche Stimmungen an sich oder andern erlebt? Die antike Welt hatte ihren Juvenal und Lucian, und die neuere Zeit hatte ihren Voltaire und Heinrich Heine. Auch dieser, mehr frivoler Spötter als moralischer Strafredner, fegte den Kehricht und moralischen Abfall unserer Cultur aus allen Winkeln hervor und breitete ihn auf öffentlichem Markte aus, zum großen Vergnügen seines Publikums. Es liegt darin sogar ein gewisses Verdienst, und wenn man sich gerade in lustiger Gesellschaft befindet, in der ein ernstes Wort oder auch nur ein blos sinniger Scherz überhaupt übel angebracht wäre, mag auch der cynische Spötter am Platze sein; aber in Stunden der Einsamkeit und Verlassenheit, wenn ein düsterer Himmel auf uns drückt, sehen wir uns nach einem andern Troste um; wir fühlen dann nur zu tief, was es heißt, in einer entgötterten Welt zu leben, deren Sittlichkeit höchstens eben nur jene bloße Anstandsmoral ist, welche von Heine und zwar nicht mit Unrecht ihres Feigenblatts beraubt und in ihrer Blöße gezeigt wurde. An den Vorkommnissen und Bewegungen der Zeit seit einem Decennium hat sich zum Erschrecken deutlich gezeigt, wie viel unreiner und unedler Stoff in der <Menschheit vorhanden> war, wie nahe unsere gerühmte Civilisation an die ausbündigste Barbarei grenzte, wie schauspielerhaft hohl das Pathos war, mit der sich die Phrase spreizte. Der Rausch hatte seine gewöhnlichen bekannten Folgen, und man wachte mit Kopfschmerzen, Schwere und Unbehaglichkeit in allen Gliedern und mit Ekel an sich und den Dingen auf. Der Rausch hatte ein vorübergehendes Roth auf die Gesichter gemalt, an dessen Stelle nun die betrübte Leichenbittermiene trat. Selbst der erlaubte gemüthliche Scherz wurde von diesen Leichenbittern verdrießlich aufgenommen, von andern nicht genossen, weil er nicht so beißend war, wie der Heine'sche Pfeffer, noch so aufgelöst und auflösend, wie die Salze des "Kladderadatsch". Mit dem Reich der Schönheit an sich war es zu Ende; es war, und selbst bei Heine in seiner "Matratzengruft", zu Ende mit jener Selbstgenügsamkeit, womit sich die Eintagsfliege Mensch, womit sich jeder Parvenu zum Mittelpunkt des unendlichen Weltalls aufblähte und zum Gott erhob, womit jeder eingehegelte Candidat, wenn er aus seinem Hauslehrerposten endlich in eine Landpfarre einrückte, in bramarbasirendem Tone prahlen durfte, daß er allein durch seines "Willens hehre Kraft" das Schicksal gebändigt und sich dienstbar gemacht habe; die Zeit war zu Ende, wo der Spruch, den sich ein glücklicher König des Alterthums täglich zuraunen ließ, der Spruch: Gedenke, daß du ein Mensch bist! gänzlich und bei jedermann in Vergessenheit gerathen zu sein schien.

[785] In der Verzweiflung feierte man in Romanen die Arbeit, oder vielmehr deren pecuniären Ertrag, der ja auch keineswegs zu verachten ist; in culturhistorischen Novellen und novellistischen Culturschilderungen pries man als Universalmittel gegen die Uebel und Gefahren der Zeit die Wiedereinführung der ständischen Gliederungen von ehemals, des Zunftwesens, der alten Haus- und Familienordnung, deren vollkommene Restauration aber nicht denkbar ist ohne die Wiederherstellung der alten Gläubigkeit, der häuslichen Andacht; die Lyrik dagegen wurde didaktisch, moralisirend, idyllisch. Und es war dies gegen die einseitige Herrschaft der hochfahrenden Byron'schen Gott- und Menschenverachtung, der cynischen Grabbe'schen Weltanschauung und der Heine'schen Frivolität ein nothwendiger und im ganzen auch heilsamer Rückschlag; denn inneres Glück war auf diesem Wege nicht zu finden, und zuletzt überfällt auch die stärksten und gerade die edelsten Geister, die sich vielleicht doch sagen müssen, daß sie ihre reichen Gaben nicht in einer der Menschheit wahrhaft segenbringenden Richtung angewandt haben, jene Reue, die keineswegs immer eine Folge von Charakterschwäche ist, oder man müßte denn die unreumüthige Hartnäckigkeit großer und unverbesserlicher Verbrecher für ein Zeichen von Charakterstärke ansehen.

Nun ist zwar die erbauliche und beschauliche Lehrdichtung in Deutschland nie ganz verwaist gewesen, aber sie stand eine lange Zeit doch ziemlich einsam; Rückert war zwar tief und sinnreich, aber zu orientalisch und oft zu künstlich in Formen und Constructionen, um überall verstanden zu werden, und in Schefer's schönen und durch ihre Humanitätstendenz ausgezeichneten Lehrdichtungen begegnet man oft einem verwirrenden Gegen- und Durcheinander von antiken und modernen, von heidnischen und christlichen Anschauungen, von Polytheismus und Monotheismus, von Demuth und Selbstverherrlichung, von einseitigem Schönheitscultus und Vernachlässigung des Schönen u.s.w., als daß der daraus gewonnene Eindruck für den Denker ein völlig klarer und befriedigender sein könnte. Die Lehrdichtung ist seitdem zwar nicht tiefer und origineller, aber einfacher, praktischer, vor allen Dingen allgemein verständlicher geworden und in häufigern Gebrauch gekommen, und sie tritt nicht blos in selbständigen Dichtungen auf, sondern das Bedürfniß für sie kündigt sich überhaupt in dem Bestreben unserer Dichter an, Positives zu geben, statt jenen sittlichen Forderungen, auf denen bisher der Bestand jeder gesellschaftlichen Ordnung ruhte, höhnisch ins Gesicht zu schlagen. Man ist wenigstens froh, wenn auch nur eine Zeit lang etwas zur Ruhe zu kommen, sich zu sammeln und sich ein wenig zu erholen von jenen diabolischen Attentaten gegen die sittliche Ordnung, wie sie sich einzelne die Tagesmeinung beherrschende oder ihr entgegenkommende Dichter und Schriftsteller zu Schulden kommen ließen und an denen nur Personen, die bei der sittlichen Auflösung alles Bestehenden selbst interessirt sind, oder die ganz Boshaften oder die ganz Leichtsinnigen und Gedankenlosen ihre Freude haben können. Indeß können unsere Dichter, die überhaupt in neuesten Zeiten nur auf einen sehr kleinen Kreis Einfluß haben, nicht allein alles thun; es muß ihnen auch eine reinere Staatsmoral, eine gesundere Gesellschaftsmoral und eine mehr den Geist als das Dogma und das Ceremonialgesetz im Auge behaltende, humanere und weniger heuchlerische Religionspraxis zu Hülfe kommen. Frommthuende hohe Geistliche sollten nicht wagen, das Volk zur Entbehrung, Demuth und Zufriedenheit aufzufordern, wenn es bekannt ist, daß ihre Gattinnen oder Töchter Brillantschmuck tragen und daß ihre Wohnungen Stätten des Luxus sind; und es hilft wenig, Redlichkeit, Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit zwar höchst preiswürdig zu finden und diese und andere christliche Tugenden von den Kanzeln herab empfehlen zu lassen, solange die Verhältnisse nur zu oft und zu sehr der Art sind, daß uneigennützige, ehrliche und redliche Männer weniger Einfluß gewinnen als schlaue, schmiegsame, intriguante, ihren Vortheil verstehende Individuen, hier und da bloße Parvenus und Finanzspeculanten, die nicht allzu zarten Gewissens und gerade dadurch als brauchbare Werkzeuge der Gewalt willkommen sind. Unsere Forderungen mögen freilich mehr nach Utopien als in die wirkliche Welt gehören; aber solange der Marchiavellismus im Staatsleben und von da rückwirkend auch in der Gesellschaft seine Herrschaft behält, solange wird auch die Moral in der Literatur und überhaupt die öffentliche Moral fortdauernd gefährdet sein, solange wird der Geist Voltaire's und Heine's immer wieder eine neue Incarnation erleben, und man wird sie nicht blos erklärlich, sondern unter Umständen auch nothwendig und heilsam finden.

 


 

Zu den didaktischen Dichtern, welche in neuester Zeit das meiste Glück gemacht haben, gehört Julius Hammer, von dem uns hier eine neue Sammlung "Auf stillen Wegen" (Nr. 1) vorliegt. Die Charaktereigenschaften eines Dichters, dessen frühere Sammlungen ein so allgemeines Glück gemacht haben und dessen "Schau um dich und Schau in dich" bereits neun Auflagen erlebte, dürfen wir wol mit Recht als zu bekannt voraussetzen, als daß wir nöthig hätten, uns hier mit ihrer Darlegung ausführlicher zu beschäftigen. Wir wollen nur sagen, was die Freunde seiner Muse hier zu erwarten haben. Hammer liebt es, nicht zu viel auf einmal, nicht dicke Bouquets von Liedern zu geben, sondern kleine Blumensträuße, die sich leicht handhaben lassen, von angenehmem Farbenspiel und zierlicher geschmackvoller Anordnung. So tritt uns auch die vorliegende Sammlung in einem netten, wenig umfangreichen Bändchen entgegen, das sich besonders zu Festgeschenken eignet und auch als freundlicher Begleiter auf Reisen und Spaziergängen dienen kann. Die gegenwärtige Sammlung ist von gemischterm Charakter als seine frühern, und zur Gattung des Didaktischen gehört genau genommen nur die erste kleine Abtheilung: "Suchet, so werdet ihr finden." Hammer verbindet mit dem Lehrreichen fast immer einen lyrischen Grundton, etwas Sangbares, und diese Eigenschaft trägt wol besonders dazu bei, seine didaktischen Gedichte einem großen Leserkreis werth und theuer zu machen Ueber[786]haupt tritt das Lehrhafte bei ihm meist in Form eines sinnigen Gedankens, oft auch einer elegischen Empfindung auf, wie in folgenden Gedichten:

    Schmal und klein.

Es ist ein Hügel schmal und klein,
Dein Arm schon, er umfängt ihn leicht,
Doch schließt ein weit Gebiet er ein,
Das bis zur Jenseitsgrenze reicht.

Es ist ein Hügel schmal und klein,
Den mit dem Haupt du überragst,
Und doch – in den du tief hinein,
Tief in den Himmel schauen magst.

Mehr als der Mund der Wissenschaft
Erschließt dir hier der Sterne Licht,
Wenn sich's mit süßer Tröstungskraft
In deines Auges Thränen bricht.

Wär' nirgends auf der Erde Raum
Dir einer Heimat heilig Gut –
Der Hügel wär's, das Stückchen Grund,
Darunter dir ein Liebstes ruht.

Von den Distichen führen wir nachstehendes an:

"Weniger schlecht sind die Menschen, als kleinlich und schwach." O gewiß, Freund!
Aber bei Kleinlich und Schwach macht sich das Schlechte von selbst.

Hierauf folgt ein Sonettencyklus: "Frühe Weihe", Reminiscenzen aus des Dichters Kinder- und Jünglingsjahren mit Hervorhebung besonders derjenigen Momente, die den Dichtergeist in ihm weckten, und seinen Sinn unter anderm auch auf Hellas' Heldengesänge, noch mehr aber auf das deutsche Volkslied und auf Deutschlands glorreichste Kaiserzeit lenkten. Hammer handhabt die schwierige Form des Sonetts mit außerordentlicher, fast spielender Leichtigkeit, wie das nachstehende zeigen mag:

        In der Kinderstube.

Da bist du, klein Gemach, du trautes schlichtes,
Du, das mit seiner Kinderspiele Segen,
Vom Prunk der hellen Zimmer fern gelegen,
Mich grüßt im Dufte süßen Dämmerlichtes.

Ein stummes Räthsel, - aber horch, jetzt bricht es
Sein eignes Schweigen durch ein leis Bewegen,
Wie sich im Schlaf geschlossne Lippen regen
Und Klänge flüstern eines Traumgedichtes.

Am Schaukelpferd im Winkel klirrt der Bügel,
Im niedern Fache hier die Bilderbogen,
Von selbst entfalten sie die bunten Flügel.

Und dort, noch ist vom moosgeschwellten Hügel
Mein ausgestopfter Falk nicht fortgeflogen,
Wie weit auch ich, wie lang' umhergezogen.

Zu den weitern Lebensbekenntnissen gehören auch die folgenden Abtheilungen: "Eine Jugendliebe" und "Aus schweren Stunden". An schweren Stunden fehlt es keinem, am wenigstens aber einem Dichter, der vermöge seiner nervösen Reizbarkeit und Empfänglichkeit sich so manches zum Herzen nimmt, was andern keineswegs eine schwere Stunde macht. Ohne diese Eigenschaft, die ihn zugleich beglückt und quält, würde er überhaupt nicht Dichter sein. Gröber besaitete Instrumente bringt selbst der Sturmwind eher zum Brechen als zum Tönen; aber das Gemüth eines Dichters ist wie die Aeolsharfe, die auch dem leisesten Lufthauch mit einem Klagelaut antwortet. Man erwarte jedoch trotz des düstern Titels in dieser Abtheilung der Sammlung keine zu herzbrechenden Geschichten. Der Dichter, seiner ganzen Natur nach mehr weich als herb, neigt sich mehr zu wehmüthiger Auffassung und Schilderung, als zu leidenschaftlicher Opposition gegen Welt und Schicksal, und auch seine schmerzlichsten Ergüsse weiß er in anmuthige Formen zu kleiden und in melodischen Klängen auszuhauchen, wie folgende Probe zeigen möge:

     Es ist die alte Weise.

Ein trauriges Lied – ist's hier, ist's dort? –
Tönt aus der Tiefe, der feuchten;
Da fängt's am dunkelbebuschten Ort
Hellblinkend an zu leuchten.
Die Unken rufen: Weh, o weh!
Glühwürmchen fliegen leise –
O Herz, sei still, so war's von je,
Es ist die alte Weise.

Wo aus der Grotte der Bronnen quillt,
Beginnt sich's heimlich zu regen;
Der weißen Dryade Marmorbild
Streckt mir die Arm' entgegen.
Verstohlen weint der Quell Ade!
Ein Lüftchen schauert leise –
O Herz, sei still, so war's von je,
Es ist die alte Weise.

Nun steht der Sommer in vollster Pracht,
Doch schon in Erinn'rung versunken;
Ist darum so sternenleer die Nacht,
Als wär' sie von Schwermuth trunken?
Aus höchster Lust klingt tiefstes Weh
Und banges Fragen leise –
O Herz, sei still, so war's von je,
Es ist die alte Weise.

In solchen Gedichten muß man sich eben dem süßen Klange hingeben, wenn er auch im Grunde nur dämmerige Ahnungen statt bestimmter Vorstellungen in dem Gemüth des Lesers hervorruft.

Die folgende Abtheilung wird von einer Auswahl in Form und Inhalt meist gleich ansprechender Balladen gebildet, unter denen sich auch einige befinden, welche humoristische Volkssagen behandeln. Hier und da scheint uns die Ausführung der durch den Stoff erforderten Knappheit zu entbehren, wie in der Ballade "Die Schmiede am Bodensee". Aloys Schreiber hat, wie uns dünkt, in seiner Ballade "Meister Oluf", die freilich auch wol seine gelungenste ist, eine ähnliche Sage viel gedrängter und dadurch wirksamer und großartiger behandelt. Dagegen scheint uns das Unheimliche und Düstere des Stoffs in folgender Ballade recht charakteristisch ausgedrückt zu sein:

        Im Jägerhaus.

Ein trübes Lämpchen im Jägerhaus
Lugt in die schwarze Nacht hinaus.
   Großmutter, schläfst du?
Wie schrein die Käuzchen heut' so schrill,
Die Alte murmelt: "Wie Gott will!"
   Und nickt ins Bibelbuch.

[787] Das Mädchen, könnt' es versingen sich
Die Angst, die's plötzlich überschlich!
   Großmutter, schläfst du?
Die Alte murmelt was von Fluch
Und senkt das Haupt aufs Bibelbuch, –
   Im Hofe knurrt der Hund.

Wie röchelnd hebt die Wanduhr aus;
Ach, käm' der Vater nur nach Haus!
   Großmutter, schläfst du?
Großmutter, sieh' mir ins Gesicht!
Die Alt' ist stumm und rührt sich nicht, –
   Der Hund kratzt an der Thür.

Laternenschein kommt durch die Nacht,
Und eine Bahre still und sacht –
   Großmutter, schläfst du?
Das Mädchen wird wie Schnee so weiß,
Ans Fenster klopft ein Finger leis,
   Doch niemand hört's im Haus.

Diese Ballade beweist übrigens, wie sehr der bloße Klang und Ton, die geschickte Einfügung eines Refrains u.s.w. dazu beitragen können, einen wenn nicht unbedeutenden, doch höchst einfachen und in seinen Grundzügen schon öfters behandelten Stoff zu heben und ihm den Anstrich und Reiz des Neuen zu verleihen.

Die nächste Abtheilung: "Sommerklänge", enthält manches Hübsche, darunter:

      Mein Asyl.

Verschone meine Rosen,
Du wilder Sommersturm;
Hast Raum, dich auszutosen,
Hoch über Stadt und Thurm.
Von dorten ruf' den Menschen zu:
"In Frieden lebt und haltet Ruh!"
Verschone meine Rosen,
Du wilder Sommersturm!

Plaudernd von heitern Losen
Des Thales Quelle rinnt;
Hier laß die Lüftchen kosen
Und spielen weich und lind.
Hier fühl' ich, tief in mir erhellt,
Versöhnt mich mit der ganzen Welt;–
O, schone meine Rosen
Und mein geliebtes Kind!

Sehr sinnig und freundlich sind auch die beiden Gedichte: "Der erste Gast im neuen Haus" und "Nach dem Einzug":

Es wohnt sich eigen gewohnheitstraut
Im Haus, das man sich selbst gebaut,
Du sahst es wie ein wachsend Leben
Aus seinem Grund zum Lichte streben,
Bis auf den First des Daches oben
Sich der geschmückte Baum erhoben;
Denn alles, was dem Menschen glückt,
Wird mit Gewachs'nem gern geschmückt u.s.w.

Die beiden letzten Abtheilungen: "Gedenk- und Dankfeste" und "Aus geselligem und freundschaftlichem Verkehr" bestehen aus Fest- und Gelegenheitsgedichten, in denen der Dichter, seiner Natur gemäß, überall die gemüthlichen und sinnigen Beziehungen mit Glück hervorzuheben und seine Virtuosität in Behandlung von Sprache, Vers und Reim aufs beste geltend zu machen gewußt hat. Es befindet sich darunter ein Sonett: "An Gellert's Geburtsstadt Hainichen", worin es von Gellert heißt:

Er war so recht und ganz der schlichte Gute,
Daß er für alle Zeiten ließ erkennen,
Wie viel es sei, in Wahrheit gut zu heißen.

Außerdem heben wir noch den Prolog zu einem Concert für die Tiedge-Stiftung, die Sonette zur Enthüllung der Standbilder in Weimar, die Gedichte an den Geheimen Medicinalrath Carus, Berthold Auerbach, den verstorbenen Dichter und Legationsrath Wilhelm Gerhard, die Frau Majorin Friederike Serre als die theils durch allgemeine theils persönliche Beziehungen interessantesten hervor. Das Gedicht an Berthold Auerbach gibt uns über den Titel zu Julius Hammer's früherer Liedersammlung "Zu allen guten Stunden" folgenden Aufschluß:

Die Aufschrift, die dies Büchlein trägt,
Hast du, mein Freund, erfunden,
Und fragst du, welchen Wunsch sie hegt,
So sagt sie: "Stets neu aufgelegt
Zu allen guten Stunden!"

 


 

Karl Egon Ebert, der Verfasser der "Frommen Gedanken eines weltlichen Mannes" (Nr. 2) ist schon seit einer Reihe von Jahren als Ehrenmann und als ein geachteter Dichter und Schriftsteller genannt und bekannt; schade nur, daß der Ehrentitel eines "geachteten" Schriftstellers in Deutschland in der Regel nicht hinreicht, um seinen Erzeugnissen einen großen Kreis von Käufern und Lesern zu verschaffen; meist muß sich ein solcher "geachteter Schriftsteller" mit der sehr stillen Anerkennung weniger begnügen, und es kann kommen, daß er in manchen Augenblicken an der eigentlichen Bedeutung des Worts Achtung irre wird. Doch wir hoffen und wünschen, daß diesen "Frommen Gedanken" eine recht rege, allgemeine und dauernde Theilnahme entgegenkommen möge, denn sie verdienen diese Theilnahme zu finden. Egon Ebert besitzt nicht die Anmuth und den lyrischen Schmelz Julius Hammer's; er versteht um so zu sagen nicht so wie dieser Toilette zu machen; seine Gedichte sind nicht so sangbar und einschmeichelnd. Aber den Dichter der "Frommen Gedanken" charakterisirt eine gewisse Männlichkeit, Geradheit und Offenheit; er will lieber wahr sein als anmuthig und er wird daher zuweilen auch herb und bis zu einem gewissen Grade unschön. Die Erscheinungen und Gegenstände außer ihm sind ihm nicht Spiegelbruchstücke, die vorzugsweise dazu dienen sollen, sein Ich, seine eigenen Freuden und Leiden zu reflectiren; vielmehr empfindet er die Schmerzen und Leiden ihm ganz Fernstehender mit derselben Intensität, als wären es seine eigenen, während er diese in den Hintergrund treten läßt. Er ordnet im allgemeinen die Kunst der Wahrheit, nicht diese der Kunst unter. Es ist ihm nicht um ästhetische Verschönerung und Ueberfirnissung der Gesellschaft, sondern um Besserung und Heilung ihrer Gebrechen zu thun. Idealist in seinen Anschauungen und Tendenzen, ist er als Sittenschilderer Realist, und mit unerbittlicher Energie schildert er die moralische Schlechtigkeit, wo er sie findet und wie er sie findet, während er doch auch für das [788] ursprünglich Gute und Edle im Menschen einen hohen Grad von Empfänglichkeit bewahrt hat. Die Worte des verstorbenen Varnhagen über die vorliegenden Dichtungen, die ihm im Manuscript bekannt wurden, sind wol schon anderwärts gedruckt; doch wollen wir sie auch an dieser Stelle mittheilen, weil wir auch unsererseits ihnen nur zustimmen können. Varnhagen's kurz vor seinem Tode niedergeschriebenen Worte lauten:

Gleich die Hauptsache berührend, erkläre ich unumwunden, daß ich der Richtung und Tonart der "Frommen Gedanken" aufrichtigst beistimme. Es ist hier ein Dichtungsgebiet eröffnet, wo die Phantasie nicht in wilden Schweifungen, sondern, begleitet von Verstandesklarheit, in weisen Betrachtungen sich ergeht. Der Leser dieser Gedichte muß die innigste Hochachtung für den Dichter fühlen und in sich selber bald eine wohlthuende Einwirkung von ihnen wahrnehmen; dies kann ich wenigstens von mir rühmen, und ich denke, vielen andern wird es ebenso ergehen. Ein sittlicher Kern, wie hier überall zu Grunde liegt, vom Schmuck der Dichtung umgeben, in blühender und reicher Sprache, hat von jeher dem deutschen Gemüth entsprochen, Beifall und Zustimmung angeregt. Auch diese Gabe darf meines Erachtens mit Gewißheit auf dankbare Empfänger hoffen.

Wir brauchen wol nicht erst ausdrücklich hervorzuheben, daß Ebert's "Fromme Gedanken" keine aus der dumpfen Kelleratmosphäre des hoffähigen und sich auf weltliche Vortheile sehr wohl verstehenden modernen Pietismus, der von dem demüthigen Pietismus der Spener und Jung-Stilling wohl zu unterscheiden ist, hervorgegangene salbungsvolle Phrasen sind. Ebert selbst sagt:

Wahrhaft fromm nenn' ich
Solcherlei Gedanken,
Die an Edles sich
Stets und Würd'ges ranken;

Die der Wesen Grund
Innerlich betrachten
Und auf seltnen Fund
In Gemüthern achten;

Die Gefühl' erspähn,
So in Herzenstiefen,
Kaum von uns gesehn,
Unerklärt noch schliefen;

Die, was Gott erschuf,
Uns bewundern lassen
Nützlichen Beruf
Jedes Dings erfassen u.s.w.

Fromme Gedanken sind ihm diejenigen, die zur Liebe mahnen; aber

. . . auch der Zorn
Ist nicht ausgeschlossen,
Wenn er aus dem Born
Reinen Sinns gestossen;

Denn nur der ist gut,
Der nur liebt das Rechte,
Dem nicht fehlt der Muth,
Anzugehn das Schlechte.

Jesus war voll Lieb'
Auch, da er im Eifer
Aus dem Tempel trieb
Käufer und Verkäufer;

Treiben möcht' auch ich
Aus der Erde Tempel,
Was nicht tief in sich
Trägt des Edeln Stempel.

Wenn er, sagt er weiter, mit seinen frommen Gedanken nur ein Herz durchdringe, so sei ihm schon viel gelungen:

O, ein Herz ist viel!
Würde stets genommen
Eins zum guten Ziel,
Allen wär's zum Frommen.

Aehnlich sagt er in dem Gedicht "Wohlthat", nachdem er darüber Klage geführt, daß, wer Barmherzigkeit geübt und Liebe gesäet, meist nur Undank ernte:

Schüttle den Ueberfluß aus den Händen!
Rettest du Hunderte nicht vom Falle,
Ist doch dein Ausstreun kein Verschwenden,
Einer gilt und lohnet für alle.

Der Dichter wendet sich mahnend und warnend an das jüngere Geschlecht:

Sprich mit den Alten auch; die grauen Haare
Verlästert jetzt Europas jung Geschlecht,
Indeß der Hottentott und Delaware
Den Greis beräth im Frieden, im Gefecht;
O glaube mir, nur der blickt recht ins Klare,
Der lang gesehn das Unrecht und das Recht,
Die Welt wird dann auf sicherm Weg nur wandeln,
Wenn Aeltre denken, und die Jungen handeln.

Drum richte dich nach der Erfahrnen Lehre,
Und an das Edle setze Gut und Blut,
Steh fest, ein Fels im aufgeregten Meere,
Sei muthig, aber flieh den Uebermuth;
Such' keinen Ruhm; des Mannes schönste Ehre
Ist seines Werthes unverletztes Gut.
Geläng's dir, höchstens Beifall zu ertrachten,
Was frommt er dir, kannst du dich selbst nicht achten?

Des Vortheils Lockung flieh! es treffe Schande
Den Selbstling, der sich an der Wirrung freut,
Der Beute sucht im allgemeinen Brande,
Der sich bedenkt in solcher Unglückszeit;
Sieh Jüngling, hin! an eines Abgrunds Rande
Steht eine Menschheit, bist du nicht bereit,
Ein zweiter Curtius, dich dem Tod zu weihen,
Wenn's gilt, vom Unheil viele zu befreien?

Aufs heftigste geißelt er, namentlich in dem Gedicht "Eine schöne Frau", jene geist-, herz- und seelenlosen Modefrauen, die, eine Plage und ein Hauptschaden unserer Zeit, mit den männlichen Stutzern jetzt selbst oft im Punkte geckenhafter Keckheit und Frechheit wetteifern, die "der erste Damenschneider und nicht der Allerzeuger schuf", deren natürlich Bild man "vor Spitzen, Schleiern, Federn, Bändern" nicht zu erkennen vermag. Er erinnert sie mit ergreifenden Worten an die Zeit, wenn alle diese Toilettenkünste nicht mehr hinreichen, die faltige Stirn zu glätten, den eingesunkenen Wangen Fülle und den erloschenen Augen Glanz zu verleihen:

Wenn dir dein Aeußres ward zur Plage,
Und dir von innen kommt kein Schein,
Wie qualvoll werden deine Tage,
Wie arm, wie elend wirst du sein!

Zu den schönsten Gedichten der Sammlung gehören wol folgende; "Ein altes Häuschen", "Lenzfreude" mit dem Schluß:

Von Schönem bin ich tief erfüllt,
Wie wird der Schlummer sein so mild,
So geh' ich, Gott, mit dir zur Ruh,
In allem Schönen bist ja du! –

[789] sodann "Lerche und Seele", eine trefflich durchgeführte Allegorie mit den Schlußstrophen:

Zwischen Himmel und Erde so
Bleibst du im steten Wandern,
Bist des einen selig froh,
Und erfreust dich der andern.

Einst fällt aller Ballast von dir,
Sonnenwärts wirst du schweben,
Aber hier genüge dir
Dieses Lerchenleben.

Ferner "Die Mannesthräne", "Keim und Kind" und "Die Sonnenfinsterniß". In "Keim und Kind" fragt der Dichter:

Das Kind, wenn Mann einst, wird es wirken
Fürs Heil der Menschheit ernst und kühn,
Wird's, wenn es Weib, in den Bezirken
Das engen Hauses freudig blühn?
Wird's nicht vielleicht die Welt erschüttern,
Vielleicht vergessen untergehn?
Wird man es lieben, vor ihm zittern,
Wird auch ein Herz sein Herz verstehn?

Er ruft die ewige Weisheit an:

Ist es bedroht von Unglücksblitzen,
Dann nimm es lieber wieder heim;
Doch winkt ihm Heil, so woll' ihn schützen,
Den kleinen großen Menschenkeim.

In dem Gedicht "Die Sonnenfinsterniß" schildert er, wie er ins Feld hinausgegangen, um die Wirkungen der Sonnenverschattung zu beobachten, ihm zur Seite ein Freund,

Der nie sich wollt' erschüttert zeigen,
Der als ein Geist, der stets verneint,
Vor nichts sich wollt' in Demuth beugen;
Mit seiner Zunge, scharf und spitz,
Wußt' alles gleich er zu zersetzen,
An allem Zweifler, traf sein Witz
Das Höchste, das wir andern schätzen.

Dieser Freund sucht ihm unterwegs zu beweisen, daß ja ein solches rein mechanisch erfolgendes Naturschauspiel gar keine Bewunderung verdiene; nur vor des Menschen Geist, der es dahin gebracht, ein solches Schauspiel Jahrhunderte vorauszuverkünden, müsse man sich beugen. Und der Dichter:

"Und wer" – so rief ich – "wer erschuf
Des Menschen Geist?" – ich sprach nicht weiter,
Getroffen hatte wol mein Ruf,
Denn ganz verstummt war mein Begleiter.

Die eigenthümlichen Wirkungen der Sonnenfinsterniß beginnen inzwischen sich zu zeigen:

Da – in der Luft mit einem mal
Erhob sich leises Wehn und Flüstern,
Das Licht erbleichte, wurde fahl
Und rings begann sich's zu verdüstern,
Und immer tiefer tauchten ein
Die Au'n und Matten, Thäler, Höhen
In einen bläulich grauen Schein,
Ein Zwielicht, seltsam anzusehen.

Wir blickten auf; – das Angesicht
Der Sonne war von kranker Bleiche,
Wie dessen, dem das Auge bricht,
Dann wie das Bild schon einer Leiche.
Ein dichter Flor war's, der es barg
Und immer weiter weiter rückte,
Bis kaum hervor noch aus dem Sarg
Das fahle Todtenantlitz blickte.

Seitdem kehrte sein Freund nie wieder zum Spott zurück:

Es hatte Gott zu ihm gesprochen,
Ein einz'ger großer Augenblick
Des Mannes geist'gen Stolz gebrochen.

Sinnreich ist das Gedicht "Ein schlechtes Buch", eine Diatribe über ein vom Modegeschmack ausposauntes Buch, das er seinem Freunde wieder zurückschickte:

      . . . . In hastiger Eile
Aus meinen Büchern schied ich's aus,
Mir war, solang' es hier, als weile
Ein böser Geist in meinem Haus.

Man hat Ebert's Poesie Reflexionspoesie genannt; wir möchten sie lieber Gesinnungspoesie nennen, die Poesie sittlicher Gesinnung und ernsten männlichen Wollens. Es ist die Poesie, welche an diejenigen Schäden und Wunden der Menschheit Hand anlegt, für die unsere classischen Dichter, die Mehrzahl der romantischen, die Anhänger Byron's und Heine's keinen Blick hatten. Ob man diese Poesie dichterisch finden will, ist dabei ziemlich gleichgültig; es kommt nur darauf an, ob sie auch heilsam und segensreich ist. Diejenigen freilich, welche das Princip aufstellen, daß ein moderner Dichter auf einem freien moralischen Standpunkt oder genauer ausgedrückt, auf gar keinem sittlichen Standpunkte stehen müsse, werden diese Poesie allerdings "zopfig" finden. Gilt doch heutzutage manchen ein Buch schon deshalb für zopfig und unpoetisch, weil unschuldige junge Leute bei seiner Lectüre nicht zu erröthen brauchen, gerade als ob es ein Hauptvorzug der Poesie sei, Empfindungen zu erregen und Vorstellungen zu erwecken, die nur bei ganz hartgesottenen Menschen keine Schamröthe mehr hervorrufen. Damit soll übrigens nicht gesagt sein, daß die sittliche Tendenz allein schon einem literarischen Erzeugnisse poetischen Werth verleihe, oder daß ein Werk, welches in diesem oder jenem Punkte gegen die Sittlichkeit verstößt, dabei doch nicht auch ein Werk von hervortretender, ja überragender dichterischer Bedeutung und für Leser gereiftern Alters eine ebenso genußreiche als bildende Lectüre sein könnte.

 


 

Zu Adolf Peters' "Preisgesängen" oder "Natur und Geist" (Nr. 3) übergehend, möchten wir fast bedauern, dieser Sammlung keinen besondern Artikel widmen zu können, da sich eben zu viele gleichartige oder doch richtungsverwandte Erscheinungen, von denen jede wieder ihre eigenen Vorzüge besitzt, auf unserm Büchertisch zusammengefunden haben. Es herrscht in Adolf Peters' Dichtungen ebenso wol hymnischer Schwung der Sprache als der Empfindung, eine Innigkeit und Inbrünstigkeit des Sichversenkens in Natur und Gottheit, in den Abgrund der ewigen Schöpferkraft und der göttlichen Liebe, wie wir sie bei modernen Dichtern selten gefunden haben. In der ersten Abtheilung "Natur" sucht der Dichter Gott in der Natur, in den Himmelserscheinungen, besonders aber in der Pflanzen- und Blu[790]menwelt auf, und wir finden darunter Gedichte von so erhabener Schönheit wie das folgende:

      Himmel und Erde.

              Erde.

Komm, Geliebter, mein Verlangen,
Mein Gebieter, mein Geleit,
Mich erlösend zu umfangen
Steig' herab im Sternenkleid!
Eile, der du mich erkoren,
Hole endlich deine Braut!
Manch Jahrtausend ist verloren,
Seit mein Auge dich geschaut.

Die Lebendigen, die Todten,
Alle sind dir zugethan,
Und die Wolken, meine Boten,
Suchen täglich deine Bahn.
Wälderwipfel, Frühlingsbeete
Drängt ein Liebeshauch hervor,
Und die Sterne wie Magnete
Ziehn die Geisterwelt empor.

Eile, eile mir zu geben,
Was dein Blick mir längst verhieß,
Komm mit deinem ew'gen Leben,
Deinem sel'gen Paradies!
Meine Sehnsucht, meine Klage,
Jede Noth, woran ich litt,
Schwindet mit dem Hochzeitstage
Und das Weltall feiert mit.


            Himmel.

Die Jahrtausende laß fliehen,
Die Gestirne ewig hin
Liebehuldigend umziehen
Meine treue Wallerin.
Denn es hält die alte Schlange
Ihren Bräutigam umspannt,
Ach er ward vom Uranfange
An die Ewigkeit gebannt.

Aber dir um junge Glieder
Spielt der Zeit lebend'ge Flut,
Lust und Leid wogt hin und wieder
Und mein Blick ist deine Hut.
Meine Sonnenküsse brennen,
Ihre Glut verzehrte dich;
Ewig suchen, ewig trennen,
Sollen Erd' und Himmel sich.

Laß im Hoffnungsquell genesen,
Die erkrankt in Liebesglut,
Wer im Glauben mich erlesen,
Dessen Los ist groß und gut.
Die du mütterlich umschmiegtest,
Mit der Liebe Milch genährt,
Alle Guten, die du wiegtest,
Ruhn in meinem Arm verklärt.

Die zweite Abtheilung unter dem Titel: "Gott", ist dem unmittelbaren Gottesdienst gewidmet, und man weiß, daß dieser Dienst in unsern Tagen ein sehr schwerer ist und wenig auf Anerkennung rechnen darf; denn der bekannte und wahrscheinlich von einem auf Fron und Robot eifrig haltenden mächtigen Herrn erfundene Spruch, daß Herrendienst vor Gottesdienst gehe, hat jetzt eine so weite und unbeschränkte Ausdehnung erhalten, daß es fast keinen Herrn gibt, der sich nicht wieder für einen höhern und zuletzt den allerhöchsten Herrn dieser Welt, den Mammon, abarbeitete. Wer Gott dient, und zwar im Tempel seiner Brust und im Allerheiligsten seines Herzens, wird freilich auf jeden äußern Lohn verzichten müssen; ja es kann sogar leicht geschehen, daß er auch den Spott der Weltkinder und der Diener des Mammon auf sich nehmen muß. Freilich geht es diesen zuletzt sehr oft wie dem reichen Manne, der in Irrsinn verfiel und von dem unser Dichter erzählt:

Im Haus des Wahns sah ich ein Haupt,
'Nen Krösus, der sich Bettler glaubt;
Könnt' auf eine goldne Krone setzen,
Wand eine sich aus Stroh und Fetzen!
Er stierte in den Quell des Lichts
Und schwur und schrie: "Ein großes Nichts!"
Er ballte die Faust, als ich weiter ging,
Und brummt' in den Bart: "Nichts ist das Ding!"

Das Gedicht "Die Götter der Hellenen" ist gewissermaßen ein Gegenstück zu Schiller's Gedicht "Die Götter Griechenlands", indem der Verfasser schließt:

Erkenn' es, was menschlich hehr und groß,
Ist göttlich, doch ward es zum Gotte,
Dann theilt es der Menschen sterblich Los,
Verfällt, umfabelt, dem Spotte.

Die Glut erlischt, die den Busen geschwellt,
Das Heilige dient dem Gemeinen,
Hohnlachend schwelgt die entartete Welt
Und alle Genien weinen.

Drum preise den Höchsten und preise den Sohn,
Es sprang der Beseligung Funken
Aus Gluten, darin der olympische Thron
Mit allen Göttern versunken.

Es folgt eine Reihe von Psalmen, nach einem System wiedergegeben, über das sich der Dichter in den Anmerkungen ausführlicher ausläßt, eine Nachbildung des Kreuzliedes von Hartmann von der Aue, eine neue Uebersetzung des "Dies irae, dies illa" und eine Rhapsodie "Die ewigen Säulen", die zwar voll hymnologischen Schwungs, poetischen Feuers und stellenweise auch tiefer Anschauungen, dabei aber doch chaotischer, wortreicher und unklarer ist, als sich für ein Gedicht philosophisch-religiösen Inhalts ziemen möchte. Wie Gott selbst zugleich der erhabenste und einfachste Begriff ist, so ist auch überhaupt alles Erhabene einfach. Wer das Erhabene schildern will, muß eher wortkarg als wortreich sein. Etwas zur Unklarheit und Uebertriebenheit im Ausdruck neigt überhaupt unser Dichter seiner ganzen Natur nach, weshalb wir auch fürchten möchten, daß seine Dichtungen nicht die allgemeine Verbreitung finden werden, die sie sonst wegen ihres Inhalts verdienen. Ein Berichterstatter über die von Karl Simrock herausgegebenen "Deutschen Weihnachtslieder" wies jüngst in den Brendel-Pohl'schen "Anregungen" auf die "ergreifende Hoheit religiöser Anschauung", und die "innige Gemüthstiefe" hin, welche die ältern deutschen Kirchenlieder charakterisiren, hob unter den neuern, obschon in diesen nicht immer die gleiche Herzensgüte und religiöse Aufrichtigkeit zu finden sei, besonders die "Verkündigung" von J. Kerner, das "Du lieber, heil'ger frommer Christ" von E. M. Arndt und einige [791] Strophen von Eichendorff, Schenkendorff u.a. hervor, und schloß dann: "Möchte die deutsche Nation neben ihren "realistischen" Bemühungen einige Stunden auch fernerhin für die Botschaft des Ewigen finden; diese Zeit über hat sie wenig daran gedacht." Den in den "Anregungen" erwähnten Liedern, die man ausnahmsweise unter den neuern als Perlen geistlicher Lyrik betrachten darf, werden sich auch mehrere von Peters mit Recht anreihen lassen.

 


 

Die Dichtung: "Der Stunden Gottesgruß", von Franziska Gräfin Schwerin (Nr. 4), behandelt den idealen Lebenslauf eines sich zu immer größerer Vervollkommnung emporringenden Mannes von der Wiege bis zum Grabe, in 12 Abschnitten oder ebenso vielen Stundengrüßen, welche letztern dem Helden der Dichtung eine neue bedeutsame Phase oder Wandelung in seinem Leben ankündigen. Die Stunden erscheinen nämlich in dieser Dichtung wie in der prächtigen Goldvignette des Deckels als Engel oder Genien, welche von der Urmutter Zeit abgeschickt sind, um sein Leben zu überwachen und zu beobachten. In den einzelnen Abschnitten zeigt die Verfasserin, daß und wie sich Gott im Mutterherzen, im Menschenworte, in der Natur, in der Wissenschaft, in der Freude, in der Liebe, in der Kraft, in der Wahrheit, in der Freiheit ("der Geist der Freiheit ist ein Gottesgeist!"), in der Treue, in der ewigen Jugend, endlich im Frieden offenbare. Hier nur einige Proben, die dem Werkchen bei Gleichgesinnten vielleicht mehr zur Empfehlung gereichen dürften als eine eingehende Kritik, die auch gern ihre feierliche Amtsmiene und Amtsrobe ablegt, wenn sie sich Dichtungen dieser Art gegenüber befindet. Der anonyme Held der Erzählung besucht die Hörsäle und versenkt sich in die classischen Studien, in die dichterischen Schachte der alten und neuen Literaturen:

Wol scheint sie hin; wol scheint ins Grab gesunken
Für ewig der Antike Herrscherzeit,
Doch hat der Geist des Alterthums die Funken
Des reinsten Lichtes in die Welt gestreut.
Wohl dem, der sie erkannt und eingesammelt
In seiner Seele tief geheimen Schrein,
Der diesem Geiste Dankesgrüße stammelt,
Und leise bittet: O tritt bei mir ein!
Der in der Jugend heil'gen Götterstunden
Dem Dienste dieses Geistes sich geweiht,
Der andachtsvoll den stillen Weg gefunden
Zu seinem Reich der Kraft und Herrlichkeit!
Der Jüngling that's! Und wie ein heißes Sehnen,
Wie tiefe, wahre Pietät ihn treibt,
Zurückzuschauen zu dem classisch Schönen,
Das ewig groß und ewig herrlich bleibt,
So zieht's ihn auch, mit ernstem Forschungstriebe,
Mit einem Geiste, rein und unentweiht,
Mit einem Herzen voller Dank und Liebe,
Hineinzuschaun in eine spätre Zeit.
Und was einst Klopstock gab in dem Gedichte,
Das durch die Welt den Siegeslauf gemacht,
Was Leibniz und Spinoza, Kant und Fichte,
Jacobi, Herder, Goethe, Gleim gedacht,
Was kämpfend sie erstrebten und erreichten,
Und was als einen Tempel sie erbaut,
In dem der Menschengeist das heil'ge Leuchten
Des Göttlichen und Großen fühlt und schaut,
Das hält im tiefsten innersten Gemüthe
Der Jüngling fest, und harret glaubensvoll,
Daß diese heilige Erinn'rungsblüte
Ihm eine Frucht fürs Leben bringen soll.

Aber die Versuchungen und Anfechtungen bleiben nicht aus; sein Idealismus wird aufs tiefste erschüttert:

Er sah die heil'gen Träume seiner Jugend
Als Wahn verlacht, verspottet und geschmäht,
Er sah den Sieg der Schuld, den Fall der Tugend,
Des Himmels Sturz, der Hölle Majestät!
Er sah der Liebe unfruchtbares Ringen,
Er sah der Selbstsucht kalten Herrscherblick,
Er sah wie Stolz und Ehrfurcht vorwärts dringen
Und wie die Eitelkeit erringt das Glück!
Da war's geschehn! da gab er still verloren
Der Wahrheit großes, heil'ges Götterspiel,
Verhüllte seines Geistes Aug' und Ohren,
Und sprach: "Genuß nur ist des Lebens Ziel!
Der Thor nur kämpft, der Schwächling nur entbehret,
Der Dumme, Geistesarme nur entsagt,
Doch der Verständige und Kluge höret,
Auf das, was ihm des Zeitgeists Stimme sagt,
Du mußt dich schmiegen, flüstert sie ganz stille,
Die Farbe tragen, die die Welt begehrt,
Mußt handeln, wie des Mächt'gen mächt'ger Wille
Es fordert, nicht wie dein Gefühl dich lehrt!
Mußt heute dem, und morgen jenem dienen,
Mit Lächeln hören, was dein Herz empört,
Mußt lauschen auf die Worte, Blick' und Mienen
Deß, den die Menge feiert, lobt und ehrt!
Mußt gläubig das bejahen und bekennen,
Für das ein tausendfältig lautes "Nein"
In deiner tiefsten Brust du fühlest brennen!
Mußt mit Bewußtsein falsch und treulos sein!
Mußt schweigen, wo mit jubelndem Entzücken
Du reden möchtest feurig, stolz und kühn!
Mußt reden, wo mit tiefgesenkten Blicken
Du still und wortlos möchtest heimwärts ziehn!
Mußt strafen, wo ans Herz du möchtest schließen,
Mußt loben, wo Verachtung in dir brennt!
Mußt das als Segnung rufen und begrüßen,
Was dein Gefühl als tiefste Schmach erkennt!
Mußt dem Geehrten deine Ehre geben!
Und dem Gedrückten deinen Druck! Mußt ihn,
Den man gefeiert nennt, erhöhn und heben!
Und den Verachteten zu Boden ziehn!"

Der Held zieht hieraus die Lehre, daß man, um in der Welt sein Glück zu machen, schlecht sein müsse wie sie; und bald fliegen ihm Aemter, Diplome, Orden zu; er schwelgt an fetter Tafel, er ruht nachts

. . . . . . auf seidenweichem Pfühl;
Doch fehlt dem Wachenden des Wachens Frische,
Dem Schlafenden des Schlafes süß Gefühl.

Er fühlt, wie sein Ich nicht mehr sein Ich ist, wie er die Welt gewonnen, sich selbst aber verloren hat; er hat den in unsern Zeiten fast unerhörten Muth, zu entsagen, freiwillig von seiner Höhe herabzusteigen, in einem kleinen Amte sein und der Seinen Leben zu fristen und in seinen Mußestunden für die Oeffentlichkeit zu schreiben, nicht zu dem Zwecke pecuniären Gewinns, sondern nur um der Welt nützlich zu sein und zu ihrer Besserung beizutragen. So gewinnt er wieder den innern Frieden, den er der Weltlust geopfert hatte, und auch die Aner[792]kennung der Edlern und Bessern bleibt nicht aus. Die Darstellung eines solchen idealen Musterlebens kann lehrreich sein, wenn man überhaupt noch fähig ist, Lehre anzunehmen. Die Dichtung ist offenbar aus einem bewegten und rein gestimmten Herzen hervorgegangen, sie ist stellenweise beredt, eindringlich und erhebend, in der Erkenntniß und Darstellung sittlicher Gebrechen oft tiefwahr, und so mag man sich wol einzelne sprachliche Nachlässigkeiten, einige harte Elisionen und eine gewisse Monotonie in der Form gefallen lassen. Die Verfasserin selbst wendet sich mit ihrer Dichtung vorzugsweise an die Mütter; sie sagt in der Widmung:

Den Gottesgeist zu suchen, zieht ihr aus
Und tretet ein in jedes Gotteshaus!
Und schaut zu Kanzel und Altar hinauf,
Und schlaget Bibel und Gesangbuch auf!
Und beuget unter Priesterhand das Haupt
Den Gott zu suchen, den die Seele glaubt!
Doch daß das Menschenherz hier auf der Erde
Des Gottesgeistes schönster Tempel werde,
Daß jede Stunde, die das Leben bringe,
Als Gottesgruß euch an die Seele dringe,
Daß euer irdisch Wollen, Sein und Handeln
In einen Gotteshauch sich mög' verwandeln,
Daß Gott in euch denkt wie er durch euch spricht,
Das, Menschen, glaubet und erstrebt ihr nicht!
O Mütter, euch vor allen ist gegeben
Das Evangelium von dem Gott im Leben,
Auf daß ihr's euern Kindern sollt erzählen
Und ihren Geist dem Gottesgeist vermählen,
Um nützend euer heilig schönes Recht,
Zu bilden ein Gott würdiges Geschlecht!
Drum euch, den Gründern einer neuen Zeit
Sei dieser Stunden Gottesgruß geweiht!

 


 

Folgende zwei Gedichtsammlungen gehören genau genommen nicht eigentlich in den Kreis der hier besprochenen Dichtungen, aber wir fügen sie hier an, weil eine mehr weiche, idyllisch-gemüthvolle, dem Taumel und Lärm der Welt abgewandte Stimmung beiden Dichtern eigen ist:

5. Gedichte von Richard Pohl. Weimar, Landes-Industrie-Comptoir. 1859. 16. 15 Ngr.
6. Gedichte von Karl Wilhelm Batz. Leipzig, C. L. Fritzsche. 1859. Gr. 16. 15 Ngr.

In den Gedichten Richard Pohl's, der sich durch manche werthvolle Beiträge zu den "Anregungen" als einen soliden Kritiker bekannt gemacht hat, löst sich die Reflexion ganz in Empfindung und die Empfindung in sprachliche Musik auf. Man darf seine Sammlung nach einer Bemerkung der "Neuen musikalischen Zeitung" geradezu "als einen von musikalischer Seite ausgehenden Versuch begrüßen, Dichtkunst und Tonkunst immer inniger zu verbinden". Der Versuch mußte ihm um so mehr gelingen, da er als Musikverständiger mit den hierzu erforderlichen Bedingungen hinlänglich vertraut ist. Die meisten dieser Gedichte sind ursprünglich für Musik bestimmt und einige von ihnen schon vorhandenen Compositionen angepaßt. Der Grundton der ganzen Schöpfung ist unserm Dichter Musik:

Musik durchwogt die ganze Welt,
Wenn du nur hören magst,
Und gläubig lauschend der Natur
Den Weltengeist befragst.

Musik ist's, wenn im Abendschein
Die Welt zur Ruhe geht,
Durch grüne Waldeseinsamkeit
Der Odem Gottes weht.

Musik ist's, wenn in Vollmondsnacht
Die Welle glänzt und rauscht,
Und mit dem Schilf am Ufer spielt
Und flüsternd Märchen tauscht.

Musik ist's, wenn der Nebel wallt
Beim ersten Morgengraun,
Der Alpen Gipfel still erglühn,
Eh' sie die Sonne schaun.

Musik ist's, wenn mit einem Blick
Zwei Seelen sich verstehn,
Zwei junge Herzen, selig stumm
Die Liebe sich gestehn.

Der Dichter bevorzugt die kurzen Rhythmen, weil sie die musikalischsten sind und am meisten sich zur Composition eignen. Viele derselben sind schon an sich Musik, z.B.:

      Heimkehr.

Jetzt lenkt mich, ihr Füße,
   Zur Heimat, zur Heimat!
Was wankt ihr so sehr?
Auf, eilet ihr Grüße
   Von Echo zu Echo
Im Flug vor mir her!

Ihr lachenden Auen,
   Ich grüß' euch, ich grüß' euch!
Kennt ihr mich nicht mehr?
Ihr Augen sollt schauen
   Die Liebste, die Liebste!
Was trübt euch so sehr?

In andern findet man eine anmuthige Naturschilderung oder ein treffendes Bild oder Gleichniß, z.B. in folgendem Gedichtchen, in welchem die fast allen tiefern lyrischen Gemüthern eigene Unbefriedigung und ihre Sehnsucht nach einer fernen bessern Heimat in bezeichnender Weise ausgedrückt ist:

               Die Möve.

Einsame Möve! Vom dürren Strand
Durch Sturm, durch Nebel vorwärts dringend,
Nach unbekanntem, nach fernem Land
Von Woge dich zu Woge schwingend.

Du bist des einsamen Sängers Bild,
Dem liebeleer sein Leben schwindet,
Nach einer Heimat mit Sehnen erfüllt,
Die er auf Erden nimmer findet.

Die Schwinge berührt das donnernde Meer,
Die Blicke sind nach oben gerichtet,
Die Welt umher ist öde und leer:
So hab' ich gerungen, so hab' ich gedichtet!

Der Dichter denkt von seinen Liedern übrigens sehr bescheiden; er sagt von ihnen:

Kleine Lieder, unverhofft
   Sollt den Blicken sagen,
Was ich liebte, was gehofft
   Und – was still zu tragen.

[793] Schmückt ihr der Geliebten Bild,
   Eh' die Blüten fallen:
Ist die Sendung treu erfüllt –
   Möget dann verhallen!

Wir glauben diese der Prinzessin Marie von Sayn-Wittgenstein gewidmete Sammlung, die mit Reiseerinnerungen an den Rhein schließt und für die, wie gesagt, das musikalische Element und zugleich auch ein an die Goethe'sche Liederweise anklingender Ton charakteristisch ist, mit Recht allen Liedercomponisten als Textauswahl, aber zugleich auch allen Freunden einer zarten, gemüthvollen und einfachen Lyrik und besonders Liebeslyrik empfehlen zu können.

 


 

Der Verfasser der andern Sammlung, Karl Wilhelm Batz, hat uns um "geneigte Beachtung", aber auch um "strenge Kritik" ersucht, was wenigstens voraussetzen läßt, daß der Dichter nicht zu den unbescheidenen Talenten gehört; denn diesen ist es um "strenge Kritik" niemals zu thun. Handelt es sich um letztere, so werden wir freilich dem Dichter sagen müssen, daß er sich noch im Stadium großer Unreife befindet und noch viel an sich wird arbeiten müssen, um zugleich einen Vorrath gehaltvoller Gedanken und eine durchgebildetere Form, namentlich für die Ballade zu gewinnen. Indeß Unreife ist bei einem Anfänger kein unverbesserlicher Fehler, und wenn nur sonst Talent da ist, läßt sich unter den Einflüssen reicherer Lebenserfahrungen und fortgesetzten ernsten Strebens immer etwas erwarten. Hier und da finden sich jetzt schon hübsche Klänge, z.B.:

Sing' ich dir ein Liebesliedchen
So recht aus des Herzens Grund,
So laß es mich nicht enden,
O küsse den Schluß vom Mund!

Das sind die besten Lieder,
Die man mit Küssen singt,
Das sind die besten Küsse,
Zu denen ein Lied erklingt.

Folgendes Gedicht ist zwar etwas weinerlich, aber es hat doch einen angenehmen Ton:

Sie haben dich weit weggesandt
Gar fern von mir ins fremde Land,
Nun sitz' ich alleine
Und weine.

Ein Brieflein hast du geschrieben fein,
Das halt' ich in den Händen mein,
Und sitz' alleine
Und weine.

Es sehnt sich nach deinem mein Herz so sehr,
Doch du kommst wieder nimmermehr;
Drob sitz' ich alleine
Und weine.

Das berliner Neue Museum gibt ihm Anlaß zu folgenden Zeilen:

Wer darf im Angesichte dieser Schöpfung wagen,
Zu sprechen von der Armuth unsrer Zeit?
Ein Thor ist's, wer die Gegenwart bespöttelt,
Ein armer Mann, der Mitleid sich erbettelt.

Wir geben allerdings zu, daß das (Schinckel'sche) Neue Museum so ziemlich das edelste und grandioseste Bauwerk griechischen Stils ist, welches die neuere Zeit hervorgebracht hat; aber es ist doch immer nur eine geniale Copie griechischer Muster, und die Kunstschätze, die es enthält, gehören, wie der Dichter selbst bemerkt, "der Vergangenheit und grauem Alter" an. Gerade dieser Reichthum beweist also, unsers Dafürhaltens, doch nur die Armuth unserer Zeit. Das dürfte auch der griechische Doct. philosoph. Teagenes Livadas zu bemerken haben, dem der Verfasser seine Gedichtsammlung gewidmet hat.

 


 

Wir können übrigens nicht schließen, ohne die Befürchtung auszusprechen, daß unsere Lyrik auf dem Wege begriffen zu sein scheint, sich in einen Quietismus, in eine Selbstbeschaulichkeit zu verlieren, die ihr gefährlich werden könnten. Wir möchten doch auch gern wieder einmal die Darstellung großer Charaktere und mächtiger, wenn auch vorzugsweise edler Leidenschaften erleben. Wir müssen fürchten, daß dieser Frieden in der Lyrik zuletzt doch nur ein fauler Frieden ist, zumal da kaum noch ein Hauch kecken und gesunden Humors, der doch auch eine Gottesgabe und dabei echt germanischer Art ist, diese fast allzu dumpfe Atmosphäre lyrischer Selbstbeschaulichkeit und Erbaulichkeit erfrischend in Bewegung setzt.

 

 

[Fußnote, S. 782]

*) In Betreff dieser Ueberproduction fanden wir jüngst im "Abendblatt der Neuen Münchener Zeitung" die wie es uns scheint ziemlich zutreffende Bemerkung: "Man müßte unsere Zeit für eine sehr poetische, ganz von romantischem und idealistischem Schwunge gehobene halten, wollte man – besonders in Deutschland – aus der Masse der erscheinenden Poesien einen Schluß auf Stimmung und Richtung im allgemeinen ziehen. Es bedarf indessen nur eines Blicks auf das alltägliche Thun und Treiben der Mehrzahl der "Gebildeten", um nicht in eine solche Täuschung zu verfallen. Wir möchten noch weiter gehen und behaupten, daß gerade die poetische Ueberproduction ein Merkmal der Nüchternheit, des Mangels an wahrer Begeisterung und Tiefe der Empfindung ist, weil sie ja hauptsächlich aus dem Bestreben hervorgeht, diesen Mangel wenigstens mit dem Scheine des Gegentheils äußerlich zu überkleiden. An und für sich ist nun ein solches Bemühen nicht zu tadeln; man müßte es sogar beklagenswerth finden, wenn es nicht vorhanden wäre. Aber nothwendig scheint es uns, daß man sich klare Rechenschaft gebe, um den Werth des größern Theils der poetischen Hervorbringungen der Gegenwart auf sein richtiges Maß zurückzuführen."   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Blätter für literarische Unterhaltung.
1859, Nr. 43, 20. Oktober, S. 781-793. [PDF]

Gezeichnet: Hermann Marggraff.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien). Ein Druckfehler wurde korrigiert (S. 784).

Blätter für literarische Unterhaltung online:
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URL: https://catalog.hathitrust.org/Record/100319397

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

 

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Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer