Karl Stelter

 

 

Einige Bemerkungen über lyrische Formreinheit.

 

"Das "Wort an Viele" von Otto Banck in Nr. 9 der "Dichterhalle" giebt mir die Veranlassung zu diesen Zeilen, mit denen ich die Absicht der Redaction der "Dichterhalle": zu gründlicher Feile zu rathen, unterstützen und durch Beispiele illustriren möchte. Liegt mir doch die Poesie am Herzen, mir, der ich in meinem neunten Jahre die ersten Verse machte und der ich seit meinem sechzehnten bis jetzt in mein fünfzigstes immerzu dichte.

Auf die Gefahr hin, tauben Ohren zu predigen, was leider bei jüngeren Versifexen meist der Fall ist, gebe ich meine Erfahrungen zum Besten; ziehen auch nur Einzelne Nutzen daraus, so ist der Gewinn für die Dichtung schon ein großer, und daß sie an Ansehen und Stellung wiedergewinne, daran ist gewiß allen Dichtenden gelegen.

Ich verweise zuvörderst wiederholt auf gründlichste Beherzigung des Banck'schen Ausspruchs, wie ihn die bezeichnete Nummer der "Dichterhalle" enthält, denn Otto Banck ist ein competenter Rathgeber und Beurtheiler. Er selbst hat einen starken Band seiner Gedichte herausgegeben, in dem des Guten und Musterhaften eine ganze Fülle steckt. Das bedingt natürlich nicht, daß er zu der sehr kleinen Zahl von Dichtern gehört, deren Bücher zu kaufen einmal Mode ist. Den Ausschlag für solche Mode hat nicht immer der innere dichterische Werth, sondern vielfach selbst das äußerliche Auftreten der Verfasser gegeben, sehr viel trägt dazu auch der Verlag und die Art der Poussirung durch gewisse Journale bei. Für Otto Banck geschah in letzterer Beziehung beim Erscheinen seiner "Gedichte" für den Augenblick eher zu viel, als zu wenig; selbst daß das Buch broschirt und ohne Goldschnitt ausgegeben wurde, rechnete man ihm damals als ein Verdienst an. Indeß die Collegen des bekannten Kritikers und Kunstschriftstellers hatten ihre Schuldigkeit gethan, Banck selbst mochte wol glauben, dem Buche selbst die Wirkung allein überlassen zu können, das Publikum aber, dem der Dichter seine Person nicht aufdrängte, ignorirte ihn, "legte ihn zu den Uebrigen" – zu dem vielen Guten der Lyrik, dem es nicht gelang, "Mode zu werden". Und Banck's Gedichtsammlung ist sogar bedeutend, sie zeigt die Spuren des "Wortes an Viele", und deshalb bringe ich sie vorab hier in Erinnerung, bevor ich von meinem eigenen Weg als "Dichter" spreche. 1)

Mein Bildungsgang war ein langsamer, ein beschwerlicher. Nur lernte ich leicht, ohne bis zum vierzehnten Lebensjahre andere Hülfsmittel und Gelegenheit zu haben, als – die Elementarschule. – Am leichtesten aber wurden mir – Verse – und doch hatte ich keinen Lehrmeister als das Gefühl. Obwohl ich aus der Schule in ein Geschäft kam, machte ich im Alter von 16 bis 20 Jahren oft täglich mehr Gedichte, als jetzt in einem Jahre, und als mir die Herausgabe eines Bändchens endlich im Jahre 1857 gelang, nahm ich darin ein einziges Gedicht aus der bezeichneten Sturm- und Drangperiode auf. Als ich aber mein erstes Gedichtbuch vor mir sah, und die Urtheile darüber sammeln konnte, da fand ich nach und nach der Härten und Fehler, des Unbedeutenden und Schwachen so viel, daß ich bei der 1862 erfolgenden zweiten Auflage über ein Drittel des Inhalts der ersten ganz ausfallen ließ und das Bleibende gründlich überarbeitete. In gleicher Weise verfuhr ich in meinen folgenden Büchern, und stets halte ich mir mein Lieblingsexemplar, in dem ich das schon Gedruckte wieder und immer wieder zu verbessern suche. Das gewährt mir zu Zeiten einen so großen Genuß, als das ursprüngliche Dichten selbst, und da Dichten ja Selbstzweck sein soll, wie die Schaffung alles Schönen, nicht eine auf den Druck, auf den Verkauf berechnete Waare, so sollte die Veredlung seiner Geisteskinder jedem Dichter gleich nahe gehen. Kommen dann Gedichte zum Abdruck, so werden sie einen weit höheren Grad von Vollkommenheit zeigen, als der größte Theil sogenannter genialer Würfe, und je mehr der zu Ruf gekommene Dichter drucken läßt, je vorsichtiger wird er feilen, um nur seiner Würdiges zu schaffen. Es ist bekannt, daß Heine ganz außerordentlich verändert und verbessert hat, um das hervorzubringen, was jeder jugendliche Schwärmer aus dem Aermel zu schütteln vermeint. Nur das Beste in der besten Form sollte wirklich zum Druck kommen, und seit Platen für die Form Gesetzgeber geworden, sollte sich jeder, der den Ehrentitel "Dichter" erstreben will, folgsam den Gesetzen beugen, nicht aber auf die Classiker zurückweisen, von deren Zeit nicht gesagt werden kann, daß die deutsche Sprache schon so gebildet war, daß sie für uns dichtet. Gegen die Form sollte Niemand gleichgültig sein, der dem Verdacht entgehen will: er habe es nicht besser verstanden. Auch ich habe einst "lieben" und "trüben", "regen" und "wägen" gereimt, aber später gefunden, daß ich, auch ohne dem Gedanken Zwang anzuthun, ganz gut unreine Reime entbehren konnte. Vor Allem aber sollten Kürzen auf Längen, harte auf weiche Endungen gar nicht mehr vorkommen, auch nicht mit süddeutschem, schlesischem oder sächsischem Dialect entschuldigt werden, denn wer dichtet, mag er dialectisiren oder nicht, darf nur drucken lassen, was richtiges Schriftdeutsch ist. Mit ist es unerklärlich, wie oft Dichter von Ruf, und dabei studirte Leute, sich des Gerügten so viel zu Schulden kommen lassen können. Jedenfalls trägt dies mit dazu bei, daß das große Publikum Alles, was Verse heißt, in einen Topf wirft und nur ausnahmsweise einmal ein Gedicht eines der wenigen Lieblinge beachtet. 2)

Form und Inhalt halte ich für unzertrennlich und bin der Meinung, daß auch in humoristischen Dichtungen die Wirkung nur erhöht wird, wenn Geist und Witz in eleganter, gewählter [116] Sprache auftreten. Drastische, effectvolle Reime und Ausdrücke sind wohl für diese Dichtungsart zweckmäßig, nicht aber unreine, und so sollten, nach meiner Meinung, inhaltsvolle, schwunghafte und poetisch reiche Gedichte nicht zum Druck kommen, wenn sie nicht auch durchgehends in Form und Ausdruck correct sind. 3) Auf diese Weise würden Hunderte von Gedichten weniger gedruckt, was schon ein großer Vortheil wäre, denn Beschränkung nach dieser Seite hin thut vor Allem noth, wenn die Poesie überhaupt mehr Beachtung finden soll, und da uns doch nur ausnahmsweise Neues, noch nicht Dagewesenes zu sagen übrig bleibt, auch das Schönste schon gut gesagt wurde, so ist es durchaus kein Verlust, wenn gute Gedanken in unvollkommener Form und Ausdrucksweise ungedruckt bleiben. Ich betone fortwährend mit Absicht: die Veröffentlichung; dichten mag Jeder, dem es gegeben ist, so viel er will, denn nur Uebung macht den Meister, auch den des Talentes, dann aber soll Jeder feilen, sich nach den massenhaft vorliegenden guten Vorbildern schulen und eingedenk sein der Wahrheit: in der Kunst gilt nur das Höchste und Beste, Mittelmäßigkeit ist eben nicht Kunst.

Und nun zum Schluß einige Beispiele dessen, was ich als durchaus unzulässig erachte. Dahin gehören: "Wrack: Tag", "Bivouak: lag", "Glanz: Pan's", "bleichen: schweigen", "Dom: glomm", "hoch: kroch", "Eisen: heißen", "gefallen: banalen". Mit einem Wort: nicht kurz auf lang, nicht weich auf hart. Vermieden werden sollten aber auch: "verjüngen: schwingen", "finden: künden", "Höh'n: gehn", "Seele: quäle", "versöhnen: Thränen". – Beispiele, welche in's Unendliche fortgeführt werden könnten und leider braucht man auch in dem kritisch bestredigirten Werk, welches Gedichte bringt, nicht lange danach zu suchen. 4)

 

 

Anmerkungen der Redaktion.

1) Den reizvollsten Theil der Banck'schen Gedichte bilden die vielen Epigramme und Sprüche, in welchen uns der Dichter in anmuthiger Form eine Fülle kerniger Lebensbeobachtungen und schlagender Einfälle bietet. Es wäre in der That schmerzlich zu bedauern, wenn die Ungunst des Publikums Banck's Gedichte einer so frühen Vergessenheit überlassen wollte.   zurück

2) So feinfühlig ist das Publikum denn doch wohl nicht! Vielmehr läßt sich erfahrungsmäßig beweisen, daß die größere oder geringere Reinheit der Reime auf das Bekanntwerden eines Gedichtes gar keinen Einfluß ausübt. In Heine's allbekanntem Frühlingslied z.B.:

Leise zieht durch mein Gemüth
Liebliches Geläute u.s.w.

sind sämmtliche Reime, ohne Ausnahme incorrect!   zurück

3) Mit einem derartigen drakonischen Verdict können wir uns nicht in Uebereinstimmung erklären – den Verfasser läßt hier sein redlicher Eifer weit über das Ziel hinausschießen. Wie energisch auch wir dilettantischer Versifexelei gegenüber den Standpunkt der Strenge festhalten, so würden wir es doch für unverantwortlich halten, ein Gedicht, das die von Karl Stelter hervorgehobenen Eigenschaften ("inhaltsvoll, schwunghaft, poetisch reich") besitzt, zurückzuweisen, weil die Reime nicht allen, an sich ja sehr berechtigten Anforderungen der Sauberkeit entsprechen. Das hieße Goldbarren verschmähen, weil ein paar Kupferadern mit unterlaufen. Die Reinheit des Gedankens stellen wir über die Reinheit des Reimes, wenn der Dichter die Nöthigung sieht, sich für das Eine oder Andere zu entscheiden, und Denjenigen erklären wir für einen strohernen Pedanten und Philister, der des correcten Reimes wegen auch nur eine einzige gefällige Gedanken-Nüance aufopfern wollte. Natürlich aber reden wir hier nur von dem Schaffen der wirklichen Dichter, die immer bemüht sind, jedes Erzeugniß zu der ihnen erreichbaren Höhe emporzubringen, und die sich nicht ohne Zwang entschließen werden, einen Fehler durchzulassen. – Uebrigens ist es uns sehr auffallend, daß Karl Stelter in seinen obigen Auseinandersetzungen über die dichterische Formreinheit so überwiegend von der Echtheit der Reime spricht: denn was in der Form vor allem Andern erstrebt werden muß und nur bei unermüdlicher Ausdauer und vollendeter Feinhörigkeit ganz erreicht wird, das ist der reine Adel der Ausdrucksweise, der jedem Worte ein dichterisches Gepräge leiht und nirgend dem drängenden Plebejergeschlecht der Prosawendungen den Eingang gestattet.   zurück

4) Es kann eben auch in dem "kritisch bestredigirten" lyrischen Werke nicht danach gestrebt werden, nur völlig tadellose und schlackenfreie Dichtungen zu veröffentlichen – das Streben kann vernünftigerweise nur dahin gehen, ein getreues Bild der lyrischen Leistungsfähigkeit der heutigen Dichter zu geben. Und daß dies Bild in der "Dichterhalle" mit möglichster Treue zur Erscheinung kommen wird, hoffen wir um so eher, da ja zu unserer Freude die leistungsfähigsten Talente sich unseren Mitarbeitern angeschlossen haben.   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Deutsche Dichterhalle.
1873, Nr. 10, S. 115-116. [PDF]

Gezeichnet: Karl Stelter.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

 

Literatur

Bark, Joachim: Der Wuppertaler Dichterkreis. Untersuchungen zum Poeta minor im 19. Jahrhundert. Bonn 1969 (= Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft, 86).  –  Stelter passim (Register).

Bark, Joachim: Zwischen Hochschätzung und Obskurität. Die Rolle der Anthologien in der Kanonbildung des 19. Jahrhunderts. In: Autoren damals und heute. Literaturgeschichtliche Beispiele veränderter Wirkungshorizonte. Hrsg. von Gerhard P. Knapp. Amsterdam u.a. 1991 (= Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik, 31/33), S. 441-457.  –  Vgl. S. 452-453.

Brandmeyer, Rudolf: Poetiken der Lyrik: Von der Normpoetik zur Autorenpoetik. In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart u.a. 2011, S. 1-14.

Bucher, Max u.a. (Hrsg.): Realismus und Gründerzeit. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1848 – 1880. 2 Bde. Stuttgart 1981.

Clauder, Heidelind: Wuppertaler Schriftsteller des 19. Jahrhunderts zwischen Revolution und Anpassung. Marburg 2012.

Fohrmann, Jürgen: Lyrik. In: Bürgerlicher Realismus und Gründerzeit 1848 – 1890. Hrsg. von Edward McInnes u.a. München u.a. 1996 (= Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Bd. 6), S. 394-461.

Häntzschel, Günter: Lyrik und Lyrik-Markt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Fortschrittsbericht und Projektskizzierung. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 7 (1982), S. 199-246.  –  Vgl. bes. S. 236-239.

Häntzschel, Günter: Die deutschsprachigen Lyrikanthologien 1840 bis 1914. Sozialgeschichte der Lyrik des 19. Jahrhunderts. Wiesbaden 1997 (= Buchwissenschaftliche Beiträge aus dem Deutschen Bucharchiv München, 58).

Jacob, Herbert (Bearb.): Deutsches Schriftstellerlexikon 1830 – 1880. Bd. A-B. Berlin 1995.   –   S. 224-226: Art. Banck.

Renkhoff, Otto: Nassauische Biographie. Kurzbiographien aus 13 Jahrhunderten. 2. Aufl. Wiesbaden 1992.  –  S. 781: Stelter.

Rittershaus, Emil: Gedichte. 2. Aufl. Breslau: Trewendt 1858.
URL: http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10117246.html

Rosenstein, Doris: Zur Literaturkritik in deutschsprachigen Zeitschriften zwischen 1870/71 und 1881/82. In: Deutschsprachige Literaturkritik 1870 – 1914. Eine Dokumentation. Hrsg. von Helmut Kreuzer. T. 1: 1870 – 1889. Frankfurt a.M. 2006, S. 5-26.

Ruprecht, Dorothea: Untersuchungen zum Lyrikverständnis in Kunsttheorie, Literarhistorie und Literaturkritik zwischen 1830 und 1860. Göttingen 1987 (= Palaestra, 281).



Stelter, Karl: Gedichte. 2. Aufl. Leipzig: Cnobloch 1862.
URL: http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10703338.html

Stelter, Karl: Einige Bemerkungen über lyrische Formreinheit. In: Deutsche Dichterhalle. 1873, Nr. 10, S. 115-116. [PDF]

Stelter, Karl: Erinnerungen an Emil Rittershaus. In: Die Gegenwart. Wochenschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben. Bd. 51, 1897, Nr. 13, 27. März, S. 202-204. [PDF]

Bigler, Ingrid: Art. Stelter. In: Wilhelm Kosch: Deutsches Literatur-Lexikon. 3. Aufl. Bd. 19. Bern u.a.: Francke 1999, Sp. 566.

 

 

Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer