Heinrich Hart

 

 

Brief an Friedrich Nietzsche

[Auszug]

 

München, Aengerstr. I a. II.
d. 4 Jan. 1877

 

Weil die Poesie allein schon die Harmonie des Apollinischen und Dionysischen repräsentirt. Ihr Material, die Sprache, ist nicht ein schwaches, kaltes Symbol des Urklanges, der in der Musik rauscht und wühlt, sondern ebenfalls dieser Urklang, aber als Licht, das aus dem Chaos emporgestiegen. Wenn das Drama ohne Musik nur Apollinisch wäre, woher erklärt sich der Dionysische Dämonische Zauber Shakspearscher Dramen oder des Faust. In der Poesie ist die Musik aufgegangen, in der Poësie rauscht und braust und klingt <es> wie in jener – und wenn dennoch die Musik die Lyrik des Dramas oder überhaupt der Poësie zu stärkerer Wirkung, zu tieferem [385] Anschlag bringt – so beruht das auf derselben Ursache, nach der das Licht durch den Schatten gehoben wird.

Sie haben Recht, wenn Sie sagen, daß die Poësie aus musikalischer Stimmung hervorgeht – ich selbst fühle mich in allen Stunden dichterischen Empfindens von Melodien und Harmonien begeistert und göttlich gestimmt – aber bezeugt dies Abhängigkeit oder wiederum Rang der Poësie! Warum bin ich mit all der dionysischen Trunkenheit in meiner Seele nicht im Stande, statt das Wort- das Musikdrama zu schaffen? Nein, und tausendmal nein; – Richard Wagner hat nicht Recht. – Das heutige * Musikdrama enthält nicht implicite das Todesurtheil der Poësie. Die Musik hat ihrem Prinzipe nach nichts mit den bildenden Künsten zu thun, aber noch weniger die Poësie, die das ganze All, Kunst und Unkunst, Wille und Vorstellung, Apollo und Dionysos in sich vereint und – versöhnt.

Der Gegensatz zwischen Musik und Poësie ist derselbe, der zwischen dem Ausdruck des "Willens" im Rauschen des Sturmes, der Waldwipfel, und dem Ausdruck in der Sprache menschlichen Geistes besteht. Jenes begeistert vielleicht für den Moment mehr, – im Geiste aber liegt allein ewige Rettung und Heil. –

 

 

* Mein Glaube ist, daß es noch ein anderes gibt, in dem in Wahrheit Poësie Königin ist.   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Mazzino Montinari: Nietzsche Briefwechsel. Kritische Gesamtausgabe. In: Nietzsche-Studien 4 (1975), S. 374-431; hier: S. 384-385.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Kritische Ausgabe

 

 

Literatur

Baumann, Christiane: Brückenschlag und Finale: Die Programm-Anthologie Moderne Dichter-Charaktere im Kontext der frühnaturalistischen Formationsphase der 1870er Jahre. In: Studia niemcoznawcze 56 (2015), S. 261-294.

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Hart, Heinrich: Neue Welt. Literarischer Essay. In: Deutsche Monatsblätter. Centralorgan für das literarische Leben der Gegenwart. Bd. 1, 1878, April, S. 14-23. [PDF]

Hart, Heinrich: Weltpfingsten. Gedichte Eines Idealisten. Bremen: Kühtmann 1879. [PDF]

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URL: https://archive.org/details/kritischewaffen00spiegoog
URL: https://archive.org/details/kritischewaffen00hartgoog
Heft 1 (1882) [PDF]
Heft 2 (1882) [PDF]
Heft 3 (1882) [PDF]
Heft 4 (1882) [PDF]
Heft 5 (1883) [PDF]
Heft 6 (1884) [PDF]

Hart, Heinrich / Hart, Julius: Für und gegen Zola. In: Kritische Waffengänge. Heft 2, 1882, S. 44-55. [PDF]

Hart, Heinrich / Hart, Julius: Ein Lyriker à la mode. In: Kritische Waffengänge. Heft 3, 1882, S. 52-68. [PDF]

Hart, Heinrich / Hart, Julius: Graf Schack als Dichter. Kritische Waffengänge. Heft 5, 1883, S. 3-64. [PDF]

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Hart, Heinrich: Ueber Wahrheit und Wahrscheinlichkeit in der Poesie. In: Tägliche Rundschau. Jg. 7, 1887, Nr. 144, 24. Juni, S. 573-575. [PDF]

Hart, Heinrich: Die realistische Bewegung. Ihr Ursprung, ihr Wesen, ihr Ziel. In: Kritisches Jahrbuch. Beiträge zur Charakteristik der zeitgenössischen Literatur sowie zur Verständigung über den modernen Realismus. Jg. 1, 1889, Heft 1, Februar, S. 40-56. [PDF]

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Hart, Heinrich: [Über "Atelierkunst"; ohne Titel in der Rubrik "Neues vom Büchertisch"]. In: Velhagen & Klasings Monatshefte. Jg. 13, 1898/99, Heft 9, Mai 1899, S. 362-366. [PDF]

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Hart, Heinrich / Hart, Julius: Lebenserinnerungen. Rückblicke auf die Frühzeit der literarischen Moderne (1880 – 1900). Hrsg. und kommentiert von Wolfgang Bunzel. Bielefeld: Aisthesis Verlag 2006 (= Veröffentlichungen der Literaturkommission für Westfalen, Bd. 18; Reihe Texte, Bd. 5).



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Neymeyr, Barbara: Ästhetische Autonomie als Abnormität. Kritische Analysen zu Schopenhauers Ästhetik im Horizont seiner Willensmetaphysik. Berlin u.a. 1996 (= Quellen und Studien zur Philosophie, 42).   –   S. 351-363: Die Inferiorität der Lyrik in Schopenhauers Dichtungstheorie.

Rosenstein, Doris: Zur Literaturkritik in deutschsprachigen Zeitschriften zwischen 1870/71 und 1881/82. In: Deutschsprachige Literaturkritik 1870 – 1914. Eine Dokumentation. Hrsg. von Helmut Kreuzer. T. 1: 1870 – 1889. Frankfurt a.M. 2006, S. 5-26.

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Schlaffer, Heinz: Das entfesselte Wort. Nietzsches Stil und seine Folgen. München 2007.

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