Conrad Beyer

 

 

Deutsche Poetik

 

Lyrik.

 

§ 6.   Begriff der Lyrik.

1. Lyrik ist die Poesie des subjektiven Gefühls, der subjektiven Empfindung, der augenblicklichen subjektiven Stimmung.

2. Ihren Namen hat sie von der Lyra (λύρα) , einem griechischen, an die Stelle der Kithara (oder Kitharis) getretenen Saiteninstrumente, mit dessen Begleitung die subjektiven Dichtungsarten vorgetragen wurden, ähnlich wie die lyrischen Gesänge des deutschen Mittelalters mit Harfe und Geige. Die älteren Griechen bezeichneten sie als Melos.

1. Man könnte die lyrische Poesie den musikalischen Ausdruck des Gefühls in all' seinen Stimmungen nennen, einen musikalischen Ausdruck der subjektiven Empfindungen, denen die äußere Welt der Erscheinungen nur der Spiegel ist. Die Summe der Empfindungen ist die Lyrik. Die Empfindung ist gleichsam die geheimnisvoll durchdringende Macht, von welcher die Stoffe angezogen werden, wie das Eisen vom Magnet, so zwar, daß beim Anschlagen des fremden Stoffes jedesmal das Gemüt erklingt in Freude oder Schmerz, in Liebe oder Haß, in Begeisterung oder Verzweiflung, in Hoffnung oder Bangigkeit, in welcher Beziehung man von einer Lyrik der Liebe, der Freude, der Trauer, des hohen Seelenschwunges etc. reden könnte. Jedes lyrische Gedicht strömt die eigenste Empfindung des bestimmten Dichters aus. Der Lyriker, der sich nur der Außenwelt gegenüber setzt, sagt, was er selbst fühlt, was sich mit seiner Person ereignet, spricht von seinem Erlebten, doch so, daß die Thatsache des Erlebten vor der Gewalt der Stimmung zurücktritt und zu derselben schließlich höchstens in einem Verhältnis bleibt, wie der Draht zu der ihn durchzuckenden Elektrizität. Die Lyrik ist – um mit Gottschall zu reden – aus dem Bedürfnis des Gemüts hervorgegangen, sich selbst in künstlerischer Verklärung gegenwärtig zu werden. Erst wenn die [11] Stimmung künstlerische Gestalt gewonnen, steht das Gemüt ihr nicht nur als einer fremden gegenüber, sondern es sieht seine Empfindungen, der Erdschwere entnommen, in den lichten Äther gehoben und dem flüchtigen Spiel eine schöne Dauer gegeben.

2. Man nannte die lyrische Poesie ursprünglich die melische in der Absicht, durch diese Benennung die lyrischen Gedichte als organisch gegliederte Ganze auszuzeichnen. (τὸ μέλος und τὰ μέλη , einstrophige und mehrstrophige Gesänge, ähnlich: "daz liet und diu liet." Die Benennung μέλος oder μέλη hatte auch den Gesang (Melodie) mitbezeichnet. Aristoteles kennt den Ausdruck λυρική noch nicht: in den Anakreontea kommt λυρικὴ μοῦσα vor, noch bei Plutarch aber μελικὴ ποίησις neben λυρική. (Vgl. Plut. Num. 4 u. Anth. – Plut. consol. ad Apoll. p. 365. – Schol. Ar. Av. 209.)

 

§ 7.   Stoffe der Lyrik; das lyrische Gedicht = Gelegenheitsgedicht.

1. Die Stoffe der Lyrik sind so reich und mannigfach, als die Empfindung und die subjektive Auffassung verschieden ist. (Vgl. Bd. I. § 16. S. 39.)

2. Sie erblühen der individuellen Behandlungsweise, der eigenartigen Geisteswelt und Weltanschauung des Lyrikers. (vgl. Bd. I. S. 40. 2.)

3. Da somit weniger der objektive Stoff, als die subjektive Auffassung und Behandlung des Stoffs das Wesentliche ist, (vgl. Bd. I. S. 40. 3) so ist das Stoffgebiet der Lyrik unerschöpflich.

4. Das lyrische Gedicht ist seiner Veranlassung nach Gelegenheitsgedicht.

1. Der Lyriker singt:

        "von Lenz und Liebe, von sel'ger goldner Zeit,
Von Freiheit, Männerwürde, von Treu' und Heiligkeit;
Er singt von allem Süßen, was Menschenbrust durchbebt,
Er singt von allem Hohen, was Menschenherz erhebt."       (Uhland.)

2. Der Stoff der Lyrik ändert sich nicht, aber "der stets sich erneuernde Blumenflor", wie Hegel die Lyrik nennt, treibt immer wieder neue Blumen hervor, je nach der Originalität des Dichters. Von den Naturlauten der Volkspoesie bis zu den gedankenreichen malerischen lyrischen Dichtungen der Kunstpoesie unserer Zeit ist die reichste Stufenleiter der Stoffe nachweisbar, die lediglich durch die eigenartige Behandlung, d.h. durch den Zusatz von Subjektivität seitens des Dichters Stoffe der Lyrik werden. Je einfacher, geringfügiger, unscheinbarer der Stoff, desto mehr wird die Subjektivität des Dichters hinzuthun. Zum Beleg beachte man das folgende Gedicht M. Greifs, dessen winziger Stoff ein Mädchen ist, das in den Bach hineinblickt:

      [12] Die Einsame.

"Vor meinem Kämmerlein fließet
Ein Wasser bei Tag und Nacht;
Ich seh' ihm zu vom Fenster,
Wenn einsam mein Leid erwacht.

Mir wird so traurig zu Mute
Bei seinem eiligen Lauf;
Die Wellen ziehen hinunter
Und kommen nimmer herauf."

3. Dadurch unterscheidet sich der echte Lyriker vom Nachahmer, daß ihn allenthalben die Stoffe poetisch ansehen, daß sich ihm alles in Liederstoff verwandelt.

4. "Wie Thränen, die uns plötzlich kommen, so kommen plötzlich unsre Lieder" sagt Heine und bestätigt dadurch, daß die unter der Anschauung der Dinge entstandenen lyrischen Gedichte Gelegenheitsgedichte sind.

Diese Ansicht sprach vor allen Goethe in den Gesprächen mit Eckermann I. S. 54, aus, indem er sagte: "Die Welt ist so groß und das Reich des Lebens so mannigfaltig, daß es an Anläufen zu Gedichten nie fehlen wird. Aber es müssen alles Gelegenheitsgedichte sein, d.h. die Wirklichkeit muß die Veranlassung und den Stoff dazu hergeben. Allgemein und poetisch wird ein specieller Fall eben dadurch, daß ihn der Dichter behandelt. Alle meine Gedichte sind Gelegenheitsgedichte; sie sind durch die Wirklichkeit angeregt und haben darin Grund und Boden."

"Hier ist Rhodus! Tanze du Wicht,
Und der Gelegenheit schaff' ein Gedicht!"         (Goethe.)

 

§ 8.   Eigenart des Lyrikers.

1. Jeder echte Lyriker hat seine besondere Geisteswelt, seine eigenartige Natur- und Weltanschauung, seine eigenartige Behandlungsweise.

2. Die Ursprünglichkeit des dichterischen Ingeniums verwechselt der Nachahmer meist mit einer "surrogativen, objektiven Originalität", mit der Originalität der Stoffe, die doch – wie im vorigen Paragraphen erwähnt – in der Lyrik ewig die gleichen sind.

3. Lediglich die Eigenart des Lyrikers in der Behandlung und seine subjektive Aufassung, nicht aber der objektive Stoff, der immerhin die Anregung und die Veranlassung zum Gedicht werden kann, sind in der Lyrik das Wesentliche.

1. Die Art und Weise, wie die Empfindung des Dichters künstlerische Gestalt annimmt, zeigt die Eigenart des Dichters, der seinen Stoff je nach seiner Bedeutung verständnisvoll abklären und dichterisch idealisieren wird. Gleiche äußere Anlässe bei verschiedenen Lyrikern erzeugen doch nicht gleiche Lyrik (siehe § 2). Dem wahren Dichter und seiner Assimilationskraft tritt zwar der äußere Stoff als Liederstoff entgegen, aber als ein durch eigenartige Behandlungsweise individuell und subjektiv werdender.

[13] 2. Dem wahren Lyriker öffnet irgend ein Stoff den strömenden Dichterquell, der unechte wirft sich auf einen bestimmten Stoff und müht sich, aus dem Stoffe herauszupressen, was ihm selber fehlt. Der wahre Lyriker hascht daher nicht nach Stoffen wie der Nachahmer; er vermählt den beliebigen, ihn anregenden Gegenstand sofort mit seiner subjektiven Seelenstimmung. Die Auen, die Blumen, die Wälder, die Tiere, alles fühlt mit ihm, alles ist Echo seiner Gefühle, die bei größeren Reihen von Gedichten sich als Elemente seiner Lyrik herausschälen lassen. Je nach der eigenartigen Bildung walten als solche Elemente vor z.B. das Vaterlandsgefühl, oder das Heimatsgefühl, oder das Gefühl für das Idyllische, oder das Gefühl für die Natur, oder das religiöse Gefühl, oder das Gefühl für die Liebe.

3. Die Eigenart des Dichters zeigt sich in der besonderen, dichterischen Behandlung seines Stoffes, was Geibel, zwar etwas nachlässig in Form und Sprache, doch erschöpfend und wahr so ausdrückt:

"Das ist des Lyrikers Kunst, aussprechen was allen gemein ist,
Wie er's im tiefsten Gemüt neu und besonders erschuf;
Oder dem Eigensten auch solch allverständlich Gepräge
Leih'n, daß jeglicher drin staunend sich selber erkennt.
"         (Geibel, Distichen XVI).

 

§ 9.   Anforderungen an den Lyriker.

1. Vom Lyriker verlangen wir Wahrheit der Empfindung, Empfänglichkeit für alles Schöne, Zartheit des Gemüts, welches leicht in Schwingungen versetzt wird und das Ideale rein darzustellen vermag, Harmonie des Seelenlebens.

2. Der Dichter muß erhöht empfinden.

3. Er muß der Gegenstand seiner Lyrik sein.

1. "Ein volles, ganz von einer Empfindung volles Herz ist es, was den Lyriker macht", sagt Goethe. Wir sehen dem Lyriker nichts nach, weil seine Gefühle auch die unsrigen sind. Wir dichten mit ihm und hassen jede Aufdringlichkeit von Gefühlen, weil wir alle Mittelempfindungen genau kennen, oder sogar mitempfinden. Wir sind erzürnt über Anmaßung, wie über allzu naive Kindlichkeit und rügen es, wenn der Lyriker aus seiner eigenen Gefühlssphäre heraustritt. Der Lyriker soll sich selbst seine ganze Welt sein, ohne darnach zu fragen, wer ihn höre.

"Wenn Ihr fragt, wer hier nun spricht,
Ich, der Dichter oder sie?
Sag' ich Euch: ich weiß es nicht,
Sondert Ihr's, ich sondr' es nie."         (Rückert.)

Das ist der wahre Lyriker, der, unbekümmert um die Außenwelt, seinen Gefühlen Ausdruck verleiht, der nicht auf das Gefühl der Anwesenden spekuliert, der nicht aus seinen Empfindungen Kapital schlagen will, der singet "wie der Vogel singt". (Vgl. § 1. 2 d. Bds.)

[14] "Ich will die Fluren meiden
Mit meinem trüben Gram,
Daß nicht der Lenz muß scheiden,
Wo ich zu nahe kam." (u.s.w.)         (Rückert.)

Die lyrische Poesie will es für sich aussprechen und in Worte fassen, was das Herz "leidvoll und freudvoll" überfließen macht.

"Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer,
Ich finde sie nimmer und nimmermehr."         (Goethe.)

Das ist die Unmittelbarkeit des subjektiven Empfindens: der Lyrik. Wer den Dichter so sprechen hört, der störe ihn nicht; er lasse ihm das Gefühl, unbeachtet zu sein.

2. Dem Lyriker wird die Welt erst bedeutungsvoll, wenn sie durch das Medium seines Herzens hindurch gegangen ist.

"Was mir nicht gesungen ist,
Ist mir nicht gelebet."         (Rückert.)

Dann aber auch ist die Welt seine Welt geworden, und diese seine innere Welt macht dann sein Gefühl überfließen. (Vgl. Rückerts geharnischte Sonette, z.B. "Wir schlingen unsre Händ' in einen Knoten." Oder "Nennt es, so lang's Euch gut dünkt, nennt's Verschwörung.") Jeder urteilt bei solchen begeisterten Gefühlsäußerungen: Das ist dichterische Empfindung, das ist wahre dichterische Empfindung, echte Lyrik. – Schiller sagt in seiner Besprechung der Gedichte Bürgers: "Mit Recht verlangt der gebildete Mann von dem Dichter, daß er im Intellektuellen und Sittlichen auf einer Stufe mit ihm stehe, weil er auch in Stunden des Genusses nicht unter sich sinken will. Es ist also nicht genug, Empfindung mit erhöhten Farben zu schildern: man muß auch erhöht empfinden. Begeisterung allein ist nicht genug; man fordert die Begeisterung eines gebildeten Geistes. Alles, was der Dichter uns geben kann, ist seine Individualität. Diese muß es also wert sein, vor Mit- und Nachwelt ausgestellt zu werden. Diese seine Individualität so sehr als möglich zu veredeln, zur reinsten, herrlichsten Menschheit hinaufzuläutern, ist sein erstes und wichtigstes Geschäft, ehe er es unternehmen darf, die Vortrefflichen zu rühren. Der höchste Wert seines Gedichtes kann kein anderer sein, als daß es der reine, vollendete Abdruck einer interessanten Gemütslage, eines interessanten vollendeten Geistes ist. Nur ein solcher Geist soll sich uns in Kunstwerken ausprägen; er wird uns in seiner kleinsten Äußerung kenntlich sein, und umsonst wird, der es nicht ist, diesen wesentlichen Mangel durch Kunst zu verdecken suchen."

3. Aus dem Bereich der eigentlichen Lyrik tritt der Dichter heraus, der nicht selbst das Subjekt seiner in Liedern kundgegebenen Empfindungen bleibt, sondern andere fingierte oder wirkliche Personen zu Trägern derselben macht und seine Gefühle an historische Anschauungen und Fiktionen anknüpft. Will er Lyriker bleiben, so muß er da, wo er sich in die Stimmung einer andern Person versetzt, oder wo er sich als Organ der ganzen Menschheit betrachtet, mindestens aus dem Geist und Gemüt der von ihm Vertretenen heraus[15]sprechen. Ebenso muß er bei Stoffen aus der Natur die Natur mit seinem Gefühl durchziehen, sie mit seiner Idealität vermählen und aus diesem Gefühl heraus sie reden lassen, wie es beispielsweise Heine in den Naturbildern "Fichtenbaum" und "Lotosblume", – Goethe in "Erwin und Elmire" etc. gethan hat. Auch bei den Naturbildern muß die Empfindung und das Gefühl des Dichters der Mittelpunkt bleiben, und stets muß der weitauszubreitende Blütenbaum seiner Poesie auf dem Stamm seines subjektiven Ich ruhen bleiben.

"Herz, was willst du weiter,
Da der Himmel heiter,
Wie in dieser Flut,
Dir im Herzen ruht?"

 

§ 10.   Das paläontologische (primitive) Element der Lyrik.

1. Die Anschauung-verleihenden, malenden Beiwörter sind die wichtigsten Bestandteile der Lyrik.

2. Viele derselben erscheinen wie eingetrocknete, gewissermaßen zu Versteinerungen gewordene Metaphern.

3. Der gebildete Dichter wird seine erhöhte Empfindung durch geschickte Verwendung der Metaphern beweisen, dem weniger gebildeten fehlt der sprechende Ausdruck.

1. Schon Aristoteles sagt (Rhetorik III. 3) von Alkidamas, daß ihm die Epitheta nicht bloß eine Würze der Rede (ἥδυσμα) seien, sondern die Hauptkost (ἔδεσμα) . Wie sehr er im Rechte war, haben wir in Bd. I. § 30 S. 137 ff. gezeigt. In der Lyrik sind die malenden Beiwörter umsomehr am Platze, als sie wesentlich dazu beitragen, dem Gefühlsausdruck seine eigenartige Färbung zu verleihen.

2. Die Auffassung der Lyrik als paläontologische Weltanschauung – wie sie Karl du Prel in "Psychologie der Lyrik" versucht hat, – zwingt uns, an den Standpunkt zu denken, welchen der Mensch im Naturzustand und ohne Schulbildung einnimmt. Es ist der Zustand, in welchem der Mensch seine Anschauung durch Naturbelebung und Naturbeseelung (Personifikation) ausdrückt.

Viele Beiwörter aus jener Zeit und aus jener Bildungssphäre lassen keinerlei Reflexion zu und haben es lediglich auf Anschaulichkeit abgesehen. Sie sind Grenzsäulen der dichterischen Anschauung und muten uns wie Versteinerungen an. Bekanntlich ist die Sprache der Wilden um so reicher an personificierenden Metaphern, ja ärmer sie ist. Vgl. Bd. I. S. 148 ff. u. S. 169 ff.

3. Die erhöhte Empfindung des Lyrikers zeigt sich in der glücklichen Anwendung des metaphorischen Beiworts, das dem lyrischen Gedichte jedesmal ein besonderes Gepräge verleiht, und durch welches, wie schon Bd. I. S. 138. 2. angedeutet, z.B. Goethe seine Weichheit und Anmut, Schiller seinen idealen Schwung, Rückert seine herzwärmende Innigkeit, Platen seine klassische Würde, Lenau seinen gewitterschwülen, die Brust beängstigenden und doch so süß bestrickenden Zauber, Heine seine bald leichtfertig tändelnde, [16] bald ergreifende Leichtigkeit, Chamisso seine anmutend liebenswürdige Naturwahrheit, Freiligrath seine hochfliegende Freiheitsbegeisterung, Geibel seine glatte, einfache, sinnige Weichheit, Gottschall seine vom Gedanken durchleuchtete Klarheit, Keller sein sinniges Gemüt und seine gesunde Männlichkeit erreicht. Die Metapher bedingt zum Teil das Unterscheidende der Richtungen und Schulen. Ein Dichter des Mittelalters hat andere Metaphern als Homer, oder auch als der Dichter des 17., 18. und 19. Jahrhunderts, ein Romantiker andere als ein Klassiker, Heine andere als Geibel, Herwegh andere als Freiligrath. Freilich macht die Metapher nicht das Wesen der Lyrik aus; dieses liegt, wie im vorigen Paragraphen ausgeführt wurde, im dichterischen Ingenium, im gebildeten Gefühl des Dichters, in seiner quellsprudelnden Phantasie, wodurch er befähigt wird, im Geistesflug über die Erde und ihre Erscheinungen zur reinsten Ätherhöhe sich emporzuschwingen, bald hier das Auge an den lebensvollsten Erscheinungen labend, bald dort den Blick an den brillantesten Phantasiegemälden bezaubernd etc.

 

§ 11.   Umfang des lyrischen Gedichts.

Da das reine Gefühl nur Eine Grundstimmung haben kann, da ferner das lyrische Gedicht der Stimmung des Augenblicks entquillt, so erhellt, daß ein Abirren nicht gut möglich ist.

Das Eine Gefühl bedarf keiner Ausbreitung; auch kann die Empfindung als Spannung auf einen Punkt wohl Dauer, aber keinen großen Umfang haben, weshalb das lyrische Gedicht seiner Natur nach kurz und einfach ist, im Gegensatz zum epischen Gedicht, das unendlich ausgebreiteten Stoff zur Beschauung gewährt.

Wird der äußeren Anschauung ein das subjektive Fühlen beeinträchtigendes Übergewicht eingeräumt, so wird das Gedicht episch-lyrisch, – sofern es aber Gedankenreihen entwickelt, didaktisch-lyrisch.

 

§ 12.   Stil im allgemeinen, und Stil der Lyrik.

1. Der Stil im allgemeinen, wie speziell der Stil eines Gedichtes ist von wesentlicher Bedeutung. Jeder Stil ist Form und doch spricht aus ihm zugleich die Seele, das Eigenartige des Schriftstellers und Dichters.

Man unterscheidet in der sprachlichen Darstellung:

a. den niederen Stil,
b. den mittleren Stil,
c. den hohen Stil oder den Stil der Lyrik.

2. Der Stil der Lyrik selbst hat mehrfache Abstufungen.

1. Der niedere Stil ist die Redeform des Verstandes und beherrscht das Gebiet der Prosa. Er verlangt Deutlichkeit. Der mittlere Stil steht [17] im Dienste der Einbildungskraft und fordert vor Allem Anschaulichkeit, weshalb er in der gesamten Poesie – die lyrische ausgenommen – sich findet. Der höhere Stil ist der Stil des Gefühls, weshalb Erregung, Erhabenheit über das Gewöhnliche, Leidenschaft etc. seine Merkmale sind, wenn er auch der Deutlichkeit und Anschaulichkeit nicht entraten kann oder will.

Sofern der höhere Stil neben Belebung des Gefühls auch Deutlichkeit erstrebt, ist er der oratorische Stil. Sofern er jedoch mit Erregung des Gefühls epische Anschaulichkeit erstrebt, ist er der Stil der Lyrik.

Die griechischen Rhetoren führen als leidenschaftliche Erregungen des Gefühls an: Ethos (ἦϑος) und Pathos (πάϑος) , wofür Quintilian die affectus mites und affectus concitatos setzt.

Die Affekte des Ethos sind sanfter, ruhiger, rührender, gemütlicher Natur, die des Pathos lebhafter, bewegter, ergreifender, leidenschaftlich fortreißender Art.

2. Man teilt den Stil der Lyrik – denselben an sich betrachtet – wieder ein in einen niederen, in einen mittleren und in einen höheren Stil der Lyrik. Die Elegie, (§ 75) welche dem Lyrischen noch das Epische am meisten beimischt, repräsentiert in dieser Beimischung den niedern Stil der Lyrik. Das Lied, (§ 62 ff.) welches sich von den epischen Äußerlichkeiten teilweise losringt, zeigt den mittleren Stil der Lyrik. Die Ode, (§ 71), der Hymnus (§ 73) und der Dithyrambus (§ 74) hingegen, in welchen Gattungen die Empfindung zum höchsten Idealismus sich emporschwingt, zeigt den höheren Stil der Lyrik. In der rührenden Elegie zeigt sich das Ethos; in der Ode, dem Hymnus etc. das Pathos; das Lied steht in der Mitte.

Von dem Stil der oratorischen Prosa, welcher vor allem Deutlichkeit neben Anschaulichkeit und Leidenschaftlichkeit, d.i. eine lebensvolle, schöne Wirklichkeit erstrebt, unterscheidet sich der Stil der lyrischen Poesie dadurch, daß er nicht das Verstandesmäßige aufsucht, weil das sezierende Verstandesmäßige nur eine negative Rolle in der Lyrik spielt, und daß er Wohllaut in der metrischen Anordnung der Worte fordert. Sein Ziel ist vielmehr schöner Ausdruck und lebhafte Erregung des Gefühls. Dabei ist sein Ausdruck bald Ethos, bald Pathos, bald eine Vereinigung beider. In seiner niedern Form bedient er sich mehr der Figuren, in der höhern der plastischen Tropen. Der niedern Art steht der volkstümliche, idyllische Ton gut, weshalb sie sich auch zuweilen der Provinzialismen bedient, oder ganze Gedichte in einer der Mundarten bietet, während die höhere Form kühnen Gedankenflug, kühne Bilder, Wortschöpfunen, Neologismen erstrebt oder gestattet. Die Ode liebt Satzgefüge, die Elegie kürzere Sätze (vgl. Schillers Elegie Der Spaziergang mit den Oden Klopstocks etc.).

Die Lyrik als höchste Gattung der Poesie (die vollkommenste ist das umfassende, auch die Lyrik ermöglichende Drama) erhebt <sich> aus den Gebieten des Sinnlichen zu denen des Innerlichen, Übersinnlichen, Geistigen, Gefühlsmäßigen. Daher ist der Stil der Lyrik nicht mit der monotonen Wiederkehr gleicher Rhythmen zufrieden, wie Epos und Drama, sondern er verlangt eine der Bewegung, dem Gefühlsausdruck entsprechende Mannigfaltigkeit in den Verstakten, Versen und Strophen. Wie die Gefühlszustände wechseln, so läßt er [18] im Äußeren belebte Mannigfaltigkeit eintreten. Er verbindet die verschiedenartigsten Versarten unter einander, sowie symmetrische und unsymmetrische Strophengebäude, er wendet zwei- und mehrgliedrige Strophen an, Antistrophen und Epoden und a.m.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

C[onrad] Beyer: Deutsche Poetik. Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst. Nach den Anforderungen der Gegenwart.
Bd. 2. Stuttgart: Göschen 1883, S. 10-18.

URL: http://gdz.sub.uni-goettingen.de/de/dms/load/toc/?PID=PPN729734897

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Literatur

[anonym]: Eine deutsch-nationale Verslehre. In: Die Grenzboten. 42. Jg., 1883, 4. Quartal, S. 126-142.
URL: http://brema.suub.uni-bremen.de/grenzboten



Beyer, C[onrad]: Deutsche Poetik. Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst. Nach den Anforderungen der Gegenwart.
Bd. 1. Stuttgart: Göschen 1882.
URL: http://gdz.sub.uni-goettingen.de/de/dms/load/toc/?PID=PPN729734382

Beyer, C[onrad]: Deutsche Poetik. Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst. Nach den Anforderungen der Gegenwart.
Bd. 2. Stuttgart: Göschen 1883.
URL: http://gdz.sub.uni-goettingen.de/de/dms/load/toc/?PID=PPN729734897

Beyer, C[onrad]: Deutsche Poetik. Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst. Nach den Anforderungen der Gegenwart.
Bd. 3. Stuttgart: Göschen 1884.
URL: http://gdz.sub.uni-goettingen.de/de/dms/load/toc/?PID=PPN729735486

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URL: https://archive.org/details/deutschepoetikt00beyegoog

Beyer, C[onrad]: Deutsche Poetik. Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst.
Bd. 2. 3. Aufl. Berlin: Behr 1900.
URL: https://archive.org/details/deutschepoetikt02beyegoog

Beyer, C[onrad]: Deutsche Poetik. Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst.
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Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer