Karl Bleibtreu

 

 

Neue Lyrik.

Kritische Studie.

 

Wenn man den allgemeinen Niedergang der idealistischen und poetischen Anschauung der Dinge betrachtet, der in der preußischen Eisenzeit naturgemäß sich noch immer mehr steigert, dürfte es ein interessantes Studium bilden, die wenigen Narren zu beleuchten, die in dieser Aera der Maschine und Kanone noch das unnütze heilige Feuer in ihrem Innern zu wahren wußten und mit störriger Verstocktheit dem allmächtigen Zeitgeist ihr Ohr verschlossen. Ein "Lyriker" – schon bei diesem Namen schaudert ein Mann von Welt.

"Er war von je ein Lyriker,
Dramatik ist schon schwieriker"

witzelt der renommierte Stückfabrikant Paulus Lindau. Er muß es ja wissen, er hat ja so Recht!

Eine Anzahl solcher Verrückten hat sich soeben ein geistiges Asyl für Obdachlose gegründet. Unter dem Titel "Moderne Dichtercharaktere" ist in Berlin eine eigenartige Sammlung erschienen, deren Volumen wir mal wägen und daran auch eine Betrachtung all jener anderen neueren "Dichtercharaktere" schließen wollen, die [554] einen dichterischen Charakter besitzen und daher im seichten Strom der Modepoesie untergeschwemmt sind.

Wenn ich die sämtlichen Dichtungen der Sammlung mustere, so fällt mir in erster Linie das Gemeinsame eines ungemachten Schmerzes darin auf. Nur der Schmerz ist der Hebel des Willens auch in der Poesie, und "Objektivität" eine Phrase, die von Anempfindlern und Impotenten erfunden wurde, um das Manko an Dichterkraft unter sogenanntem Künstlertum zu verstecken. Unbedeutend ist alle Lyrik Göthes, die nicht dem Jugendschmerz entquoll – mögen die Göthepfaffen auch jeden Schnipsel des Altmeisters als einen Kodex der Schönheit einbalsamieren. Die Verrücktheit des sentimentalen Werther, der sich an einem alltäglichen Frauenzimmer seine moralische Verstopfung weiter päppelt, bleibt doch eben das Tiefste und Poetischeste, das der spätere Geheimrat und Osteologe seiner kühlegoistischen, stets im Vollbewußtsein seines Genies und seiner strammen Schenkel sicher ruhenden Natur abzuzwingen wußte. In diese Wertherperiode sind wir jetzt glücklich wieder eingetreten, wie sich denn in ewigem Kreislauf dieselben Symptome vor großen Umwälzungen wiederholen.

In diesem umfangreichen Bande ist fast nirgends ein halbwegs heiterer Ton angeschlagen. Ueberall nur pessimistische Schmerzensschreie – über die Schlechtigkeit der Besitzenden, des Weibes, der Welt und anderer umliegender Dörfer, welche teils als böhmische, teils als spanische Luftschlösser zu denken sind. – Die große Heerde, die von Natur dem Eudämonismus huldigt und es natürlich nicht gern hat, wenn unruhige Köpfe ihr den behaglichen Optimismus einer gottgesegneten Verdauung stören, ist beflissen, die "Weltschmerzpoesie" als verlogen in Acht und Bann zu thun. Sie vergißt nur, daß das Drauflosgejuchze ihrer geliebten Kneipbarden in mittelalterlichem Kostüm, so sehr es dem teutschen Biergaumen zusagen mag, doch noch weit verlogener erscheint. Denn da der Mensch nur zum Leiden geboren, ist nur der ein Dichter, der mit aller Kraft die Fähigkeit des Leidens, die Wonne des Leids, in sich ausbildet. Gewiß ist ja aller Idealismus und alle Poesie, objektiv betrachtet, nur eine Gehirnaffektion – die sich etwa ebenso lächerlich für den nicht davon Behafteten ausnimmt, wie das Anschmachten einer Dirne seitens eines Sentimentalisten. Die Dirne ist in diesem Fall die Welt, die Wirklichkeit – und der erotisch Kranke, der eine andere Welt in sie hineindichtet, ist der Poet. Diesen bezeichnet dies griechische Wort komischerweise als einen "Schöpfer", insofern er Chimären schafft, die weder für einen Bierbräuer und Metzger, noch einen soliden Staatsbeamten sittlichen Wert besitzen. Offen gestanden, ich halte eine Maß Hofbräu und eine dralle Kellnerin für entschieden nützlicher, als den Quell Aganippe nebst allen neun Musen. Und wer den "Verdienst" eines Bierbrauers mit den Honoraren eines teutschen Schriftstellers vergleicht, wird das geringe Verdienst dieses schlechten Metiers ermessen. Ein mir nahestehender Künstler pflegt die Anekdote zu erzählen, wie er den Bauern, der über seinen Malerberuf erschrak, damit beruhigte, es gäbe doch noch ein schlechteres Handwerk. Das konnte der Biedre kaum glauben. Aber als er hörte: "Riemkes maken" (Reimschmieden), da stimmte er voll Ueberzeugung bei.

Und dies "Riemkes maken" will kein Ende nehmen. Es ist trostlos! Statt sich einem anständigen Brotstudium zu widmen, reimt sich das so durchs Leben, Weltverbesserungsträumen nachhängend – wie weiland der junge Shelley auf seiner Dachkammer, wo er zwar die unsterbliche "Queen Mab" schuf, sich aber unpraktischerweise die Schwindsucht dabei holte. Einen Milderungsgrund für die unersättliche Dichtungswut dieser Musenknaben würde ich darin sehen, wenn sie "es nicht nötig hätten." Aber Gott bewahre! Sie sind meist arme Teufel, die den bekannten Idealismus auf der Dachkammer pflegen. Meine sittliche Entrüstung über diese Tollheit spottet eigentlich der Beschreibung.

Ja, wenn ein Stürmer und Drängler dem lieben Gott die Ursachen auseinandersetzen sollte, warum z.B. Lenz untergehen und Papa Göthe, der ihm erst noch seine Friederike (welcher die robuste Körperbeschaffenheit des wahren Apollo auch die triftige Ueberzeugung von dessen höherer Moral und Begabung einflößte) verführt hatte, eine so glänzende Carriere machen mußte – so würde er sagen: Göthe war erstens vermögend und zweitens eine stattliche Persönlichkeit. Nachher kroch er sich sogar in die "gute" (lucus a non lucendo) Gesellschaft hinauf. So konnten denn Sr. Exzellenz Apollo mit Wohlwollen auf den Janhagel zu Füßen des Parnaß herniederschauen.

Ihr redet von Byron's Klumpfuß und vielen Seelenleiden, die ihn zum Weltdichter des Weltschmerzes getauft hätten. Ja gewiß hat der Schmerz die Entfaltung seines Genies verursacht. Aber dieser wäre nicht zu so souverainer Superiorität des Ausdrucks gelangt, wenn nicht Byron, ein englischer Lord und außerdem der schönste Mann seiner Zeit gewesen wäre. Der Dichter muß auch äußerlich sich über die große Misère des Alltagslebens erheben. Daher haben denn Engländer, Franzosen und Russen so viele Dichter in ihrer Aristokratie gefunden. Vor dieser Degradation ist natürlich der teutsche Adel durch ein gütiges Geschick bewahrt geblieben, "selber habend nicht gekonnt es." – Außerdem wird der Schriftsteller bei den wirklichen Kulturvölkern sehr bald durch seine Feder in behagliche finanzielle Lage versetzt. Auch vor dieser schädlichen Begünstigung der Ueberproduktion bewahrt den deutsche Michel sein gutes Herz, in welchem die bekannte altteutsche Jugend dem frivolen Auslande Trotz beut, und der gesunde Realismus seiner Bierseele.

Er hat sich den löblichen Spruch Horace Walpoles über Chatterton hinters Ohr geschrieben: "Singvögel dürfen nicht zu gut gemästet werden", eine ebenso billige wie einfache Aesthetik. Ich gedenke auch mit pietätvoller Rührung der Anekdote, welche Berthold Auerbach von jener Dame erzählte, die ihm sein Freund [555] Lenau als "Dichter" vorstellte: "Was, Sie wollen dichten? das dürfen Sie nicht. Der Herr Baron von Strahlenau – ja, der darfs, aber Sie nicht." Ein schönes Wort; er schenkte es mir.

In jüngster Zeit haben wir in dem neuen Göthe, unserm Paul Heyse, jenen "vornehmen" Liebling der Grazien zu bewundern, dessen stattliche Persönlichkeit unter der liebevollen Frauenpflege Fortunas sich zu dem jetzigen ansehnlichen Umfang entwickelte. Ihm war es beschieden, in gesicherter Muße eine unheilbare Meraner Novelle nach der andern mit rabbinerhafter Spitzfindigkeit auszuklügeln; auch im Drama wurden seiner unermeßlichen Fruchtbarkeit allerlei Triumphe gegönnt. So z.B. blieb es seiner echten Vornehmheit aufgespart, darzuthun, wie Adel und Bürger als "Getrennte Welten" von der sittlichen Weltordnung gedacht seien. Möchten sich doch unsere Stürmer und Dränger recht bewußt sein, wie viel "getrennte Welten" sie von einem Heyse trennen – sie auf der Dachkammer mit ihren Flammenergüssen und Er im komfortabeln Fauteuil den Eingebungen seines urwüchsigen Genius lauschend! Jaja, dieser große Mann ist Präsident der Schillerstiftung: zu Ihm werden sie einst noch alle pilgern, um ein Darlehen aus seiner Jupiterhand zu empfangen. – Nach dem alten Grundsatz: Denn wo man nichts zu beißen und zu brechen hat, da stellt das Transcendentale zur rechten Zeit sich ein, schwelgen unsre Stürmer im Metaphysischen. Conradi, sonst als Novellist und Essayist ein ganz hervorragendes Talent, geht nicht ohne schauerliche Erhabenheit im "Purgatorio" und "Verlornen Paradies" spazieren, betreibt mit heiligem Eifer die Entlarvung von allerhand "Pygmäen" und schleudert der nüchternen Welt manch gewichtiges "Anathem" auf die Perrücke. Ein anderer Herr ersucht "Bruder Manfred", ihm doch gefälligst "die Hand aus dem ungeheuren Nichts (oho!) herüberzureichen"! Das sogenannte Nichts spielt überhaupt eine große Rolle bei diesen Wouldbe-Hamlets, die keinen Vater zu rächen haben. Ein Dritter schwingt sich sogar zu Messiaspsalmen auf: es ist ein ungelogenes Martyrium. Formtalent sowie ein Streben nach Gedankenvertiefung, das natürlich meist zur Phrasenberauschung verführt, ist allerdings Keinem abzusprechen. Hiedurch unterscheiden sie sich samt und sonders vorteilhaft von den Lyrikern der alten Schule, sowie von den fahrenden Gesellen und kleinen Minnesängern in der Westentasche. Kein Vers aus diesem oft ziemlich unreif nach Selbstbefreiung ringenden "jungen Deutschland" – ich hebe es feierlich hervor – eignet sich dazu, Büttenpapier mit gothischen Initialen als Prunkgewand zu erkiesen. Lyriker sind sie ja nicht, diese an "Schiller erste Periode" gemahnenden Schwärmer, auch nicht eigentlich schöpferisch; aber Poeten sinds wenigstens und singen mit ihrem Schiller: "Ich bin ein Mann, das könnt ihr schon an meiner Leier riechen"!

Die wahre Lyrik, den naiven und zugleich abgeklärten Ausdruck unmittelbarer Empfindung in möglichst knapper Form würde man in dieser Sammlung vergebens suchen, wenn nicht einige Lieder von Joseph Winter, Jahn und Jerschke wohlthuend aus dem eintönigen Hinwälzen des pomphaften Pathos herausfielen. Sobald die Herrn das Metaphysische metaphysisch sein lassen und lieber ihre Geliebten anbeten, leisten sie ganz Erkleckliches.

Karl Henkells flammender Jugendmut macht sich in volltönigen Dithyramben und weihevollem Pathos Luft.

An den Wassern bin ich hingegangen,
Feuchter Windhauch letzte meine Wangen,
Meine Seele, die das Licht verlor,
Meine Seele schrie zu Gott empor, –

beginnt er sein "Gebet" und die Sehnsucht nach dem ewigen Licht, dem heiligen Feuer des Ideals, durchzittert all seine Gesänge.

Diese Lichtfreudigkeit, diese Sonnenberauschung, wird verstärkt durch die patriotische Begeisterung für das Morgenrot des Vaterlandes, welcher das Herz des jungen Reichsdeutschen entgegenjauchzt:

Wie der Seele bittres Leiden
Deine Herrlichkeit versüßt!
Größres ahnend laß mich scheiden,
Deutschland, Mutter, sei gegrüßt!

Sobald sich jedoch der jugendliche Poet mit den Leiden des vierten Standes beschäftigt, wobei Thomas Hoods "Lied vom Hemde" sein Muster zu sein scheint, wirkt er oft recht kindlich und gewinnt uns mit seinen genialischen Posen und Ueberschwänglichkeiten höchstens ein sympathisches Lächeln ab.

Eine ganz andre ausgegohrene Kraft entwickelt hingegen Arno Holz. Das ist alles männlich, knorrig und voll zwangloser urwüchsiger Naturkraft.

Die Simpeldichter hör ich ewig flennen,
Sie tuten alle in dasselbe Horn,
Und nie packt sie der dreimal heilige Zorn,
Weil sie das Elend nur aus Büchern kennen.

Eine geniale Ironie, ein weltüberwindender Künstlerübermut durchzieht die epischen Genrebilder "Frühling", "Samstagsidyll", während der Dichter in "Ein Bild", "Ein Andres", "Meine Nachbarschaft" mit unwiderstehlicher Faust die Eingeweide des sozialen Elends bloßlegt. Während aber in dieser epischen Gattung seine souveraine Sprachbeherrschung und Formmeisterschaft in plastischer Wortmalerei und ungebundener Natürlichkeit schwelgt, erhebt sich Holz in anderen Gedichten zu hohem, idealem Gedankenschwung. So in der nur zu langatmigen Rhapsodie "Von Ewigkeit zu Ewigkeit" und der herrlichen "Osterbitte". Besonders wertvoll ist uns das "Tagebuchblatt", wo der Dichter sein tiefstes Innere <enthüllt>.

Auch der Berühmtesten Einer hat zu dieser Sammlung beigesteuert – Ernst v. Wildenbruch, der Dramatiker. Dieser sollte aber sein Renommee nicht dadurch gefährden, daß er bei jeder unpassenden Gelegenheit sonore Festgedichte in die Welt tutet, da seine Verspoesie entschieden seine Achillesferse bedeutet. Der Herausgeber Arent, ein feinsinniger kritischer Kopf, hat hier aus W's. Balladen die besten Stücke ausgelesen, so z.B. die kleine epische Erzählung "Das Hexen[556]lied", deren Hauptmoment uns ein wenig an eine verwandte Stelle in Felicia Hemans "Waldheiligtum" gemahnt. Sobald die epische Situation sich dramatisch gestaltet und zuspitzt, entwickelt W. wirklich echte Dichterkraft. Von lyrischer Empfindung kann aber nirgends bei diesen schwerfälligen langatmigen Ergüssen die Rede sein.

Es zeigt daher nur, wie schwer vernünftige Kritik ist, wenn Herr Widmann vom "Berner Bund" in einer rüstigen Vermöbelung der Sammlung die hier enthaltenen Gedichte Wildenbruchs als Erzeugnisse des einzigen wahren Dichters den sämtlichen Andern gegenüberstellt. Herr v. Wildenbruch ist unleugbar ein großes Talent, vornehmlich als dramatischer Techniker. Nun will ich am allerwenigsten diesem männlichen und idealen Dichter seine Bedeutung schmälern. Wohl aber muß man es energisch mißbilligen, daß er zu einer Größe aufgebauscht werde, die er nicht ausfüllen kann. Seine Vorzüge wie seine Fehler sind die des Talents, nicht des Genres. Nie hätte er die Hochmomente in Max Kretzers "Verkommenen" auch nur ahnen können. Den alles überstrahlenden äußeren Erfolg W's. beneidet man ihm um so weniger, als er lange schwer darum ringen mußte. Wenn aber die Wildenbruchianer sans phrase einfach Alles neben ihrem Herrn und Meister herabsetzen möchten, so soll man ihnen das Handwerk legen.

Der große äußere Erfolg W's. ist gar kein Beweis dafür, daß man in Deutschland noch ideale Richtungen mit sofortiger Begeisterung begrüße. Er verdankt diesen einfach drei Dingen. Erstens ist er Theaterschriftsteller, und unserm Dichter- und Denkervolk sind selbst ein Lubliner und v. Moser bekannter als die erlauchtesten Geister. Zweitens hat W. sich stets mit der Presse auf besten Fuß zu stellen gewußt und die Wut derselben über den groben Ausfall im "Marlow" war nicht ganz unbegründet, da gerade W. der Reklamepauke seiner Preßverehrer so viel verdankt. Drittens gehört er durch seine Geburt den höchsten Kreisen an, und das gibt ihm von vornherein ein Air. Daß auch mal Einer "von uns" Gehirn besitzen könne, hätte die gute Gesellschaft nicht für möglich gehalten – nun aber freut sie sich doppelt! Schade, daß er nicht "Graf" oder so was als Namensanhängsel genießt: sein Ruhm wäre in teutschen Landen noch größer, seine Anbetung noch aufrichtiger.

Als bedeutende Erscheinungen des Buches begrüßen wir noch: Oskar Linke, dessen Hamerling'sche Manier in antiken Metren stolziert, der aber gleichwohl über philologischen Neigungen nicht intensive Stärke der Empfindung eingebüßt hat. Julius Harts Rhapsodien entstammen einem Feuergeist voll Schwung und Leidenschaft. Auch die Didaktik Heinrich Harts, eines hochbedeutenden Denkergeistes von strengem Ernst und eigenartiger Kraft flößt Respekt ein. Ideale erhabene Anschauung, vornehme Sprache sind ihm nicht abzusprechen und in Gedichten wie "Gott", "Weltseele" erhebt er sich zu wahrhafter Größe.

Es erübrigt nur noch, auf den Herausgeber Wilhelm Arent hinzuweisen. Derselbe hat "Lieder des Leides", "Gedichte", "Aus tiefster Seele" und das bekannte Lenz-Falsum publiziert sowie eine neue Sammlung "Bunte Mappe" unter Mitwirkung Verschiedener.

Ich stehe nicht an, W. Arent eine eminente Fähigkeit echt lyrischer Auffassung zuzusprechen. Die tiefe Naturversenkung, die ungekünstelte Naturempfindung, die zarte Anmut des Ausdrucks und der entzückende Wohllaut der Sprache verbinden sich zu Gedichten von traumhafter Lieblichkeit, aus den Tiefen innigster Sehnsucht geboren, in welchen Shelley'scher "Pantheismus der Liebe" mit der sanften Wehmut des schlichten deutschen Volksliedes sich paart. Die brünstige Sehnsucht, sich den reinen Elementen zu vermählen, ist oft mit hinreißender Frische hingehaucht. Weder Lorm noch Stephan Milow können mit Arent konkurrieren, wenn es gilt, in die süßen Mysterien der Schöpfung niedertauchend, in knapper Abrundung der Form dem intensivsten Gefühle fessellosen Ausdruck zu verleihen. Man höre "Frühlingsandacht":

Des Frühlings Stürme durchbrausen das Land,
Meine Seele durchlodert der Sehnsucht Brand,
Es treibt mich hinaus in der Einsamkeit Dom,
Ich kühle die Glut in der Winde Strom.
Versunken liegt die Erinnerung weit:
Mich grüßt die Sonne der Ewigkeit.
Die Bäche rauschen mir liebend zu,
Die Vögel singen: sei glücklich auch Du!
Die Bäume neigen sich zum Willkomm,
Süße Andacht erfüllt mich: Ich bin fromm.
Tiefheiliger Schauer mich durchweht,
Es weiht mich der Schöpfung Majestät.
Ich sauge den Odem der Gottheit ein,
Eins bin ich mit dem allewigen Sein.

Die Perle dieser pantheistischen Lyrik ist übrigens die Kirchhof-Elegie "Zum Ort des Todes."

Die Liebesgedichte geben die ganze Skala der wechselnden Empfindungen wieder. Alle Töne, die der Dichter anschlägt, sind dem tiefsten Innern entquollen, nichts ist hier gemacht oder anempfunden, alles unmittelbar dem leidenschaftlichen Gefühl entsprungen.

Wie ist mein Lieb so krankhaft-schön!
Wie die flammende Sonne anzusehn!
Ich bin der ruhelose Komet,
Der an der Sonne zu Grunde geht.

                * * *

Ich war mit Dir. Kein Wort wir sprachen.
Nur groß und tief sahst Du mich an,
Duftholde Blüten leis wir brachen
In träumerischem Liebeswahn.
Als hätt' in jenen Augenblicken
Ein Engel süß sich mir gesellt,
Trank ich mit trunkenem Entzücken
Den Frieden einer andern Welt.

Höchst charakteristisch für uns ist der einfache Naturschrei in folgenden Zeilen. Nur ein echter Dichter kann den unnachahmlichen Reiz berechnet haben, der hier in der ruhigen schmucklosen Wiederholung liegt.

[557] Was lang verschwieg der stolze Mund,
Die Thrän' im Auge gibt es kund:
Ich weiß, daß Du mich liebst.
Gestorben ist mit einem Mal
Des Herzens nie verwundne Qual:
Ich weiß, daß Du mich liebst.

                * * *

Wie heiß brennt Deine Kinderstirn,
Wie glüht Dein Aug', Du blasse Dirn,
Was fährt Dir durch das Spatzenhirn?
Träumst Du der Jugend Seligkeit?
Von erster Liebe goldner Zeit
Versunken, ach, so weit so weit?
Erwacht aus wildem Rausch der Lust
Das tote Herz in Deiner Brust,
Daß Du auf einmal weinen mußt?

                * * *

Ein Winterabend war's   Tief schwamm im Blau
Der Mond, ein blasses stilles Traumgesicht.
Die Wellen murmelten, der Wind pfiff rauh.
Ich rang – doch sterben, sterben konnt ich nicht.
Ach immer wieder sah ich Dich, mein Kind,
In Deinem stillen kleinen Kämmerlein,
Du weintest Dir die schönen Augen blind,
Du hattest wahr geliebt und warst allein.

                * * *

Die Haide starrt stumm und düster,
Nur des Mondes Auge wacht.
Leis rauscht nur der Blätter Geflüster
In tiefer Nacht, in tiefer Nacht.
Da horch! Die Totenglocken
Sie klingen dumpf und schwer . . . .
Mein Lieb mit den goldnen Locken
Kommt nimmermehr, kommt nimmermehr.

Eine besondere Seite der Arent'schen Lyrik, die seinem Liebling Lenz abgelauschten "Freien <Rhythmen>", habe ich ganz unbeachtet gelassen. Allerdings zeigt auch hier sein Talent sich in voller Kraft. Wir sehen aber, ohnehin wenig von reimlosen "freien" Dithyramben erbaut, speziell für Arent hier die größte Gefahr, sich ins Ungemessene schweifend zu verlieren. Die feste Kunstform des Reimgedichts bildet hier eine wohlthätige Fessel.

Aus allem Gesagten und aus dem Zitierten selbst geht hervor, daß Arent weitaus das bedeutendste rein lyrische Talent unter den Jüngeren besitzt.

Obwohl aber der Tonanschlag seiner Poesie nur einem jungen Berliner entspricht, der von den Schoppenstechern unter die Schopenhauer gegangen ist, so wird doch ein hervorstechender Originalitätszug bei ihm vermißt, und das fällt bei einem so bedeutenden Talent schwer in die Wagschale. Freilich möchte man die Frage aufwerfen, ob die wahre Lyrik denn überhaupt noch originell sein könne und dürfe. Was Göthe, Novalis, Heine, Lenau, Uhland geschaffen, umspannt den Kreis der eigentlichen lyrischen Poesie. Was darüber hinausgeht (schon Heines Pariser Periode), ist vielleicht bedeutender und geistreicher, fällt aber aus dem Rahmen heraus.

Arents Lyrik wirkt etwas eintönig. Entweder wird die "maienschönste aller Frauen", "Die Einzig-Eine" in graziös-melodischen Versen angedudelt oder in die Natur ein ewiger stiller Schmerz hineingetragen.

Worauf ich aber das Hauptgewicht lege und worin ich sein Typisches erkenne, ist die Betrachtung, daß er – Musiker und angehender Heldentenor von Beruf – die Poesie in eine Art Wortmusik auflösen möchte. Ihm ist die Melodie das Höchste. Seine Opera, die er als lauter Arien aufzufassen scheint, durchzieht fortwährend die Anmerkung "Für Komposition geeignet" oder "Komponiert".

Unter den "Modernen Dichtercharakteren" ist auch ein Münchener Autor vertreten. In geradem Gegensatz zu Arent umfaßt Wolfgang Kirchbach ein weites Gebiet der dichterischen Betrachtung. Auch sind neben philosophischem Tiefsinn, ungewöhnlicher Originalität der Reflexion und einem besonderen Talent koloristischer Wortmalerei ihm nicht Frische und Unmittelbarkeit der Leidenschaft abzusprechen. So finden sich dort Gedichte von einer Selbsterlebtheit des Gefühls wie "Nächtlicher Gang", "Winternacht", "Sehnsucht nach dem Winter". Das liebliche Lied "Der erste Kuß" schließt mit zwei Strophen, die das Hervorquellen unmittelbarster Empfindung durchströmt:

Mir ward, als müßt ich fassen Dich
Und heben Dich auf meinen Arm.
Du legtest Deinen Arm um mich,
Ich trüge Dich so hoch und warm
Durch Sturmgeheul und Frühlingsschein,
Durch Wolkennacht zum seligen Ort,
In blaue Ferne tief hinein
Fort, rastlos, jugendselig fort!

In bezauberndem Liebreiz duften "Die Rosen von Florenz", die deutlich das Studium Platens verraten. "Auf der Piazza Michelangelo", "Der Wanderer in Italien" und "Assunta" muß man als hervorragende Inspirationen bezeichnen, die durch Anschauung der Natur und Geschichte im feinfühligen Nervenleben des Poeten nachzittern. "Assunta", eine herrliche Schilderung Italiens in reflektiver Betrachtung, gemahnt uns an den Byron-Kultus des Autors, indem hier ein wenig Childe Harold "I stood in Venice on the Bridge of Sighs" nachklingt. Die volle Stärke des Kirchbach'schen Genius suchen wir aber in philosophischen Hymnen wie "Die todten Götter" und "Triumph der Natur".

Du sinkst in weichliches Entsagen
Und Weltverachtung, schwaches Herz,
Weil diese Welt in Weh'n und Klagen
Gebärt des Daseins ew'gen Schmerz?
Auf, Freiergeist der starken Jugend,
Auf, daß der Wille herrschend ringt!
Das ist des Werbers heiße Tugend,
Die die Erscheinung selbst bezwingt . . .

Dieser herrliche Adlerschrei zeigt die Wucht des edlen Pathos in reifer kraftbewußter Würde. Mystik und Naturphilosophie in eigenartige Poesie verwandelt, atmet "Die Ballade von der Weltseele." Das merkwürdigste Stück der [558] Sammlung nennt sich "Der Traum von den Blinden im Jenseits", in welchem ein Michelangeleskes plastisches Formbewußtsein sich ausprägt; man glaubt die kolossalen Figuren am Grabmal Lorenzo di Medicis als Modelle dieser dichterischen Wortbildhauerei zu erkennen.

Verhehlen wir es aber nicht: Gerade hier suchen wir auch Kirchbachs Mängel. Diese Wortplastik, welche Kirchbach in einem meisterhaften Essay über Martin Greif sehr richtig als eine Eigentümlichkeit Lord Byrons hervorhebt, ist bei ihm häufig Selbstzweck, während sie bei jenem Weltdichter, dem die englische Sprache dabei merklich zu Hülfe kommt (in welcher andern Sprache wäre die geniale Bezeichnung des Kolosseums "a noble wreck in ruinous perfection" möglich!), nur ein Handwerksgerät bildet. Unser Dichter hat sich derartig in antike Sprachwendungen, schwerfällig gemeißelte Wortplastik, Leopardische Versgefüge verliebt, daß unter dem Bann dieser antikisierenden Studienversuche seine Sprache etwas Fremdartiges und Gequältes erhält, ja der Sinn für nichtgeschulte Leser, die ihren Platen nicht innen haben, geradezu verworren und unklar wirkt. Am bedauerlichsten scheint mir dies den Eindruck des bedeutendsten Kirchbach'schen Gedichtes zu beeinträchtigen: "Cyclopentraum im Mausoleum zu Charlottenburg", wo der glühende Patriotismus und begeisterte Optimismus sich zu hohem Schwunge der Idee erhebt. Diese Vision sowie die andere "Ein Fluch" – im Styl an Byrons "Darkness" erinnernd – ist gedanklich das Bedeutendste, was in der Verspoesie getragenen Tons über den Geist unsrer Zeit gesungen und gesagt worden ist. Aber moderner in Form und Ausdruck, minder bilderreich, knapper, schlichter, kurz weniger wäre auch hier mehr gewesen.

Aber welche Kraft der Sprache auch in diesem "Cyklopentraum", welche Bewältigung des technischen Schauens, durch virtuose Stoffbeherrschung es mit der vornehmen Idealität der rein poetischen Anschauung verschmelzend! Nur wer selbst in gebundener Rede mit Idee und Stoff sich abgerungen, weiß den Künstler Kirchbach voll zu würdigen.

"Ich, der Heitre, Stille, Fromme,
Der ich lächelnd ernst und gut bin"

heißt es in "Des Dichters Gebet"; eine feinsinnige Selbstcharakterisierung. Heiter, still und fromm, in ernster Beseligung von allem Schönen und Erhabenen trunken, schwebt der Sänger auf olympischer Wolke über der vergänglichen Nichtigkeit der lärmenden Gegenwart. Es ist tröstlich, es ist heilend für die fieberkranke Poesie, einen solchen Jünger Pindarischen Oden-Geistes einsam als echten Plateniden – im schönsten Sinne des Wortes – unter uns zu wissen. Was ich vornehmlich an Kirchbach vermisse, ließe sich darin zusammenfassen: Es fehlt ihm noch zu sehr an Galle, es fehlt ihm an Schmutz!! Das mag paradox klingen, aber es bleibt doch wahr. Byron schrieb über Burns: "Feuer, Dreck, Erhabenheit, Gemeinheit, alles zusammengeballt in einen Klumpen begeisterten Kots." Ja, wäre der Kot nicht gewesen, die Sünde, die Zerrissenheit, so hätte der Schmerz, dieser große Lehrmeister des Dichters, sich nicht genügend entwickeln können.

Da Kirchbach als der bedeutendste Vertreter des Pathos (Schiller, Platen, Rückert) in unserer modernen Lyrik erscheint, ist hier der Ort, noch die Dichtungen von Alberta v. Puttkammer zu erwähnen, die über das Niveau der Frauenpoesie zu hoch hinüberragen, um übergangen zu werden. Den alten Geibel-Ton von Lenz und Minne nachzupfeifen, verschmäht dieselbe durchaus, obwohl sie durch Sprach-Drechselei und Form-Jongleurgelüste der gleichen Schule, der Platen'schen, sich anschließt. Wie in Erz gegraben, leuchten uns diese klassischen Verse entgegen, die ein männlich eherner Ton durchzieht. Statt der weihevollen Alltäglichkeit und geschlechtslosen Empfindsamkeit der Höherntöchter-Lyrik pulsiert in dieser Poesie ungemachte Leidenschaft, welche in überquellender Inbrunst der Minnesehnsucht und glühender Berauschung schöner Sinnlichkeit sich austobt. Auch erkennen wir in dem schönen Gedichte "Moses Tod" gar wohl, daß die Dichterin selbst einen inneren Horeb und Sinai, einen flammenden Dornstrauch der Erkenntnis, mühselige Wanderschaft durch die Wüste, Kampf mit dem goldenen Kalb des Materialismus bestanden habe. Die tiefe Herzenseinsamkeit einer idealen Seele, die umsonst mit heißer Sehnsucht vom Nebo nach dem gelobten Lande schaut (siehe auch das Gedicht an Wilhelm Jensen), durchweht diese Blätter, welche eine stolze Frauenseele wie Gesetzestafeln ihres eignen Innern mit dem Griffel reifer, abfeilender Kunst beschrieb. Alberta v. Puttkammer ist keine sinnig-minnige Mittelmäßigkeit, keine feinsinnige Eklektikerin; sie hat vom Meth der wahren Poesie gekostet. Und wenn selbst Gott Odin von diesem Meth, den ihm die Saga-Maid kredenzte, trunken ward, so wollen wir es gern hinnehmen, daß unsere Poesie manchmal etwas zu tief ins Glas geguckt zu haben scheint und allzu dithyrambisch ihren taumelnden Gefühlen Luft macht – Aber nun wollen wir auch die Beschränkung dieses Talents betonen. Alberta v. Puttkammer ist ein weiblicher Graf Strachwitz, bei welchem auch oft rein formelles Versgestürme für inneren Sturm und Drang und kavaliermäßiges Spielen mit der Form für sicheres, urwüchsiges Stärkebewußtsein sich ausgibt. Salonatmosphäre, aristokratischer Tick, überparfümierte Geziertheit, Poesie als noble Passion und exklusiver Sport – dergleichen wittert mein plebejisches Standesbewußtsein als Berufsschriftsteller sehr leicht bei hochadeligen Schriftstellern und Schriftstellerinnen. Ganz derselbe Geist tritt für mich noch klarer und interessanter in dem bedeutenden Drama "Otto III." derselben Verfasserin hervor. Dieser ästhetische Salonschwärmer, dieser idealistische Schwanenritter, der dabei den Cäsaren-Wahnsinn in seiner weltabgeschiedenen mönchischen Denkerklause nach Kräften ausbildet; der die Welt und das Volk verachtet, ohne durch Thaten die Anerkennung desselben verdient zu haben – das war so recht eine Gestalt, die A. v. Puttkammer aus dem Vollen schildern konnte. Die römische [559] "Stefania" scheint die volle Begeisterung der Dichterin selbst für ihren aristokratischen Helden wiederzuspiegeln. Dies originelle Drama ist äußerst charakteristisch, indem die gesunde Auffassung des Platen'schen Gedichts:

O Welt, Du bist so nichtig,
Du bist so klein, o Rom! – – –
Und legt den thatenlosen
Zum thatenreichsten Mann

hier einer Art Glorifikation dieses echt weiblichen Charakters, dieses unmännlichen Schwächlings, Platz macht – wie dies ähnlich schon in den "Liedern an einen fahrenden Ritter" unangenehm bemerklich wurde.

Einen ähnlichen prinzipiellen Vorwurf möchte ich sogar gegen den Dichter der "Adjutantenritte", Detlev Freiherr v. Liliencron erheben, dessen geniale Lyrik sich bisher nur deshalb noch nicht zur Poesie höchsten Ranges erheben konnte, weil in ihr noch zu viel Freiherrliches steckt.

Ehe ich mich diesem jedoch zuwende, möchte ich einen Landsmann Liliencrons, W. Röseler, nicht unerwähnt lassen, dessen "Nordische Eichen" eine nervige Phantasie, welche mit Begierde das Große und Gewaltige aufsucht, eine markige Begabung für anschaulich belebte Schilderung (besonders gereimte Schlachtschilderungen im Genre von W. Scotts "Marmion") und ein feines Verständnis für das Hineinragen der Natur ins Menschenleben bekunden. Auch sein "Dornröschen" ist insofern wichtig, als Röseler darin mutig der echten alten Romantik huldigt. Eichendorf'sche keusche Empfindsamkeit schwebt über dieser reizenden Dichtung aus der Märchenwelt, aus deren verschlungenem Myrten- und Taxusgehege sangbare Lieder wie Rosen und Veilchen hervorblühen. Das schmucklos-einfache Lied, welches der treue "Narr", der in die Verbannung zieht, vor seinem Scheiden anstimmt, klingt wie ein fein verhallendes, schwermütig-rührendes Hüfthornecho der holden Fee Romantik. Die "Nordischen Eichen", welche neben viel gereimter Chronikprosa ein dramatisch-lyrisches Produkt "Erich und Abel" von geradezu an Björnson erinnernder Wucht und starrer Größe aufweisen und in welchen nirgends für höhere Töchter tiriliert und drauflosgejuchzt, sondern nur von veralteten unpoetischen Dingen wie Ehre, Freiheit, Vaterland, gesungen wird, – hebe ich darum im Anschluß an Liliencron hervor, weil auch dieser uns Balladen aus der holsteinischen Geschichte bietet. Nur bei ihm kommt auch die Poesie der That zur Erscheinung.

[571] Was repräsentieren nun die "Adjutantenritte" Liliencrons? Ein Tagebuch. Da breitet sich eine bunte Fülle des Selbsterlebten vor uns aus. Wir stehen auf festem Boden. Wir sehen den Dichter als Adjutanten Göbens, in der Schlacht, beim Biwak. Wir sehen ihn als Hardesvogt auf den Halligen und lassen uns von ihm in seiner originellen Inseleinsamkeit durch sein kleines Reich Pelvorm führen. Das ist nicht das beliebige Meer – es ist das Wattenmeer, dessen spezifischen Ozon wir in diesen Dichtungen einatmen. Das ist die Schleswig'sche Haide, das sind die eigenartigen Friesischen Menschen. Diesen realen Untergrund als Fundament jeder echten Poesie – im Gegensatz zu dem Wolkenkukuksheim der nebulosen Allerweltslyrik – betonend, wollen wir sofort auch die Grenze Liliencrons bezeichnen. Nirgends wird in seinen Balladen ein großer geschichtlicher Gedanke erfaßt und greifbar hingestellt; alles episodenhaft, historisches Genre. Ebenso erwartet man vergebens, daß der Dichter seine persönlichen Liebes- und Lebensabenteuer zu etwas allgemein Menschlichem ausdeuten werde. Somit ein Stück Junkerpoesie. Ferner ist es mit dem Erleben Sehen und Fühlen und dem getreuen Abbilden desselben, noch nicht allein gethan. Es gibt auch ein Ding, das man Ideen nennt. Aber die Hauptsache bleibt freilich immer das Herausschälen der eigenen Individualität. Denn gerade dies Individuelle, Selbsterlebte, Persönliche, Real-Gegenständliche, mit einem Wort die Tagebuchpoesie ist dasjenige Element, in dem man die Zukunft der Lyrik erblicken muß, falls sie noch Existenzberechtigung bewähren soll. Das Hineinragen der Wirklichkeit in die lyrische Auffassung ist das, was wir unter dem vieldeutigen Namen "Realismus" und "Naturalismus" jetzt von der Prosa verlangen. Ich taufe somit die "Adjutantenritte" Liliencrons (Leipzig, W. Friedrich) mit dem Titel: "Realistische Lyrik".

Als ich die "Adjutantenritte" zuerst aufschlug, erschrak ich. Das Einleitungsgedicht "Der Gouverneur" ist eine matte Kopie des Byron'schen Don Juan-Stils, mit äußerst gequälter gezierter Sprache, der man das mühsame Abringen mit der Form ordentlich anhört.

[572] – – ein Inselchen so leer und öde,
Als hätte jüngst das Schwert des Tamerlan
Den letzten Keim gebrochen, hart und schnöde,
Die Pest gezogen ihre Beulenbahn?

("Eiterfährte" wäre doch wenigstens ein richtiges Bild!)

Auf "Ackerkrume" und "Hundeblume" reimt sich "verlassen im Wehthume" (was ist denn das?). Der Advokat schläft nicht mal wie Dornröschen, sondern "wie Dorn enröschen" – eine charakteristische Versündigung gegen die ungezwungene Leichtigkeit, die in der realistischen Lyrik als erste Bedingung gefordert werden muß.

Die "Sizilianen" befremdeten mich. Außerordentliche Sprachgewandtheit, Tiefsinn in Platen'scher Formschale, dabei in dieser gewundenen Form absolute Realistik, die bis zum Trivialen in kleinlicher Schilderung schwelgt ("Die Anbetung der heiligen drei Könige"). Jetzt wo ich den ganzen Liliencron verstehe, erkenne ich aber auch hier den Meister und, so unerträglich mir alle gekünstelten Versspielereien sind, den echten Dichter, dem allein "Schwalbensiziliane", "Marschall Niel", "Flüchtiger Gruß", "Meine Mutter", "Gnadenort" gelingen konnten. Drechseleien wie "Sphynx in Rosen", "Jagdstück" sind freilich für mich schon mauvais genre. Das ist sozusagen Makart'sche Lyrik, Farben ohne Sinn und Inhalt, Leiber ohne Zeichnung. Ich verweile so lange bei diesen "Sizilianen", weil es mir sonst noch nie vorgekommen ist, daß in solcher Spielerei wahre poetische Empfindung zum Ausdruck kommt. Man höre z.B. die letzte Siziliane:

Wenn Unglück Dich und Schuld, zwei schwarze Rosse,
An ihren Mähnen durch das Leben schleifen,
Durch Berg und Thal, im Schmutz der Gassengosse,
Du löst Dich nimmermehr aus ihren Schweifen.
Sie reißen Dich, o ausgelassne Posse,
Voraus nur Deines Blutes Purpurstreifen.
Und hintendrein noch schwirren die Geschosse
Der lieben Menschen: Lachen, Spott und Keifen.

Jetzt folgen die Kriegsgedichte "In memoriam", "Tod in Aehren", "Kleine Ballade" – jedes genau drei Vierzeiler umfassend, wie es dem echten Heineaner als Muster vorschwebt.

Ein Meisterwerk dieser Art finde ich schon S. 16:

  Auf dem Hünengrabe.
        (Nach der Jagd.)

Kalter Ente, kalten Eiern
Rotspohn hinterhergeschickt.
Feld und Welt in grauen Schleiern,
Müde bin ich eingenickt.
Auf dem Grabe tief erschrocken
Starrt mich an die Enacksschaar,
Und vorsichtig neigt die Locken
Auf mich König Ringelhaar.

Das ist, was ich "realistische Lyrik" nenne: selbsterlebter realistisch-detaillierter Vorgang und sofortige Verknüpfung desselben mit romantisch-poetischer Anschauung. Wie entzückend schalkhaft, wie diskret empfunden!

Da wir einmal bei dem Enaksgeschlecht der Vergangenheit sind, so will ich hier gleich Liliencrons Romanzen behandeln. Es ist augenfällig, daß ihm dabei Heines Romanzero als Muster vorschwebte. Hinter diesem erlauchten Vorbild ist er natürlich zurückgeblieben. Denn ihm fehlt der symbolische und gedankliche Hintergrund; es sind einfach historische Schnitzel. Dafür ist die künstlerische Vollendung dieser Balladen eine ganz hervorragende. Dennoch macht Liliencrons "Schlacht von Bornhöved" mit ihrem gezierten Klaus Groths, Theodor Fontanes und Theodor Storms aphoristischem Versstil abgelauschten, Antithesen-Lakonismus viel weniger Eindruck, als der unbehilfliche, aber schwungvolle Versuch Röselers über dasselbe Thema. In "Herzog Knut der Erlauchte" finde ich wenigstens einen Liliencrons würdigen Vers:

Wie war der Wald so weiß und still!
Der Schnee lag stumm auf den Zweigen.
Fern von der Weltesche Ygdrasil
Zog her ein traurig Schweigen.

Uebrigens hat L. denselben Stoff zu einer herrlichen Tragödie verarbeitet, die soeben erschien "Knut der Herr". Wenig kann ich mich mit "Papst Klemens II." befreunden; der poetische Gedanke hätte hier packender gestaltet werden können. "Der rote Mantel", "Das Haupt des heiligen Johannes" (ganz à la Heine), "Zerbrochener Keilerkopf", sind virtuose Scherze, Erholungsübungen der straffen Sprachbeherrschung des Dichters. "Vier Augen sind im Wege", eine Musterballade, wie kein Uhland und Platen sie besser machte. "Die Kapelle zum finstern Stern" und "König Abels Tod" zeigen die gekünstelte Bildlichkeit des Ausdrucks zur Manieriertheit ausgeartet. Statt "König Erich, schwinge Dich auf Dein Roß" hebt Liliencron an:
"König Erich, die Faust auf den Widerrist,
Laß tanzen den Hengst im Grase . . ."
und so fort.

"Vom Trinken ist Dir die Stirne heiß,
König Erich, die Luft ist trocken.
Mein Segel wiegt unten, scharlach und weiß,
Steig ein und kühle die Locken!
Schloßknechte spannen den Baldachin,
Vom Söller winkt der Bruder.
Der König schläft auf dem Hermelin
Und leise tauchen die Ruder."

Mehr Zeichnung und Komposition und weniger Farbe würde poetischer wirken. Die manierierte Zusammendrängungs-Theorie schlägt geradezu einen Purzelbaum in "Hartwich Reventlow".

Einen umso größeren Wert messe ich dagegen dem tiefrührenden "Wer weiß wo?" zu und dem burschikosen Wikinglied "König Regnar mit den gepichten Hosen". Ich gebe unter allen erzählenden Gedichten Liliencrons dem "Heidebrand" den Vorzug, weil dies eben selbsterlebte Tagebuch-Poesie bedeutet.

"Herr Hardesvogt vom Whisttisch weg"
Viel Menschen sind in Gefahr!"

Bravo, da stehn wir auf realem Boden. Die furchtbare Tragik "dieser wahren Geschichte" ist denn auch mit eiserner Faust festgehalten; der [573] Hardesvogt Liliencron hat sein poetisches Motiv wie einen vagabundierenden Strandläufer auf frischer That ertappt und am Kragen gepackt.

So hebe ich denn auch mit besonderer Wärme die Strandbilder hervor, die der dichtende Hardesvogt gezeichnet, das mächtige Meerlied "Trutz, blanke Hans", das reizende "Mit der Pinasse" und vor allem die fünf Gedichte "Auf dem Deiche", von denen hier eins folge:

Wie klar erschienst Du heute mir im Traum,
Wir saßen in der Kneipe fest und tranken,
Bis wir gerührt uns in die Arme sanken,
Auf unsern Lippen lag der erste Flaum.
Dein falber Wallach schleifte Zeug und Zaum,
Und biß und schlug und warf den Hals, den schlanken.
Im Sattel sah ich Dich erschossen schwanken
Und hinstürzen am wilden Apfelbaum.
Die Watten stinken wie das Leichenfeld,
Wo viel Erschlagne faulen nach der Schlacht,
Tagüber sonnbeschienen ohne Zelt.
Geheimnisvoll, wie tot in Bann und Acht,
Sinkt, grau und goldumhaucht, die Halligwelt,
Und aus der Abendröte steigt die Nacht.

Weniger Nachdruck lege ich auf die rein genrehaften Naturbilder, wie "Haidebilder", "Unheimlicher Teich", "Die Nixe" (trotz der darin enthaltenen berühmtesten Stelle Liliencrons: Der Todesschrei des verkohlenden Pferdes), "Hochsommer im Walde", "Herbst", "Dorfkirche im Sommer". Sie sind mir trotz allen Reizes entweder zu langatmig ausgesponnen oder wie die letztgenannten umgekehrt zu nippsächelich; und allen fehlt das Letzte, das Allgemeine. Denn obwohl ich gerade im Gegensatz zu der alten Lyrik einen besonderen Reiz darin sehe, daß in Liliencrons Lyrik das Lokalkolorit der Natur betont und dadurch ein reales Fundament der Landschaftslyrik gewonnen wird, so halte ich es für eine Bedingung, an dieses persönlich Geschaute das allgemeine Reflektive anzuknüpfen.

In der Erotik hingegen ist Liliencron unübertrefflich. Und auch hier wieder ein realistischer Untergrund. Hier und da macht Heine sich von der Schablone los, indem er den Rhein oder Hamburg als Hintergrund im "Buch der Lieder" andeutet. Das Alles aber geschieht zaghaft und spärlich und "Der alte Märchenwald", "Der Schwan im Weiher", "Der Stern der Liebe", kurz der alte Romantikplunder gehört bei ihm immer noch zu den notwendigen Koulissen und Requisiten. Ueber solche Schranken der Tradition setzt der kühne Steeplechase-Reiter Liliencron mit einem Salto Mortale weg. Da ist alles äußerst modern gegenständlich. In "Kurz ist der Frühling", "An der Table d'Hôte" schon fast zu sehr. Aber wie genial wird in "Kleine Geschichte" das alltägliche Reale mit der Poesie verflochten!

Frühsommer wars, am Nachmittag,
Der Weißdorn stand in Blüte.
Ich ging allein durch Feld und Hag
Mit sehnendem Gemüte.
Es trieb mich in den Tag hinein
Ein sehnendes Verlangen
Nach dunkler Laube Dämmerschein
Und weichen Mädchenwangen.
Ich fand ein Wirtshaus, alt, bestroht,
Umringt von Baumgardinen.
Die alte Frau am Eingang bot
Gebäck und Apfelsinen.
Im Garten: Schaukeln, Karoussel,
Und Zelte, übersonnte.
Ein Scheibenstand, wo man als Tell
Den Apfel schießen konnte.
Den Affen zeigt Neapels Sohn,
Die Kegelkugeln rollen.
Dort steigt ein roter Luftballon,
Um den die Kinder tollen.
Musik, Gelächter, Hopsasa –
Wo bleibt das hübsche Mädchen?
Da plötzlich in dem Tralala
Ein allerliebstes Käthchen.
Das war ein gar zu liebes Ding,
Goldregenüberbogen.
Just kam ein kleiner Schmetterling
Dicht ihr vorbeigeflogen u.s.w. u.s.w.
Von tausend Welten überdacht,
Die ruhig weiter gehen –
Es zog ein Stern um Mitternacht
Und grüßend blieb er stehen.

Aehnlich das wunderholde "Du hast mich aber lange warten lassen" (welch ein Lyriker alter Schule hätte wohl solch einen Gedicht-Titel gewagt!), das joviale "Komm, Mädchen, mir nicht auf die Stube", die herrliche "Liebesnacht" und das wollusttrunkene "Früh am Tage". Eine ebenso imponierende wie liebenswürdige Don Juanerie spricht aus dem famosen "Bruder Liederlich":

Die Feder am Sturmhut in Spiel und Gefahren,
      Halli!
Nie wußt ich im Leben zu fasten, zu sparen,
      Hallo!
Der Dirne laß ich die Wege nicht frei,
Wo Männer sich raufen, da bin ich dabei
Und wo sie saufen, da sauf ich für Drei,
      Halli und Hallo . . . u.s.w. u.s.w.
Und als ich beim Abschied die Hand gab der Kleinen,
      Halli!
Da fing sie bitterlich an zu weinen,
      Hallo!
Was muß ich heut denken ohn' Unerlaß,
Daß ich ihr so rauh gab den Reisepaß?
Wein her, zum Henker! Und da liegt Trumpfaß.
      Halli und Hallo!

Bis zum Dämonischen steigert sich dieser Siegesstolz in dem "Liebeslied":

Dem Fremden gilt Dein Evoë,
Du möchtest ihn tausendmal segnen.
Deine Augen sind ein gefrorner See,
Wenn sie den meinen begegnen.
Mein schönes Kind, Du thust mir leid,
Doch das soll anders werden.
Ich liebe Dich und es kommt eine Zeit,
Dann vergessen wir Himmel und Erden u.s.w.
Heut hat noch der Fremde Dein Herz in Pacht,
Mich behandelst Du recht eintönig.
Doch ehe die Sichel rauscht, gibt Acht,
Bin Ich Dein Herr und König.

Ebenso "Müde", "Hans der Schwärmer".

Dabei weiß aber Liliencron auch dem Schmerz der Liebe ergreifende Klänge zu entlocken ("Zu [574] spät", "Verbotene Liebe", "Ich hab Dich so sehr geliebt") und auch die tiefste Innigkeit keuschen Gefühls auszusingen: ("Glückes genug", "Ich liebe Dich", "Auf eine Hand", "Und ich war fern", "Einer Toten", "Kalter Augusttag"). Die beiden letztgenannten Meisterwerke – in ungereimtem Jambus, ganz realistisch gehaltene Genrebilder – leiten uns zu einer höchst eigentümlichen Gattung der Liliencron'schen Lyrik hinüber, die sich schon äußerlich in der Form – wie gesagt, ungereimter Jambus – von den übrigen Gedichten unterscheidet. "Blümekens", "Inschrift", "Erinnerung", "Nachklänge", "Waldschnepfenjagd", "Abseits", "In einer großen Stadt", "Italienische Nacht", "Sursum Corda", "Ein Geheimnis", "Una ex hisce moneris", "Letzte Sizilianen", ebenso die in meisterhafter realistischer Prosa geschriebenen epischen Genrebilder "Auf der Marschinsel", "Verloren" und endlich die gloriosen "Adjutantenritte" (Erinnerungen aus einer Januarschlacht – St. Quentain ist gemeint) mit dem wundervollen Schlußgedicht des Bandes "Es lebe der Kaiser", einem wahren Muster realistischer Poesie – all diese Schöpfungen von unvergleichlicher Wahrheit und Frische der Darstellung sind ganz einfach Tagebuchblätter eines reichbewegten Junker- und Offizier-Lebens. Ich wüßte nichts, aber auch gar nichts in der gesamten deutschen Lyrik, was sich an Unmittelbarkeit der Empfindung, die sich berauschend dem Leser mitteilt, damit vergleichen ließe.

Selbst der Eifersucht weiß diese unverwüstliche Originalität eine ganz neue Wendung abzugewinnen – durch die fabelhafte Natürlichkeit des Ausdrucks ("Die gelbe Blume Eifersucht"). Ganz ähnlich "Nach dem Ball", worin aber das Junkerliche wieder prägnant in die Erscheinung tritt. Warum immer der Refrain "Die kleine blonde Comtesse"? Muß man das wissen? Muß der Dichter durchaus gewisse Allüren herausbeißen, wenn er anhebt:

Setz in des Wagens Finsternis
Getrost den Atlasschuh!
Die Füchse schäumen ins Gebiß
Und nun, Johann, fahr zu!?

Und doch gewinnt das reizende Gedicht – man kann es nicht leugnen – gerade hierdurch das Pikant-Aktuelle, Persönlich-Erlebte, das Liliencrons geniale Gelegenheitslyrik – die ja Göthe gerade wünschte – auszeichnet.

Junkerliche Verse wie

           Four in Hand

Vorne vier nickende Pferdeköpfe,
Neben mir zwei blonde Mädchenzöpfe,
Hinten der Groom mit wichtigen Mienen,
An den Rädern Gebell.
In den Dörfern windstillen Lebens Genüge,
Auf den Feldern fleißige Eggen und Pflüge,
Alles, das von der Sonne beschienen,
So hell, so hell"

erschienen fast wie eine Impertinenz. Aber welche Meisterschaft auch hier, welche souveraine Junkerlichkeit des Genies!

Zum Schlusse will ich denn noch ein paar Gedichte zitieren, die ich für Liliencrons Chef d'Oeuvres halte, obwohl sie sich ins Allgemeine verlieren; sie können sich getrost neben jedem Gedicht von Göthe, Heine und Burns sehen lassen.

            Auf dem Kirchhofe.

Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt,
Ich war an manch vergessnem Grab gewesen.
Verwittert Stein und Kreuz, die Kränze alt,
Die Namen überwachsen, kaum zu lesen.
Der Tag ging sturmbewegt und regenschwer,
Auf allen Gräbern fror das Wort: Gewesen.
Wie sturmestot die Särge schlummerten –
Auf allen Gräbern thaute still: Genesen.

 

                  Unwetter.

Der Sturm preßt trotzig an die Fensterscheiben
Die raue Stirn; tiefschwarze Wolken treiben
Wie Fetzen einer Riesentrauerfahne,
Und schnell wie Bilder ziehn im Fieberwahne,
Wie Rettung suchend, zog, von Angst befangen,
In meine Arme Dich ein heiß Verlangen.
Wie hold das war: Ein Blättchen, sturmgetrieben,
Flog mir ans Herz, dort ist es auch geblieben.

 

       Tiefe Sehnsucht.

Maienkätzchen, erster Gruß,
Ich breche euch und stecke euch
An meinen alten Hut.
Maienkätzchen, erster Gruß,
Einst brach ich euch und steckte euch
Der Liebsten an den Hut.

 

       Alt geworden.

Unvergessen bleibt der Garten,
Der des Kindes Welt enthielt.
Ob in seinen engen Wegen
Noch ein Kindeshändchen spielt?
Und wie tief die Waldesschatten,
Junger Liebe erstes Jahr.
Ob die Bäume wohl noch leben,
Ob sie scheitelt noch ihr Haar?
Regen rauschte viel hernieder,
Viele Jahre rauschten hin.
Waldesschatten, kleiner Garten
Grauer Bart umwächst das Kinn.

Die Lyriker der alten Schule habens ja nicht mehr nötig, daß man sie lobt, ebensowenig die Talmi-Berühmtheiten unserer modernen Salon-Tyrolerei. So scheint es mir denn ein Gebot der Gerechtigkeit, auch die "coming race" einmal zu Worte kommen zu lassen. Gern hätte ich hier noch Hans Hopfens Gedichte besprochen, die mir soeben bei dem Ausdruck "Salon-Tyrolerei" durch Ideenassociation nahegerückt wurden. Das ist auch realistische Tagebuchlyrik. Aber nur der alte Trank in den alten Tassen, Minne und Minnelei, dazu einige Heine'sche Bajazzosprünge ("wie er sich räuspert") und dann der untröstliche Wittwerschmerz um die verstorbene Gattin, welche noch im Grabe ihrem Hans drei Auflagen seiner Trauerlieder verschaffte – das ist mir zu wenig. Da der untröstliche Wittwer sich ja nach Ablauf des Trauerjahres sofort getröstet hat und jetzt, wie wir hören, eine vierte Auflage mit einem Anhang von Hochzeitliedern an seine neue Gattin vorbereitet, so wird er sich ja auch trösten, daß nach [575] Ablauf des üblichen Trauerjahres seine reclamebewunderte Lyrik zur ewigen Ruhe sank. Das preiswürdige Kopistentalent, dem wir den klassischen Vers verdanken

"Wir kauften Verdruß in Straßburg ein
Und Gänseleberpasteten"

möchte ich doch lieber nicht neben einem Liliencron beleuchten. Von Hans Hopfens Gedichten soll unsre feinfühlige Zeit gegen 3000 Exemplare auf einen Schluck verdaut haben. Von den "Adjutantenritten" dürften ja wohl ein paar Dutzend verkaufter Exemplare im Laufe der Begebenheiten noch voll werden.

Jaja, der Ritter Liliencron sollte halt lieber in Neu-Jerusalem herumtyrolern, statt in Kellinghusen – verzeihen Sie das harte Wort – als holsteinischer Landvogt zu horsten. Einsam horsten die Adler.

Eine ganz besondere Erwähnung verdient noch Hermann Friedrichs mit seinen demnächst erscheinenden Gedichten "Gestalt und Empfindung" (Leipzig W. Friedrich). Die früheren Poeme des Verfassers "Erloschene Sterne", welche wesentlich Stoffe aus der römischen Kaiserzeit behandelten, zeigten eine große Versgewandtheit, Begabung für schwungvolle Diktion und eine starke sinnliche Leidenschaft. Diese neuen Gedichte stehen jedoch weit darüber. Denn in ihnen gesellt sich den betonten Vorzügen eine wahrhaft poetische Auffassung des Gegenstandes, die auf einer durchaus originellen Anschauung italienischer Natur basiert. Schon das Eingangsgedicht "Poesie" fällt auf durch den eigenartigen Ausdruck eines so viel behandelten Themas. An Alfred de Musset gemahnt das treffliche Gedicht "Gedankenspähne". Ganz ausgezeichnete Genrebilder entrollen sich uns in "Der Wildheuer", "Die Madonna auf dem Lande", "Das Zigeunermädchen", "In Gedanken", "Der Erntekranz". Noch packender weiß der Dichter jedoch direkte Landschaftsbilder Italiens zu entrollen, wobei sich ihm stets der Gegensatz von Vergangenheit und Gegenwart durch Erinnerung verschollener Größe offenbart. So "Auf Ventotene", "Der Freudentöter", "Malaria". Die Versenkung in die Antike bringt es auch mit sich, daß der Sinn für plastische Allegorie abstrakter Begriffe sich lebhaft entwickelt zeigt wie in "Die Leidenschaft", "Die Furcht", "Die Zeit" (vortrefflich!). Friedrichs hat jedoch darüber das Verständnis für die Gegenwart keineswegs verloren, sondern belebt auch diese und weiß ihre Erscheinungen mit Geschick festzuhalten ("Im Beichtstuhl", "Blumenmädchen in Neapel", "Die Steinträgerin von Anacapri"). Er greift sogar einen wichtigen Stoff aus den sozialen Fragen heraus: "Der Dampf."

Höher aber, als die Fülle seiner Bilder und den Glanz seines Kolorits muß ich die mächtige Leidenschaft schätzen, die in diesen Tagebuchblättern pulsiert. Es sind weniger die subjektiven Stimmungen ("Mutterlos", "Eros", "Roman", "Magdala", "Jäher Sturz", "Monolog eines Vereinsamten" – ein wenig heikel, dies Selbstbekenntnis!), als vielmehr die aus objektiver Betrachtung entquollenen Schmerzensschreie eines keineswegs erkünstelten, sondern in jedem Wort wahrste Empfindung verratenden Pessimismus, wie er in dem herrlichen Doppelgedicht "Casamicciola" reflektiv seine Spitze erreicht, in "Doch sie hilft nicht" erschütternd hervorbricht und in "Vereinigt" seine Verklärung durch die Leben und Tod bezwingende siegreiche Liebe findet.

Diese Versöhnung und Verklärung durchklingt auch die drei lieblichen Lieder, welche dem Indischen Sagenkreise entnommen sind.

Endlich, noch der prächtigen "Nebelphantasie" gedenkend, wollen wir mit einem Gedichte schließen, das als reine Lyrik allerdings in der kleinen Sammlung (sie enthält nur circa 80 Seiten) alleinsteht, das aber anzeigt, wie leicht Friedrichs, der noch ein wenig an Weitschweifigkeit leidet, sich zu dieser knappen Abklärung durchringen kann und wird.

Ein Lichtphantom, dem Flammenkuß entstiegen
Der Abendsonne auf die Gletscherstirn,
So seh ichs oft auf allen Gipfeln liegen,
Mit heißem Purpur malend Firn um Firn.
Und in dem Zwielicht, schwebend auf und nieder,
Zieht eine Alpenfei den Zauberkreis,
Von ihren Lippen tönts wie Hirtenlieder
Und Melodien entlockt ihr Fuß dem Eis.
Doch bald verstummen ihres Reigens Klänge,
Sie schaut umher – der Purpurschein verblaßt,
Und prüfend reckt ein Geier seine Fänge
Im letzten flüchtgen zauberischen Glast.
Da löst vom Haupte tändelnd sie den Schleier,
Aus ihren Händen wächst er ringsumher –
Und mählich schwinden Firne, Frei und Geier
Geheimnisvoll im grauen Nebenmeer.

In ähnlicher Weise hebe ich die "Lichter und Schatten" von Th. Nötig hervor. Der Verfasser war Offizier und hat die Kriege in Böhmen und Frankreich durchlebt. Diesen verdankt er manch markiges Stimmungsbild – so das am Abend von Mars-la-Tour.

Es ist von uns gefallen
Der zweite Mann beinah –
Dumpf wie ein Todeslallen
Klang das Viktoria.

Auch in der Natur sucht Nötig das Melancholisch-Erhabene, und findet in der Minne seine besten Töne für die unglückliche Liebe. Ein ernster, echt männlicher Zug durchweht diese Dichtungen, die ebenfalls der Tagebuchpoesie angehören, d.h. dem unmittelbaren Ausdruck der Selbsterlebtheit.

Seit ich diesen Essay geschrieben, ist mir noch etwas recht Seltsames passiert. Das "Entdecken" unbekannter Dichter von Gottes Gnaden scheint mir von einem günstigen Geschick beschieden zu sein. Alles dasjenige nämlich, was ich von der echten Lyrik meinen Anschauungen gemäß verlange, ist enthalten in einer Liedersammlung, welche gar nicht in die Oeffentlichkeit drang und nur zum Privatgebrauch als Manuskript gedruckt ist. Diese Sammlung führt den Titel "Federzeichnungen aus Wald und Hochland" <(1885)>. Ihr Verfasser ist der in München so wohlbekannte Oberst Heinrich v. Reder. Auf nicht weniger als 237 Seiten hat dieser Originalpoet die Aufgabe durchgeführt, in 237 Liedern von je drei Strophen (das rechte Maß für die knapp-aphoristische echte Lyrik) ein [576] Tagebuch seiner Streifereien durch die Natur zu bieten. Unter diesen 237 Liedern ist kein einziges, das nicht echt poetisch empfunden wäre. Formell ist Heine Reders Meister gewesen, ebenso in der Manier des scharf pointierten und oft ironisierenden Ausklingens. Inhaltlich erinnert die tiefe Natursymbolik an Lenau; wie bei diesem tönt Wehmut aus jedem Echo der Natur.

Bisweilen tönt der Weihe Ruf
Verhallend aus dem Innern,
Als wie ein ferner Klageton
Aus schmerzlichem Erinnern.

Reder ist bekanntlich auch malerisch beanlagt. Dieser malerisch-koloristische Sinn begnügt sich in seinem dichterischen Ausdruck oft damit, ein meisterlich abgerundetes Bild zu bieten, ohne hineinverflochtene Reflexion. Oft spitzt er sich auch, von der Natur ins Menschenleben hinüberlenkend, zu Skizzen zu, welche einen Novellenstoff konzentrieren und präzis in markigen Linien zeichnen. – Aber ebenso häufig erhebt sich der Dichter in seiner Naturbetrachtung zu allegorischer reflektiver Anschauung der Welt.

Flammt der Ferner hoch am Himmel
Rot in Abendsonnenglut,
Scheint darüber ausgegossen
Ew'ger Liebe heilige Flut.
Wie ein Auferstehungstempel
Herrlich in erhabner Pracht,
Leuchtet er, ein göttlich Wunder,
Aus dem tiefen Blau der Nacht.
Wenn jedoch die Glut entschwunden
Mit der Sonne goldnem Licht,
Starrt er aschfahl Dir entgegen,
Wie ein Todtenangesicht.

                * * *

Hoch am blauen Himmelsbogen
Steht der Mond in voller Pracht,
Mählich steigt der Berge Kette
Aus dem dunkeln Schoß der Nacht.
Schroffe Flächen, wildzerklüftet,
Schimmern nun im Silberlicht,
Das allein ihr eigner Schatten
Scharf und plötzlich unterbricht.
Wenn verlorner Lieb' Erinnerung
Auf ein dunkles Leben strahlt,
Werden dunkler noch die Flecken,
So die Zeit hineingemalt.

                * * *

Ein Urhahn falzte tief im Forst,
Er schliff und knappte brünstig;
Ich sprang ihn an von Stamm zu Stamm,
Der Augenblick war günstig.
Ich zielt' und schoß; der Schlaue lag
Im Moos zu meinen Füßen.
Daß ihn die Liebe blind gemacht,
Das mußt' er bitter büßen.
Doch wurde seltsam mir zu Mut
Mein Glück war mir verleidet!
Zu sterben in der Liebe Glut,
Ich hab ihn drum beneidet.

Dieselbe Jägerreflexion finden wir in Lenaus "Don Juan". Ich müßte natürlich das ganze Buch abschreiben, um den Born echter Poesie zu erschöpfen, der darinnen quillt. Reder beherrscht die ganze Harfe, Dur- und Molltöne, mit gleicher Meisterschaft. Ich will hier nur noch aus seinen Landsknechtliedern den Spruch zitieren:

Drunter und drüber,
Ueber die Brüder hinüber
Frisch ins Gefecht,
Landsknecht!
Drüber und drunter
Unter die Hufe hinunter
Haut sie und stecht,
Landsknecht! – –

Es ist zugleich ein Verlust und eine Schande der deutschen Litteratur, daß Reders Lyrik nicht in die Oeffentlichkeit gedrungen ist. So zieht sich die echte Muse in keuscher Scheu vom Markt zurück, wo das Hexengold und Talmi der Reklamepoetaster als geprägte Münze gilt. Regelmäßig, wenn man die Genialität und den Idealismus der Einzelnen, die nie versiegende Fülle des Talents in Deutschland mit der stumpfen Gleichgültigkeit der Masse vergleicht, durch die allein der materielle Notzustand der deutschen Poesie im Vergleich zu England und Frankreich erzeugt wird, – bekommt man einen wahren Ekel vor dieser jetzigen deutschen Nation, in welcher der Gamaschenknopf und die Zopfperrücke sich als höchste Rangstufe der Zivilisation blähen. In der allgemeinen nivellierenden Uniformität des preußischen Systems werden allmählich die Originalseelen wirklich erstickt werden. Der Militair-Uniformität folgt die Uniformität der Blouse, des sozialdemokratischen Drill-Zuchthauses. Na, Gott sei Dank, wenn die Dichter aussterben, brauchen sie sich auch nicht mehr zu Tode zu ärgern.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Die Gesellschaft. Realistische Wochenschrift für Litteratur, Kunst und öffentliches Leben.
1885:
Nr. 29, 21. Juli, S. 553-559
Nr. 30, 28. Juli, S. 571-576. [PDF]

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien). Drei Druckfehler wurden korrigiert (S. 555, 575, 577).

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

Besprochene Gedichtbände

 

 

Literatur

Amyntor, Gerhardt von: 1885 er Lyrik. In: Das Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes. Jg. 55, 1886: Nr. 18, 1. Mai, S. 281-283; Nr. 19, 8. Mai, S. 297-300. [PDF]

Austermühl, Elke: Lyrik der Jahrhundertwende. In: Naturalismus, Fin de siècle, Expressionismus: 1890 – 1918. Hrsg. von York-Gothart Mix. München u.a. 2000 (= Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, 7), S. 350-366.

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Lyriktheorie » R. Brandmeyer