Karl Henckell:
Poetisches Skizzenbuch

 

 

Heinrich Hart

 

Auf den Weg!

 

Ein junger Dichter wünscht, daß ich sein Erstlingswerk in die Litteratur einführe. Ein solches Vertrauen zu mir kann ich nur rechtfertigen, wenn ich mich nicht auf ein bloßes Wort der Ermunterung beschränke, sondern auch zu erfassen suche, ob die Eigenart des Dichters eine Zukunft verheißt, ob sie krank oder gesund und wie sie in die Entwicklung unsres poetischen Lebens einzureihen ist. Ein flüchtiger Blick in das poetische Skizzenbuch schafft die Ueberzeugung, daß die Seele des jungen Poeten sich noch in gährender Wallung befindet, aber schon deutet dieses und jenes Gedicht, dieser und jener Zug darauf hin, daß wir es mit Zeugnissen für eine längere Entwicklung zu thun haben, eine Entwicklung, die aus rohem Durcheinander, wenn auch nicht stetig, wie mir scheint, zu stillerer Geklärtheit fortschreitet. Vom ästhetischen Standpunkt aus hielte ich es für gut, wenn die Sammlung um die Hälfte ärmer wäre, unser Genuß wäre um ebenso viel reicher, um der Individualität willen [VIII] aber hat eine Vollständigkeit, wie sie der Verfasser bietet, ihr volles Recht, sobald die Individualität sich als irgendwie bedeutsam darstellt. Und das scheint mir hier der Fall zu sein.

Unsere Lyrik ist allgemach zum Gespött der Klugen, wie der Narren geworden, ich meine aus dem einfachen Grunde, weil die Epigonen, von ihren großen Vorbildern erdrückt, immer von neuem ausgetretene Pfade einschlagen, statt neue, wenn auch ein wenig unbequemere zu suchen, weil es ihnen leichter dünkt, die Stoffe und Gefühle der Vorgänger immer wieder umzudichten, statt die eigene Seele und die eigene Zeit in Worten auszuleben, weil sie kurzgesagt Buch-, aber nicht Lebensdichter sind. Die Folge davon ist, daß sich eine ständige, bis zum Ekel polirte Form herausgebildet hat, und ein eben solcher Inhalt, daß sich jeder Lyriker immer von neuem an eben dasselbe Publikum wendet, und zwar an das Publikum des Boudoirs und der Töchterschule, und daß nur hier und da ein Charakterkopf aus der Masse der Nichtse hervortaucht. Wie jede andere Kunstform aber muß die Lyrik neue Knospen ansetzen, neue Wurzeln schlagen, wenn sie nicht allmählich zum Rudimente werden will, wie jede andre Kunstform muß sie aktuell sein, das heißt, den Geist der Zeit, der auch der Geist des Einzelnen ist, zum Ausdruck bringen. Nicht minder gewiß ist es, daß eine Kunst, deren Publikum sich mehr und mehr verengt, anstatt daß es sich erweitert, nach und nach aus dem Strom des allgemeinen Interesses hinausgeschoben und als ein Ueberbleibsel einstiger Kultur nur von den [IX] geistigen Feinschmeckern noch beachtet wird. Diese Gefahr droht unserer Lyrik seit geraumer Zeit; will sie wieder Luft und Raum gewinnen, so müssen Dichter erstehen, welche die Männer suchen und deren Sympathie, nicht die Boudoirs, welche der aufstrebenden Jugend der geistlichen und leiblichen Arbeit Genüge thun, nicht dem empfindelnden Backfisch, welche in's Volk hinein rufen, nicht in den Salon, welche mit einem Wort gleich dem Geschlechte, das um sie erblüht, Arbeiter sind und Kämpfer, nicht schwelgende Müßiggänger. Unsre Zeit bedarf der Propheten, sie bedarf keiner neuen Höflinge und Spaßmacher.

In diese Entwicklung, welche ich wünsche und voraussehe, tritt der Dichter des Skizzenbuchs ein. Es ist noch manches Unfertige an ihm und noch viel Unreifes, aber es lodert doch aus seinen Versen jene siegende Flamme, welche Talent heißt, und aus seinen Worten spricht ein Geist, welcher das Sehnen unsrer Zeit tief und immer tiefer erfaßt. Ein Charakter steht schon vor uns in bestimmter Abgrenzung seines Wollens und Ringens, aber der Dichter läßt sich erst ahnen. Dichter waren jene großen Propheten Israels, welche nicht nur das brennende Wort des Zornes und des Fluches, sondern welche auch das sonnige Wort der künftigen Verheißung, der Versöhnung, der Liebe fanden. Bei Henckell tritt fast ausschließlich jenes in den Vordergrund und ebenso hat er es nicht immer verstanden, seine Bilder und Gedanken aus der Prosa dürrer Anschauung und bloßen Abscheus in Poesie und Plastik umzusetzen, sie zu verklären. Das offene Wort [X] des Bußpredigers ist nicht immer das zündende des Poeten. Immerhin! poetische Kraft und Tiefe, Ernst und zielbewußtes Wollen sind reichlich und nochmals reichlich vorhanden, mit jugendlichem Ueberschwang freilich gemischt, es ist also nichts Weiteres nöthig, als daß Henckell nicht nur dann und wann, sondern beständig ein Künstler zu sein sucht, und er wird ein Dichter sein, ein bedeutender, wie ich glaube. Schon aus dieser ersten Lese jedoch wird Mancher Kraft und Leben trinken, denn es schäumt viel quellende Frische, viel lebendige Gluth darin.

Berlin, im September 1884.

Heinrich Hart.      

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Karl Henckell: Poetisches Skizzenbuch. Mit einem Vorwort von Heinrich Hart. Minden i. Westf.: Bruns 1885. [PDF]

Hier: S. VII-X. [PDF]

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Literatur

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Lyriktheorie » R. Brandmeyer