Detlev von Liliencron

 

 

[Rezension]

 

Das Buch der Zeit. Lieder eines Modernen. Von Arno Holz. Zürich, Verlags-Magazin.

 

"Das Buch der Zeit." Lieder eines Modernen. Die letzten drei Worte hatte ich nicht gelesen. Ich hielt das Werk für einen Wegweiser nach Kamerum, für ein Maschinenbuch, oder für etwas diesen ähnliches. Ich schlug es auf: Gedichte. Ach, Gedichte. Ich legte das Papiermesser, das ich in die Hand genommen, wieder fort.

Das Buch, eh' ich's ganz bei Seite schob, klappte durch Zufall auf:

            An Friedrich Rückert.

Du warst im Leben Untertan und Christ
Und mehr als einmal auch ein Erzphilister,
Drum trauern, dass du schon gestorben bist,
Noch heute alle Unterrichtsminister.
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Donnerwetter, das Papiermesser her . . . und ich habe das ganze Buch gelesen.

Voweg: Ein Reim, wie er seit Platen nicht so rein geschrieben ist, und eine unendliche Fülle von neuen Reimen. Nie sieht der Reim gesucht aus; und mag auch noch so viel an ihm gearbeitet sein, man merkt's nicht und das ist die Hauptsache; nie ist er gezwungen. Endlich darin ein Schüler Platens, dem "kalten, marmornen". Auf den Knieen sollten die jungen Dichter dem großen Toten der Villa Landolina danken.

Und gleichfalls vorweg: Arno Holz lieb"e"t, steh"e"t, geh"e"t, tanz"e"t nicht, sondern (mit zwei Ausnahmen) er liebt, steht, geht, tanzt u.s.w. Wir müssen endlich einmal das verdammte "e" in der dritten Person der Einheit und in der zweiten der Mehrheit (natürlich nur da, wo es das Wort erlaubt) fortlassen.

Aber das ist ja Alles Nebensache; was hat denn Arno Holz gedichtet, nicht wie. Nein, das ist keine Nebensache. Die Lodderlichkeit muss endlich aufhören.

In der Abteilung: "Berliner Schnitzel" wird mancher seine Freude haben an den vielen vortrefflichen [484] kleinen Bosheiten, aber auch seine Freude haben an einzelnen Würdigungen. Z. B.:

"An Adolf Friedrich Graf von Schack".

Die letzte Strophe lautet:

Seit mir die Muse lächelnd zugenickt,
Hab' ich mit Staunen zu dir aufgeblickt
Und winde dir nun in dein Kranzgeflecht:
"Ich danke dir!"
                    Das kommende Geschlecht.

Endlich! Bravo!

Das mir, alltäglich zu sprechen: am besten gefallende Gedicht, – das ist ja aber völlig Ansichtssache –, ist: Phantasus.

Phantasus besteht aus einer kleinen, soll ich sagen, Vorrede mit dreizehn sich anschließenden Liedern. In diesen wird nun abwechselnd der allmählich verhungernde Dichter (im fünften Stockwerk einer Mietskaserne, nicht im gewöhnlichen vierten) geschildert und seine ganze schreckliche Umgebung, – dann folgt immer als Nummer zwei: Ein Lied dieses Dichters. Und diese Lieder sind von triefender Schönheit:

"An seiner Kettenkugel schleppe
Wen nie sein Sklaventum verdross,
Doch mich trägt wiehernd durch die Steppe
Arabiens weißgestirntes Ross.
Ein grüner Turban schmückt das Haupt mir,
Von Seide knittert mein Gewand,
Und jeder Muselmensch hier glaubt mir,
Ich wär der Fürst von Samarkand."

In den vier Strophen dieses Liedes wiederholen sich die vier letzten Verse immer wieder. Und ich verstehe den Dichter: Er ist selbst, und mit tiefem Recht, in seine Schöpfung verliebt. Immer wieder muss er das Prachtfarbenbild sich wiederholt sagen. Das taten berühmte Männer, das taten Beethoven, Mozart, Schumann. Und ich fühl's ihnen nach!

Es würde viel zu weit führen, ich darf kein anderes Gedicht aus Phantasus mehr bringen an dieser Stelle. Wenn wir, mein Gott, wie oft! das ewige Gesäure des im vierten Stock vor Hunger sterbenden Dichters hören oder lesen, so lässt uns das nach gerade gleichgültig. Aber wo es so göttlich gedichtet ist, mit so tiefsten, dunkelroten Herzblutfarben, erschüttert es uns, dass uns die Haarwurzeln schmerzen. Das hat ein echter Dichter geschrieben.

Viel dunkelwaldiges (nicht in "romantischer" Hinsicht), viel dunkeles aus dem Leben, "Nachtstücke", giebt uns Arno Holz: Alles wundervoll!

Seine Anmerkung zu: "Ein Heroldsruf" hat mir bitter wehe getan. Auch andern Lesern wird's so gehen. Diese Anmerkung hätte erspart werden können.

Da ich ein Deutscher bin, so muss ich nörgeln. Wie wäre denn das auch möglich, dass wir einmal nur in die laute, rücksichtslose Bewunderungstrompete stießen, und dann riefen, wenn die Leute auf den Straßen aufmerksam geworden wären: Seht her, welch ein Kerlchen, hier habt ihr einmal einen Dichter!

Also als Deutscher nörgele ich los: Arno Holz hätte uns mit den häufig gesperrt gedruckten Versen und Worten verschonen können. Das sieht so aus, als wollte er als Despot seinen Lesern zurufen: Hierher, ihr Lumpen! merkt euch das! So denke ich, und so sollt ihr denken! Das ist meine Ansicht, und meine Ansicht ist die allein richtige. Punktum! . . .

Oder, gelinder gesagt: Er nimmt uns beim Schopf und stößt uns mit der Nase auf die betreffenden Verse: Der Lehrer die Schüler. Es ist, mit einem Wort, eine kleine Unart. Das Gesperrtgedruckte nützt den paar wirklichen Gedichtverstehern nichts: Die merken schon von selbst, ob sie nach den drei ersten Versen das Buch auf den Düngerhaufen werfen, oder ob sie's ans Herz drücken sollen. Und der Millionendeutsche: Nun, beim Jupiter! mögen einzelne Buchstaben groß wie Fabrikschornsteine gedruckt sein, er liest, ob Excellenz oder Tagelöhner, mit derselben Verständnisslosigkeit darüber hin; ihm ist's gleichviel, ob's ein Goethesches Sonnengedicht, ob es ein Gartenlaubenreim; ob es Dante schrieb oder der Leibdichter irgend eines unserer überzahlreichen Nähmamsellschundschandquarkzeitschriften.

Was soll aber der edle, stille, fromme, deutsche Emanuel Geibel im "Buch der Zeit". Was würde der für ein Gesicht machen, läse er das Gedicht: "Den Franzosenfressern".

Einige schöne Worte fand ich: "Das Goldlicht der Lampe", "Teifundunkel". Das letzte ist sehr gewagt, aber es passt prächtig.

Ein Dichter schrieb: "Das Buch der Zeit". Damit ist Alles gesagt.

Ich schließe mit Arno Holz:

            "Abfertigung".
"Wohl machst du mir für mein Talent
Ein ungeheures Kompliment,
Doch schone, Freundchen, deine Lunge,
Denn wo das Herz spricht, schweigt die Zunge."

Aber nicht die Feder, Herr Holz.

Es flutet und braust seit Anfang unseres Jahrzehnts: Eine neue Dichtergeneration stürmt mit fliegenden Fahnen vorwärts; keine Epigonen sind's. Das ist unverkennbar. Schütteln sich die jungen Dichter durch ihren Hochmut glücklich durch, sind sie gerettet – und die Gründer in der Tat (ich weiß mich nicht anders auszudrücken) eines neuen Dichterstamms. Sonst lauert auch auf sie die Krankheit unserer Zeit: Der Größenwahnsinn.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Das Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes. Organ des Allgemeinen Deutschen Schriftsteller-Verbandes.
Jg. 54, 1885, Nr. 31, 1. August, S. 483-484. [PDF]

Gezeichnet: Kellinghusen. Detlev Freiherr von Liliencron.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

Kommentierte Ausgabe

 

Das besprochene Werk

 

 

Literatur

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