Detlev von Liliencron

 

 

Brief an Reinhold Fuchs

 

Kellinghusen, Holstein, 7. Mai 1886

Hochverehrter Herr Doctor! Endlich! Schon fast ein halbes Jahr erfreue ich mich Ihrer Gedichte, lebe in Gedanken mit Ihnen, lese Recensionen überall über Ihr Werk und komme erst heute dazu, Ihnen für Ihre gütige Sendung innigsten Dank zu sagen. Es wird Ihnen wie mir gehen: So schnell wie möglich – wenn angänglich schon am nächsten Tage – die Fluth der eintreffenden Briefe zu beantworten: dann sind sie erledigt. Das aber konnte ich nicht in Bezug auf Ihre Gedichte. – Sofort beim ersten Poem: Halt da! Ruhe! Sorgsam, langsam lesen; kurz: es winkte mir ein Genuß. Und Gedichtlesen betreffend bin ich Homöopath: Stück für Stück, nicht in einem Zuge. Und das habe ich gethan: Klein bei klein, Tag um Tag, ein neues. Und so, find' ich, muß  man lesen, will man Gedichte genießen. Sie müssen ausklingen, Gedanken auf den Weg geben u.s.w. Unter dem bodenlosen Blödsinn, dem wir heut zu Tage begegnen: Beim Zeus! Welcher Wischwasch. Und deßhalb ist die Freude um so größer, wenn uns endlich etwas zu Händen kommt, daß wir jubeln und mitfühlen. [. . . .]

"Heimathlos" interessirt mich sehr: Ich war fast 2 Jahre der Verwaltungs- (und Polizei-) beamte dieser Inselchen, Hardesvogt (Landvogt), und kenne sie daher genau. Manche Nacht hab ich bei den einsamen Menschen zugebracht. Das: "Daß selten nur in flüchtiger Ruh' Die Möwe dort vom Fluge rastet" hab ich eigentlich nicht gefunden, da mich diese Biester Tag und Nacht umschrieen. Ich wollte, Sie wären mit mir auf Jagd dort gewesen: die Arosette und der Austernfischer sind dort zu finden, aber ganz verflucht schwer heranzukommen. Ich will diesen Sommer meine Halligen wieder besuchen. Man sieht den Charakter dieser Inselbewohner erst, wenn man sie näher kennen lernt. Es sind meistens brave, sehr ruhige, wirklich fromme Leute. Aber sie coquettiren wie ein Frauenzimmer mit jedem Fremden: weil es ihnen in Fleisch und Blut sitzt, daß jeder andere Deutsche sie bemitleiden muß. Haben Sie den Pastoren von Oland kennen gelernt? (Föhr gegenüber). Allerlei ist mir auf den [144] Halligen passirt. Auch zwei Sturmfluthen hab ich mitgemacht. Das Wasser drang bis auf die oberste Treppenstufe. Wackere Strandräuber sind sie durchweg, und haben heute noch ihre Häuser dafür in Hamburg. Ja, ja, die guten Halligleute. Das stimmt: sie kommen immer wieder auf die Halligen zurück (Heimweh). Der Pastor ist dort Alles. Wunderbare Exemplare dieser Menschenklasse hab ich dort kennen gelernt. Einzelne durchaus verkommen, Andere wieder noch etwas civilisirter Natur.

Zuweilen finde ich noch in Ihren Gedichten (never mind it) das schreckliche Dilettanten- und alte Tanten-"e", wie z.B. Seite 135 "schleich et statt "schleicht". Ich freue mich über Ihren reinen Reim. Sehr selten unreine, wie z.B. "Wüste" und "Küste" (also liest man: "Kühhhste") und S. 65: "Gruß" und "Fluß" (also Fluhhhß). Verzeihn Sie diese Kleinkrämerei. Aber darin bin ich Platenide. [. . . .]

Ach ja, unsere Lyrik!!! Aber der Sturm ist schon hereingebrochen in den verfaulten Stinkwald: Heraus mit dem Gesindel. Hoch wieder mit Wahrheit, mit Wiedergabe selbsterlebten Lebens, fort mit dem Geleier und Gewinsel. Kein Getute mehr auf derselben alten Flöte: Andere Flöten, andere Flöten.

Haben Sie einmal Zeit und Lust, vergessen Sie nicht ganz

Ihren ergebensten Detlev Frhr. Liliencron
Hauptmann a. D.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Detlev von Liliencron: Ausgewählte Briefe. Hrsg. von Richard Dehmel. Bd. 1. Berlin 1910, S. 143-144. [PDF]

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien); die Kürzungen von Dehmel.

 

 

Literatur

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Lyriktheorie » R. Brandmeyer