Eugen Wolff

 

 

Die Moderne.

Zur "Revolution" und "Reform" der Litteratur.

 

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Diskussion: Moderne

 

Wer über die litterarischen Zustände der jüngsten <Vergangenheit> und unmittelbaren Gegenwart schreiben oder gar auf die Litteratur der nächsten Zukunft befruchtend einwirken will, wird nun und nimmer in der Lage sein, ein objectives historisches Bild zu geben – er kann immer nur, und sei er ausgerüstet mit dem vollen historisch-kritischen Blick des Litteraturgeschichtsforschers, subjective Urteile über Breite und Länge all jener Strömungen fällen, deren Entspringen an der Quelle er beobachtet, ohne den ganzen Lauf des Flusses von seinem Standorte überschauen zu können. Man gestatte mir also mit einer subjectiven Erinnerung zu beginnen.

Nach langer Abwesenheit von der deutschen Reichshauptstadt in dieselbe zurückgekehrt, wurde ich in einen jungen litterarischen Freundeskreis eingeführt, dessen Glieder ich in ihrem dichterischen Wirken von Anfang an mit eben der begeisterten Spannung verfolgt hatte, mit welcher man aufhorcht, wenn das, was man als stilles Ideal im Herzen trägt, plötzlich mit Fanfarenklang der Welt verkündet wird. Soeben aus der freien gewaltigen Natur des Meeres kommend, sah ich mich von dem Jagen und Brausen der Weltstadt fortgerissen, tausend neue Eindrücke stürmten auf mich ein, – und doch galt es für mich, zur Ruhe und Klarheit zu gelangen, zur Ruhe [II,1] und Klarheit, was es denn sei, wodurch jener litterarische Kreis unserer jüngsten Dichter zusammengehalten werde und wodurch ich mich zugleich mit ihm eins wisse. Irgend ein förmliches Programm war nicht aufgestellt; was aber band die Geister an einander?

Was man nicht positiv erreicht, erkennt man oft auf negativem Wege. So sah ich mich zunächst nach den gemeinsamen Gegnern um. Drei Strömungen boten sich in der Litteratur der Gegenwart dar. Auf dem weitesten Felde der litterarischen Schaffung (man kann leider nicht sagen: Schöpfung) herrscht jenes dilettantische Blaustrumpfwesen, welches in erschrecklich gesegneter Fruchtbarkeit, reich an Wasser, aber arm an Blut, jahraus jahrein seine Dutzendmachwerke mit schablonenhafter Geschicklichkeit auf den Markt wirft. Diesen Tagesdirnen beiderlei Geschlechts und darum Tagesgötzen, diesen schriftstellenden Duodezkönigen bieten wir zweifellos Schach! Eine zweite Strömung der Litteratur scheint garnicht so einschläfernde Wirkung zu thun, ja scheint mit ermunternder Electricität geladen, aber kein stärkender, gesund erfrischender electrischer Schlag ist die Wirkung, sondern ein raffinirtes Kitzeln, und wir müssen wohl erkennen, dass hier kleine, unedle Geister in einer verunglückten Speculation auf grosse, edele Gefühle befangen sind. Schach! Aber noch einen Typus bietet der litterarische Olymp: dort auf behäbigem Grossvaterstuhle sitzt der würdige Vertreter der Epigonen-Klassicität; nicht immer ruhte er dort, einst gab es eine Zeit, da stürmte er wild hinaus in die litterarische Welt, um sich einen Platz zu erobern, dem brausenden Meere des Lebens ein Stück Land abzugewinnen; aber schiffbrüchig irrte er bald umher, und nun war es für ihn ausgemacht, "dass heutzutage," wenn selbst ein Kerl wie Er nicht siegen konnte, eine Originaldichtung grossen Stiles "überhaupt nicht mehr möglich" sei, dass wir uns eben alle bescheiden müssen mit dem Loose des Epigonen. Auch diesen bescheidenen "Lumpen" Schach!

Sage mir, mit wem du – nicht umgehst, und ich will dir sagen, wer du bist! Nach diesem Wahrwort wäre auf den Weg der Jüngsten schon einiges Licht geworfen. Um denselben vollends zu erhellen, wird es nötig sein, nach dem ersten Ursprung, nach dem Ur-Anknüpfungspunkt der neuen Richtung auszuschauen. Haben die nationalen Ereignisse, die grossen Geschicke des Vaterlandes die unmittelbare oder mittelbare Veranlassung zu der neuen Dichtung gegeben? Wer die seit 1870 verflossene Spanne Zeit und anderseits die Stoffe sowie den ganzen Geist der jüngsten Dichter überschaut wird zweifellos gestehen müssen, dass dort die unmittelbare oder auch nur die mittelbare Veranlassung nicht zu suchen ist. Dagegen wird der durch jene Ereignisse bedingte nationale Aufschwung positiv und die durch eben jene Ereignisse – wenigstens teilweise – bewerkstelligte Befriedigung des im Vordergrund aller Interessen stehenden <nationalen> Sehnens negativ als eine der mittelbaren Veranlassungen für die neue Poesie zu erkennen sein.

Graben wir der Quelle weiter nach, so werden wir uns zu fragen haben, inwieweit etwa die ausländische Dichtung befruchtend auf unsere Dichterjünglinge einwirkte. Nach Lage der Verhältnisse könnten Vornehmlich die Engländer und Franzosen in Betracht kommen. Aber die englischen Litteraturzustände der Gegenwart sind kaum besser als die deutschen bestellt. Die französischen "Sitten"-Dramatiker werden wir opferfreudig den Bühnenpaschas der raffinirten Mache zur <Nachahmung> überlassen, so dass nur der Eine bliebe;

Zola. In der That weist Karl Bleibtreu in seiner "Revolution in der Litteratur", einer Nachtisch-Plauderei, welcher ich als solcher, wenn auch nicht als einer litterarischen Programmschrift, bei mannigfachen Abweichungen im einzelnen – Verdienst durchaus nicht abspreche, Zola eine ähnliche Stellung zur litterarischen "Revolution" unserer Zeit an, wie sie mutatis mutandis Shakespeare zu jener des vorigen Jahrhunderts eingenommen. Wir wollen nicht zustimmen, bevor wir nicht geprüft haben. Was will Zola? In der Vorrede zum dramatisirten "Assommoir" spricht er sein Programm dahin aus: "Das Uebernatürliche und Vernunftwidrige zu vernichten, unerbittlich alle Metaphysik zu verbannen, die Rhetorik nur als Hilfswerkzeug zuzulassen, einzig und allein die physiologische Betrachtung des Menschen festzuhalten und alle sinnlichen und sittlichen Erscheinungen auf den erfahrungsgemäss richtigen Beweggrund zurückzuführen in der hochmoralischen Absicht, dieser Erscheinungen Herr zu werden, um sie lenken zu können: danach strebe ich." . . "Das menschliche Wesen hat kein Oben oder Unten, es besitzt nur Leidenschaften, deren Aeusserungen sich insgesammt gleich unrein erweisen" . . "Die Liebe ist genau betrachtet, nicht sehr reinlich, nicht reinlicher als das Spiel oder der Mord. Jede leidenschaftliche Aeusserung, die das menschliche Thier in Aufruhr bringt, fördert Schmutz zu Tage." – – Wer Zola gelesen hat, weiss, dass er hier treffend seine Manier geschildert hat. Gegenüber der fleisch- und blutlosen Verhimmlung einer bleichsüchtigen Eunuchen-Afterpoesie muss der extrem-naturalistische Realismus Zola's als natürliche Gegenwirkung erscheinen. Aber ist denn des Menschen Thun nur durch die physiologischen thierischen Instinkte bedingt? Wohl, man weise diesen ihren rechtmässigen Platz in den menschlichen Triebfedern an, aber giebt es kein höheres Geistige, durch welches sich der Mensch über das Thier erhebt? Es soll hier garnicht an religiöse oder metaphysische Vorstellungen gedacht werden, wohl aber an die vom wahrhaft freien Menschen in Freiheit anerkannte Sitte. – Und noch eine weitere Frage muss sich jeder Beurtheiler Zola's vorlegen, wenn er nicht vorzieht, über eine so originelle Erscheinung mit einem paar verständnislosen Phrasen oder mit der blossen ehrbaren Prüderie des Backfisches und Philisters zur Tagesordnung überzugehen: Inwieweit ist das Hässliche, welchem Zola nach seiner Verfahrungsweise naturgemäss einen grossen Platz einräumt, in der Kunst berechtigt oder sogar nothwendig? Was Karl Rosenkranz in seiner "Aesthetik des Hässlichen" als erlaubt ausspricht, wird ja allerdings von Zola vollständig auf den Kopf gestellt; denn nach Rosenkranz ist ein Wohlgefallen am Hässlichen auf gesunde Weise nur dann möglich, "wenn das Hässliche in der Totalität eines Kunstwerkes sich als eine relative Notwendigkeit rechtfertigt und durch die Gegenwirkung des Schönen aufgehoben wird. Als krankhaft erscheint dagegen die Darstellung des Hässlichen, "wenn ein Zeitalter physisch und moralisch verderbt ist, für die Erfassung des wahrhaften, aber einfachen Schönen der Kraft entbehrt," "die Zerrissenheit der Geister weidet sich an dem Hässlichen, weil es für sie gleichsam das Ideal ihrer negativen Zustände wird." "Kolossale Instrumentirung, eine Poesie von Koth und Blut sind solchen Perioden eigen." Zola behauptet nun allerdings, dass sein Hässliches in der Totalität des Kunstwerkes nothwendig begründet sei, er zeichne eben in der hochmoralischen Absicht, auch der Nachtseiten des Lebens künstlerisch Herr zu werden. Bei der Entscheidung, ob dies dem Dichter gelungen, ist natürlich der Gesammt-Eindruck des Werkes ausschlaggebend. Und nun frage ich, ob der Leser eines Zola'schen Romans am Schlusse jenes befreiende Gefühl hat, sich eins zu wissen mit der moralischen Weltordnung, aufzuathmen in dem versöhnenden Bewusstsein, dass am Ende aller Enden, wie oft auch der Böse triumphirt, doch das Böse überwunden wird, wenn nur der Edle zum <grossen> Siege ringend aufwärtsstrebt. Vielmehr ist der Eindruck Zola's das Bewusstsein bei dieser Weltordnung herrsche der Teufel, und wer sich den Gott erkämpfen will, müsse zur grossen Weltrevolution mitarbeiten. Zum Schrecken aller derer, welche die einzelnen Cynismen Zolas so "unmoralisch" fanden, muss meiner Ansicht nach – die Kunstkritik anerkennen, dass die Absicht Zola's eine hochmoralische sei: er will durch Abschrecken bessern. Aber eine Tendenz kann hochmoralisch und doch zugleich aufs tiefste unsittlich sein. Ich erinnere nur an die hochmoralisch-moralisirenden Romane Richardsons's, welche das Unsittlichste sind, was ich kenne, und die bereits in den Xenien ihre gebührende Beurteilung gefunden haben. Die Absicht vor dem Bösen Ekel zu erregen, ist moralisch freilich deshalb noch lange nicht ästhetisch, aber dem Menschen zugleich zu sagen, dass dieses ekelhafte Böse so lange <triumphire>, bis er einen andern Adam angezogen, – das ist unsittlich, weil der Mensch wohl langsam sich erheben und veredeln, jedoch nicht aus sich herausgehen, urplötzlich sein bisheriges Wesen vernichten und seine Natur mit der Jacke wechseln kann. So ist der Erfolg der gleiche wie bei Schopenhauer's Pessimismus Ekel vor der Menschheit, thatenloses Verzweifeln. In diesem Sinne, weil ich die Sittlichkeit in dem thatkräftigen Streben nach Ueberwindung des Uebels sehe, aber auch nur in diesem Sinne nenne ich Zola wie den genialen Schopenhauer unsittlich. – Trotz diesem unsittlichen Grundcharakter und trotz der vielen einzelnen widerästhetischen Cynismen hat Zola insofern Bedeutung, als er die Aufmerksamkeit 1) wieder auf den Naturalismus als mächtiges Kunstmittel lenkte, denn wenn auch die extreme Uebertreibung desselben sich aus den Grenzen der Kunst heraus verirrt, so ist doch der <künstlerisch> verklärte Naturalismus, der zu idealer [II,2] Versöhnung vollendete Realismus die grossartigste Darstellungsart jeder wahren, echten Kunst. Und in dieser unerbittlichen Wahrheit der <Einzelscenen> leistet Zola allerdings Etwas, obgleich er, eben im Streben nach unerbittlicher Wahrheit, den versöhnenden Hauch nicht spürt, der doch über allem Weh und Elend weht und der einem wahrhaft grossen Universalgenie nicht hätte entgehen können, 2) führt Zola – <auch> hier leider einseitig – die Nachtseiten des Lebens wieder in ihr Recht, gleich den Lichtseiten zu künstlerischer Darstellung zu kommen, – gegenüber der grenzenlosen Verlogenheit der hergebrachten süssen Minnepoesie ein nicht zu unterschätzendes Verdienst. Im Uebrigen muss betont werden, dass Zola weder der Vater des Naturalismus überhaupt noch der erste Darsteller des Düsteren ist, beide Eigenschaften sind vielmehr die Grundpfeiler aller höchsten Poesie und waren als solche auch die Urelemente der Dichtung Shakespeares und Goethes. – Angeschlossen haben sich an Zola in seinen Vorzügen und Fehlern allerdings einige unserer jüngsten Dichter, mögen von ihm alle in seinen grossen Vorzügen lernen und durch seine grösseren Fehler gewarnt sein! –

Also auch hier – dies ist das Ergebnis <unserer> letzten Betrachtung nicht der eigentliche Ursprung der neuen deutschen <Litteraturströmung> zu suchen, und wir haben uns daher zuletzt zu fragen, ob dieselbe aus Anknüpfung an eine ältere <Litteraturepoche> hervorgegangen sei. Haben sich ja eine Reihe unserer Jüngsten bald den Namen "Stürmer und Dränger" beigelegt, bald sich als jüngstes "Jung-Deutschland" aufgespielt. Namen sind leerer Schall, es ist zu untersuchen, ob diese angelehnten Bezeichnungen inhaltlich berechtigt sind. Das Wesen der sogenannten Sturm – und Drang – <Periode> lässt sich auf folgende Grundelemente zurückführen: 1) Auflehnung gegen das herrschende Erstarrte und Erschlaffte, – das thut auch heute not, 2) Drang nach Genialität und ausschliessender Originalität, – schon die gekennzeichnete Sucht, sich als Erben vergangener Epochen auszugeben, lässt die analogen Eigenschaften der Neuesten vermissen, 3) neue grosse Muster: Shakespeare, Homer und das Volkslied fehlen uns, wie wir sahen, gänzlich, 4) schliesslich – was uns gleichfalls fehlt – einen bahnbrechenden, literarischen Reformator, – Lessing – welcher der <litterarischen> Revolution den Boden geebnet hatte und zugleich in seiner festen Regelmässigkeit ein heilsames Gegengewicht gegen die Ausschreitungen der regellosen Stürmer bildete. Dazu durchaus veränderte Zeitverhältnisse, – man sieht, dass ein Anknüpfen an die in klassisches Ebenmass untergegangene litterarische Revolution der Stürmer und Dränger zwar mit Recht und zum Heile erstrebt werden muss, aber der Ausgangspunkt, die eigentliche Ursache einer plötzlich neuen Litteraturbewegung liegt auch hier nicht. – Was das Junge Deutschland betrifft, so ging es aus der Romantik, der politischen Opposition und der Sucht nach geschlechtlicher Emancipation hervor, gleichfalls unter durchaus anderen Verhältnissen. Was heisst es denn überhaupt: eine frühere Periode erneuern? Will man sie kritiklos auch in ihren Fehlern und Uebertreibungen nachäffen? Dann allein hat man ein Recht, denselben Namen zu tragen. Oder will man nur die guten Seiten fortbilden und Neues hinzuthun? Dann ergiebt sich eben eine neue Strömung, – denn immer zehrt der Enkel von den Früchten der Ahnen. Also eine neue Litteraturbewegung trotz diesem und jenem mit einzelnen heilsamen Befruchtungen durch Aelteres und Fremdes, aber mit durchaus unmittelbarer Urquelle. Bleibt doch auch kein anderer Entstehungsgrund übrig!

Und welches ist nun das neue Evangelium, welches neue Priester erstehen liess? Welche neuen bedeutungsvollen oder nach Bedeutung ringenden Gewalten nötigen unabweisbar das junge Geschlecht, aus anderem Tone zu singen? Drei Fragen stehen im Vordergrunde der geistigen Kämpfe: 1) Die sociale Frage: Soll ich nicht leben wie du, dieweil ich gottgeschaffen wie du? 2) die Nationalitäten-Frage: Wird eine Nation – und welche? – die Vormacht erringen oder wird ein das Gleichgewicht erhaltender Völkerbund von Dauer möglich sein? 3) Die religiöse Frage: Sollen alle, die bei stark ausgebildetem moralischen Gefühl in den alten religiösen Anschauungen keine Befriedigung mehr finden, in ewiger Lüge Glied der alten Kirchen bleiben oder sollen sie offen ihr neues Evangelium predigen? – Wer die Poesie unserer neuen Dichter kennt, weiss, dass in der That diese drei Fragen, namentlich die erste und dritte, des Dichters Herz und Lied durchklingen. Als viertes und letztes Element kommt, wie bei jeder originellen Dichterschule, hinzu, der Kampf gegen die zeitgenössischen Litteraturzustände elenden Gedenkens. Im übrigen sei die modernste Poesie eine Abschilderung aller Strömungen des modernsten Lebens. Diese modernen Ideen, diese modernsten Kämpfe sind die Seele der modernsten Dichtung; keine Epigonen der grossen Vergangenheit sollen mehr sein, sondern Progonen einer grossen Zukunft. Und zukunftsfreudig, siegesgewiss klinge das moderne Lied!

Noch eine Auseinandersetzung ergiebt sich, ehe wir mit diesem Programm schliessen. Ist unser jetziges Kunstideal und das höchste Zukunftsideal noch gleich demjenigen, welches man bisher in der Antike als klassisch feierte? Treten wir in einen Tempel, unmittelbar vor das Bild der antiken Göttin hin: alsbald werden wir in Andacht niederknieen, wortlos, wunschlos, gedankenlos . . . . Da tönt von Aussen ein Tosen und Brausen an unser Ohr, erschreckt fahren wir aus unserer Andacht auf, wir stürmen hinaus: Und siehe! Ueberall Bewegung, Handlung, das Bild des modernen Lebens. Nein, die stille, kalte Antike ist nicht mehr unser höchstes Ideal. Aber wo es finden? Dort weist einer auf die Dirne, die sich frech durch die Strassen spreizt, und jagt ihr nach . . . Ist dies unser modernes Ideal? Dann wehe! Dann gehe der Jünger der Kunst in den antiken Tempel zurück, lieber bei den göttlichen Todten zu sterben als bei den entgotteten Lebenden zu leben. Aber da eilt ein anderes Weib durch das Gewühl, ein junges Weib mit jenem Glanze der Keuschheit, wie er keine Jungfrau zieren kann, denn es ist nicht der harmlose Zug der Nichtwissenden, es sind die schmerzverklärten Züge der Wissenden, die <überwunden> hat. Nicht Ebenmass der Glieder schmückt dies Weib in wilder Schönheit umrahmt ihr Haar Stirn und Nacken, und in wilder Hast eilt sie dahin . . . Daheim harrt wohl ein geliebter Sprössling ihrer, für den sie tagüber gearbeitet, nun wird sie mit ihm vereint den Lohn der Arbeit geniessen, darum beflügeln sich ihre Schritte. Und wer, gefesselt von ihrem Anblick, ihr folgt, der idealsuchende Jüngling wagt auch dieses Weib nicht zu berühren wie jene Göttin, <aber> er mag nicht vor ihr niederknien, ihr muss er folgen, mit Eifer nachstreben, um ihr nahe zu sein wortlos, wunschlos . . . aber nicht gedankenlos, vielmehr lebt <es> in ihm auf, wie wenn ein lang Gesuchtes gefunden, ein lange nach Gestaltung Ringendes sich gestalte, und es flüstert in ihm: die Moderne!

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Deutsche academische Zeitschrift (Organ der "Deutschen academischen Vereinigung").
Jg. 3, 1886, Nr. 33, 26. September, Erstes Beiblatt, S. *4 u. Zweites Beiblatt, S. *1-2. [PDF]

Gezeichnet: Dr. Eugen Wolff.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

Dem Deutschen Literaturarchiv Marbach danke ich für die Bereitstellung der Druckvorlage.

Der Text ist die überarbeitete Fassung eines Vortrags über "Die Moderne", den Eugen Wolff am 10. September 1886 in Berlin im literarischen Verein "Durch!" gehalten hatte (vgl. ebd. Erstes Beiblatt, S. *1 und Hanstein 1900, S. 76-77). Aus der Diskussion des Vortrags (im Verein "Durch!" am 17. September) gingen die "Thesen" hervor, die am 18. Dezember 1886 im "Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes" im Namen der "Freien litterarischen Vereinigung Durch!" publiziert wurden.

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

 

 

Werkverzeichnis


Verzeichnisse

Deupmann, Christoph: Art. Wolff, Eugen.
In: Internationales Germanistenlexikon, 1800 – 1950.
Bd. 3. Berlin u.a.: de Gruyter 2003, S. 2059-2060.

Lexikon deutsch-jüdischer Autoren.
Bd. 20. Berlin u.a. 2012.
S. 383-389: Art. Eugen Wolff.



Wolff, Eugen: Die Moderne. Zur "Revolution" und "Reform" der Litteratur.
In: Deutsche academische Zeitschrift (Organ der "Deutschen academischen Vereinigung").
Jg. 3, 1886, Nr. 33, 26. September, Erstes Beiblatt, S. *4 u. Zweites Beiblatt, S. *1-2. [PDF]

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In: Das Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes.
Jg. 57, 1888, Nr. 50, 8. Dezember, S. 777-780. [PDF]

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URL: http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/11469
Rezensionen
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Bd. 86, 1891, S. 90-91 (A. Döring).
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Literaturblatt für germanische und romanische Philologie.
Jg. 12, 1891, Nr. 11, November, Sp. 383-384 (H. Siebeck).
URL: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k92843s
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URL: https://de.wikisource.org/wiki/Zeitschriften_(Germanistik)#Z

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In: Deutschland. Wochenschrift für Kunst, Litteratur, Wissenschaft und soziales Leben.
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Wolff, Eugen: Zola und die Grenzen von Poesie und Wissenschaft.
Kiel u. Leipzig: Lipsius & Tischer 1891
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Wolff, Eugen: Ein Spielplan für das deutsche Theater.
In: Der Kunstwart.
Jg. 4, 1890/91, Heft 10, Zweites Februarheft 1891, S. 145-147.
URL: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart

Wolff, Eugen: Volksbühne und Volksdichtung.
In: Die Gegenwart. Wochenschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben.
Bd. 45, 1894, Nr. 3, 20. Januar, S. 40-41. [PDF]

Wolff, Eugen: Gegen das Schauspiel.
In: Die Gegenwart. Wochenschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben.
Bd. 48, 1895, Nr. 40, 5. Oktober, S. 218-220. [PDF]

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URL: http://archive.org/details/geschichtederdeu00wolfuoft
PURL: http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb11168206-0

Wolff, Eugen: Poetik. Die Gesetze der Poesie in ihrer geschichtlichen Entwicklung. Ein Grundriß.
Oldenburg u. Leipzig: Schulzesche Hof-Buchhandlung und Hof-Buchdruckerei. A. Schwartz 1899.
PURL: http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN729732231
URL: http://archive.org/details/poetikdiegesetz00wolfgoog
URL: http://www.deutschestextarchiv.de/wolff_poetik_1899
Rezensionen
Deutsche Litteraturzeitung.
Jg. 20, 1899, Nr. 10, 11. März, Sp. 380-382 (R. M. Meyer).
URL: https://archive.org/details/bub_gb_uqAxAQAAMAAJ
Literarisches Centralblatt für Deutschland.
1899, Nr. 50, 16. Dezember, Sp. 1739-1740 (anonym).
URL: https://archive.org/details/bub_gb_BXJPAAAAYAAJ

Wolff, Eugen: Zwölf Jahre im litterarischen Kampf.
Studien und Kritiken zur Litteratur der Gegenwart.
Oldenburg u. Leipzig: Schulze 1901.
URL: https://archive.org/details/zwlfjahreimlitt00wolfgoog

 

 

 

Literatur

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