Heinrich Hart

 

 

Die Moderne.

Eine vorläufige Betrachtung.

 

Ein Jahrhundert geht zu Ende. Das will nicht viel bedeuten. Ich sehe Grösseres zu Ende gehen, nicht einen menschlichen Zahlbegriff, sondern eine menschliche Wirklichkeit. Eine Menschheitsepoche sinkt in den Abgrund der Zeit hinab, eine Epoche, so fest begrenzt und so klar bestimmbar, wie das Kindheitsalter eines jeden Einzelwesens. Und eine neue Geistesaera taucht empor. Seit Jahrhunderten schon wogt die Dämmerung, mit nachtdunklen Schatten ringt das junge Morgenlicht; noch schwelt es nur trüb und fahl durch wallende Nebel. Aber die Stunde ist nicht mehr fern, in der es Dämmer und Nebel zerreissen und welterleuchtend hervorbrechen wird. Die Antike ringt in den letzten Todeskämpfen, die Moderne hebt sich jugendlich empor. Und schon grüsst hier und da ein Amselruf die kommende Sonne.

 

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Der Anfang der Kultur ist auch der Anfang der Antike. Ihre Aufgabe war es, das Menschliche aus dem Thierischen herauszubilden, dieses zurück – jenes hervorzudrängen. Der Mensch musste fähig werden, die aufrechte Stellung, die er im Daseinskampf gewonnen hatte, auszunutzen. Er musste lernen, den Dingen ins Auge zu sehen, und er musste die Kräfte und die Mittel sich aneignen, die ihn fähig machten, von der Welt um ihn Besitz zu ergreifen. Als er zum ersten Male mit staunenden Augen den Himmel durchspähte, da war er kein Thier mehr. Noch aber war er nicht Mensch. Sein Hirn war noch nicht menschlich, seine Sinne waren es noch nicht, seine Regungen noch nicht. Er musste erst empfinden und wissen lernen, was Menschsein überhaupt bedeutet. Er sah die Welt und sich selbst nur wie durch ein trübes Glas, wie durch graue Wolken. Jahrtausende hat er gerungen, seinen Blick zu schärfen, die Wolken zu scheuchen. Wenn der letzte Schleier zerrissen ist, erst dann ist er Mensch. Klar zu sehen, das ist die erste Stufe des Menschlichen; in die Dinge hineinzusehen, ihr Inneres zu ergründen, und darnach Wollen und Handeln einzurichten, das wird die zweite Stufe sein. Hülle um Hülle ist im Fortgang der Entwicklung gefallen; sobald die letzte verweht ist, hat die Antike ihre Aufgabe erfüllt und der Weg der Moderne beginnt.

 

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[2] Die Antike hat es nie gewagt, den Dingen fest und zuversichtlich auf den Leib zu rücken. Und deshalb erschienen sie ihr stets zu gross oder zu klein. Sie überschätzte das Fernliegende, das Unbekannte und unterschätzte das Naheliegende, das Bekannte. Sie erfand Gott, um die Natur übersehen zu dürfen. Und weil man in Masse dem Unbekannten gegenüber sich muthiger fühlt, so liebte die Antike die Masse und unterdrückte das Individuum. Der Einzelmensch galt nichts, die Gesammtheit alles. Eine Gesammtheit aber braucht Gliederung, Ordnung, Gesetz, und diese drei bedürfen wiederum der Autorität, die sie aufrecht erhält. Die Gliederung aber führt zur Sonderung, Spaltung, Entzweiung; Ordnung und Gesetz bewirken Erstarrung und Vorurtheil, und die Autorität ist der Nährboden des Sklavensinns und des Selbstmisstrauens. Gleichwohl war dieser Erziehungsweg nicht zu umgehen. In der Vereinzelung wäre der Mensch zu Grunde gegangen, in die Thierheit zurückgefallen, weil er nicht stark, noch nicht stark genug war, ohne Anlehnung an Genossen, ohne Vereinigung der Kräfte den Acker zu roden, den Kampf zu fechten. Nun aber ist die Zeit gekommen, dass aus dem Massengliede ein Einzelwesen, aus dem Sklaven ein Freier werde.

 

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Eine Entwicklung zu dieser Höhe hin ist unverkennbar. Skeptiker haben freilich allen Fortschritt geleugnet. Sie meinen, die Menschheit steige fortwährend empor und wieder hinab. Ueber eine gewisse Kulturhöhe komme sie nie hinaus. Aber das ist ein Irrthum. Der Gipfel, den wir erreicht, ist nicht derselbe, den einst die Hellenen erklommen haben. Ohne Zweifel gemahnt Plato an Kant; der Gegensatz, den er aufstellt, zwischen den Ideen, den Vorbildern der Dinge und ihren Wirklichkeitsformen erinnert an den Gegensatz zwischen dem Ding an sich und der Welt der Erscheinung. Und doch ist es etwas anderes, diese Thatsache mit den offenen und klaren Augen des Wachen zu sehen, als mit den Augen des halbwachen Träumers. Und es ist auch ein Fortschritt. Der Eine erkennt, der Andere phantasirt. Heraklit glaubt, dass "Alles fliesst," Darwin beweist es. Und wenn der Grieche fordert "Empfinde und handle menschlich," so versteht er unter menschlich ein Andres, ein Weniger, als wir.

 

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Kopernikus und <Kepler>, Baco und Kant, Darwin und Bunsen sind die Minirer, welche die Antike unterwühlt haben. Erst durch sie kennen wir den Boden, auf dem wir stehen, die Welt, die uns umgiebt. Sie haben die letzte Binde von unseren Augen genommen und nun ist es an uns, zu denken, zu empfinden, zu handeln, wie es Sehenden geziemt. Fort mit den Krücken, den Wegweisern, den Führern, welche die Antike brauchte, um vorwärts zu kommen! Die eine Krücke ist die Autorität. Von dem sehenden Menschen aber sei gefordert, dass er keinem Anderen glaube, dass er alles selbst prüfe, ohne Rücksicht, ohne Vorurtheil. Nichts in der Welt hat ein Recht, zu sein, nur deshalb weil es besteht; wenn es der Kritik Stand hält, erst dann ist es lebensberechtigt. Das geschichtlich Gewordene ist immer halb im Unrecht, weil es eine Stufe bedeutet, die der Vergangenheit angehört; auf einer Stufe soll man jedoch nicht länger Halt machen, als Zeit nöthig ist, eine weitere zu hauen. Die Autorität hat stets in der Geschichte ihre Stütze gesucht, und gerade sie hätte ihr zum Richtschwert werden sollen; denn das, was ein hohes Alter erreicht hat, ist nicht deshalb auch schon lebenswerth, sondern es hat im Gegentheil den Verdacht gegen sich, dass es von der Zeit überholt, morsch, unpassend, überflüssig geworden ist. Eine andere Krücke ist die Religion. Dem Sehenden aber geziemt es, weder Furcht zu haben vor etwas Ungewissem, noch sich abhängig zu fühlen von etwas Unbekanntem. Alle Dinge, die er sieht und empfindet, sind Fleisch von seinem Fleisch und Geist von seinem Geist, er hat weder Ursache sie als Ganzes höher zu ehren, als sich selbst, noch sie im Einzelnen zu verachten. In dieses Leben sind wir gestellt, und so haben [3] wir nur seine Aufgaben zu lösen, für seine Forderungen zu wirken. Wer anders handelt, gleicht dem Manne, der sein auf Felsengrund gebautes Haus abbricht, um es neu auf Flugsand zu errichten. Eine dritte Krücke ist der Staat und sein Gesetz. Das freigewordene Individuum aber giebt sich selbst sein Gesetz und es findet eine Harmonie der Beziehungen und Interessen zwischen sich und allen andren Seinesgleichen auch ohne Staatsruthe und -kette. Wie früh oder spät die Zeit kommen wird, diese letzte Krücke fortzuwerfen, darüber nachzusinnen, wäre müssig; aber ein Jeder kann wirken, dass sie kommt, durch unablässige Selbsterziehung.

 

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Alle Erscheinungen der Gegenwart deuten hin auf den Niedergang der Antike, den Anfang der Moderne. Schon ist es ein Tagesklatsch geworden, dass die Masse sich lockert, nach Individuation ringt, dass sie sich loslöst von der Religion und aller überkommenen Autorität. Gleiche Erziehung für Alle ist ein Losungswort geworden; sobald es in Wirklichkeit umgesetzt wird, ist der erste und wichtigste Schritt zur Vernichtung des Massenwesens gethan. Vor allem aber sind es die wirthschaftlichen Bestrebungen unserer Zeit, die eine Gewähr für die Befreiung des Individuums bieten. Nur scheinbar zielt der Sozialismus auf Uniformirung, auf eine noch drückendere Einzwängung des Einzelmenschen in ein Staatsganzes hin. Sein Zweck ist es, das Individuum von der Sorge um das tägliche Brot zu entlasten, ihm seinen Lebensunterhalt unbedingt zu sichern durch eine gleichmässige und gerechte Vertheilung von Arbeit und Arbeitsertrag, die materielle Arbeit selbst aber zu erleichtern und zu vermindern. Auf diese Weise kann es erreicht werden, dass der Mensch Zeit und Kraft gewinnt, sich in höherem Maasse als heute, der Ausbildung alles Dessen zu widmen, was ihn wahrhaft erst zum Menschen macht. Der Sozialismus wäre dann die nothwendige Durchgangsstation zu einem gesunden Individualismus gewesen. – Nicht minder deutlich tritt die Hinwendung zur Moderne in der Litteratur hervor. Sie steht im engsten Zusammenhang mit der Erkenntniss, welche unser Jahrhundert gewonnen hat. Einerseits strebt sie danach, diese Erkenntniss in Empfindung umzusetzen, andererseits sucht sie selbst Erkenntniss zu schaffen, nämlich da, wo sie den Menschen von heute in seinem innersten Wesen zu erfassen sucht, in seinem geistigen Zukunftswollen wie in seiner feinsten Sinnlichkeit, die hier und da mit ganz neuen Nerven zu arbeiten scheint. Der Uebergangsmensch und der Zukunftsmensch sind litterarische Ideale geworden, und werden bald Typen sein. Die Moderne kann sich nicht offener ankünden. Eine Zeitschrift, die sich "die Moderne" nennt, wird des öfteren Anlass und Gelegenheit haben, die Entwicklung dieser neuen psychischen und psychophysischen Kunst, die bewusst an der geistigen Umwandlung des Menschen mitarbeitet, zu zeichnen und auch zu fördern. Neu ist sie nur in ihrer gegenwärtigen Blütheform; ihre Wurzeln finden sich bei Shakespeare und Göthe. Sie sind die Propheten der Moderne.

 

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Ich sehe eine Zeit kommen, die keine Tempel mehr baut und keine Gefängnisse, die nur noch Werkzeuge fertigt, aber keine Waffen. Kampf wird noch sein, aber nur ein Wettkampf in Forschen und Erfinden, in Menschheitsdienst und Schönheitsfühlen. Und im Geist sehe ich Menschen, die mit einander leben, ohne dass eine Kette sie bindet; alle gleich, weil alle frei sind; nicht gleich an Wissen, Können und Empfinden, aber gleich durch Selbstachtung und die Achtung der Andren vor dem, was jedes Einzelnen Wesen ausmacht, und sei es noch so arm. Kein Führer mehr und kein Gefolge, keine Heerde mehr, aber auch kein Hirt. Das Verbrechen hat aufgehört, weil seine Ursachen aufgehört haben. Keiner beneidet den Andern mehr, weil jeder hat, was er begehrt, und alles Begehren in Vernunft wurzelt; keiner hasst den Andern mehr, weil nie sein Weg den des Mitarbeiters feindlich kreuzen kann; keiner [4] täuscht den Andern mehr, weil die Wahrheit vortheilhaft geworden ist. Gut und Böse sind Begriffe ohne Sinn geworden. Gültig ist nur der Gegensatz noch von Mehr oder Weniger-Leisten im Menschheitsdienst. Die Zeit wird kommen, aber tausend Kämpfe werden zuvor noch mit Blut den Acker düngen, tausend Entdeckungen und Erfindungen ihn lockern, unmessbare Geistes- und Empfindungssaat über ihn ausgestreut werden, ehe der Tag der Ernte hereinbricht. Aber im Sinne der Zukunft, dass wir mit jedem Tag ihr entgegenwachsen, – sehnsuchtsbrünstig – so können wir schon heute ringen und arbeiten. Das Ziel sei gesteckt, der Weg begonnen!

 

*   *   *

 

Die Aufgabe der Antike war es, das Menschliche von den Schlacken der Thierheit zu befreien; das Ziel der Moderne ist es, das Menschliche zum Göttlichen heraufzubilden. Die Antike arbeitete zum grössten Theil unbewusst, ohne Zielklarheit sich vorwärts; mit vollem Bewusstsein die Fortentwicklung der Menschheit anzustreben, das wird zum Wesen der Moderne gehören.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Die Moderne. Halb-Monatsschrift für Kunst, Litteratur, Wissenschaft und sociales Leben.
Jg. 1, 1891, Nr. 1, 24. Januar, S. 1-4. [PDF]

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Zeitschriften-Repertorien

Die Moderne

Der Kunstwart

 

Kommentierte Ausgabe

 

 

Literatur

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