Julius Hart

 

[Symbolismus, Phantasiekunst]

[Auszug]

 

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Texte zur Theorie und Rezeption des Symbolismus
Texte zur George-Rezeption

 

Das eigentlich Treibende all der litterarischen Revolutionen und Revolutiönchen in den letzten Jahren, . . . . was ist es denn eigentlich? Ich glaube noch immer, das Erwachen eines stärkeren ästhetischen Empfindens, als es das Geschlecht vor uns besaß, das Heranblühen eines mächtigeren Kunsttriebes. Er dringt auf eine Erweiterung der künstlerischen Ausdrucksfähigkeit, auf eine Schärfung und Zuspitzung der Instrumente, mit denen der Poet arbeitet, auf allerhand technische Erneuerungen. Auf diesem Boden arbeiten sich Naturalisten und Symbolisten in die Hände, und beide Schulen streben dem gleichen Ziel zu. Nur daß sie von gerade entgegengesetzten Seiten auf das Ziel losmarschieren. Mag der Eine nun heute, der Andere morgen die Mode für sich haben, beide sind sie gleich willkommen. So lange der Naturalist sagte: Anch' io sono pittore", da haben wir ihn herzlich begrüßt und aufgenommen, als er aber übermütig geworden, erklärte: "Ich bin die Kunst, ich einzig und allein", da stellten wir ihn rasch ins Eckchen . . Und der Symbolist lernt hoffentlich daraus. Auch er ist nur ein Künstler und nicht der Künstler. Die Methode und Technik, die er bringt, wollen wir genau studieren, wie die naturalistische Technik, aber dabei nicht aus dem Auge verlieren, daß alle Kunst noch etwas mehr als Technik und Raffinement ist.

[1335] Der Symbolismus oder sollen wir nicht sagen die Phantasiekunst im Gegensatz zur naturalistischen Beobachtungskunst, lebt zur Zeit noch in Berlin N., wo es sich viel billiger lebt, als in Berlin W. Berlin N. ist die Heimat der echten Poeten, Berlin W., – ach, du lieber Gott! Die Chambregarnies zu 20 Mark pro Monat, das ist der Boden, auf dem die litterarischen Revolutionen erwachsen. Auf der Lothringerstraße hat August Klein sein Feldherrnzelt aufgeschlagen, um seine "Blätter für die Kunst" in die Welt hinausflattern zu lassen, und in der Nähe wohnt Paul Scheerbart.

 

[...]

 

Diese Phantasiekunst ist die radikalste Kunst nur um der Kunst willen, und doch giebt sie nicht mehr und nicht weniger als jede andere Kunst auch. So sehr sie sich dagegen wehren möchte, Ideeen darzustellen, Zwecke zu verfolgen, sie thut es doch. Die Scheerbartschen Skizzen stellen durchaus kein buntes Drauflosphantasieren vor, sondern es wohnt ihnen ein feines und tiefes Gedanken- und Empfindungsleben inne. Sie besitzen eine pointierte Komposition, und enthalten die Summa-Summarum der Welt- und Kunstanschauung eines über der Erde in blauen Lüften einherschreitenden Phantasten, der doch mit tausend feinen goldenen Fäden an die Erde gebunden ist, den wir verstehen und der uns versteht. "Die Kunst um der Kunst willen, Kunst ist sich Selbstzweck", sagen Paul Scheerbart, August Klein, Richard George und wie sie alle heißen: "ich, der Künstler, bin ich und setze mich selbst; mir macht es nun einmal Vergnügen, in den blauen Himmel hineinzustarren, ich habe nun einmal an sammetschwarz, marmorweiß, hellgrün mehr Freude als an allen Staatsaktionen und allen Liebesgeschichten. Wer's mag, der mag's, wer's nicht mag, der mag's nicht mögen. Zweck? Dummheit! Ich lebe mich eben aus". Das ist die echte Kunstanschauung unserer Phantasten und Phantasiekünstler, die sich bei Paul Scheerbart zu der mythischen Burleske"; "Die dummen Kinder", dichterisch ausgestaltet.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

In: Freie Bühne für den Entwickelungskampf der Zeit.
1892, Dezember, S. 1334-1336. [PDF]

Ohne Titel in der Rubrik "Kritische Rundschau über Leben und Kampf der Zeit".

Gezeichnet: Julius Hart.

Unser Auszug: S. 1334-1335 u. 1336.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien). Fehler in der Seitenzählung korrigiert.

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

 

Literatur

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Stefan George-Bibliographie online
URL: http://www.statistik-bw.de/SGeorge/

 

 

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