Robert Fischer

 

Wiener Brief.   9. Mai 1892

[Auszug]

 

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Texte zur Theorie und Rezeption des Symbolismus
Hermann Bahr: Symbolismus (1892)
Texte zur George-Rezeption

 

Auf den Fakir folgt ein Abott, die magnetische Dame. Diese aber ist sofort bei Ronacher abgestiegen; eine blonde, schmächtige Frau, die sich in Kraftleistungen produciert. Die Gelehrten sind darüber einig geworden, daß das Geheimnis in einer erstaunlich ausgebildeten Muskel liegt, in einer ungewöhnlichen Beherrschung des Kräfteparallelogramms, die es ihr ermöglicht, mit ihrer eigenen Kraft Kräfte der ihr entgegenarbeitenden Personen aufzuheben. Von irgendwelchen übernatürlichen Fähigkeiten ist keine Rede; der Magnetismus, den sie sich zuschreibt, ist Reclame, und ebenso die seidenen Tücher, die sie sich angeblich zur Isolierung dieses Magnetismus um die Arme bindet. Man wird der Dame den zur Erhöhung der Sensation berechneten Tric nicht übel nehmen; hatte ja doch auch Hermann Bahrs Vortrag bei dem symbolistischen Abende vom 2. Mai, wiewohl er bis auf die feinste Tonschattierung wohlvorberietet war, den Anschein einer Improvisation.

Dieser symbolistische Abend gieng unter der Flagge des Vereins für modernes Leben, dessen Obmann Herr E. M. Kafka, der seinerzeitige Herausgeber der "Modernen Dichtung" und "Modernen Rundschau", ist; auch die zweitgenannte Zeitschrift, die Nachfolgerin der ersten, ist Ende vorigen Jahres entschlafen; die früheren Bestrebungen des Herrn Kafka galten dem Naturalismus, heute dient er dem Symbolismus. In Deutschland gibt es bisher nur einen einzigen Symbolisten, Herrn Stephan George, der ein Bändchen symbolistischer Gedichte, "Pilgerfahrten", geschrieben hat; in Frankreich nennt sich eine ganze Dichterschule so, ihre Häupter sind Moréas und Verlain. Was sie wollen, läßt sich in keine begriffsmäßig gefaßte Formel bringen; nur soviel ist sicher, sie wollen nicht, was die Realisten wollten, sie gehen nicht darauf aus, die Wirklichkeit des Alltags dichterisch zu gestalten; sie wollen nicht Menschen, Ereignisse oder Zustände darstellen, sondern Stimmungen übertragen. Symbolisch hat man seit jeher gedichtet, so auch Goethe in seinen einfachsten Liedern, wie "Ich gieng im Walde so für mich hin", ebenso wie in großen Dichtungen, nach Art des zweiten Theiles Fausts. Symbolisch aber ist man dann, wenn man das Symbolische zum Dichtungsprincipe erhebt.

Der bedeutendste französische Symbolist ist kein Franzose, sondern Maurice Maeterlinck, ein junger Belgier vlämischer Abkunft, der als Rechtsanwalt in Gent lebt. In Deutschland haben seinen Namen zuerst Maximilian Harden und Hermann Bahr genannt; übersetzt wurde bisher "L'intruse" von Rudolf Lothar in der letzten Februarnummer der Münchener "Gesellschaft", dann von mir in Buchform *); auch aufgeführt wurde bisher bloß diese Maeterlinck'sche Dichtung in Brüssel, Paris, Kopenhagen und London, zuletzt also in Wien in einer vom Maler Féry Beraton besorgten Uebersetzung und Bearbeitung.

"L'intruse" ist eine Dichtung von außerordentlicher Stimmungsgewalt, gewiß aber kein Drama und am allerwenigsten ein Theaterstück. Im düsteren Saale eines alten Schlosses sind der Großvater, ein uralter blinder Greis, der Vater, Oheim und die drei jungen Töchter versammelt; im Nebenzimmer liegt die nach einer Entbindung schwerkranke Mutter. Wie nun zuerst im Alten die Ahnung des hereindringenden Todes aufsteigt, wie sich diese Stimmung zunächst dem jungen Mädchen, dann dem Vater und endlich auch dem skeptischen, vernünftigen Oheim mittheilt, bis endlich Schlag zwölf die barmherzige Schwester eintritt, den Tod der Wöchnerin anzeigend, indes der Säugling nebenan seinen ersten Schrei thut; das ist mit einer so lebendigen Kraft herausgestellt und mit so einfachen Mitteln, daß man schon der abscheulichste Böotier sein müßte, um dabei unberührt zu bleiben.

Das gilt vom Buche, und es ist noch die Frage, ob eine scenische Darstellung dieses feinen, in erster Linie durch seine Monotonie wirkenden Stimmungsbildes etwas auszurichten vermag. Die Aufführung vom 2. Mai hat weder nach der einen noch nach der anderen Seite hin einen Beweis erbracht; dazu waren die äußeren Umstände allzu ungeeignet. In einem so großen Hause, vor mehr als tausend Leuten, die zusammengepreßt sitzen, jeder den anderen stört und jeder sein eignes Geräusch macht, läßt sich dieses Stück nicht aufführen; es ist für ein kleines, ausschließlich literarisches Publicum gemacht. Will man die Wahrheit sagen, muß man aber auch zugeben, daß der der Aufführung selbst vorangehende unterrichtende Vortrag Hermann Bahrs, Conférence nannten es die Herren, die Wirkung eher schädigte, als ihr zugute kam; durch seine Geistreichigkeit verwirrte er mehr, als er vorbereitete, und er ärgerte durch das allzu verliebte Hervorkehren der Person des Vortragenden. Dann kam das zweite Unglück; die Veranstalter hatten den an sich guten Gedanken, der Vorstellung Harmonikamusik vorangehen zu lassen; aber diese feierlichen außerirdischen Klänge quollen hinter einem Vorhange hervor, der nichts ist als ein großes Geschäftsinserat: er zeigt einen Wiener Stadttheil, die gemalten Häuser mit Firmenschildern und Geschäftstafeln bedeckt. Dann die Darstellung selbst: man sah einen Dilettanten, drei nicht gar zu ungeschickte Fräulein aus der Theaterschule, einen Routinier und – Herrn Max Pollandt vom Deutschen Volkstheater, der durch zwei Jahre nach der löblichen Gewohnheit dieser Unternehmung in den Winkel gestellt worden war und nun zum erstenmale zeigen durfte, ob er was könne; was an der Aufführung wirkte, ist fast ausschließlich auf seine Rechnung zu schreiben, und auch er hätte mehr vermocht, wenn ihn nicht die Umgebung und die unglückseligen äußeren Umstände gedrückt hätten. Herr Beraton, der eigentliche Veranstalter, hatte sich augenscheinlich alle Mühe gegeben, allerdings, wir mir scheinen will, nicht immer mit der gebotenen Ehrfurcht vor dem Dichterwerke, das er hie und da compromißlich in ein gewöhnliches Theaterstück umbog. Der Erfolg dürfte ihn wohl belehrt haben, daß man künstlerische Experimente entweder mit vollem Muthe oder gar nicht zu machen hat; Halbheiten können nur schaden, sie entwaffnen nicht die Mißgünstigen und die Anhänger werden geärgert.

 

 

[Fußnote, S. 1.]

*) Maurice Maeterlinck: "Der Eindringling" ("L'intruse"). Verlag von Leopold Weiß in Wien, I., Tuchlauden Nr. 7.   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Tages-Post.
1892, Nr. 111, 14. Mai, S. 1-2.
URL: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=tpt

Gezeichnet: Robert Fischer.

Unser Auszug: S. 1.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Literatur

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Stefan George-Bibliographie online
URL: http://www.statistik-bw.de/SGeorge/

 

 

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