Gustav Falke

 

 

Zur Technik des künstlerischen Schaffens.

 

E. A. Poe's Selbstanalyse seines Raben, die Constantin Brunner in seinem einleitenden Aufsatz mitteilt, ist in der That in hohem Grade belehrend, mag man sie nun als ernst gemeint hinnehmen oder als geistreiche Mystifikation ansehen.

Jedenfalls läßt sich auf diesem Wege mehr gutes zu Tage fördern, als durch die gelehrtesten theoretisch-ästhetischen <Erörterungen>. Brunners Aufforderung "Ein Jeder rede über seine Privaterfahrungen, einfach und natürlich, wie es sich ihm zudrängt," erlaube auch ich mir Folge zu leisten. Es ist ein eigen Ding, über die Mysterien der Zeugung und Geburt so ungeniert zu sprechen. Aber keine falsche Scham! Es gilt, ein gutes Werk thun. Und sollte einer hinter meine Fabrikantenkniffe kommen und mir Konkurrenz machen, so müßte das schon ein ganz schlechter Kerl sein, und die schlechten Kerle sind Gott sei Dank selten unter uns Kollegen. "Der Kuß der Muse" adelt.

Aber zur Sache, bevor mir Herr Brunner das Wort entzieht, wegen Mangels an Sachlichkeit. Bevor ich auf die sexuellen, spirituosen, metereologischen und sonstigen Einflüsse auf meine Produktivität eingehe, will ich einige Selbstanalysen geben.

Ich wähle solche Gedichte, die mir hierzu die bequemste Handhabe bieten und deren Entstehungsgeschichte mir noch in der Erinnerung haftet. Auf Wert und Unwert kommt es dabei ja weniger an. Die häßlichen Kinder werden schließlich auf dieselbe Weise gezeugt wie die schönen.

          Unrast.

Tag und Tage geh' ich
Wie durch tiefen Sand,
Und am Wege steh' ich
Wie im fremden Land.

Nacht und Nächte lieg' ich
Schlummerlos, allein,
Und vergebens wieg' ich
Meine Unrast ein.

Hoch in Sternenkühle
Schwebt der Friede. Ach!
Von zerwühltem Pfühle
Schrei' ich laut danach:

Einen Flaum nur deines
Schneegefieders, nur
Einen Traum lang deines
Segens eine Spur.

Wie mag dieses Gedicht wohl entstanden sein? Ein reines Stimmungsgedicht. Der Seufzer eines gepreßten Herzens. Ein Schrei. Ungewollt, ungesucht. So recht ein lyrischer Fall. Man merkt's dem Gedicht an, daß ihm keine ästhetischen und mathematischen Berechnungen vorausgingen. Und doch ist dieses Gedicht nur einem bestimmten Wort zu Liebe geschrieben worden, also aus eigentlich rein äußerer Veranlassung entstanden. Es ist das Wort "Sternenkühle". Ich hatte ein längeres Gedicht in Oktaven geschrieben, das ich nachher vernichtete, weil es zu viel goethisierte und im ganzen nicht wurzelecht, mehr gemacht, anempfunden war. Aus diesem Gedicht rettete ein Freund das Wort "Sternenkühle", das ihm sehr gefiel. "Das können Sie mal anderswo gebrauchen," meinte er. Das Wort, das mir so aus der Feder geflossen war, lag mir nun als etwas Besonderes im Kopfe. Aber es lag da nicht als toter Schatz. Es ward Lebenswecker. Es rührte leise an schlafende Empfindungen. Mühselige, gedrückte Tage erwachten und schlugen ihre bangen Augen auf. Das ist ja im Grunde ein alltäglicher Vorgang. Eine Empfindung löst die andere aus, eine Vorstellung die andere. Denkt man an Hitze, so haftet die Gegenvorstellung Kälte wie der Schatten daran. Ich kann mir das Süße nicht anders vorstellen, als wie als Gegensatz des Sauren. Das Wort "Sternenkühle" wird auch bei dem Nichtdichter die Gegenvorstellung der Erdenschwüle unfehlbar hervorrufen. Nur wird der Dichter von dieser Gegenvorstellung lebhafter bewegt werden, tiefer, allseitiger. Erregt sie bei dem Nichtdichter nur einen einzigen Ton, der schnell vorübergeht, so bringt sie in der Seele des Dichters eine ganze Reihe von Tönen zum Klingen, ein ganzes Musikstück. Personen mit dichterischem Empfinden, denen aber kein Gott gab, zu sagen, was sie leiden, werden eine ähnliche Musik in sich verspüren. Sie sind das eigentliche Publikum des Dichters und dieser ist ihnen der Mund ihrer Schmerzen, der Löser [241] ihrer Seelenspannung. Was sie in dem Ach und O ihrer hülflosen Alltagssprache herstammeln, hebt er Kraft seines Talentes aus dem Dunkel dumpfer Allgemeinempfindung in das helle Licht eines anschaulichen typischen Einzelfalls. Je mehr Dichterkraft er sein eigen nennt, je anschaulicher, klarer wird er diesen Einzelfall hinstellen. Anschaulich sein aber heißt Bilder geben. Die Bildkraft macht den Dichter.

Tag und Tage geh' ich
Wie durch tiefen Sand,
Und am Wege steh' ich
Wie in fremdem Land.

Da ist sofort, ungesucht, der Ton des mühseligen, schmachtenden Erdenpilgers angeschlagen. Die zweite Strophe ergiebt sich zwanglos von selbst. Kein Ruh' bei Tag und Nacht. Die Nacht bringt die Sternenkühle und mit ihr die Sehnsucht nach Ruhe und Frieden, die angesichts des Friedlichsten was es giebt, des stillen Sternenhimmels, in einem gequälten Schrei sich Luft <macht>. Da ist kein Vers zu viel, keiner zu wenig. Es ist der schlichte Gedankengang auch des einfachen poesielosen Menschen in den gegebenen vier Stufen: Tags kein Ruh', nachts keine Ruh'; ist denn nur da oben Friede? Bitte: gieb, o gieb!

Aber der Dichter empfindet anschaulich, seine Empfindungen setzen sich in Bilder um. Ihm ist das erquickungslose Mühen durch widerwärtige Tage wie ein Gehen im tiefen Sand, das mit sich selbst fertig werden müssen wie ein hülfloses Dastehn in fremdem Land. Das Bemühen, seine Unrast zu betäuben, giebt ihm <die> Vorstellung des Einwiegens. Bei der Betrachtung des friedlichen Sternenhimmels kommt ihm nicht nur die Vorstellung des Friedens im Gegensatz zu der Unruhe des Erdenlebens, sondern auch der Kühle im Gegensatz zu der Schwüle der drückenden irdischen Atmosphäre, und beide Töne fließen ihm ungesucht in einen Akkord zusammen: Sternenkühle.

Er sagt nicht: Da oben "ist" der Friede, sondern wählt das anschaulichere "schwebt" der Friede. Mit dem Schweben ist auch die Vorstellung der Flügel gegeben. Noch ist seine Empfindung ganz durchzittert von den Tonschwingungen des vollsten Akkordes "Sternenkühle". So entsteht das "Schneegefieder" und mit ihm zwanglos für die sich bescheidende Bitte, "nur eine Spur deines Segens", das Bild: "Einen Flaum nur". Die ganze Unrast der Stimmung aber kommt noch einmal zu nachhallendem Ausdruck in dem resignierenden: "Einen Traum lang nur".

Trotz der Einfachheit ist doch auch dieser kleine lyrische Vierstropher nicht in einem Guß entstanden. Das ist überhaupt ein seltener Fall, dies Gelingen auf den ersten Wurf. Allerdings schrieb ich den ersten Erguß in einem Zug nieder, nur erst bemüht, die Stimmung festzuhalten. Dieser erste Erguß lautete so:

Tag und Tage geh' ich
Wie durch tiefen Sand
Und am Wege steh' ich
Fremd und unbekannt.

Nacht und Nächte lieg' ich
Schlummerlos, allein,
Und mit Thränen wieg' ich
Meinen Kummer ein.

Hoch in Sternenkühle
Schwebt der Friede. Ach,
Von zerwühltem Pfühle
Sehn' ich mich danach.

Tag und Tage plag' ich,
Nacht um Nacht mich so,
Und vergebens frag' ich:
Glück, wo bist du, wo?

Beim Überarbeiten gefiel mir der letzte Vers der ersten Strophe nicht. "Fremd und unbekannt" sagt, abgesehen von der Sinnverwandtheit, nicht das Rechte. In einer Großstadt ist ein solches fremd und unbekannt am Wege stehen nichts so Schreckliches. Es kam darauf an, zu sagen, daß die Fremdheit auf Gegenseitigkeit beruht, also: "Wie in fremdem Land". Auch die Reinheit des Reimes gewann durch die Änderung.

In der zweiten Strophe gefielen mir die Thränen und der Kummer nicht. Das war zu sentimental. Mir sitzen die Thränen sehr fest und ich weine auch in Gedichten nicht gerne.

Und vergebens wieg' ich
Meine Unrast ein

ist jedenfalls vorzuziehen. Hier möchte ich etwas einschalten, was von Interesse ist. Es betrifft das Wort "wieg' ich". Oben sagte ich, ich hätte dieses Wort des Bildes wegen gewählt. Es ist aber die Frage, ob ich es nicht, unbewußt, des Reimes wegen wählte. Der Reim ist sehr oft der Vater des Gedankens, auch da manchmal, wo dem Dichter selbst von dieser Zeugung nichts zum Bewußtsein kam. Ob mir hier das Bild des Einwiegens unabhängig von dem voraufgehenden "lieg ich" zufiel, oder der Reimklang mir dieses Bild aufnötigte, kann ich nicht sagen. Diese ganze zweite Strophe entstand, ohne gemacht zu werden. Es fehlte mir die Objektivität des Handwerkers während ihrer dichterischen Produktion. Diese Objektivität, die ein nachheriges Zeugnisablegen ermöglicht, hatte ich z. B. bei der ersten Strophe, wo ich aus dem Reim steh' ich, den ich unter anderen bewußt auswählte, den Gedanken ableitete.

In der dritten Strophe verstärkte ich das matte "sehnen" durch ein "schreien". Die vierte Strophe war ganz konventionell, trivial geraten. Lange [242] wollte mir nichts Gutes einfallen, bis nach Tagen diese Strophe sich plötzlich selbst dichtete. So ungezwungen, leicht und fertig floß sie mir zu, fiel mir als reife Frucht in den Schooß. Das flüchtige Bedenken gegen "deines" als Reimwort erstickte schon im Entstehen. Der Vers war so aus der zitternden Sehnsuchtsempfindung, aus der Unraststimmung herausgeboren, war grade durch die ungesuchte Verschiebung des Reimes zum Binnenreim "Flaum – Traum" und den nur noch flüchtig anklingenden Endreim in "deines" so charakteristisch, daß ich nicht daran rühren mochte. An und für sich ist der sogenannte reiche Reim, das Wiederholen desselben Wortes, gerade nicht zu empfehlen. Dieser reiche Reim sollte eher, wie Gottschall meint, arm genannt werden. Hier geht er so flüchtig vorüber, daß er das Ohr kaum berührt, eigentlich nur noch für das Auge da ist, immerhin aber seinen Platz als Stellvertreter genügend ausfüllt, um den Reimbau der letzten Strophe dem der voraufgehenden anzugleichen.

Zum Schluß will ich hier noch ein Gedicht mitteilen, das mir viel Arbeit gemacht hat. Ich begann es am Abend des 10. Januar, dem Tauftage meines Kindes, und beendete es am 19. März. Ich kann sagen, es steckt die Arbeit eines Vierteljahres in diesen fünf Strophen. Ich will hier von jeder Selbstanalyse absehen und nur die verschiedenen Lesarten, wie sie nach und nach entstanden, mitteilen. Das gestattet auch einen belehrenden Blick in die Dichterwerkstatt. Erzählen will ich nur noch vorher, wie ich zu dem Gedicht kam, wie mir die ersten Zeilen einfielen. Beim Wegräumen des Taufbeckens nahm ich eine der umkränzenden losen Blumen in die Hand, in der Absicht, sie als Erinnerung aufzubewahren. Dabei kamen mir die Verse

Blume, die am heutvergangnen Tag
Mit den Schwestern um ein Becken lag.

Weiter nichts an dem Abend, nur daß aus der abstrakten Blume eine konkrete Rose ward. Aber die Phantasie war einmal angeregt und nahm ihren Lauf.

Nun vergleiche man die folgenden Lesarten.

            Nach der Taufe.

                        I.

Rose, die am heutvergangnen Tag
Mit den Schwestern um ein Becken lag.
Eine Schale sommerschön umkränzte,
Darin ein geweihtes Wasser glänzte.

(Dreimal tauchte eines Priesters Hand,
Der an seines Gottes Stelle stand)
Dreimal tauchte in das heilige Naß
Eines Priesters Hand sich, schmal und blaß,
Seinen Segen spendend einem Kinde,
Daß es seinen Weg zum Kreuze finde.

(Und ein Tropfen jenes Thaus, verspritzt,
Fiel auf dich. Der hell im Lichtglanz blitzt,
War auf einer todgeweihten, bleichen
Blume einer Thräne zu vergleichen.)

Und ein Tropfen jenes Thaus, versprengt,
Hatte sich an deinen Kelch gehängt
Und auf ihm, dem todverfallnen, bleichen,
War er einer Thräne zu vergleichen,

Und mir schien es einen Augenblick,
Zwischen deinem und des Kinds Geschick
Ließen sich Gedankenfäden leise
Spinnen nach Poetenbrauch und -weise

Knospen, beide einem Reis entstammt
Und von einem Feuer auch durchflammt,
Menschenwillen wehrlos preisgegeben,
Wohl bedarf des Gärtners euer Leben.

Aber Worte, Wasser, Priesterschaft,
Rühmen sich nur angemaßter Kraft.
Hier wie da, erzeugt aus Gottes Lenden,
Wird in ihm sich jeder Kreis vollenden.

(Ohne sie, aus seinem Schoß entbunden,
Wird in Gott auch jeder Kreis sich runden)
(Was aus Gottes Schöpferschoß geboren,
Kehrt zu ihm und bleibt ihm unverloren.)

Man sieht, wie hier ein unklarer Gedanke umsonst sich abmüht. Schließlich ein entschlossener Strich und einige Tage später die zweite Lesart.

                        II.

      1. und 2. Strophe unverändert.

Und ein Tropfen jenes Thaus, versprengt,
Hatte sich an deinen Kelch gehängt.
Und so trugst du auf dem sterbebleichen
Mit dem Mägdlein eines Glaubens Zeichen.

Aber Worte, Wasser, Priesterschaft,
Rühmen sich nur angemaßter Kraft.
Wer aus Gottes Schöpferschoß geboren,
Kehrt zu ihm und bleibt ihm unverloren.


                        III.

      1. und 2. Strophe unverändert.

(Sinniges Symbol der Liebe du,
Kreuz und Tod fällt allem Leben zu,
Kränze du den Kelch mit deinen blanken
Purpurhellen Weltversöhnungsranken.)

Sinniges Symbol der Liebe du,
Füge dich dem strengen Zeichen zu.
Alle meine stillen Gottgedanken
Glühn und blühn wie helle Rosenranken.

Endlich glückte die letzte Lesart, die ich nach kurzem Zweifel, ob ich die zweite Strophe nicht lieber ausschalten sollte, guthieß. Ich teile hier das fertige Gedicht noch einmal ganz mit.

Rose, die am heutvergangnen Tag
Mit den Schwestern um ein Becken lag.
Eine Schale sommerschön umkränzte,
Worin ein geweihtes Wasser glänzte.

Dreimal tauchte in das heilige Naß
Eines Priesters Hand sich, schmal und blaß,
[243] Seinen Segen spendend einem Kinde,
Daß es seinen Weg zum Kreuze finde.

Leuchtendes Symbol der Liebe, nun
Allgemach die Feierklänge ruhn,
Ziehen holde weltliche Gedanken
Durch mein Träumen ihre roten Ranken.

Rosen seh ich, die bei Rosen stehn,
Ihren Duft um eine Wiege wehn,
Zukunftstrunken hör' ein zart Gefieder
Leis ich rauschen, feine Liebeslieder.

Schwirren hör' ich einen fernen Pfeil –
Schlaf Kind, bei den Parzen liegt dein Heil.
Flehen will ich zu den Hüterinnen,
Daß sie einen goldnen Faden spinnen. *)

Hier ist also mal ein Beispiel, wie ein Gedicht nicht leicht aus der Seele quillt, auch nicht mit kunstverständiger Überlegung nach vorgezeichnetem Plan aufgebaut wird, sondern in tastenden Versuchen nach und nach glückt, aus dem Nebel unklarer Gedanken und Empfindungen sich langsam herausringt.

Wo eine Empfindung kräftig angeregt ist, wird immer der dichterische Gebärungsakt ein gesunder, leichter sein. Wo nur die Phantasie erregt wird und von ihren hin- und herfahrenden Flügeln einzelne Saiten berührt werden, bis endlich einmal der rechte erklingt und eine einheitliche Stimmung sich bildet, da wird es ohne geburtshelferische Arbeit nicht abgehen und unter Umständen eine Zangengeburt werden. Das Kind braucht ja deswegen kein Krüppel zu sein.

 

*       *       *

 

Habe ich vorstehend an Einzelfällen zu zeigen versucht, wie Gedichte entstehen, so will ich mich jetzt den Fragen zuwenden, von denen Constantin Brunner am Schluß seiner Einleitung einen ganzen Kasten voll auftischte. Ich greife heraus, was für mich von Bedeutung ist, was ich aus meiner Erfahrung heraus beantworten kann. Ich produziere für gewöhnlich leicht und schnell, und bin durchaus nicht gewohnt, dabei Selbstbeobachtungen anzustellen. Aber einige Fragen lassen sich auch ohne diese fortgesetzte treue Selbstschau beantworten. So weiß ich aus Erfahrung, daß der Zustand meines Schaffens nie von krankhafter Erregung begleitet ist, das heißt, ich will diese Behauptung vorsichtig einschränken, ich habe mich noch nicht von Max Nordau beobachten lassen, der Herr fände doch vielleicht, aber nein –

Es ist doch verdammt schwer, liebster Herr Brunner, in solchen Sachen offenherzig zu sein, geradeaus zu sagen: So'n bissel verrückt bin ich schon, wenn ich'n Gedicht mache. Ich beiß auf den linken Daumen, springe vom Stuhl auf, laufe im Zimmer hin und her, wie in einem Käfig, oder bleibe ganz glücklich lächelnd vor dem Ofen stehen, oder starre zehn Minuten lang regungslos auf die graue Wand des Nachbarhauses; das sind doch alles Zeichen einer außergewöhnlichen Erregung, die einen Stich ins Krankhafte hat. Aber innerlich empfinde ich dabei eine solche Freude, eine gesteigerte Lebenskraft, so ein Glück, als ob mir die ganze Welt gehörte, daß ich doch nicht recht an ein Kranksein glauben kann. Ja, auch bei Gedichten, deren Gegenstand die Freude auszuschließen scheint, empfinde ich diese Schaffensfreude, denn ich dichte nie aus dem vollen Affekt heraus. Es muß hinter mir liegen, innerlich verarbeitet sein, was ich dichterisch gestalten soll. Ich befreie mich erst dann schaffend von den Eindrücken, wenn sie innerlich so weit gereift sind, daß sie leicht loslassen, daß ich nicht zu zerren und zu reißen brauche; sie müssen fallen wie reifes Obst, so zu sagen von selbst kommen. Ausnahmen sind natürlich da, siehe "Nach der Taufe".

Körperliche Leiden haben keinen Einfluß auf mein Schaffen, weil ich keine körperlichen Leiden kenne. Selten sucht mich mal ein Kopfschmerz heim. Dann aber bin ich allerdings arbeitsunfähig. Mein Kopf muß frei sein. Dennoch hatte ich vor einigen Jahren eine kurze Periode, wo ich die Bemerkung zu machen glaubte, daß ich gerade mit eingenommenem Kopf am produktivsten war. Ich weiß, daß ich morgens, wenn ich mit Kopfschmerz aufwachte, mir sagte: Ha, heut giebt's wieder ein Gedicht. Spürsinnigen Kritikern gebe ich auf, die solcherweise entstandenen Verse unter meinen Gedichten herauszufinden.

Meistens schaffe ich am Tage. Doch kommen Perioden vor, wo ich Nachts vor Produktivität nicht schlafen kann. Meine Produktivität äußert sich überhaupt periodisch, wenn ich auch im allgemeinen zu jeder Zeit leicht einen Vers schmieden kann. Aber es ist dann auch danach. In den eigentlichen dichterischen Perioden aber strömt es mir nur so zu und ich habe nichts zu thun, als die Schalen zu halten und den Segen aufzufangen. Einer solchen Periode geht immer eine eigenartige erregte Stimmung voraus, eine gesteigerte Empfindlichkeit, unruhige Erwartung. Dieser Zustand hat aber durchaus nichts Krankhaftes, Ueberreiztes an sich. Unruhige, gespannte Erwartung, die von einer sanften musikalischen Stimmung abgelöst wird. Und aus dieser musikalischen Stimmung heraus, die mich wie ein [244] warmes Bad umschmeichelt, tauchen die einzelnen Gedichte auf, wie Blasen aus einem Brunnen.

Vieles giebt mir der Traum, weshalb ich auch meinem neusten Gedichtbuch den Untertitel gab: Gedichte aus Tag und Traum. Ich träume ganze Gedichte. Auch wachend kommen mir im Dunkel und in der Stille der Nacht traumhafte Visionen, flüchtige Bilder, die Anregung zu Gedichten geben, wunderliches Zeug, womit ich oft zuerst nichts anzufangen weiß. Mein Gedicht "Die Sonnenblumen" erzählt davon.

Ein anderer Fall: Ich lag schlaflos. Plötzlich taucht aus dem Dunkel ein antikes Gespann, ein Muschelwagen mit weißen Rossen, der Lenker von Glanz umstrahlt, kaum erschienen, schon verschwunden. Da ich kein Licht zur Hand hatte, riß ich aus meinem Taschenbuch ein Blatt und schrieb im Dunkeln mit Bleistift und auf der Fläche der linken Hand:

Es kam heran,
Ganz langsam kam's heran,
Mit weißen Rossen, langsam, feierlich,
Des Ruhms Gespann.

Ohne Besinnen, ohne Suchen und Ausdeuten schrieb ich "des Ruhms Gespann". Im Nachdenken über diese Erscheinung schlief ich ein. In großen, schiefen kaum leserlichen Krakelfüßen fand ich am Morgen die Verse auf dem Papier. Das Gedicht entstand dann, nicht ohne Arbeit, an den folgenden Tagen. Die abstrakten "Rosse" änderte ich in konkrete "Hengste" und setzte, um das zweimalige langsam zu vermeiden, "glanzstrotzend kam's heran".

Meine beste Schaffenszeit ist im Herbst und im Winter. Im heißen Sommer bin ich am unproduktivsten. Ich brauche Ruhe um mich, mildes Licht (nicht zu goldigen Sonnenschein, den liebe ich zu sehr, der zieht mich ab), ruhige, einfache Farbentöne und demnach einfache Ausstattung meines Arbeitszimmers. Mit Vorliebe arbeite ich bei Lampenlicht. Die tiefen Schatten, die dunklen Winkel bergen die Geheimnisse. Wie viele wunderliche Sachen mögen noch in den Ecken meines Zimmers sich verbergen! Ich freue mich auf den Winter, den Lampenschein und diese schwarzen, geheimnisvollen Zimmerwinkel.

Im Freien, im Gehen kommen mir wohl einmal die ersten Ideen zu meinen Sachen, aber zu einem eigentlichen Produzieren komme ich unterwegs nicht, es müßte denn auf ganz einsamen Wegen sein. Aber da spielt wieder diese Einsamkeit ihre leisen, lockenden Lieder, die Musik läßt mich nicht los. Das ist eine Art Wollustgefühl. Und es ist ja auch schließlich ein Befruchtungsakt.

Künstliche Anregung brauche ich nicht zum Schaffen, keine faulen Äpfel, keine Spirituosen, keinen Kaffe oder sonstige Reizmittel. Ich zwinge mich überhaupt nie zum Schaffen. Wenn's nicht leicht kommen will, bitten thu' ich nicht lange. Ich habe auch meinen Stolz. Warum mit Gewalt dichten? Kommst du heut nicht, kommst du morgen. Gewöhnlich komme ich dann auch mit meinen Büchern mitten in den Hundstagen, wenn die weihnachtliche Stimmung für schöne Eindrücke längst verflogen.

Ungern schreibe ich Prosa. Es dauert lange, ehe ich mich entschließe, an die Ausarbeitung einer Prosadichtung zu gehen, die ich immer erst im Grundriß skizziere. Einmal dabei, bleibe ich auch dabei. Ich arbeite nicht gerne an verschiedenen Aufgaben zugleich.

Das Niederschreiben geht dann schnell, einmal warm geworden, gerät auch dann die ganze Masse in Fluß. Und zwar schreibe ich gewöhnlich in regelmäßiger Reihenfolge, dem Faden nach, arbeite nicht an verschiedenen Partieen, Kapiteln, wie mich Lust und Liebe gerade treiben. Dieses Arbeiten der Reihenfolge nach beobachte ich auch nie bei Gedichten. Oder besser, ich beobachte es nicht, sondern es ist mir Natur. Aber ich mache mir bei Gedichten vorher einen Grundriß. Bei kleineren Gedichten steht ja ohnehin "das ganze Kunstwerk in seiner Bruchlosigkeit" sofort vor der Seele. Bei größeren schreibe ich frei weg, spinne meinen Faden ab wie ein guter, gewandter Erzähler, und modele nachher an Form und Aufbau. Bei Arbeiten von einigem Umfang reicht diese Methode natürlich nicht aus.

Noch eins. Ich halte es mit den gegebenen Stoffen und erfinde meine Stoffe nicht, nicht aus Prinzip, sondern aus Natur. Auch da, wo scheinbar die Stoffe der reinsten Phantasie angehören, liegt bei mir ein Erlebtes zugrunde, wenn auch nur ein Traumerlebnis. Damit ich nicht mißverstanden werde, will ich wenigstens für die Leser, die meine Gedichte kennen und mir meine Phantasiestücke entgegenhalten könnten, zu diesen Stücken einige Bemerkungen machen.

Zwei von ihnen, die "Parkszene" und "der Berg" sind allerdings Kinder einer freien Phantasie, ohne jede weitere Erlebnisunterlage. Die Parkszene eine Farbenskizze des Dichtermalers, der sich den Farbenkontrasten zuliebe seine Figuren zusammenstellte, der Berg ein auf der Suche nach einem möglichst grausigen Vorwurf ausgeklügelter Stoff zu Übungszwecken. In der Parkszene behält jedoch meiner Meinung nach der Dichter die Zügel in der Hand. Es ist ein novellistischer Vorgang; die schwüle Gewitterstimmung, der heisere, fast zornige Pfauenschrei, das Erbleichen und zögernde ins Schloß gehen der Dame bereitet auf einen nicht rosigen Inhalt des vom Mohren überbrachten Briefes vor. Das Bild hat einen Inhalt. "Der [245] Berg" ist nur gedichtetes Bild und die anscheinende Symbolisiererei darin ist nicht einmal gewollt. Da schlägt die Phantasie vielleicht schon in Phantasterei um.

Allen anderen sechs Phantasiestücken liegt Reales zugrunde. Das "Traumbild" ist ein fast in allen Einzelheiten genau wiedererzählter Traum. "Die Regeninsel" entstand aus der trostlosen Stimmung einiger anhaltender Regentage, die das unbebaute Terrain vor meiner Wohnung, das früher die Gemüsegärten kleiner Leute trug, jetzt eine verwahrloste wüste Fläche Landes ist, in eine sumpfige Niederung verwandelt, aus der einzelne feste Schuttinseln hervorragten. "Auf einem andern Stern" war ich wirklich in der Zeit einer glücklichen weltentrückenden Liebe, "das Mysterium" ist angeregt worden durch ein Bild Max Klingers, das er "Und doch" betitelt, und "Gestorben" ist ein Kind der Traumbilder und der Regeninsel. "Der gehetzte Friede" aber ist die poetische Frucht eines greulichen Clubgesanges, der jeden Freitagabend (und einen Teil der Nacht) aus einem Wirtschaftslokal im Parterre meines Mietshauses heraus den Frieden der Umgegend überfällt.

An das Publikum denke ich beim Schreiben nicht. Ich dichte für mich, nur für mich. Allerdings entstehen einzelne Gedichte mit Rücksicht auf Freund und Feind, aber es war mir in solchen Fällen nie darum zu thun, daß nun dieser Freund oder Feind zu hören bekäme, was ich ihm zu sagen hatte, denn ich sagte es nur, um mich zu befreien. Rachegefühle liegen mir fern, aber ich habe nicht Lust, jeden Dreck, den mir ein anderer in die Seele wirft, lange aufzubewahren; da greife ich zum lyrischen Besen und mache rein Haus.

Das wäre nun alles, was ich zur Technik des künstlerischen Schaffens auszukramen hätte. Ohne Gelehrsamkeit, nur so hingeplaudert. Vielleicht habe ich mich manchmal etwas "vorbei" ausgedrückt. Aber die Klugen werden schon heraushören, was ich meine, und die Dummen mich grade deswegen für um so tiefer halten. Und nun genug der schamhaften Entblößungen. Ich lege meine Dichtertoga wieder um, setze meinen Lorbeerkranz wieder auf, rolle die Augen, schüttle die Locken und wandele weiter wie ein Gott durchs Leben.

 

 

[Fußnote, S. 243]

*) Anmerk. Jetzt, nachdem das Gedicht schon in meine neueste Sammlung aufgenommen ist, will man dem armen Ding noch nicht den Frieden der Vollendung gönnen. Ein scharfsinniger Kritiker will den Parzen zu Leibe. Die bösen Damen reißen ihn aus der christlichen Weltanschauung der ersten Strophen in die griechische Weltanschauung hinein, und das will er sich nicht gefallen lassen. Er verlangt eine einheitliche Weltanschauung von einem Gedicht. Das läßt sich hören, und ich habe ihm einen Tag lang beigepflichtet, will aber nun doch meine Parzen behalten. Die Damen sind doch schon so lange bei uns eingebürgert, daß sie Staatsangehörigkeit erworben haben. Eine Streitfrage, die vielleicht gelegentlich ein verehrlicher Mitarbeiter aufgreift.   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Der Zuschauer. Monatsschrift für Kunst, Litteratur und Kritik.
Jg. 1, 1893, Nr. 8, 15. September, S. 240-245. [PDF]

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien). Drei Druckfehler wurden korrigiert (S. 240, 241).

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

 

Literatur

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Brandmeyer, Rudolf: Poetiken der Lyrik: Von der Normpoetik zur Autorenpoetik. In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart u.a. 2011, S. 1-14.



Falke, Gustav: Mynheer der Tod und andere Gedichte. Dresden und Leipzig: Pierson 1892.
URL: https://archive.org/details/mynheerdertodund00falkuoft

Falke, Gustav: Zur Technik des künstlerischen Schaffens. In: Der Zuschauer. Monatsschrift für Kunst, Litteratur und Kritik. Jg. 1, 1893, Nr. 8, 15. September, S. 240-245. [PDF]

Falke, Gustav: Aber die Liebe. Ein Ehemanns- und Menschenbuch von Richard Dehmel. In: Die Gesellschaft. Monatschrift für Litteratur, Kunst und Sozialpolitik. 1894, Juli, S. 903-916. [PDF]

Falke, Gustav: Otto Ernst. In: Das Magazin für Litteratur. Jg. 64, 1895, Nr. 52, 28. Dezember, Sp. 1713-1719. [PDF]

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Falke, Gustav: Liliencron, der edle Ritter! In: Das litterarische Echo. Halbmonatsschrift für Litteraturfreunde. Jg. 6, 1903/04, Heft 17, 1. Juni 1904, Sp. 1200-1201. [PDF]



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Marhold, Hartmut: Impressionismus in der deutschen Dichtung. Frankfurt a.M. u.a. 1985 (= Europäische Hochschulschriften; Reihe 1, 870).

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Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer