Theodor Wolff

 

 

Die neue Lyrik.

 

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Texte zur Theorie und Rezeption des Symbolismus

 

Die neue Lyrik hat zwei Sorten von Gegnern. "Wir brauchen keine Lyrik," sagen die Einen, "wir brauchen keine neue Lyrik," sagen die Anderen. Jene sind der Ansicht, daß Lyrik und Versemachen nur Allotria seien, die für den ernsten Gang der Welt nicht mehr Bedeutung hätten, als ein Lufthauch, der hindurchfährt, ohne Spuren zu hinterlassen – Diese lassen die Lyrik als eine Sache gelten, an der man sich erfreuen könne, wie an Sonnenschein und Rosen, aber sie glauben, daß das vorhandene Quantum Lyrik nun genüge, daß Alles darin ausgedrückt sei, was auszudrücken war, daß die Lyrik sich gleich bleiben müsse, wie Sonnenschein und Rosen sich gleich bleiben; sie sagen: wir haben genug, der Brunnen ist ausgeschöpft.

Daß wir eine Lyrik brauchen, das ist sehr schwer zu beweisen, denn ein Beweis erfordert Formeln und geschlossene Sätze, und nichts ist mehr formelfremd und mehr Gefühlssache als das Verlangen nach Lyrik. Aber ich denke, es genügt doch schon, wenn man sagt: die Lyrik ist das Sonntägliche im harten Leben, und dieses Sonntägliche brauchen wir. Sie drückt unsere festlichen Empfindungen aus, und sie thut das zum Mindesten so sehr, als die Musik, und weit mehr als das große Drama; denn sie ist weit intimer als dieses, sie steht uns näher, sie ist mehr an uns festgewachsen, schon weil sie schneller, unmittelbarer produzirt ist. Das Drama ist das große Gruppenbild des Lebens, aber das lyrische Gedicht ist die kleine Momentphotographie, die den flüchtigen Augenblick festgehalten hat und so ganz ein Stück aus dem Dasein giebt  . . . .

Daß wir nun keine neuen Verse mehr brauchen, daß die Lyrik ihre Arbeit abschließen und sich auf die Bärenhaut legen sollte, das scheint mir sehr leicht zurückzuweisen sein. Denn jedes Teilchen der Erde und jede Kunst der Erde drängt nach vorwärts, verlangt nach Entwickelung; das ist Gesetz, und wie kann man die Lyrik als außerhalb der Gesetze stehend betrachten? Hat nicht auch Goethe bis in sein silberweißes Greisenalter hinein eine Fortentwickelung der Lyrik versucht stets neue Motive aufgegriffen und verwerthet? Ja, meinen Viele, doch jetzt, nach seinem Tode, jetzt haben wir genug, jetzt sollte die Arbeit ruhen, denn über ihn kämen wir ja doch nicht hinaus. Aber ich glaube, Goethe, der den endlosen Wandel und Wechsel des Weltalls, die ewige Ablösung des Lebendigen, wie kein Anderer mit allen Sinnen umfaßte, Goethe hat anders gedacht. Er wußte, daß das letzte Opfer, das ein Gewaltiger der Menschheit bringen muß, noch darin besteht, daß er seine Gebeine dazu herleiht, um das Erdreich fruchtbar zu machen, aus dem die Kinder der Zukunft sich erheben sollen.

Diese Kinder mögen größer oder kleiner, besser oder schlechter sein man kann sie doch nicht wie die Erstgeburt unter Pharao ins Wasser werfen und ersäufen. Wer hat denn überhaupt ein Recht über solch' ein Leben? Doch nur der Erzeuger. Und ich verstehe es gar nicht, was das nun heißen soll, wenn man sagt: wir haben jetzt genug Lyrik. Der Lyriker, der kein Hanswurst, sondern ein wirklicher Künstler ist, schafft doch nicht nach Bedarf, nicht dem Publikum zu Liebe, er kümmert sich nicht um das Publikum, ebenso wenig wie sich das Publikum hinterher um ihn kümmert, er schafft, um das, was in ihm ringt und arbeitet, los zu werden, er gießt das, was ihn erfüllt, in die Form eines lyrischen Gedichts, wie andere es in die Form einer Tragödie oder einer philosophischen Abhandlung gießen. Das ist oft genug gesagt worden, aber das Publikum glaubt immer wieder, der Dichter sei nur so eine Art Hofnarr mit Schellenkappe und Pritsche, der singen oder schweigen müsse auf allerhöchsten Befehl.

Es giebt nun auch Viele, die mit mehr oder minder ironischem Lächeln dem Dichter das Versemachen zwar gestatten wollen – schon, weil sich's eigentlich nicht verbieten läßt – die aber ihrer Spottlust freien Lauf lassen, wenn die Verse gedruckt, in Büchern und Bänden, auf den Markt kommen. Warum drucken lassen? Ja, aber warum nicht drucken lassen? Die Unfähigkeit natürlich, die lyrische Schwatzhaftigkeit, wird Niemand in Schutz nehmen wollen. Aber daneben giebt es doch auch eine Produktion der Könnenden. Und wenn geistige Produktion überhaupt werthvoll ist als ein schwarz auf weiß gegebenes Zeugniß des Zeitgeists, dann doch auch die lyrische Produktion. Und sie – für den, der feine Ohren und Augen hat – vielleicht noch mehr als jede andere, eben weil sie so viel intimer, unmittelbarer ist.

Wenn man in die Lyrik der Gegenwart sich aufmersam hineinliest, dann wird man, denke ich, finden, daß ich Recht habe. Man wird ein Neues in dieser Lyrik spüren und man wird etwas wie die Athemzüge der Gegenwart erlauschen.

Wem eigentlich das Verdienst gebührt, uns zuerst von dem Nachtigallenschluchzen der süßen Heinenachahmer durch den Wald hindurch zu freien, windumtanzten Wegen geführt zu haben, weiß ich nicht zu entscheiden. Vielleicht gebührt den Franzosen auch hier der Ruhm, vielleicht aber haben sich die deutschen Dichter auch aus eigener Kraft zum Besseren durchgerungen. Den größten, den revolutionirenden Einfluß hat jedenfalls ein Deutscher ausgeübt: Detlev v. Liliencron mit seinen "Adjutantenritten".

Mit Liliencron und nach Liliencron sind andere gekommen und es ist einfach ein Märchen, wenn immer wieder gesagt wird: die deutsche Lyrik hat seit Uhland und Heine nichts mehr geleistet. Man sollte sich nur ein wenig Mühe geben, diese Leistungen kennen zu lernen. Mackay, Conradi, Prinz Schönaich-Carolath, Hanstein – der ein wenig abseits von der Gruppe steht – Henkell, Holz – in seinen Anfängen – und besonders die Brüder Hart – Julius Harts "Homo sum"! – das sind nur einige herausgegriffene Namen. Und auch Fontane kann man doch hinzurechnen, obgleich er an einer besonderen Stelle steht, so wie Menzel im Malerreich; aber wie Menzel ist er der ewig-Junge und -Lebendige und immer schlägt er sich zu den Jungen.

Nun mag vielleicht bei Manchem der Genannten der kleine zündende himmlische Blitz-Funken Genie nicht vorhanden sein und nur das ruhigere, gleichmäßig leuchtende und wärmende Gaslicht Talent mag dessen Stelle auszufüllen sich mühen – das Wünschen mag oft größer sein, als das Können. Aber diese ganze Lyrik der Gegenwart erscheint doch als etwas Besonderes – sie ist ein geschlossenes Ganze mit neuen Merkzeichen, neuen Ideen. Eine Wirklichkeitslyrik.

Wie fast alle Ideen der Gegenwart auf Goethe zurückgehen, so auch die Idee der Wirklichkeitslyrik. Aber hier kann man auch noch andere Pathen und Erzväter nennen. Die Verwandtschaft mit dem lange belächelten Béranger – dieu des bonnes gens – scheint mir sehr leicht nachweisbar. Man denke nur an Lieder wie "Le grenier" oder "Claire". Der alte Papa Béranger hatte einen scharfen Blick [*2] für das Wirkliche – er gab dem Volke nur zurück, was er ihm genommen hatte.

Wir sind also mitten drin in einer Lyrik, welche die ewigen tönenden Worte von Glück und Liebe verbannen und Dinge an die Stelle der Worte setzen will. Das energische, herzhafte Hineingreifen ins Leben, die gesunde Abkehr von der ewigen innerlichen Gefühlsschwelgerei zum Leben draußen, das ist das Merkzeichen der neuen Lyrik. Abseits vom Wege steht nur die Schule der Symbolisten, welche grade in den klingenden, farbigen Worten das Hauptinstrument des Lyrikers sieht. Das sind ein paar talentvolle Leute, die für den Symbolismus eintreten – aber sie haben nur Bedeutung als Einzelerscheinungen, keinerlei Bedeutung für die Entwickelung.

Will man die Lyrik der Gegenwart, und besonders die Lyrik der jüngsten Zeit, ganz verstehen, dann muß man zwei Begriffe heranziehen, die für die Literatur noch nicht allzulange entdeckt sind: den Begriff der Straße und den Begriff der Décadence.

Ein Straßenleben gab es, seit es Städte gab, und gerade in den Ländern der ersten geschichtlichen Zeit war das Straßenleben gewaltig entwickelt. Denn diese Länder waren Länder des Südens, und im Süden lebt man das Leben weit mehr auf der Straße, als bei uns. Aber so lange man den Geist nur in abstraktem Willen übte, so lange man den Sinn noch nicht auf die Beobachtung des Wirklichen gerichtet hatte, ging man doch an allem Reiz der Straße mit blinden Augen vorüber; und erst jetzt hat man gelernt, diesen Reiz voll zu genießen, das Leben der Straße zu belauschen – dieses Leben mit seinen fröhlichen und seinen todesernsten Stunden. Erst Zola und – vielleicht mehr noch als dieser Gigant – Huysmans, der Verfasser von "Là-Bas" und "A Rebours", haben die Straße für die Romanliteratur entdeckt, und dann sind die Lyriker gefolgt.

"Décadence" ist ein Schlagwort geworden, ähnlich dem "fin de siècle". Erklärungen der Décadence haben Paul Bourget, Wilhelm Weigand, Herman Bahr und noch viele andere versucht. Ich will ein paar Worte aus Wilhelm Weigands Aufsatz "Zur Psychologie der Décadence" hersetzen: "Der Verfallzeitler ist in vieler Hinsicht eine höchst seltene, reizende Menschenpflanze, eine wundersame Blüthe der Civilisation, welche die wunderbarsten Säfte und Kräfte aller Zeiten und Völker aufgesogen; vielleicht sogar ein Genie im Erfassen, Verstehen, Genießen, mit jenem tiefen Worte einer kritischen Zeit als Wahlspruch: comprendre c'est égaler! ein adeliger Mensch, in dem alle streitenden Kräfte zu harmonischer, etwas eintöniger Ruhe gelangt sind – –".

Beanstanden möchte ich das Wort "harmonisch". Das kann ein Anlaß zu Mißdeutungen werden – der von allen Leidenschaften zerfressene Charles Baudelaire, der lyrische Fahnenschwinger der Décadence, war gewiß nicht das, was wir unter einem harmonischen Geist zu verstehen pflegen. Décadence scheint mir hervorzugehen aus einer Verfeinerung aller Sinne und Nerven, aus einer Verfeinerung des Geschmacks durch die Kultur, zugleich aus einem Ungenügen an den Genüssen dieser Kultur, aus einem vollen Erkennen des gewaltigen Gegensatzes zwischen diesen leuchtenden, trügerischen Freuden und dem dunkeldrohenden ewigen Memento mori, das wie ein Damoklesschwert über allem Vergänglichen hängt – aus einem Verlangen, sich zu betäuben, die Sinne tanzen zu lassen. Nero war so der rechte König der Décadence.

Décadence kann wirklich tief empfunden werden, aber sie kann auch ausgehängt werden, ein rabenschwarzes Trauermäntelchen, zum Kokettiren. Trauer kleidet Manchen so gut. Das Gefühl der Décadence ist bisweilen etwas Wirkliches, sehr oft etwas Eingebildetes. Aber man muß auf sie hinweisen, wenn man von der neueren Lyrik spricht, denn hier hat sie sich ihr Nest gebaut.

Ich will hier noch kurz von zwei Lyrikern sprechen, die auch mit jenen beiden Begriffen – Straße und Décadence – herumoperiren. Und ich glaube, man kann sagen, es trifft sich sehr glücklich, daß sie den Pulsschlag der Straße besser zu belauschen und in Versform zu gießen wußten, als das Empfinden der Décadence. Die beiden Lyriker heißen Carl Busse und Otto Julius Bierbaum. Busse ist wohl der Jüngere, er ist auch dreister, frischer und – aller vermeintlichen Décadence zum Trotz – gesünder; Bierbaum ist schon bedächtiger, zielbewußter, bestimmter.

Von Busse ist an dieser Stelle schon die Rede gewesen. Es sind ihm einmal – und nicht mit Unrecht – einige poetische Thorheiten vorgehalten worden. Ich kannte ihn damals noch nicht und als ich nachträglich von jenen Thorheiten hörte, hat's mich nicht eben gewundert – offen gesagt, auch nicht verdrossen – das paßte ganz in das Bild dieses drauf loseilenden Carl Busse.

Der Mann ist heute ganze zwanzig Jahre alt. Er ist in Wongrowitz in Posen als Sohn eines Justizbeamten geboren und wurde, als die Eltern starben und er mittellos dastand, von seinen Verwandten für die Offizierskarrière bestimmt. Das Versemachen, das er schon in Wongrowitz zum Verdruß der Familie betrieben hatte, sollte er abschwören, dann wollte man ihm helfen. Er aber sagte nein und ging nach Berlin, ratzekahl, keinen Heller in der Tasche. So langte er hier an, ein blasser, blonder Bursche mit den ersten furchtsamen Barthärchen, ein wenig brustkrank, weil er einst bei einem Schauturnen in Wongrowitz in Gegenwart des Ministers auf die Brust gefallen war. Alsbald ließ er seine "Gedichte" erscheinen (Baumert u. Ronge, Großenhain und Leipzig) und fand Beachtung in einem kleinen, aber verständnißvollen Kreise.

Seine lyrischen Vorbilder sind Storm, Prinz Schönaich-Carolath, Flaubert, ein wenig Baudelaire. Er ist von Natur ein gesunder Wirklichkeitslyriker, aber in stillen Stunden schwärmt er für die Leute der Décadence. Er ist sich über das Alles noch ein Bischen unklar, aber er ist auch erst zwanzig Jahre alt. Er ist so recht in den Jahren, wo das Herz voll ist von Liebe, Weltschmerz und Deutschland, von all' den Dingen, die man noch gar nicht kennt.

Das Beste an ihm, das Verheißungsvolle, ist vorläufig die Frische – gerade jene Frische, die auch vor herzhaften Trivialitäten nicht zurückschreckt, die wie ein Morgenwind Alles mitnimmt, was ihr in den Weg kommt. Nur das Wasser aus der Wasserleitung kommt ja – Hamburg ausgenommen – rein und säuberlich, das Wasser vom Bergquell führt Steine und Zweige mit. Bald ist er himmelhoch jauchzend, bald zum Tode betrübt; die Welt ist schlecht, aber ein Steg geht über sie hin, ein leuchtender Regenbogen, und auf diesem Regenbogen schreiten die Dichter. Busse hat dann schnell auch noch eine Erzählung erscheinen lassen: "Ich weiß es nicht" (Baumert und Ronge), eine ungesunde Geschichte, die ihm selbst wider die gesunde Natur geht – ein Mißgriff. Er soll Verse machen und er wird Erfolge haben, wenn er sich hübsch an die Wirklichkeit bindet, wenn er die Mitte hält zwischen dem gradlinigen und dem krummlinigen Schaffen, wenn er sich nicht zu den flachen lyrischen Sausewinden und nicht zu den grübelnden Versdrechslern schlägt. Und lernen und nicht glauben, die Literatur gehe nur von Baudelaire bis Carl Busse . . . . !

Ich will ein paar Strophen Busses citiren, vornehmlich solche, die zugleich zeigen können, was man unter Wirklichkeitsdichtung zu verstehen hat. Aus dem Gedicht "Elsa, – Erste Begegnung":

    "Schlender' ich gestern kreuz und quer
In allen Straßen hin und her,
Droben am neuen Theater vorbei
Und an der hundertsten Bierbrauerei,
Seh' ich da plötzlich in den Alleen
Ein schlankes Mädel vor mir gehen.
    Dicht ihr zur Seite ein junger Mann,
Man merkt ihm den Sekundaner an,
Und neben den beiden, der Dritte im Bund,
Ein kahlgeschorner, abscheulicher Hund . . . . .
    Der Gymnasiast, mit dem Augenglase
Auf seiner gestülpten Sokratesnase,
Zieht sich kokett eine Schnupftuchecke
Vorn an der Brust aus dem Taschenverstecke" . . . .

[*3] Den ähnlichen Wirklichkeitston schlagen Gedichte wie "Berlin", "Die Schaukel", "Beim Sechsundsechzig", "Otti" an. Da, in "Otti" ist diese ganze wundervolle Frische der zwanzig Jahre:

"Dein blondes Haar stob hin und her
In windbewegter Luft,
Im Wald um uns lag voll und schwer
Der Koniferenduft.
Die Welt so weit, die Welt so fern,
Dein Mund sprach immerzu:
Ich hab' Dich doch so schrecklich gern,
Du lieber Dichter Du!"

Und nun noch ein kleines Gedicht "Ueber den Bergen," an Eichendorff und das Volkslied gemahnend:

Ueber den Bergen, weit zu wandern,
Sagen die Leute, wohnt das Glück,
Ach und ich ging im Schwarme der andern,
Kam mit verweinten Augen zurück.
Ueber den Bergen, weit, weit drüben,
Sagen die Leute, wohnt das Glück . .
  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Dann Otto Julius Bierbaum. Er lebt in München und zählt dort zu jener Gruppe, die im Bunde mit den Sezessionisten der Münchener Malerschule für alles Neue in Literatur und Kunst kampfbereit in die Schranken tritt. Bei Wilhelm Ißleib (Gustav Schuhr), Berlin, hat er einen umfangreichen Band "Erlebte Gedichte" erscheinen lassen.

Es ist viel Feinheit in diesen Gedichten, viel sprachliche Feinheit. "Der Flieder duftete liebeweich" ist wunderhübsch. Aber dazwischen stört ein Haschen nach originellem Ausdruck, die Kunst wird schon gar zu oft Künstelei, und Worte wie "Blumensternenschmelz" und "Altersfaltenreich" plaudern von schwitzendem Nachdenken. Auch hier anscheinend das Spielen mit der Décadence, und auch hier die größten, die besten Erfolge in der Wirklichkeitslyrik. Viel bewußter als Busse, greift Bierbaum in die Wirklichkeit hinein, was bei jenem noch ein blindes Tappen war, ist hier planvolle Arbeit. Aber es sind doch auch in Bierbaum eine Frische und ein echtes, leichtes Temperament, die dann meist den Eindruck des Erarbeiteten nicht aufkommen lassen. Prächtig sind Gedichte wie "Trennung", "Die Römerschanze", "Zwei Prinzessinnen", "Josephine":

    "In den blühenden Mai
Aussegeln wie Frühlingsfregatten wir Zwei.
Wie Blüthenschnee ihr Kleid so klar,
Ein Blumengarten ihr Strohhut war,
Ein moosgrün' Band vom Hute hing,
Wie Wimpelwurf im Winde ging.
Recht wie ein schwarzer Würdebär
Ging neben der Fee mein Leibrock her."

Und dann das Schlußgedicht dazu:

    "Und es senkt sich die Nacht,
Kühle Winde, blasse Sterne.
"Du, hast Du mich gerne?"
Und sie küßt mich und lacht.

    Und wir gehen nach Haus,
Alle Menschen schon schlafen,
Die Fregatten im Hafen . . .
Und die Lampe löscht aus."

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung. Abendausgabe.
1893, Nr. 126, 9. März, S. *1-3.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).


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Literatur

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Wolff, Theodor: Die neue Lyrik. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung. Abendausgabe. 1893, Nr. 126, 9. März, S. *1-3.
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Wolff, Theodor: Strindberg. Drei Porträts. Ein Versuch. In: Der Zeitgeist. Beiblatt zum Berliner Tageblatt. 1893:
Nr. 16, 17. April, S. *3-4
Nr. 17, 24. April, S. *3-4
Nr. 18, 1. Mai, S. *3-4.
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Wolff, Theodor: Das Ende der Rougon-Macquart. ("Le Docteur Pascal" par Emile Zola.) In: Der Zeitgeist. Beiblatt zum Berliner Tageblatt. 1893, Nr. 27, 3. Juli, S. *2-3.
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Wolff, Theodor: Märchenspiel. In: Der Zeitgeist. Beiblatt zum Berliner Tageblatt. 1893, Nr. 45, 6. November, S. *3-4.
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Wolff, Theodor: Kritik der Kritik. In: Der Zeitgeist. Beiblatt zum Berliner Tageblatt. 1894, Nr. 30, 23. Juli, S. *3-4.
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Wolff, Theodor: Der "König der Poeten". In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung. Abendausgabe. 1898, Nr. 541, 24. Oktober , S. *1-2.
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S. 393-399: Art. Theodor Wolff.

 

 

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