Otto Julius Bierbaum

 

 

EIN GESPRAECH

 

Der Eine: Was machst du denn da? Ich glaube beinah, du liest ein Buch.

Der Andere: Ja, wirklich.

Der Eine: Und ein deutsches, glaub' ich gar.

Der Andere: In der That.

Der Eine: Herrgott, und Verse!?

Der Andere: Verse.

Der Eine: Von welcher Dame hast du dir denn das Dings geborgt?

Der Andere: Ich hab' es mir gekauft.

Der Eine: Ge . . . . . ?

Der Andere: . . kauft.

(Pause.)

Der Eine: Bist du krank?

Der Andere: Hechtgesund.

(Pause.)

Der Eine: Hm . . . Du . . . Der Dichter da, der, von dem die Verse da sind, das ist wohl ein guter Bekannter von dir?

Der Andere: Leider nein.

(Pause.)

Der Eine: He, das Ding ist wohl gepfeffert, wie?

Der Andere: Was denn, "gepfeffert"?

Der Eine: Ich meine, so – pikant?

Der Andere: Gottbewahremich! Zoten zieh ich in Prosa vor.

(Pause.)

Der Eine: Sind sie lustig?

Der Andere: Die Verse, meinst du?

Der Eine: Ja.

Der Andere: Nein, lustig sind sie nicht.

Der Eine: Ja, umgotteswillen, wie kommst du dann auf so 'ne Lektüre?

Der Andere: Du liest wohl nie Verse?

Der Eine: Für wie jung hältst du mich denn? Seit meinem Abiturientenexamen habe ich kein Versbuch in den Händen gehabt ausser dem Commersbuch.

Der Andere: Sehr tüchtig!

Der Eine: Du willst damit sagen, dass ich ein Idiot bin?

Der Andere: Nein, blos, dass ich mich nicht wundre.

Der Eine: Aber ich wundre mich!

Der Andere: Ja ja, es ist verwunderlich.

Der Eine: Ich bitte dich, wenn ich im Club erzähle: Hans Detlev liest Verse!

Der Andere: Dann ist Hans Detlev eine komische Figur geworden. Gewiss. "Muss es eben tragen."

Der Eine: Es scheint, du thust Dir noch was darauf zugute, auf deine Reimlektüre?

Der Andere: Zugute, nein, es macht mir nur Vergnügen.

Der Eine: Die reine Perversität! Gerade so, wie wenn ein Mann an einem Zuckerstengel lutschte.

Der Andere: Müssen denn Verse süss sein?

Der Eine: Süss oder nicht, es ist Geschleck, wie überhaupt alles Belletristische. Zwecklos. Ueberflüssig.

Der Andere: Du lässt also nur den Leitartikel, die Bibel und die wissenschaftliche Abhandlung als mannswürdige Lektüre zu?

Der Eine: Die Classiker ausgenommen! Die Classiker!

Der Andere: Die Classiker . . . Du, ich glaube: die liest du auch nicht.

Der Eine: Lesen? Nein, lesen thu' ich sie nicht. Aber ich begreif' es noch, wenn sie einer liest. Das moderne Zeug dagegen . . Bah!

Der Andere: Sehr richtig: Bah!

Der Eine: Was willst du damit sagen?

Der Andere: Ich find' es so nett, dieses "Bah"! So grandios, so souverain, so über alle Maassen – schneidig. Es fertigt so famos ab und macht sich wirklich dekorativ. "Bah!" Man kann nicht präciser sein. Uebrigens: man kann auch "Bäh" sagen.

Der Eine: Du irrst dich, wenn du meinst, dass mich dein Spott rührt. Ich fühle mich zu sehr eins mit der allgemeinen Meinung in diesem Punkte, als dass ich mich darüber aufregen sollte, dass du mich wegen meiner Geringschätzung dieser sogenannten Literatur für einen Zurückgebliebenen hältst.

Der Andere: Ich habe gedacht, du wärest ein Aristokrat? Du bist doch sonst nicht so, dass du dich auf die allgemeinen Meinungen berufst? In deinen Cravatten und im Schnitt deiner Westen hältst du wenigstens sehr auf Exclusivität. Uebrigens: Du hast Recht. Es ist eine Stimme darüber, dass die "schöne Literatur" überflüssig und eigentlich ein Atavismus ist. Warte mal, hier stehts:

"Offen Dir gestanden, nichts für ungut, Freundchen,
Stell ich, glaub ich, meinen Kammerdiener höher
Als den Dichter, und so denken auch die andern
Guten Deutschen: Excellenzen, Schneider, Gärtner,
Bürgermeister, Staatsanwälte, Bauern, Krämer,
Wagenbauer, Staatsminister, Sattler, Wirte,
Prinzen, Pfefferküchler, Klempner, Wucherer,
Scharfrichter, Matrosen, Priester, Karrenschieber,
Reichs- und Landtagsabgeordnete, Barone,
Droschkenkutscher, Seiler und Regierungsräte,
Und was sonst zusammenfällt in bunter Mischung
Unsres skatdurchtobten lieben Vaterlandes."

– Der Mann hat recht, und also du auch.

[102] Der Eine: Hab' ich auch! Unsre Zeit verlangt eben andre Interessen. Wir haben einfach mehr zu thun, als Verse lesen.

Der Andere: Gewiss; Skatspielen z.B., was auch eine zukömmlichere Gehirngymnastik ist. Nur begreif ich dann nicht, warum ihr nicht auch die übrigen Künste, als da sind: Musik, Malerei, Theater für einen unnützen Unfug erklärt. Aber da seid ihr mit eurem tüchtigen "Bah!" doch zurückhaltender.

Der Eine: Ja, duliebergott, das sind eben Künste, das sind Sachen, vor denen man Respekt haben muss. Die muss Einer gelernt haben. Das kann nicht Jeder.

Der Andere: Was Du nicht sagst! Die Poesie, meinst Du also, ist keine Kunst? Ach, bitte, sage mir doch, was ist sie denn?

Der Eine: Gott, das Schreiben, das Gedichtemachen, das Novellenbauen, – was ist denn da für eine Kunst dabei? 'n bischen Phantasie, 'n bischen Stil meinetwegen, oder was man so Sprachbeherrschung nennt, – das sind doch schliesslich keine so grossartigen Kunststücke.

Der Andere: Ja wohl:

"Kann man's ungefähr,
Ist's nicht schwer."

Aber, mein Lieber, wieviele könnens denn wirklich?

Der Eine: Ach was, der Eine reimt 'n bischen richtiger als der Andere, der Eine erzählt 'n bischen amüsanter, als der Andere, und schliesslich: weil eben die Sache im Grunde nicht so exorbitant schwierig ist, machen sichs die Leute selber aus einer Art Schamgefühl schwerer und erfinden neue Richtungen und allerlei merkwürdige neue Forderungen, bis sie schliesslich Sachen schreiben, die kein Mensch mehr versteht.

Der Andere: Du bist auf dem Wege, mein Guter, du bist auf dem Wege! Wirklich, du hast so was wie Witterung! Was du da sagst, das nennen "die Leute" die Flucht vor dem Banalen und épater le bourgeois. Die Hauptsache ist's freilich nicht. Aber immerhin: Du spürst also, dass da künstlerisch was gewollt wird, nicht wahr? Und du spürst auch was wie einen Effekt, nur, dass dir der noch nicht so recht eingeht. . .?

Der Eine: Ach was: reife Sachen will ich, klare Sachen, Sachen mit Hand und Fuss, Sachen, bei denen ich weiss: wie und wo und warum.

Der Andere: Und: wo du das nicht weisst, nicht gleich erkennst, schliesst du hurtig, dass der Dichter daran schuld ist? Vielleicht wäre es bescheidener, du schlössest anders. Vielleicht wäre es auch richtiger. . . .

Erinnerst du dich noch, wie die ersten Freilichtbilder aufkamen? Wie du dich bei ihrem Anblick an die Stirn schlugst und riefst: Bin ich nun blind vor der Natur, oder sind diese Maler verrückt? Du warst nicht ganz abgeneigt, dich eher für das Letztere zu entscheiden. Und heute? Wehe dem, der dir mit "Sauce" kommt! Du würdest dem unglückseligen Pinselmann auf die Schulter klopfen und ihm sagen: "Freundchen, machen Sie die Augen auf! Es giebt Farben in der Natur! Verschaffen Sie sich davon was auf die Palette!"

Der Eine: Das ist ganz was anderes.

Der Andere: Nein, das ist ganz dasselbe. Damals waren dir in der Malerei Stoffe und Technik fremd, heute sind sie dirs in der Poesie. Nach und nach hast du dich dort an die Stoffe gewöhnt und davon überzeugt, dass die Technik aus ihnen heraus berechtigt ist, und es wird nicht lange dauern, so wird es dir mit der Poesie, wenn du nur die Güte haben willst, dich mit ihr zu befassen, eben so gehen. Die Hauptsache freilich ist, dass du vor der Poesie ein wenig Respekt bekommst, als vor einer Kunst. Ich verdenke dir es nicht, dass du diesen Respekt nicht hast vor allen den in dichterischer Form auftretenden Werken, die nichts sind, als leere, verblasene Nachahmungen alter grosser Muster, deren Manier zur Schablone geworden ist. Das Unpersönliche, die blosse Copie hat in einer künstlerisch ringenden Zeit kein Anrecht auf respektvolle Beachtung. Wohl aber darf die strebende Begabung, die persönliches Können zur Grundlage hat, dieses Anrecht beanspruchen. Wo sie es nicht zuerkannt erhält, da haben die Verweigerer nicht das Recht, sich Kunstfreunde zu nennen.

Der Eine: Jetzt brauchst Du blos noch zu sagen: "Sic volo, sic jubeo."

Der Andere: Und du: "Bah!" – Aber du hast Recht: Man soll nicht zetern und dekretieren. Man soll nur warten. Ehe der Frühling kommt, kommen die Winde und die Pfützen voll schmutzigen Thauwassers, und die Leute leiden an Rheumatismus und Schnupfen. Dann kommt das Zarte, Zage, das Unbestimmte, das noch keine grossen Knospen, keine Blüten, das blos Ansätze zeigt, – der Vorfrühling, der auch noch nicht Jedermanns Sache ist, denn frühlingszuversichtlich sind nur wenige. Aber schliesslich ist der Frühling da, und selbst die Rheumatiker lächeln.

Der Eine: Ich finde es bezeichnend, dass du mit dem Frühling abbrichst.

Der Andere: Man muss nicht unbescheiden sein, muss nicht zu weit vorausschweifen, mein Lieber. [103] Ich will froh sein, wenn ich dich so weit habe, dass du an den Frühling glaubst.

Der Eine: Hm. Glauben verlangen alle Apostel, die echten und auch die unechten. Die Letzteren am lautesten. Darum sind sie auch so böse auf die Kritik. Gleich anbeten soll man, hingeworfen sein, willenlos hingegeben den neuen Evangelien. Aber man müsste Derwisch sein und bis zur Akrobatik anbetungsbeweglich, wollte man vor all' diesen neuen Göttern beten und tanzen.

Der Andere: Du wirfst da ein biss'chen viel durcheinander. Wenn es dir recht ist, gehen wirs der Reihe nach durch. Zuerst, meinst du, sind die Apostel der neuen Dichtkunst böse auf die Kritik.

Der Eine: In der That, das meine ich, und ich glaube, ich könnte dirs beweisen.

Der Andere: Mach dir keine Umstände. Ich gebe dir das zu. Es wird ungebührlich viel auf die Kritik geschimpft. Aber ich fürchte, dass sich darin die Alten von den Jungen nur in der Tonart unterscheiden, wobei es Geschmacksache ist, welcher Tonart man den Vorzug giebt. Aber ich glaube bemerkt zu haben, dass die Replikenwut doch etwas nachgelassen hat und dass, jemehr einer kann und, vor Allem, je mehr einer fortschreitet, um so weniger hält er sich mit seinen Kritikern auf. Aber das ist schliesslich Temperamentssache, und manche, so gross sie waren, wie z.B. Byron, konnten es nie lassen, selbst die kleinsten Schreier an den Ohren zu nehmen. Dieses polemische Temperament ist im Grunde ein Unglück für den, der es hat, und ich wünsche jedem Dichter die klassische Ruhe, die z.B. Gerhart Hauptmann auszeichnet, der selbst auf die tollsten Angriffe nie ein Wort der Abwehr gehabt hat. Dies hat für ihn den angenehmen Erfolg gezeitigt, dass die Kritiker in ihrer himmlischen Selbstsicherheit annahmen, er sei in sich gegangen, und dass sie, dieselben, die ihn vordem als einen Ausbund frecher Talentlosigkeit brandmarkten, später zu den lautesten Anerkennern seiner Begabung abschwenkten. Aber, wie gesagt, das ist Temperamentssache, und jeder hälts subjektiv so, wie's ihm sein Naturell oder seine Klugheit gebietet. Im Grunde aber kann jeder wirkliche Dichter dem Publikum nichts mehr wünschen, als ein bischen mehr Kritik in literarischen Dingen.

Kritik ist Scheidekunst, die Kunst des Unterscheidens, und das ist es, was der schaffenden Dichtkunst gegenüber augenblicklich sehr fehlt. Es giebt zu wenig Kenner und zu wenig Leute mit Distancegefühl. Das Publikum hängt zu sehr am Stofflichen, und die Stoffelei verhindert die Leute, am dichterischen Bilde die Kunst oder Unkunst wahrzunehmen. Auch hier dasselbe wie früher bei der Malerei. Heute gilt es gottlob bereits für ungebildet, wenn Jemand an einem Bilde nur die Anekdote sieht, und man ist glücklich schon in den entgegengesetzten Fehler verfallen, dass man, um als wirklicher Kenner zu glänzen, den inneren Gehalt eines Werkes der bildenden Kunst geflissentlich ignoriert. Poetischen Werken gegenüber aber stoffelt man "unentwegt" weiter. Wer weiss heute die intimen Feinheiten des Rhythmus in der Prosa zu schätzen? Wie viele Deutsche giebt es, denen die Psalmodik Nietzsches aufgegangen ist? Und gar der Genuss des Verses, wie liegt der im Argen bei uns! Es giebt immer noch Leute bei uns, die sich zu den Gebildeten rechnen und Verse nach Silben auszählen, statt sie nach Betonungen zu empfinden. Und welche Rohheit herrscht gegenüber den eigentlichen Feinheiten der Verssprache. Von poetischen Valeurs, von Tonwerten hat man kaum eine Ahnung, dafür sehen aber Leute, die jede leere Stelle in einem Gemälde peinlich empfinden, über ganze Lagunen in poetischen Werken weg, ohne nur im geringsten irritiert zu werden. Das lyrischste Volk der Welt hat das lyrische Feingefühl so gut wie verloren, und wir haben das Vergnügen, selbst hier, auf unserem eigentlichsten Gebiete, bei den Franzosen in die Schule gehen zu müssen.

Der Eine: Du redest wie ein unverstandener Lyriker.

Der Andere: Nein, ich rede als Einer, dem es leid thut, dass wir eine schöne Fähigkeit verloren haben. Denn es war nicht immer so in Deutschland. Die Briefliteratur aus der weimarschen Zeit zeigt uns, dass unsre Vorfahren, soferne sie wirklich geistig kultiviert waren, auch den Genuss der künstlerischen Sprache kultivierten und ausbildeten.

Der Eine: Kein Wunder, denn damals gab es eine geschmacksgefestete schöne Literatur, damals war man auf einer festen Höhe und übersah die weiten Strecken eines reifen, sicheren Schaffens. Wer aber soll heute zu einem ruhigen Urteil gelangen angesichts dieses geschmacklosen Nebeneinanders von literarischen Gegensätzen? Kaum hat der Naturalismus Alles über den Haufen geworfen, was uns edel und schön dünkte, und schon soll dieser Naturalismus überwunden sein und wird als unkünstlerisch verschrieen.

Der Andere: Musst du denn auf das Geschrei hören? Kannst du nicht einfach ruhig zuschauen? [104] Aber glaube mir nur: am Geschrei ist auch das Publikum schuld. Es setzt sich zu schnell auf irgend einem gewonnenen Standpunkt fest, und umso fester, je wütender es ihn erst abgelehnt hat. So will es sich jetzt auf dem Naturalismus festsetzen, der für manche und nicht die schlechtesten der Schaffenden keineswegs als der Pol gilt, auf dem man sich ausruhen darf. Diese Leute sind euch zu beweglich. Sie rufen aus, wie der Mann im Tristram Shandy: "Sollen wir denn ewig neue Bücher machen, wie die Apotheker neue Mixturen, indem wir blos aus einem Glas ins andre giessen? Sollen wir denn beständig dasselbe Seil spinnen und wieder aufdrehen? Beständig den Seilergang gehn, – beständig denselben Schritt?" Ihr aber gewöhnt euch entsetzlich schnell an das Hinundhergüssicht, und ihr habt eine fatale Vorliebe für den aufdrieselnden Seilergang. Daher kommt dieser Gegensatz zwischen den Schaffenden und denen, die geniessen sollten. Es ist fast eine Feindschaft.

Der Eine: Und daran hat, meinst du, blos das Publikum die Schuld, während die Dichter die grossen Verkannten, die gewaltigen précurseurs sind, hinter denen unsre Lendenlahmheit zurückbleibt?

Der Andere: Schuld – ich weiss nicht. Es kann sich selber wohl keiner ändern. Was fehlt, das ist eine Vermittelung. Hier die Schaffenden, da die Empfangenden. Zwischen diesen beiden müsste es im rechten Maasse Vermittler geben, Leute, die ex officio Kenner und Verkünder wären, unabhängig so von den Einen wie von den Anderen, ganz eingenommen von ihrem Amte, ganz aufgehend in dem Bestreben, jeden wirklichen Wert nicht blos zu erkennen, sondern diese Erkenntnis auch zündend weiter zu tragen.

Der Eine: Und das wären etwa was für Leute?

Der Andere: Berufen scheinen mir dazu die angestellten Lehrer der Literatur an den Universitäten und den höheren Schulen zu sein, aber ich weiss nicht, ob sie alle auch auserwählt sind. Ihr Gegenstück sind für die bildende Kunst die Beamten der staatlichen Kunstpflege, die am Durchbruche der modernen Kunst in den Geschmack des besseren Publikums ein so grosses Verdienst haben. Aber während diese, ohne die Pflege der alten Kunst zu vernachlässigen, sich intensiv mit dem Neuen im Bereiche ihres Studiums beschäftigt und, selbst entgegen der allgemeinen Meinung, dafür gesorgt haben, dass diesem Neuen sein Recht werde, sind Jene zum grossen Teile noch durchweg in der wissenschaftlichen Sichtung der alten Schätze unsres Geisteslebens befangen und halten es für einen Raub an ihrer Würde, wenn sie sich im Gegenwärtigen umsehen.

Der Eine: Der alte Vorwurf! Nieder die Goethephilologie! Platz da den Posaunenbläsern für die Jungen!

Der Andere: Ich denke nicht daran, die Katheder zu stürmen, mein Lieber. Ich wünsche vielmehr durchaus, dass auch die literarischen Beamten der staatlichen Kunstpflege Conservatoren des Alten bleiben, aber sie sollen nicht blos Conservatoren sein, und ihr Ehrgeiz sollte, meiner Meinung nach, sich nicht blos in philologischer Akribie erschöpfen. Es sollten mehr Vorlesungen von der Art gehalten werden, wie sie Professor Litzmann in Bonn gehalten hat, Vorlesungen, die sich nicht blos an die Studenten, an das Publikum, sondern auch an die Dichter richten. Denn ich hege allerdings die Meinung, dass auch Dichter lernen können. Nur muss man sich ihnen gegenüber den alten unleidlichen ästhetisch dekretierenden Ton abgewöhnen, denn ich fürchte, dass den die Dichter nicht vertragen.

Der Eine: Also doch wieder der deutsche Professor als letzter Nothelfer. Ich hätte Dich für radikaler gehalten.

Der Andere: Radikal hin, radikal her. Vor Worten muss man sich nicht fürchten; auch nicht vor dem Wort "Professor." Manchmal steckt doch ein Mensch dahinter. Und es muss eben was geschehen von denen, deren Amt es ist, die Entwickelung der Literatur zu verfolgen.

Der Eine: Du irrst dich: die Herren sind angestellt, bis auf drei Ausnahmen, glaub' ich, die alten Literaturschätze wissenschaftlich sicher zu legen, zu nichts weiter.

Der Andere: Das weiss ich wohl, aber diese Anstellung verbietet es ihnen zum mindesten nicht, auch Ausblicke über das Alte hinaus zu thun. Freilich wäre es an der Zeit, direkt für moderne Literatur mehr Lehrstühle aufzurichten.

Was lachst Du denn?

Der Eine: Du sprachst auch von den Literaturprofessoren an den höheren Schulen. Ich stelle mir da das Gesicht unseres alten Conrektors vor: Wenn man dem zugemutet hätte, von der modernen Literatur zu seinen Primanern zu reden! Heu, heu et iterum heu, et proh dolor!

Der Andere: Sei ruhig, es kommen neue Conrektoren, und die werden über die Neuen vielleicht mehr zu sagen wissen als den Klappervers:

Proveniebant oratores novi, stulti adolescentuli.

[105] Die werden, stell' ich mir vor, sich bemühen, ihren Schülern wenigstens die Grundlagen der Kunst, Poesie zu lesen, beibringen. Ohne an die grossen Alten zu rühren, vielmehr unter stätigem Hinweis auf diese und ihre Entwickelung, werden sie sich bemühen, den Werdegang im geistigen Leben ihres Volkes bis auf die Gegenwart zu verfolgen. Sie werden nicht blos Sprachkunde, sondern auch Sinn für Sprachkunst pflegen und sich bemühen, ihre Schüler auch auf dem Gebiet des modernen Literaturlebens zu gebildeten Leuten zu machen, die den Stümper vom Künstler zu unterscheiden verstehen und sichs in Literaturdingen nicht mit dem Standpunkte des Unterofficiers genügen lassen.

Der Eine: Also der Richtungsskandal auf der Schulbank? Heitere Perspektive!

Der Andere: Du willst mich nicht verstehen. Gerade das, was du andeutest, geschieht jetzt, wenn ich recht berichtet bin. Gerade jetzt werden die jungen Leute häufig noch auf der Schule mit den Schlagworten traktiert, die den Aufenthalt in Literaturkonventikeln zur Qual machen, und man züchtet Leute, die sich kritisch geberden, ohne dass man ihnen wirkliches Interesse und die Fähigkeit zu verstehender Anteilnahme an dem beigebracht hätte, worüber sie reden. Aber gerade darauf und auf der Schule nur darauf kommt es an: dieses Interesse zu bilden, der Jugend es als notwendiges Erfordernis zur wirklichen Bildung einzuprägen, dass man Anteil nehmen muss auch am gegenwärtigen Geistesleben seines Volkes. Um Gotteswillen keine Literaten und keine Literaturschwätzer heranziehen! Nein: nur geneigt und fähig machen zum literarischen Genuss. Das ist es, was fehlt. Der literarische Sinn muss rege und kräftig gemacht werden. Dann wird es vielleicht einmal dahin kommen, dass man auf Reisen nicht blos Engländer und Franzosen mit guter Lektüre in der Hand trifft, während es sich die Deutschen gewöhnlich mit dem Fliegenden-Blätter-Kalender oder einer sensationellen Broschüre genügen lassen.

Der Eine: Du bist ein unzeitgemässer Herr, mein Guter. Hast du vielleicht noch mehr Schmerzen? Da kommt Erhardt, – ihm magst du sie klagen; ich habe genug.

Er hat sogar ein Buch in der Hand. Alle Wetter: in Goldschnitt! Ein Bundesgenosse für dich, – es können nur Verse sein!

Erhardt (beleidigt und empört): Mach keine Witze! Eine neue Skatkarte. Wollen wir?

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Pan.
Jg. 1 (1895/96), Heft 2, Juni 1895, S. 101-105. [PDF]

Gezeichnet: OTTO JULIUS BIERBAUM.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

Pan online
URL: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/pan

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

Aufgenommen in

 

 

Literatur

Austermühl, Elke: Lyrik der Jahrhundertwende. In: Naturalismus, Fin de siècle, Expressionismus: 1890 – 1918. Hrsg. von York-Gothart Mix. München u.a. 2000 (= Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, 7), S. 350-366.



Bierbaum, Otto J.: Münchener Brief. In: Neue Freie Presse. Morgenblatt. 1887, Nr. 8300, 5. Oktober, S. 1-3.
URL: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nfp

Bierbaum, Otto J.: En plein air. In: Neue Freie Presse. Morgenblatt. 1889, Nr. 8815, 9. März, S. 1-2.
URL: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nfp

Bierbaum, Otto J.: Bemerkungen zu Conrad Albertis "Zwölf Artikeln des Realismus". In: Die Gesellschaft. Monatsschrift für Litteratur und Kunst. 1889, Mai, S. 670-673. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: Lyrikerchens Traum. In: Die Gesellschaft. Monatsschrift für Litteratur und Kunst. 1889, September, S. 1294-1297. [PDF]
Aufgenommen in: Otto J. Bierbaum: Erlebte Gedichte. Berlin: Wilhelm Issleib 1892, S. 29-39. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: [Rezension zu:] "Moderne Dichtung." Monatsschrift für Litteratur und Kritik. Herausgeber E. M. Kafka, Redakteur Michel Constantin. Verlag von Rudolf M. Rohrer in Brünn. In: Die Gesellschaft. Monatsschrift für Litteratur und Kunst. 1890, Februar, S. 305-310. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: "Die neue Literatur". In: Moderne Dichtung. Monatsschrift für Literatur und Kritik. Jg. 1, 1890, Bd. 1, Februar, S. 78-86. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: Liliencrons Gedichte [Rezension]. In: Die Gesellschaft. Monatsschrift für Litteratur und Kunst. 1890, April, S. 576-582. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: Deutsche Lyrik von heute. Vortrag, gehalten am ersten öffentlichen Abend der Gesellschaft für modernes Leben. Mit einem Anhang: Über die von der Gesellschaft für modernes Leben geplanten Sonderausstellungen von Werken der bildenden Kunst. München: Verlag der Münchner Handelsdruckerei & Verlagsanstalt M. Poeßl 1891 (= Münchener Flugschriften, II), S. 3-10. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: Die Gesellschaft für modernes Leben. In: Das Magazin für Litteratur. Jg. 60, 1891, 3. Januar, Nr. 1, S. 12-13. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: Die Moderne in München. In: Monatsblätter. Organ des Vereins "Breslauer Dichterschule". Jg. 17, 1891, Nr. 2, Februar, S. 31-32. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: Die Bestrebungen der Moderne in München. In: Das Magazin für Litteratur. Jg. 60, 1891, 7. März, Nr. 10, S. 153-154. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: Die "Modernen" in München. In: Das Magazin für Litteratur. Jg. 60, 1891, 4. Juli, Nr. 27, S. 431-432. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: Liliencrons neue Lyrik [Rezension]. In: Das Magazin für Litteratur. Jg. 60, 1891, 18. Juli, Nr. 29, S. 453-455. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: Erlebte Gedichte. Berlin: Issleib 1892. [PDF]
URL: https://archive.org/details/erlebtegedichte00biergoog (2. Aufl. 1893)

Bierbaum, Otto J.: Freiherr Detlev von Liliencron. Leipzig: Friedrich o. J. [1892] (= Die moderne Litteratur in biographischen Einzeldarstellungen, 5). [PDF]

Bierbaum, Otto J.: Die VI. große internationale Kunstausstellung im kgl. Glaspalast zu München. Zweiter Artikel. In: Das Magazin für Litteratur. Jg. 61, 1892, Nr. 44, 29. Oktober, S. 705-707. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: Zur Einführung. In: Moderner Musen-Almanach auf das Jahr 1893. Ein Sammelbuch deutscher Kunst. Herausgegeben von Otto Julius Bierbaum. München: Albert & Co. o.J. [1893], [S. III-IV]. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: Ein Gespräch. In: Pan. Jg. 1 (1895/96), Heft 2, Juni 1895, S. 101-105. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: Vom modern Lyrischen. In: Die Zeit. Bd. 7, 1896: Nr. 81, 18. April, S. 40-41; Nr. 82, 25. April, S. 56-57. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: Münchener Brief. In: Neue Freie Presse. Morgenblatt. 1896, Nr. 11513, 12. September, S. 1-4.
URL: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nfp

Bierbaum, Otto J.: Ein Privatissimum vom Dichten. In: Die Zeit. Bd 9, 1896, Nr. 109, 31. Oktober, S. 77-79. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: Der Fall Holz. In: Die Zeit. Bd 9, 1896, Nr. 117, 26. Dezember, S. 206-208. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: Der Bunte Vogel von 1897. Ein Kalenderbuch. Berlin: Schuster und Loeffler 1896.
URL: https://archive.org/details/vogelvonachtzehn00bier
S. 148-170: Fritz von Uhde. [PDF]
S. 180-206: Arnold Boecklin. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: Der Bunte Vogel von 1899. Ein Kalenderbuch. Berlin und Leipzig: Schuster & Loeffler 1898.
URL: https://archive.org/details/derbuntevogelvon00bier

Möbius, Martin [= Otto J. Bierbaum]: Steckbriefe erlassen hinter dreißig literarischen Uebelthätern gemeingefährlicher Natur. Berlin u. Leipzig 1900.
URL: https://archive.org/details/steckbriefeerla00bonsgoog

Bierbaum, Otto J.: Einige Bemerkungen zur neuesten deutschen Lyrik. In: Die Insel. Jg. 1, 1899/1900, 3. Quartal, Nr. 9, Juni 1900, S. 378-386. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: Ein Brief an eine Dame anstatt einer Vorrede. In: Deutsche Chansons (Brettl-Lieder) von Bierbaum, Dehmel, Falke, Finckh, Heymel, Holz, Liliencron, Schröder, Wedekind, Wolzogen. Mit den Porträts der Dichter und einer Einleitung von O. J. Bierbaum. Erstes bis drittes Tausend. Berlin u. Leipzig: Schuster & Löffler, Weihnachten 1900, S. V-XVI. [PDF]
URL: https://archive.org/details/deutschechanson00bier [Siebentes bis zehntes Tausend]

Bierbaum, Otto J.: Wo stehen wir? In: Das litterarische Echo. Jg. 4, 1901/02, Heft 1, Oktober 1901, Sp. 1-7. [PDF]

Bierbaum, Otto J.: Liliencron. München u. Leipzig: Müller 1910. [PDF]   –   Sammlung von Bierbaums Schriften zu Liliencron; mit bibliographischen Angaben zur jeweiligen Erstpublikation.

Bierbaum, Otto J.: Gesammelte Werke. In zehn Bänden. Hrsg. von Michael Georg Conrad und Hans Brandenburg. München: Müller 1921/22.
Die Ausgabe war geplant auf 10 Bände; es erschienen aber nur die Bände 1-7.



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Lyriktheorie » R. Brandmeyer