Rainer Maria Rilke

 

 

                                                                          [Rezension]

 

          Hohenklingen.

"Wie droben um den alten Turm
die Stürme jagen behende,
So jage, du Lied, du Lied voll Sturm, Um des Jahrhunderts Wende.

Begraben ward das kranke Geschlecht,
die Zeit ward wieder zu Eisen.
Wir haben wieder ein eisern Recht,
Geisteskönig und Geistesknecht,
und eiserne Weisen."

Wilhelm von Scholz, "Hohenklingen".        

 

Es ist zunächst eitel über ein Gedichtbuch zu sprechen, solange nicht genügend oft und laut gesagt wurde, wie nahe die Lyrik unserer Zeit und ihren Wünschen steht, und daß sie die lauschendste von allen Künsten ist. Sie war das freilich nicht immer. Sie hatte auch Tage, da sie selbstvergessen nach Gunst und Güte des Publikums sich bemühte, die kleinen Hoffnungen des Eintags verherrlichte und unterdrückt, im Dienste vergänglicher Pflichten sich erschöpfte, kurz: populär war, oder modern oder tendenziös.

Dies alles hat sie sich abgewöhnt oder besser: sie wurde dessen entwöhnt. Sie gilt seit einer ziemlichen Weile als harmlose Kinderkunst, und das tüchtige Geschlecht der That und Technik wuchs heraus aus ihrem kleinen und leisen Glück und betrachtet seine wirklichsten Dichter als historische Seltsamkeiten aus den Jahren, "da der Großvater die Großmutter nahm" und als Ausgeschaltete der weiten Lebensleitung, in welcher die starken Ströme hinwachsen. Und diese immer mehr vergessene Nebenkunst ging in die Wüste und wurde weise. Sie wurde die Einsame und die Vertraute der Einsamen. Und, nicht mehr gekettet an das engherzige Heute, fand sie, daß das Morgen ihre Heimat sei, und sie beginnt seither [791] immer mächtiger von seinen Wundern und Wonnen zu erzählen, und von ihr hoffen wir auch die Wege zu erfahren, welche hinüberführen. Das Drama und der Roman sind immer noch Hörige der Menge und müssen wie der Hofnarr erraten, welcher Witz am besten passen mag für die nächste Laune Ihrer Majestät, der Gesellschaft. Selbst die aufrichtigsten Novellen können ihre Absicht nur in vorsichtigen Verkleidungen einführen, denn sie hängen von dem Lächeln des Publikums ab. Nur eine Kunst, von welcher die Menge nicht mehr weiß, konnte ganz wahr und tief werden und bleiben, und statt der Sensationen eines späten Tages die helle Hoheit des nächsten Morgens verkündigen; denn sie mußte nicht den Gelüsten von Hinz und Kunz, sondern der dunklen Sehnsucht ganz Weniger Antwort geben.

Es ist also in der That: die Teilnahmslosigkeit des Publikums hat uns den Sinn der reinen Kunst in der Lyrik erhalten, der in den anderen Kunstgebieten so dunkel und zweifelhaft geworden ist. Der Zweck aller Kunst, in steter Zwiesprache, in innigem Verkehr mit allem reicher, weiter und heiterer zu werden, kann sich in diesem allerpersönlichsten Gebiet am schönsten erfüllen, und die stete Folge intimer, menschlicher Geständnisse kann am klarsten hinter dem durchscheinenden Stoff des Gedichtes durchblicken. Denn das Geständnis eines tiefinnersten Reifens ist letzte Absicht einer jeden Kunst, und jeder Kunststoff nur der Vorwand, sie auszusprechen.

Die Zukunft, deren Verkünder die jungen Dichter sind, hat eine Fülle von Geständnissen vor, und so sind die einen der Schaffenden Propheten eines neuen Leidens, jene die Verheißer eines neuen Glücks oder einer neuen Sehnsucht geworden. Die einen sind fast so leise wie die Dekadenten, und der Profane kann das zage Erzittern ihres Anfangs für die Ermattung eines Endes halten, die anderen sind die Mutigen mit dem Wahlspruch: Blick aufs Ziel ist halber Weg. Denn es giebt solche unter ihnen, welche das Ziel nicht nur ahnen, sondern seinen Glanz dann und wann schauen, wenn ihr Pfad über einen Gipfel führt.

Und nach der Wahl ihres Vorwandes wächst diese junge Kunst. In der Landschaft lösen dem einen sich seine tiefsten Geheimnisse, ein anderer wird Prophet im Gefühl von einem Meere, ein tieferglühender fühlt sich in dem Empfinden des vollen Sommers tönend werden, und wieder einem Nächsten werden seine intimsten Geständnisse in den kühlen Festen des Frühlings laut.

Das Buch vor mir enthält viele verschiedene solche Vorwände zum Erklingen. Einmal wählt Wilhelm von Scholz eine Schmiede, einen Überfall ein anderes Mal, eine Kirche dann, ein Kloster, ein Schloß, eine Schlacht, und in diesen wechselvollen Rahmen findet er jedesmal Raum zu bestimmten, persönlichen Offenbarungen, die interessant, eigenartig und aufrichtig sind. Das genügte, um das Buch zu einer Sammlung wertvoller Gedichte zu machen. Seine Bedeutung liegt aber nicht so sehr in seinen [792] Teilen, sondern in dem, was es als Ganzes ist: Ein einziges reiches Geständnis, und der Vorwand, in welchem es sich löst: eine Zeit.

Wilhelm von Scholz liebt den neuen Menschen, den erdenheimischen, hoffnungshellen Menschen an der Jahrhundertswende, und jede seiner grüßenden Gesten ist ihm vertraut; aber er ist zu ungeduldig und zu ungestüm, Miniaturen zu malen, und statt der Gestalt selbst, zeichnet er ihren riesigen Schatten nach, der ernst und still an der Wand der Vergangenheit aufsteigt, und der die größeren Grenzen und die breiteren Bewegungen hat. Und wie er dieses Schattenbild des modernen Lebens betrachtet, erkennt er eine seltsame Ähnlichkeit: in diesem Dunkel und in diesen Dimensionen ist der Mensch von heute wie eine Gestalt aus der Reformation. Und gläubig giebt sich der Dichter dem Zauber hin, und aus Kindheitserinnerungen taucht ihm die alte Burg "Hohenklingen" und das Kloster Stein am Rhein und das kühle Konstanz mit seinen grauen Giebelgassen auf, und das bekannte Land wächst seinen Menschen unter die Füße und begleitet ihre Feste mit seinem Frühling und baut Türme um ihren Trotz. Und nun erwacht das große Schattenspiel der Reformation in bunten Bildern vor uns: seine Könige und seine Knechte, sein Kampf und seine Kraft. Immer wilder flackert die Flamme der Vernichtung, und immer größer und gigantischer werden die Schatten der Menschen und Berge und Burgen, immer unglaublicher. Bis dann die Sehnsucht nach dem Licht kommt und das ruhige klare Licht selbst. Wie sie da zusammenschmelzen und uns so ähnlich werden und endlich zerfließen in dem stillen Glanz der neuen Zeit, an deren Rand wir warten.

So ist "Hohenklingen".

Ich hätte diesen Eindruck davon nicht empfangen können, wenn die Sprache nicht so voll, der Klang der Verse nicht so klar und der neue Rhythmus nicht so plastisch wäre. Der Bilderprunk alter Gobelins ist darin und zugleich die Zärtlichkeit, mit welcher die Sonne ihre Farben verklärt. Gestalten und Geständnisse: Anfänge und Anklänge einer neuen und reifen Kunst, vielleicht des neuen Epos; denn diesem wäre die Aufgabe offen, das Ewige einer Zeit zu erkennen und zu – lieben!

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Monatsschrift für Neue Litteratur und Kunst.
Jg. 2 (1897/98), Heft 11, August 1898, S. 790-792. [PDF]

Gezeichnet: Viareggio bei Pisa.   Italien.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

Kommentierte Ausgaben

 

 

Literatur

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Heft 4, [2. November-Heft], S. 238-244 (III.)
Heft 5, [1. Dezember-Heft], S. 317-323 (IV.)
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