Wilhelm Worringer

 

 

Abstraktion und Einfühlung

[Auszug]

 

Diese Arbeit will einen Beitrag liefern zur Ästhetik des Kunstwerkes und zwar speziell des dem Gebiete der bildenden Künste angehörigen Kunstwerkes. Damit ist ihr Gebiet klar abgegrenzt gegen die Ästhetik des Naturschönen. Eine solche klare Abgrenzung erscheint von äußerster Wichtigkeit, obwohl die meisten ästhetischen und kunstgeschichtlichen Arbeiten, die sich mit Problemen wie den hier vorliegenden befassen, diese Abgrenzung verschmähen und die Ästhetik des Naturschönen ohne Weiteres in die Ästhetik des Kunstschönen überleiten.

Unsere Untersuchungen gehen von der Voraussetzung aus, daß das Kunstwerk als selbstständiger Organismus gleichwertig neben der Natur und in seinem tiefsten innersten Wesen ohne Zusammenhang mit ihr steht, sofern man unter Natur die sichtbare Oberfläche der Dinge versteht. Das Naturschöne darf keineswegs als eine Bedingung des Kunstwerkes angesehen werden, wenn es auch im Laufe der Entwicklung zu einem wertvollen Faktor des Kunstwerkes, ja teilweise geradezu mit ihm identisch geworden zu sein scheint.

[2] Diese Voraussetzung schließt die Folgerung in sich, daß die spezifischen Kunstgesetze mit der Ästhetik des Naturschönen prinzipiell nichts zu tun haben. Es handelt sich also z.B. nicht darum, die Bedingungen zu analysieren, unter denen eine Landschaft schön erscheint, sondern um eine Analyse der Bedingungen, unter denen die Darstellung dieser Landschaft zum Kunstwerk wird. *

Die moderne Ästhetik, die den entscheidenden Schritt vom ästhetischen Objektivismus zum ästhetischen Subjektivismus gemacht hat, d.h. die bei ihren Untersuchungen nicht mehr von der Form des ästhetischen Objektes, sondern vom Verhalten des betrachtenden Subjekts ausgeht, gipfelt in einer Theorie, die man mit einem allgemeinen und weiten Namen als Einfühlungslehre bezeichnen kann. Eine klare und umfassende Formulierung hat diese Theorie durch Theodor Lipps gefunden. Sein ästhetisches System soll darum als pars pro toto zur Folie der folgenden Ausführungen dienen. **

[3] Denn der Grundgedanke unseres Versuches ist, zu zeigen, wie diese moderne Ästhetik, die vom Begriffe der Einfühlung ausgeht, für weite Gebiete der Kunstgeschichte nicht anwendbar ist. Sie hat ihren archimedischen Punkt vielmehr nur auf einem Pol menschlichen Kunstempfindens. Zu einem umfassenden ästhetischen System wird sie sich erst dann gestalten, wenn sie sich mit den Linien, die vom entgegengesetzten Pol herkommen, vereinigt hat.

Als diesen Gegenpol betrachten wir eine Ästhetik, die anstatt vom Einfühlungsdrange des Menschen auszugehen, vom Abstraktionsdrange des Menschen ausgeht. Wie der Einfühlungsdrang als Voraussetzung des ästhetischen Erlebens seine Befriedigung in der Schönheit des Organischen findet, so findet der Abstraktionsdrang seine Schönheit im lebensverneinenden Anorganischen, im Cristallinischen oder allgemein gesprochen in aller abstrakten Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit.

 

 

[Die Anmerkungen stehen als Fußnoten auf den in eckigen Klammern angegebenen Seiten]

[2] *) Vergl. Hildebrand "Problem der Form": "Die Probleme der Form, welche bei der architektonischen Gestaltung eines Kunstwerkes entstehen, sind keine von der Natur unmittelbar gestellten und selbstverständlichen, sie sind jedoch gerade die absolut künstlerischen;" oder: "Die Tätigkeit der bildenden Kunst bemächtigt sich des Gegenstandes als eines erst durch die Darstellungsweise zu erklärenden, nicht als eines schon an sich poetisch oder ethisch wirkenden oder bedeutsamen." Man lasse sich durch das Wort "architektonisch" bei H. nicht irreführen; es umfaßt bei ihm alle jene Elemente, die aus dem bloß Imitativen ein Kunstwerk machen. Vergl. die Ausführungen im Vorwort zur dritten Auflage, in denen H. sein künstlerisches Credo in klaren Sätzen formuliert.   zurück

**) Diese Beschränkung ist ein Gebot der Not. Denn es kann hier nicht der Ort sein, die verschiedenen Systeme, die von dem psychischen Prozeß der Einfühlung ausgehen, gegeneinander abzuwägen. Deshalb muß auf jede Kritik des Lipp'schen Systems hier verzichtet werden, zumal wir uns nur der allgemeinen Grundgedanken bedienen. Die Entwicklung des Einfühlungsproblems geht bis in die Romantik zurück, die mit künstlerischer Intuition der heutigen Ästhetik ihre Grundanschauung vorweggenommen hat. Eine wissenschaftliche Ausgestaltung erfuhr das Problem dann durch Männer wie Lotze, Friedrich Vischer, Robert Vischer, [3] Volkelt, Groos, Siebeck und schließlich durch Lipps. Näheres über diese Entwicklung möge man in der klaren und verdienstvollen Münchener Dissertation von Paul Stern "Einfühlung und Assoziation in der modernen Ästhetik", München 1897, nachlesen.   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Abstraktion und Einfühlung. Ein Beitrag zur Stilpsychologie. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Bern vorgelegt von Wilhelm Robert Worringer aus Köln am Rhein. Neuwied: Heuser'sche Verlags-Druckerei 1907.

Unser Auszug: S. 1-3 (aus: Theoretischer Teil, I. Kapitel: Abstraktion und Einfühlung)

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Buchausgabe 1908

 

 

Literatur

Böhringer, Hannes u.a. (Hrsg.): Wilhelm Worringers Kunstgeschichte. München 2002.

Curtis, Robin u.a. (Hrsg.): Einfühlung: Zu Geschichte und Gegenwart eines ästhetischen Konzepts. Paderborn u.a. 2009.

Gramaccini, Norberto u.a. (Hrsg.): Hundert Jahre "Abstraktion und Einfühlung". Konstellationen um Wilhelm Worringer. Paderborn 2012.

Höllerer, Walter (Hrsg.): Theorie der modernen Lyrik. Neu herausgegeben von Norbert Miller und Harald Hartung. 2 Bde. Darmstadt 2003.

Lamping, Dieter: Moderne Lyrik. Göttingen 2008.

Marceau, Jean-Claude: Abstraction et Einfühlung. Le modèle intérieur, de Worringer à Kandinsky. In: Pleine marge 38 (2003), S. 27-44.

Meyer, Jutta: "Ich bin eine durch und durch mystisch angelegte Natur". Die expressive Abstraktion in den frühen Schriften Wilhelm Worringers. Berlin 2013.

Müller-Tamm, Jutta: Abstraktion als Einfühlung. Zur Denkfigur der Projektion in Psychophysiologie, Kulturtheorie, Ästhetik und Literatur der frühen Moderne. Freiburg im Breisgau 2005 (= Rombach Wissenschaften; Reihe Litterae, 124).   –   S. 249-287: Abstraktion und Distanz: Wilhelm Worringer und Georg Simmel.

Öhlschläger, Claudia: Abstraktionsdrang. Wilhelm Worringer und der Geist der Moderne. Paderborn 2005.

Öhlschläger, Claudia: Abstraktion im Licht der Faszination. Wilhelm Worringer am Ort des Primitivismus. In: Literarischer Primitivismus. Hrsg. von Nicola Gess. Berlin u.a. 2013, S. 59-73.

Schuhmann, Klaus: Lyrik des 20. Jahrhunderts. Materialien zu einer Poetik. Reinbek bei Hamburg 1995 (= rowohlts enzyklopädie, 550).

Sheppard, Richard: Georg Lukács, Wilhelm Worringer and German expressionism. In: Journal of European studies 25 (1995), S. 241-282.

Williams, Rhys: Wilhelm Worringer and the Historical Avant-Garde. In: Avant-Garde / Neo-Avant-Garde. Hrsg. von Dietrich Scheunemann. Amsterdam 2005 (= Avant Garde Critical Studies, 17), S. 49-62.

Witting, Gunter: Anmerkungen zu einem Kunstgesetz. Arno Holz und Wilhelm Worringer. In: Texte, Bilder, Kontexte. Interdisziplinäre Beiträge zu Literatur, Kunst und Ästhetik der Neuzeit. Hrsg. von Ernst Rohmer u.a. Heidelberg 2000, S. 44-61.



Wilhelm Worringer: Abstraktion und Einfühlung. Ein Beitrag zur Stilpsychologie. Hrsg. von Helga Grebing. Mit einer Einleitung von Claudia Öhlschläger. Paderborn u.a.: Fink 2007.

Worringer, Wilhelm: Schriften. 2 Bände mit CD-ROM. Paderborn: Fink 2004.
S. 1411-1450: Bibliographie.

 

 

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Lyriktheorie » R. Brandmeyer