Friedrich Kurt Benndorf

 

 

Vom lyrischen Idiom

 

Obwohl die lyrische Dichtersprache ihre Ausdrucksmittel mit der Prosasprache teilt, ist sie doch von dieser beinahe ebensoweit entfernt, wie die Sprache der Töne, Farben oder Linien von der Wortsprache. Sie hat ihre eigene (aus einer Logik der Phantasie hervorgehende) Bildlichkeit (<Meta>phorik) ihre eigene Klanglichkeit (Melodik), ihre eigene Wortbewegung (Rhythmik) und ihr eigenes Tempo. Sie ist ein Idiom.

Die potenzierte Bildlichkeit, duch die sich das lyrische Idiom von der konventionellen Sprache hauptsächlich unterscheidet, bedeutet für den Lyriker nicht eine blosse Erhöhung ornamentaler Reize, sondern ist innere Notwendigkeit seines Schaffens. Was die Theoretiker der Poesie etwa unter Trope, Personifikation, Epitheton ornans begreifen, ist ihm kein blosser "Redeschmuck", sondern unmittelbare Anschauungsform.

Was die Poetiker "Figur" getauft haben wie Anaphora, Polysyndeton, Onomatopöie gehört, ebenso wie Assonanz, Alliteration, Reim und Refrain, zur potenzierten Klanglichkeit des lyrischen Idioms.

Was die Poetik als Inversion, Ellipse etcetera bezeichnet und desgleichen jene Freiheit des Wortgefüges, welche die Griechen ὰταξία und die Franzosen beau désordre nennen, ist Bestandteil des differenzierten lyrischen Rhythmus, der seinerseits an ein metrisches Schema (einen "äusseren" Rhythmus), gebunden oder ohne ein solches selbständig sein kann (der plastische und der musikalische Rhythmus)

Bild, Klang und Rhythmus – ins Sinnlichere hinausgesteigert über das in der Prosasprache schon Gegebene – sind im lyrischen Kunstwerk eine völlig untrennbare Einheit, wie in der Musik Melodie, Harmonie und Rhythmus.

 

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Es ist versifizierte Prosa, wenn Goethe sagt:

Hafis Dichterzüge, sie bezeichnen
ausgemachte Wahrheit unauslöschlich,
aber hie und da auch Kleinigkeiten
ausserhalb der Grenze des Gesetzes . . .

Dagegen ist es von Gnaden des lyrischen Urtons, wenn derselbe Goethe "singt":

Wen du nicht verlässest, Genius,
nicht der Regen, nicht der Sturm
haucht ihm Schauer übers Herz –

Viele Gedichte erheben sich – unbeschadet ihrer sonstigen Bedeutung – nur stellenweise zum Niveau des lyrischen Idioms und sind im übrigen metrisch arrangierte Prosa. Zu dieser Halblyrik gehört die Mehrzahl der erzählenden Gedichte (Balladen, Romanzen) und der grösste Teil der Reflexionspoesie.

Und ebenso gibt es zahlreiche Gedichte, die nur die lyrische Gebärde haben: – nur die äusseren Mittel des Metrums und des Reims verwenden und sich mit der Bildlichkeit der Prosa begnügen oder doch nur die schon Gemeingut gewordene poetische Bildlichkeit wiederholen. Beispiele für diese Scheinlyrik lassen sich in unsern "Familienblättern" leicht auffinden.

Anderseits trifft man in erzählenden und dramatischen Werken häufig auf Stellen, die dem lyrischen Idiom mehr oder weniger zugehören. Als Beispiel aus der epischen Literatur diene ein "Leitmotiv" (eine Art Refrain) in dem Novellenband "Tristan" von Thomas Mann, das wenigstens seinem rhythmischen Charakter nach ausserhalb der Prosasprache steht:

" – er wartete, dass sie kommen möge. Aber sie kam keines Weges. Dergleichen geschah nicht auf Erden."

Aus der dramatischen Dichtung sei ein Fragment der Szene in Kleists "Hermannsschlacht" zitiert, wo der römische Legat, an dem die hintergangene [342] Thusnelda ihre schreckliche Rache nimmt, vor dem Bärenzwinger weilt:

"Dies ist der stille Park, von Bergen eingeschlossen,
der auf die Lispelfrage: wo?
mir gestern in die trunkenen Sinne fiel!
Wie mild der Mondschein durch die Stämme fällt! – – "

In Anknüpfung an den letzten Vers dieser Stelle (dessen Inhalt in Prosa lauten würde: "der Mond scheint durch die Bäume") mag hier ein Gedicht von Mombert stehen:

Hoch du heller Mond.
Alles blüht hochüber mir.
Mein Haupt zu heben aus den Kissen.
Mein Haupt zu heben in die Herrlichkeit.
Mein Haupt zu heben in den Gesang.

Sowohl in Kleists metrisch abhängigen, wie in Momberts metrisch unabhängigen (rein rhythmischen) Versen spüren wir die ganze Zauberei, die dem Worte innewohnt, wenn es von Meistern des lyrischen Idioms gehandhabt wird. Die Kunst als solche ist bei beiden Dichtern die gleiche. Aber der Fortschritt in den technischen Ausdrucksmitteln bei dem modernen Dichter enthüllt sich in den kühnen Ideal-Ellipsen zwischen den beiden Abschnitten seines rhapsodischen Gebildes und der Formal-Ellipsen in den Infinitiven der drei letzten Verse mit ihrer überraschenden Klimax.

 

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Das Wort als Sinnwert (Istwert) verhält sich zum Wort als Stimmungswert (Bedeutungswert) wie die Töne der Tonleiter zu den Tönen in einem Tonstück. Wer das lyrische Idiom als Muttersprache besitzt oder in sein Bewusstsein eingedrungen ist, empfindet von vornherein den Anschauungs-Klang- und Betonungswert der Worte und Wortfolgen zugleich mit ihrem Sinnwert; er spricht und liest sie nicht nur, sondern singt, fühlt sie auch; er verbindet unbewusst die blosse optische Wortwahrnehmung mit der akustischen, plastischen und rhythmischen; und wenn er inne wird, dass andere nicht das gleiche tun, so erstaunt er ebenso darüber, wie ein Musiker von absolutem Gehör, dass nicht alle Menschen das absolute Gehör haben.

 

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Wie der Gebrauch entlegener Worte, falls sie nur sinnlich bezeichnend sind, dem lyrischen Idiom durchaus gemäss ist, so gehört auch die analogische Fortbildung sprachlicher Elemente, der Neologismus, zu seinem Wesen. "Car nous voulons la nuance encore!" (Verlaine). So unangebracht Neologismen im Prosastil sein können, so reizvoll wirken sie im lyrischen Stil und so sehr gerechtfertigt sind sie durch dessen musikalischen, malerischen und pathetischen Gestaltungswillen. Sie laufen dem mit lyrischem Sprachgefühl Begabten unter dem Zwange innerer Sensationen ganz von selbst unter.

Es wäre unmöglich, in der Prosasprache zu sagen: die Nacht kommt "über Blumenfelds Gelänge"; – ein Vogel sitzt "gestängelt auf den Aesten der Zypresse"; oder Wortkoppelungen zu bilden wie: "Ameiswimmelscharen", "Blumenwürzgeruch": aber innerhalb des lyrischen Idioms sind diese Goethischen Erfindungen Köstlichkeiten!

Die Moderne ist in der Bereicherung der lyrischen Dichtersprache mit Neologismen auf Goethes Wegen weitergegangen: zahlreiche Belege hierfür liessen sich aus den Werken von Liliencron, Dehmel, George und anderen beibringen. Aus Momberts Werken findet man weiter unten etliche zusammengestellt. Hier seien nur die ausdrucksvollen Kombinationen herausgehoben  " – meine vielgeliebt-geküsste Hand"; – "die mondbekreist-beglänzte Erde".

 

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Der Ausdruck von Gefühl und Stimmung, wie er im lyrischen Idiom zur Darstellung kommt, lässt sich ebensowenig durch Logik auflösen, wie Gefühl und Stimmung selber. Das Unerklärliche, Unbestimmte, Halbbewusste, Schwebende, Verschwiegene, Zerrinnende aus dem jener Ausdruck stammt, gibt ihm seinen Charakter, der ganz verschieden ist vom Ausdruckscharakter unserer als Organ des Verstandes und der Verständigung dienenden Sprache. Klarheit der Anschauung bedeutet für die zum Gefühlsausdruck abgestimmte Sprache etwas anderes als für die Verstandessprache. Ist die Klarheit hier identisch mit absoluter Deutlichkeit, so ist sie dort mit der rätselvoll schillernden Helle eines Bergseegrundes zu vergleichen, oder mit dem Lichte eines Rubins, das gleichsam Tag und Nacht in sich vereinigt. Was von der Warte der Verstandessprache aus am lyrischen Idiom als Unklarheit und Unlogik empfunden wird, ist gerade seine Stärke und Eigentümlichkeit. Es ist dasjenige an einem Gedicht, was nur "durch magnetisch dunkle Kräfte" begriffen werden kann, wie Puschkin in "Onegin" sagt. Es ist das, was dem Lyriker nur dann zu Gebote steht, "wenn ihn der Gott gehoben und keine Vernunft mehr in ihm weilt," wie es Plato umschreibt – das, was Nietzsche kennzeichnet, wenn er, mit dem Blick auf Pindar und die Aeschyleischen Chorgesänge fragt: " – diese kühnsten Verschlingungen des Gedankens, dieser ungestüm sich neu gebärende Bilderstrudel, dieser Orakelton des Ganzen – sollte der griechischen Menge durchsichtig gewesen sein?"

Da Mond und Sonne dir ewig kalt ist,
und dir das Sternengewölbe ewig alt ist,
und in der Finsternis zerreisst dein Gang:
Lausche meinem Gesang.

Diese Strophe mit ihrem fremden und doch vertrauten Klang, mit ihrer Eigenheit in Bild und Wortbewegung, mit ihren jäh sich zusammenschliessenden Linien – ein Organismus, unwiderlegbar – diese Eingangsstrophe zu Momberts "Schöpfung" bietet ein schönes Beispiel für das lyrische Idiom.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Der Sturm. Wochenschrift für Kultur und die Künste.
Jg. 1, 1910/11, Nr. 43, 22. Dezember 1910, S. 341-342. [PDF]

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

Der Sturm online:
URL: http://bluemountain.princeton.edu/index.html
URL: https://de.wikisource.org/wiki/Der_Sturm

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

 

Literatur

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Benndorf, Friedrich Kurt: Gedichte. Auswahl. München u. Leipzig: Piper 1906.
URL: https://archive.org/details/gedichteauswahl00benngoog

Benndorf, Friedrich Kurt: Alfred Mombert. Der Dichter und Mystiker. Leipzig: Xenien-Verlag 1910.

Benndorf, Friedrich Kurt: Vom lyrischen Idiom. In: Der Sturm. Wochenschrift für Kultur und die Künste. Jg. 1, 1910/11, Nr. 43, 22. Dezember 1910, S. 341-342. [PDF]

Benndorf, Friedrich Kurt: Mystik. In: Der Sturm. Wochenschrift für Kultur und die Künste. Jg. 1, 1910/11, Nr. 53, 4. März 1911, S. 421-422. [PDF]

Benndorf, Friedrich Kurt: Alfred Mombert. In: Der Sturm. Wochenschrift für Kultur und die Künste. Jg. 1, 1910/11, Nr. 55, 18. März 1911, S. 436-437. [PDF]

Benndorf, Friedrich Kurt: Naturalismus. Eine Definition. In: PAN. Jg. 2, 1911/12, Nr. 13, 15. Februar 1912, S. 399-402.
URL: https://archive.org/details/Pan1911-122.jgnr.1-45



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Furness, Raymond: Zarathustra's Children. A Study of a Lost Generation of German Writers Rochester, NY u.a. 2000.

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Register

 

 

Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer