Margarete Susman

 

 

Das Wesen der modernen deutschen Lyrik

[Auszug: Lyrisches Ich]

 

Die Ichform war es, die verwirrend auf die Betrachter einwirkte. Je weiter wir aber das Feld unserer Betrachtung historisch abstecken, um so unbegreiflicher erscheint die Verwechslung des lyrischen Ich mit dem [17] einmaligen Ich des Individuums. Das Ich eines Volksliedes, das Ich eines Minnegesanges besitzt die Allgemeinheit, die das Lied im Munde jedes fühlenden Menschen, wenigstens eines gewissen Alters oder Standes, gleich angemessen erscheinen läßt. Kein Individuum, keine bestimmte Einzelseele, sondern der alternde Mensch singt das unsterbliche Lied: "O weh, wohin geschwunden sind alle meine Jahr! Hat mir mein Leben geträumet oder ist es wahr?" Und in noch weiterem Sinn ist in der Lyrik der Mystik das Ich eine allgemeine Form: die ewige Form der Menschenseele.

Je mehr wir uns der eigenen Zeit annähern, um so tiefer und schwieriger verwickelt sich freilich das lyrische Ich mit dem einmaligen Ich des Individuums, aber das künstlerische Grundprinzip der Lyrik kann darüber nichts von seiner Strenge einbüßen; das lyrische Kunstwerk hat nicht weniger Kunstwerk zu sein, das lyrische Ich darf um nichts weniger objektiv sein, weil ein individuelles Ich es bestimmt und hervortreibt. Wenn es darum auch in dieser Zeit begreiflicher wird, daß das lyrische Ich mit dem subjektiven verwechselt werden und so der sich selbst aufhebende Irrtum einer "subjektiven Kunst" entstehen konnte – so muß doch andererseits [18] gerade aus dieser extremen Entwicklung der Lyrik ihr Grundgesetz in größerer Absolutheit hervorgehen.

Das lyrische Ich, das vom allgemeinsten Ich, vom Vertreter und Mund einer allgemeinen Weise zu fühlen, ausgeht und bis zum Ausdruck des kompliziertesten einmaligen Individuums unserer Zeit gelangen konnte, ohne seinen künstlerisch objektiven Charakter im mindesten einbüßen zu dürfen, noch einzubüßen, beweist eben hieran am klarsten die Einheit seines Wesens – diese durchgehende Einheit, die darin beruht, daß es kein Ich im real empirischen Sinne, sondern daß es Ausdruck, daß es Form eines Ich ist. Diese Tatsache ist übersehen worden. Es ist kein gegebenes, sondern ein erschaffenes Ich, das, wie das Kunstwerk selbst, völlig unabhängig von seinen individuellen oder allgemeinen Inhalten seinen rein formalen Charakter bewahrt. Der Dichter findet dieses Ich nicht in sich vor, sondern ähnlich den redenden und handelnden Gestalten eines Dramas muß er auch das lyrische Ich erst aus dem gegebenen erschaffen. So wenig wir in der Plastik oder Malerei eine unumgeformte natürliche Gestalt, so wenig können wir eine solche in der Dichtkunst – sei sie Drama, Epos oder Lyrik – ertragen. Das lyrische Ich aber, das an Objektivität nicht hinter [19] der einzelnen Gestalt eines Dramas zurückstehen kann, muß sie prinzipiell an umfassender Kraft und Weite übertreffen, weil es die Sammlung aller im Dichter schlummernden Gestalten in einer sein Ganzes vertretenden Gestalt ist. Von den Gestalten aller Künste unterscheidet sich das lyrische Ich dadurch, daß es die einzige Gestalt im Kunstwerk ist, die, deren Inhalte den ganzen Umfang des Kunstwerks ausfüllen und die allein seine Richtung, seine Welt festlegt.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Margarete Susman: Das Wesen der modernen deutschen Lyrik. Stuttgart: Strecker & Schröder 1910 (Kunst und Kultur, Band 9).

Unser Auszug: S. 16-19.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Kommentierte Ausgabe

 

 

Literatur

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PURL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hebis:30:2-223884

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Susman, Margarete: Expressionismus. In: Frankfurter Zeitung und Handelsblatt. 1918, Nr. 219, Erstes Morgenblatt, 9. August, S. 1.
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Susman, Margarete: Aufblick. In: Frankfurter Zeitung und Handelsblatt. 1918, Nr. 317, Erstes Morgenblatt, 15. November, S. 1.
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Susman, Margarete: Gestalten und Kreise. Stuttgart u.a.: Diana-Verlag 1954.

Susman, Margarete: Stefan George. In: Stefan George und die Nachwelt. Dokumente zur Wirkungsgeschichte. Bd. 2. Hrsg. von Ralph-Rainer Wuthenow. Stuttgart: Klett-Cotta 1981, S. 196-217.   –   Zuerst 1954.

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Verzeichnisse

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S. 383-395: Bibliographie M. Susman.

Lexikon deutsch-jüdischer Autoren. Bd. 20. Berlin u.a.: de Gruyter 2012.
S. 3-17: Art. Susman.

Egyptien, Jürgen: Art. Susman. In: Stefan George und sein Kreis. Ein Handbuch. Hrsg. von Achim Aurnhammer u.a. Bd. 3. Berlin u.a.: De Gruyter 2012, S. 1702-1706.




Ueckert, Charlotte: Margarete Susman und Else Lasker-Schüler. Hamburg 2000 (= EVA-Duographien, 10).

Vasić Daki, Marija Z.: Käte Hamburgers Theorie der Dichtungsgattungen. Die theoretischen Grundlagen der "Logik der Dichtung". Stuttgart 2005 (= Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik, 406).

Walzel, Oskar: Leben, Erleben und Dichten. In: Internationale Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik. Bd. 6, 1912, Nr. 11, August, Sp. 1397-1440. [PDF]
Zu Susman vgl. Sp. 1422 u. 1435.

Walzel, Oskar: Schicksale des lyrischen Ichs. In: Das literarische Echo. Halbmonatsschrift für Literaturfreunde. Jg. 18, 1915/16: Heft 10, 15. Februar 1916, Sp. 593-600; Heft 11, 1. März 1916, Sp. 676-683. [PDF]
Zu Susman vgl. Sp. 678.

Walzel, Oskar: Das Wortkunstwerk. Mittel seiner Erforschung. Leipzig: Quelle und Meyer 1926.
S. 260-276: Schicksale des lyrischen Ichs. [PDF]

Weiss-Sussex, Godela: Jüdin und Moderne. Literarisierungen der Lebenswelt deutsch-jüdischer Autorinnen in Berlin (1900-1918). Berlin 2016.

 

 

Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer