Kurt Hiller

 

 

Gegen "Lyrik"

 

Man höre endlich auf, von "Lyrik" zu reden. Dieses Wort riecht fade und nach Allegorie; an eine Leier erinnert es, die sehr geschwungen aussieht und von seelenvollen Wurstfingern einer weiblichen Gestalt (Muse) geschlagen wird; emphatisch gequetschter Speck sind die Finger, die Gestalt aber blickt gen Himmel und ist von Gulbransson gezeichnet.

Dazu kommt, dass viele Leute das y in "Lyrik" wie i sprechen, wodurch der Wahn gefördert wird, ein gutes Gedicht müsse sangbar sein.

. . Neben den Referaten über einen Ausschnitt Welt (Roman, Novelle), neben dem auf die Beine gestellten Stück Schicksal (Drama), neben den philosophäden Mischformen (Dialog, Glosse, Essay) haben wir nun einmal jene musikhafte Art: wie man aus [415] tausend morgenländischen Rosenblättern ein einziges Tröpfchen Rosenöl presst, so aus einer Unzahl von grossen, kleinen Erlebnissen (Erfahrungen und Erfahrbarkeiten der Sinne, geliebt-gehassten Problemdurchschnüffelungen, Vibrationen des namenlosen – <"metaphysischen"> – Zentrums) einen einzigen kleinen Komplex von Worten zusammenzustampfen; Komplex von Worten, der ein geordnet holdes Vagieren ist und worin die allerhand irdischen Sensationen – von den optischen bis zu den tastnervösen –, das allerhand Cerebrale, die allerhand Wollungen ineinanderschmilzen und einig zusammenfliessen mit dem Weltgefühl, das unsere Seele kennt. All dies kraft einer Vision gemischt und gefasst in das Gesetz einer Form –: das Gedicht ist da.

Warum aber der Name "Lyrik"? Hat denn dergleichen mit Lyra und Lied etwas zu schaffen? Mit fahrenden Sängern und dem pfeifenden Handwerksbursch? Mögen immer die strengen Magister der Fröhlichkeit, die behaglichen Lobpreiser einer gemeinverständlichen Melancholie, kurzum die (so aufrichtigen) Verfechter des klassischen und romantischen Volksgedudels diese Frage bejahen: das Beste von Goethe und die tränentreibende Wunderpracht, die Hölderlin, George, Rilke uns geschenkt, "Lyrik" zu nennen – darüber lacht mein Ohr und krümmt sich mein Sprachgefühl. Wenn wirklich Bezeichnungen wie Gedicht, Dichtung, Wortkunst nicht genügen, dann ziehe ich der "Lyrik" immer noch die "Poesie" vor – trotz allen Anklängen an Goldschnitt und Goldschmidt. "Poesie" kommt schliesslich, ohne sich zu zieren, von ποιεῖν, machen, und heisst (falls das Einzelwerk gemeint ist) immerhin Machsal. Wogegen sich garnichts einwenden lässt; da doch jedes Gedicht komponiert, ziseliert, gemeisselt werden .. da jedes Gedicht am Ende qualvoll "gemacht" sein will. Wenn steifbeinige Prophetensöhne dies Fakt bestreiten und kühn behaupten, ein Gedicht müsse "nicht gemacht, sondern gewachsen" sein, so zeigt das nur, wie leicht Masochismus sich in alberne Theorien umsetzt . . .

Nun brauchte man sich ja über eine inadäquate Bezeichnung nicht besonders aufzuregen; aber diese hier birgt Gefahren. Sie ist gefährlich der Kunst jener Ersehnten, Kommenden, Köstlichen, welche Bedichter sind unserer grausig geliebten Städte; Gestalter unserer intellektischen Ekstasen, eisigen Gluten, süssen Flagellationen; unerhörte Zusammenraffer alles in letzten Menschen unerhört Durcheinanderwirbelnden. Diese kommende Kunst wird den Assoziationen von "Lyrik", die der mittlere und auch der bessere Bürger notwendigerweise hat, noch heftiger zuwiderlaufen als selbst der Georgesche Brokat und die erschütternde Kondensiertheit Rilkescher Gesichte. Dieser kommenden Kunst, aus der auch die allerletzten Rudimente von Waldesgrün und Lerchensang, von Herz und Schmerz und Lust und Brust, von Sinnigkeit und Innigkeit und Kühen auf der Weide verduftet sein werden –: jeder schöngeistige Advokat und jede Lyzeumsziege wird dieser Kunst einfach das Dasein absprechen. Und ich höre schon, als Argument, entrüstet gefistelt die rhetorische Frage: "Ist denn das noch Lyrik?!"

Man wird dem Schöngeist und der Ziege sich sehr konträr fühlen, und wird dennoch sagen müssen: "Nein, Euer Liebden; Lyrik nun freilich ist dieses nicht!" – worauf dann der fatale Begriffsstreit entbrennt.

Rotten wir jedoch den dämlichen Terminus beizeiten aus, so werden Schöngeist und Ziege sich schon ein anderes Argument suchen müssen; und der Nachweis, dass sie Zulus sind, gestaltet sich dann bequemer.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Der Sturm. Wochenschrift für Kultur und die Künste.
Jg. 1, 1910/11, Nr. 52, 25. Februar 1911, S. 414-415. [PDF]

Gezeichnet: Kurt Hiller.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien). Die falsche Seitenzählung des Originals wurde korrigiert; ein weiterer Druckfehler (S. 415) korrigiert.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Kurt Hiller Gesellschaft e. V.

Der Sturm online:
URL: http://bluemountain.princeton.edu/catalog.html

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

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Kommentierte Ausgaben

 

 

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