Rudolf Borchardt

 

 

Neue Poesie und alte Menschheit

Rede gehalten in Heidelberg 15.1.1912

 

[Auszug]

 

Die aesthetische Bewegung in Deutschland, die sich als unfähig erwiesen hat, die Nation zu vertreten, und gewissermaßen überall ihre Zahlungen einstellt, ist das Geschöpf und das Kennzeichen meiner Generation gewesen und ein Teil meines inneren Lebens selber, sodaß ich den Anspruch erheben darf als Zeuge für sie aufzutreten. Nichts kann Ihnen eine Vorstellung von dem Rausche der Begeisterung geben mit der wir ihr Auftreten unter uns selber begrüßten. Die Fabeln wurden wahr; die Schwere der Welt war aufgehoben, unter uns, aus unserer eigenen Mitte entstanden Jünglinge die mit Zungen redeten, entwickelte sich ein Stil der wie eine zugreifende Faust alles Flüchtige, alles Widerstrebende und Empörte der Welt ergriff und bändigte, constituierte sich eine neue Gesinnung, der wir die Kraft zutrauten alle Um[159]gebung sich gleichzuzwingen und das Erbe der abgetretenen deutschen Art zu übernehmen. Die Vergangenheit entzündete sich uns an der Gegenwart und wie ein neuer Firnis aus einem gedunkelten Gemälde das Leben der Lichter herausholt, so entzündete sich uns die Antike, so glühte Goethe uns dunkel auf. Ein Zauberschlüssel schien uns in die Hände gegeben zu sein, dem keine noch so drohende Tür widerstehen durfte, pedantisch erschienen uns die Scheidungen und die Verbote, die uns von der grauen Weisheit vergangener Jahrhunderte überliefert die Bereiche der Literatur und die Grenzen der Bereiche stabilierten. Was schien nicht möglich? Welcher neue Schritt galt uns nicht für eine voll zurückgelegte Reise? So schön, so selig, so geheimnisvoll waren die zwei oder drei lyrischen Individuen, die ihre Eigenheit vor uns aussangen, die ihren Sonderfall vor uns statuierten, daß wir kaum nach einer Beziehung dieser Sonderfälle auf das Allgemeine Menschenwesen fragten, daß wir höchstens stutzten und lachten, wenn wir das Publikum, diesen Vertreter des Volkes und der Menschheit, vor uns sich gegen diesen Sonderfall zur Wehre setzen, ihn abweisen und ignorieren sahen. Ohnmächtig deuchte uns der Widerstand gegen diese musische Herrlichkeit, die sich gebieterisch octroyieren mußte, früher oder später, die wir zu octroyieren versuchten, soweit unsere Kräfte uns trugen, soweit unser Enthusiasmus Schwingen hatte uns zu tragen. Es waren nur Gedichte, nur lyrische Gedichte? Aber das Gedicht war die Urzelle des neuen Kunstorganismus und würde sich zum Leibe aufbauen, Zelle auf Zelle, zu einem Roman wie die Welt ihn noch nicht gesehen, zu einem Drama wie es noch nie ein Parterre erschüttert hatte. Schon drang die neue Prosa, ehern hier, goldgespinstig da, dem süßen neuen Stile des Verses auf der Verse nach, und auch aus ihr hauchte die neue Magie eines Tones von Seeleneinsamkeit und Seelenzauber, die uns auf die Kniee warf. Was blieb im Grunde noch zu tun? Ein Schritt, aber der letzte, und il n'y a que le dernier pas qui <coûte>. Was stand nur aus um uns dem Gipfel zuzubringen? Ein Flügelschlag und hinter uns Aeonen.

In einem Kreise wie diesem, der sich nach dem Drama nennt, und Studium und Pflege des Dramatischen zu seinen Hauptgeschäften rechnet, bin ich des Verständnisses von vornherein sicher, wenn ich nun anzudeuten beginne, welcher Fehler in der schwärmerischen Rechnung steckte und bis heute geblieben ist – bis heut wo die falschen Resultate ihn aufzeigen. Der Sturm der großen Jünglinge, die vor fünfzehn Jahren sich der Führung der deutschen Poesie bemächtigten, brach sich am Theater. Er hätte sich genau [160] so am Romane gebrochen, fast genau so an der Novelle, ganz so am gesunden Liede, wenn gesungene Lieder heut auf Ihren und unseren Lippen schwebten, sobald sie eine dieser Gattungen versucht hätten. Sie strebten aber zum Drama, mit dem dunklen Gefühle, das den Menschen auf den Punkt seiner Lebensprobe hintreibt. Und solange sie darauf beharrten sie selber zu sein, hat das Theater ihnen widerstanden – wir dürfen sagen, gottlob, daß es ihnen widerstanden hat. Was alles von alter vornehmer Institution des deutschen geistigen Wesens vor ihnen die Segel gestrichen hat, das Theater steht fast unerobert. Wir müssen zusehen, warum.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Die neue Rundschau.
Jg. 65, 1954, Heft 1, S. 153-166.

Unser Auszug: S. 158-160.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Kommentierte Ausgabe

 

 

Literatur

Borchardt, Rudolf: Wiener Dichter in Bonn. In: Bonner Zeitung. 1898, Nr. 121, 24. Mai, S. 2.
URL: http://digitale-sammlungen.ulb.uni-bonn.de/ulbbnz/periodical/titleinfo/335140

Borchardt, Rudolf: Brief an Helene Borchardt (4.12.1898). In: Rudolf Borchardt: Briefe 1895-1906. Text. Hrsg. von Gerhard Schuster. München u.a. 1995, S. 45-48.

Borchardt, Rudolf: Das Gespräch über Formen und Platons Lysis deutsch. Leipzig 1905.

Borchardt, Rudolf: Rede über Hofmannsthal. Öffentlich gehalten am 8. September 1902 zu Göttingen. Leipzig 1905. [PDF]
Auslieferung April 1907; vgl. Rudolf Borchardt: Verzeichnis seiner Schriften. Bearbeitet von Ingrid Grüninger in Verbindung mit Reinhard Tgahrt. München u.a. 2002, Nr. 506.

Borchardt, Rudolf: Dante und deutscher Dante. In: Süddeutsche Monatshefte. Jg. 5, 1908, Oktober, S. 548-570. [PDF]

Borchardt, Rudolf: Stefan Georges Siebenter Ring. In: Hesperus. Ein Jahrbuch. 1909, S. 49-82.
URL: https://archive.org/details/hesperuseinjahrb00leip

Borchardt, Rudolf: Intermezzo. In: Süddeutsche Monatshefte. Jg. 7, 1910, Dezember, S. 694-716. [PDF]


Grüninger, Ingrid (Bearb.): Rudolf Borchardt. Verzeichnis seiner Schriften. München u.a. 2002.




Brandmeyer, Rudolf: Poetiken der Lyrik: Von der Normpoetik zur Autorenpoetik. In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart u.a. 2011, S. 1-14.

Burdorf, Dieter u.a. (Hrsg.): Rudolf Borchardt und die Klassik. Berlin 2016.

De Angelis, Enrico: Rudolf Borchardt und der Symbolismus. In: Rudolf Borchardt, 1877 - 1945. Referate des Pisaner Colloquiums. Hrsg. von Horst Albert Glaser. Frankfurt a.M. u.a. 1987, S. 207-230.

Hamburger, Michael: 1912. In: Ders., Reason and Energy. Studies in German Literature. London 1957, S. 213-236.

Höllerer, Walter (Hrsg.): Theorie der modernen Lyrik. Neu herausgegeben von Norbert Miller und Harald Hartung. 2 Bde. Darmstadt 2003.

Jauß, Hans R.: Die Epochenschwelle von 1912: Guillaume Apollinaires 'Zone' und 'Lundi Rue Christine'. In: Ders., Studien zum Epochenwandel der ästhetischen Moderne. Frankfurt a.M. 1989 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 864), S. 216-256.

Kauffmann, Kai (Hrsg.): Dichterische Politik. Studien zu Rudof Borchardt. Bern u.a. 2002.

Knödler, Stefan: Rudolf Borchardts Anthologien. Berlin u.a. 2010.

Lamping, Dieter: Moderne Lyrik. Göttingen 2008.

Loerke, Oskar: Von der modernen Lyrik. In: Zeit im Bild. Moderne illustrierte Wochenschrift. Jg. 10, 1912, Nr. 27, 27. Juni, S. 691. [PDF]

Matz, Wolfgang: Eine Kugel im Leibe. Walter Benjamin und Rudolf Borchardt. Judentum und deutsche Poesie. Göttingen 2011.

Neumann, Markus: "Aus der Schule in die Freiheit". Zu Borchardts Lyrik nach dem Ästhetizismus. In: George-Jahrbuch 9 (2012/13), S. 159-177.

Osten, Gert von der: Europäische Kunst 1912. In: Europäische Kunst 1912. Zum 50. Jahrestag der Ausstellung des Sonderbundes Westdeutscher Kunstfreunde und Künstler in Köln, 12. Sept. bis 9. Dez. 1962 [Ausstellungskatalog]. Köln 1962, S. 9-15.

Osterkamp, Ernst (Hrsg.): Rudolf Borchardt und seine Zeitgenossen. Berlin u.a. 1997.

Schaefer, Barbara (Hrsg.): 1912 – Mission Moderne. Die Jahrhundertschau des Sonderbundes. Köln 2012.

Schuhmann, Klaus: Lyrik des 20. Jahrhunderts. Materialien zu einer Poetik. Reinbek bei Hamburg 1995 (= rowohlts enzyklopädie, 550).

Sprengel, Peter: Rudolf Borchardt. Der Herr der Worte. Eine Biographie. München 2015.

 

 

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