Karl Henckell

 

 

Zur Kritik der Lyrik

 

Soll eine Kritik der Lyrik schöpferisch und lebenzeugend wirken, so muß sie ihre Maßstäbe und Wertungen in erster Linie auch von der Stelle nehmen, wo der Zeiger auf die wahren Zentralkräfte alles Lebens und Geschehens deutet. Das will sagen: Der Kritiker muß als erste Vorbedingung ein eigenes, persönlich geartetes, unmittelbares Verhältnis zu den Natur- und Lebensmächten mitbringen, die in ihrer Gesamtheit und vielfältigen Fülle den Ur- und Grundgehalt aller notwendigen Kunst, also auch aller notwendigen Lyrik ausmachen. Wer lyrische Werte erfühlen will, muß zunächst lebendige Werte überhaupt erfühlen können, sonst ist er ein armer Schächer, der sich und die Welt mit Worten plagt und hat vom Worte Gottes oder des Lebens selbst keinen Hauch verspürt.

Lyrik ist von innerer Sprachmusik erfüllte Dichtung. Lyrik ohne innere Gewalt rhythmischen Zaubers ist ein Baum ohne Wurzel, ein Fluß ohne Quelle. Wir mögen von Phantasie, Gefühl, Leidenschaft, Plastik, Traumhaftigkeit, Symbolik, von der subjektivsten aller Künste und dergleichen mehr reden – haben wir es mit Lyrik zu tun, so haben wir es ganz und gar mit Dichtung zu tun, der ein tiefes, sprachmusikalisches Grundelement innewohnen muß. Sonst reißen wir sie von ihrem entwicklungsgeschichtlich, biologisch und psychologisch gegebenen Mutterboden los und hängen sie schwankend in leere Begriffsluft, wo sie vor lauter Willkürlichkeit schließlich vollkommen verschwimmt. Wo in den verschiedenen Gattungen der Dichtkunst, mögen sie eine Bezeichnung führen, welche sie wollen, oder welche ihnen aus anderen Normen vorwiegend zukommt, wo nur immer, sage ich, Stellen vorhanden sind, an denen die besondere Fügung der Worte unmittelbare sprachmusikalische Gesetzmäßigkeit und rhythmische Kristallisationstendenz verrät, da ist auch Lyrik. Wenn also das Epos oder das Drama irgendwie eine Verbindung mit dieser grunddichterischen Wesensart eingeht, so lebt es und wirkt es auch vermöge des lyrischen Elements. Und wenn andererseits dies lyrische Element sich handlungs- oder erzählungshafter Vorgänge bemächtigt, so bildet es eben die Formen episch-dramatischer Lyrik, die wir in allen Spielarten seit Jahrtausenden besitzen und kennen. Hüten wir uns davor, allzu schematisch vom Begriff der Lyrik zu reden und ihn von vorneherein zu den Begriffen des Dramas oder des Epos in ausschließenden Fachgegensatz zu bringen. Das zieht Ketten von toten Begrifflichkeiten nach sich, die keinen Hund vom Ofen locken, wo es sich um fruchtbare Bewertung lebensvoller dichterischer Kräfte, Bildungen und Beziehungen handelt. Es ist der Fluch des bloß Schematischen, mit dem Schemenhaften verwandt zu sein – man kann in diesem Fall nicht einmal bildlich blutsverwandt sagen, denn gerade das Blut ist es, was dem Schemen gemeinsam fehlt.

[130] Wenn ich aber an Lyrik denke, und lasse dabei für einen Moment die lyrische Lebensflut, wie sie uns aus tausend und abertausend Dichtungen entgegenquillt, brausend und rieselnd durch meinen Sinn ziehen, so höre ich das Blut der Menschheit in Worten singen. Durch eine zwingende Verbindung von Worten wird mein inneres Gehör in dem Grade gereizt, daß ich dem so seltsam und ungewöhnlich Ausgedrückten innerlich nachhaltig lausche und den rhythmisch vermittelten Lebensgehalt meinem Wesen mit ganz besonderer Lust vermähle.

Zur Kritik der Lyrik gehört also abgesehen von einem starken und ausgedehnten Lebensgefühl, vor allem auch ein angeborenes und hochentwickeltes rhythmisches Gefühl. Wer nicht hervorragend Rhythmus im Leibe hat, soll lieber Steinklopfer werden als Kritiker von Gedichten. Es ist ihm das umsomehr anzuempfehlen, als er bei Ausübung dieses höchst ehrenwerten Berufes die beste Gelegenheit findet, mit gutem Willen sein rudimentäres rhythmisches Organ wenigstens notdürftig zu entwickeln und zu lernen, wie man pochender Weise mit dem Schlägel philosophiert. Ganz davon abgesehen, daß es beinahe einträglicher ist, – wenn man's nur nicht so hinschludert – Steine zu klopfen als Lyrik zu rezensieren. Zur Warnung für solche, die "kompetent" werden wollen!

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Die Lese. Wochenschrift für das deutsche Volk.
Jg. 4, 1913, Nr. 9, [März], S. 129-130.
URL: https://archive.org/details/dielesewochensch1913unse

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

Mit Änderungen aufgenommen in

 

 

Literatur

Blei, Franz: Karl Henckell. Ein moderner Dichter. Studie. Zürich 1895. [PDF]

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Henckell, Karl: Poetisches Skizzenbuch. Mit einem Vorwort von Heinrich Hart. Minden i. Westf.: Bruns 1885. [PDF]
URL: https://archive.org/details/bub_gb_Zzk9AQAAMAAJ

Moderne Dichter-Charaktere. Hrsg. von Wilhelm Arent. Berlin: Selbstverlag des Herausgebers 1885. [PDF]
URL: https://archive.org/details/modernedichterc00hencgoog
S. V-VII: Karl Henckell: Die neue Lyrik. [PDF]

Henckell, Karl: Ueber Volkslitteratur. In: Berliner Monatshefte für Litteratur, Kritik und Theater. Bd. 1, 1885, Heft 6, September, S. 559-571. [PDF]

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Hamburg: Meißner 1886. [PDF]
URL: https://archive.org/details/quartettdichtung00hencuoft

Henckell, Karl: Strophen. Zürich: Verlags-Magazin (J. Schabelitz) 1887.
URL: https://archive.org/details/bub_gb_szg9AQAAMAAJ

Henckell, Karl: Amselrufe. Neue Strophen. Zürich: Verlags-Magazin (J. Schabelitz) 1888.
URL: https://archive.org/details/bub_gb_iyQtAAAAYAAJ

Henckell, Karl (Hrsg.): Buch der Freiheit. Berlin: Vorwärts 1893.
URL: http://archive.org/details/buchderfreiheit00unkngoog

Henckell, Karl: Gedichte. Zürich u. Leipzig: Henckell 1898.
URL: http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/content/titleinfo/154650

Henckell, Karl: Deutsche Dichter seit Heinrich Heine. Ein Streifzug durch fünfzig Jahre Lyrik. Berlin: Bard u. Marquardt 1906.
URL: http://archive.org/details/deutschedichter00hencgoog
URL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:061:1-486043

Henckell, Karl: Zur Kritik der Lyrik. In: Die Lese. Wochenschrift für das deutsche Volk. Jg. 4, 1913, Nr. 9, [März], S. 129-130.
URL: https://archive.org/details/dielesewochensch1913unse

Henckell, Karl: Lyrik und Kultur. Neue Vorträge Zu Leben und Dichtung. München u. Leipzig: Hans Sachs-Verlag 1914.
URL: http://archive.org/details/lyrikundkulturn00hencgoog

Henckell, Karl: Gesammelte Werke. Bd. 5: Buch der Saat. München: Müller 1923.
Enthält Aufsätze und andere kleine Schriften (1882 – 1923); alle Texte datiert, aber ohne Quellenangaben. [PDF]



Verzeichnisse

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Einziges Ex. in: Stadtbibliothek Hannover, Sign.: Nds 399Henck2.

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Die im Literaturverzeichnis des Artikels angegebene "Karl Henckell-Bibliographie" ist nach Auskunft des Fritz-Hüser-Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt "vermutlich nie erschienen" (29.01.2009).




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Hüser, Fritz: Art. Henckell. In: Neue Deutsche Biographie. Bd. 8. Berlin 1969, S. 519-520.   –   Die im Literaturverzeichnis des Artikels angegebene "Karl Henckell-Bibliographie" ist nach Auskunft des Fritz-Hüser-Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt "vermutlich nie erschienen" (29.01.2009).

Lamping, Dieter: Moderne Lyrik. Göttingen 2008.

Schmid, Karl Fr. (Hrsg.): Karl Henckell im Spiegel seiner Umwelt. Aufsätze, Briefe, Gedichte als Gedenkschrift gesammelt und herausgegeben. Lepzig 1931

Schuhmann, Klaus: Lyrik des 20. Jahrhunderts. Materialien zu einer Poetik. Reinbek bei Hamburg 1995 (= rowohlts enzyklopädie, 550).

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Lyriktheorie » R. Brandmeyer