Rainer Maria Rilke

 

 

Über den jungen Dichter

[Auszug]

 

Das große Gedicht. Wie ich es sage, wird mir klar, daß ich es, bis vor Kurzem, als ein durchaus Seiendes hingenommen habe, es jedem Verdacht der Entstehung hochhin entziehend. Wäre mir selbst der Urheber dahinter hervorgetreten, ich wüßte mir doch die Kraft nicht vorzustellen, die soviel Schweigen auf ein Mal gebrochen hat. Wie die Erbauer der Kathedralen, Samenkörnern vergleichbar, sofort aufgegangen waren, ohne Rest, in Wachstum und Blüte, in dem schon wie von jeher gewesenen Dastehn ihrer, aus ihnen nicht mehr erklärlichen Werke: so sind mir die großen vergangenen und die gegenwärtigen Dichter rein unfaßlich geblieben, jeder einzelne ersetzt durch den Turm und die Glocke seines Herzens. Erst seit eine nächste, herauf und gleich ins Künftige drängende Jugend, ihr eigenes Werden im Werden ihrer Gedichte nicht unbedeutend zur Geltung bringt, versucht mein Blick, neben der Leistung, die Verhältnisse des hervorbringenden Gemüts zu erkennen. Aber auch jetzt noch, da ich zugeben muß, daß Gedichte sich bilden, bin ich weit entfernt, sie für erfunden zu halten; vielmehr erscheint es mir, als ob in der Seele des dichterisch Ergriffenen eine geistige Prädisposition herausträte, die schon zwischen uns (wie ein unentdecktes Sternbild) gespannt war.

Betrachtet man, was an schöner Verwirklichung [1054] schon jetzt für einige von denjenigen einsteht, die ihr drittes Jahrzehnt kürzlich angetreten haben, so könnte man fast hoffen, sie würden in kurzem, alles, woran in den letzten dreißig Jahren unsere Bewunderung groß geworden ist, durch das Vollzieherische ihrer Arbeit zur Vorarbeit machen. Es müssen, das ist klar, die verschiedensten Umstände sich günstig verabreden, damit ein solches entschlossenes Gelingen möglich sei. Prüft man diese Umstände, so sind der äußeren so viele, daß man es am Ende aufgiebt, bis zu den innerlichen vorzudringen. Die gereizte Neugier und unaufhörliche Findigkeit einer, um hundert Hemmungen freieren Zeit dringt in alle Verstecke des Geistes und hebt leicht auf ihren Fluten Gebilde hervor, die der Einzelne, in dem sie hafteten, früher langsam und schwer zu Tage grub. Zu geübt im Einsehen um sich aufzuhalten, findet sich diese Zeit plötzlich an Binnenstellen, wo vielleicht noch keine ohne göttlichen Vorwand, in voller Öffentlichkeit, gewesen war; überall eintretend, macht sie die Werkstätten zu Schauplätzen und hat nichts dagegen, in den Vorratskammern ihre Mahlzeiten zu halten. Sie mag im Recht sein, denn sie kommt aus der Zukunft. Sie beschäftigt uns in einer Weise, wie seit lange keine Zeit ihre Ansiedler beschäftigt hat; sie rückt und verschiebt und räumt auf, jeder von uns hat ihr viel zu verdanken. Und doch, wer hat ihr noch nicht, wenigstens einen Augenblick, mit Mißtrauen zugesehen; sich gefragt, ob es ihr wirklich um Fruchtbarkeit zu tun sei, oder nur um eine mechanisch bessere und erschöpfendere Ausbeutung der Seele? Sie verwirrt uns [1055] mit immer neuen Sichtbarkeiten; aber wie vieles hat sie uns schon hingestellt, wofür in unserem Innern kein Fortschritt entsprechend war? Nun will ich zwar annehmen, sie böte zugleich der entschlossenen Jugend die unerwartetesten Mittel, ihre reinsten inneren Wirklichkeiten nach und nach, sichtbar, in genauen Gegenwerten auszuformen; ja ich will glauben, sie besäße diese Mittel im höchsten Grade. Aber wie ich mich nun bereit halte, ihr, der Zeit, manchen neuen künstlerischen Gewinn zuzuschreiben, schlägt mir die Bewunderung über sie hinüber, den immer, den auch hier wieder unbegreiflichen Gedichten entgegen.

Wäre auch nicht Einer unter den jungen Dichtern, der sich nicht freute, das Gewagte und Gesteigerte dieser Tage für seine Anschauung auszunutzen, ich würde doch nicht fürchten, daß ich das dichterische Wesen und seine Einrichtung in der inneren Natur zu schwer genommen habe. Alle Erleichterungen, wie eindringlich sie sein mögen, wirken nicht bis dorthin, wo das Schwere sich freut schwer zu sein. Was kann schließlich die Lage desjenigen verändern, der von früh auf bestimmt ist, in seinem Herzen das Äußerste aufzuregen, das die anderen in den ihren hinhalten und beschwichtigen? Und welcher Friede wäre wohl für ihn zu schließen, wenn er, innen, unter dem Angriff seines Gottes steht.

 

 

 

 

Druckvorlage

Rainer Maria Rilke: Sämtliche Werke. Herausgegeben vom Rilke-Archiv. In Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke besorgt durch Ernst Zinn. Bd. 6. Frankfurt a.M.: Insel-Verlag 1966, S. 1046-1055.

Unser Auszug: S. 1053-1055.

Entstanden: Spätsommer 1913.

 

Erster Druck

Rainer Maria Rilke: Über den jungen Dichter. Einige Vermuthungen über das Werden von Gedichten. Hamburg: Hamburger Druckkontor 1931.

 

 

Kommentierte und kritische Ausgaben

 

 

Literatur

Anz, Thomas u.a. (Hrsg.): Expressionismus. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1910 – 1920. Stuttgart 1982.
Vgl. S. 81.

Baer, Ulrich: Das Rilke-Alphabet. Frankfurt a.M. 2006 (= suhrkamp taschenbuch, 3790).

Barmeyer, Eike: Die Musen. Ein Beitrag zur Inspirationstheorie. München 1968 (= Humanistische Bibliothek, 2).

Brandmeyer, Rudolf: Poetiken der Lyrik: Von der Normpoetik zur Autorenpoetik. In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart u.a. 2011, S. 1-14.

Engel, Manfred: Rainer Maria Rilkes 'Duineser Elegien' und die moderne deutsche Lyrik. Zwischen Jahrhundertwende und Avantgarde. Stuttgart 1986 (= Germanistische Abhandlungen, 58).

Engel, Manfred (Hrsg.): Rilke-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart u.a. 2004.

Furness, Ray: Rilke and Expressionism. In: Rilke und der Wandel in der Sensibilität. Hrsg. von Herbert Herzmann u.a. Essen 1990 (= Literaturwissenschaft in der Blauen Eule, 4), S. 157-169.

Goldstücker, Eduard: Rainer Maria Rilke und Franz Werfel. Zur Geschichte ihrer Beziehungen. In: Acta Universitatis Carolinae. Philologica, 3 (1960), S. 37-71.

Himmel, Hellmuth: Rilke und der Expressionismus. In: Neohelicon 3,1/2 (1975), S. 388-394.

Höllerer, Walter (Hrsg.): Theorie der modernen Lyrik. Neu herausgegeben von Norbert Miller und Harald Hartung. 2 Bde. Darmstadt 2003.

King, Martina: Pilger und Prophet. Heilige Autorschaft bei Rainer Maria Rilke. Göttingen 2009 (= Palaestra, 330).

Lamping, Dieter: Moderne Lyrik. Göttingen 2008.

Neumann, Gerhard: "L'inspiration qui se retire". Musenanruf, Erinnern und Vergessen in der Poetologie der Moderne. In: Memoria. Vergessen und Erinnern. Hrsg. von Anselm Haverkamp u.a. München 1993 (= Poetik und Hermeneutik, 15), S. 433-455.

Polledri, Elena: Rainer Maria Rilke. Ein Essayist? In: Wege des essayistischen Schreibens im deutschsprachigen Raum (1900 – 1920). Hrsg. von Marina M. Brambilla u.a. Amsterdam u.a. 2010 (= Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik, 74), S. 197-223.



Rilke, René Maria: Larenopfer.
Prag: Dominicus 1896.
URL: http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb00051933-9

Rilke, René Maria: Traumgekrönt. Neue Gedichte.
Leipzig: Friesenhahn 1897.
URL: https://archive.org/details/bub_gb_RnsyAQAAMAAJ

Rilke, Rainer Maria: Advent.
Leipzig: Friesenhahn 1898.
URL: http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/rilke_advent_1898
URL: http://data.onb.ac.at/dtl/323200

Rilke, Rainer Maria: Mir zur Feier.
Berlin: Meyer 1899.
PURL: http://www.literature.at/alo?objid=12105
URL: http://data.onb.ac.at/dtl/309941

Rilke, Rainer Maria: Worpswede.
Bielefeld u. Leipzig: Velhagen & Klasing 1903.
PURL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:wim2-g-604824
URL: https://archive.org/details/worpswedefritzma00rilk

Rilke, Rainer Maria: Das Stunden-Buch.
Leipzig: Insel-Verlag 1905.
URL: http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0005/bsb00051882/images/

Rilke, Rainer Maria: Das Buch der Bilder.
Zweite sehr vermehrte Ausgabe. Berlin, Leipzig, Stuttgart: Juncker o.J. [1906].
URL: https://archive.org/details/DasBuchDerBilder2

Rilke, Rainer Maria: Neue Gedichte.
Leipzig: Insel-Verlag 1907.
URL: https://archive.org/details/neuegedichte00rilkgoog
URL: https://archive.org/details/bub_gb_V4oYL4ceWAQC

Rilke, Rainer Maria: Die frühen Gedichte.
Leipzig: Insel-Verlag 1909.
URL: https://archive.org/details/3542796

Rilke, Rainer Maria: Requiem.
Leipzig: Insel-Verlag 1909.
URL: http://data.onb.ac.at/dtl/269289

Rilke, Rainer Maria: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge.
Erstes Bändchen. Leipzig: Insel-Verlag 1910.
URL: http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0008/bsb00087913/images/

Rilke, Rainer Maria: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge.
Zweites Bändchen. Leipzig: Insel-Verlag 1910.
URL: http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0008/bsb00087914/images/

Rilke, Rainer Maria: Erste Gedichte.
Leipzig: Insel-Verlag 1913.
URL: http://katalogplus.ub.uni-bielefeld.de/title/62943
URL: http://data.onb.ac.at/dtl/262353



Verzeichnisse

Ritzer, Walter: Rainer Maria Rilke. Bibliographie. Wien: Kerry 1951.

Obermüller, Paul (Bearb.): Katalog der Rilke-Sammlung Richard von Mises. Frankfurt a.M.: Insel-Verlag 1966.

Fullenwider, Henry F.: Rilke and his reviewers. An annotated bibliography. Lawrence, Kan. 1978 (=  University of Kansas Publications; Library series, 41).
URL: https://kuscholarworks.ku.edu/bitstream/handle/1808/5879/libseries.num41.pdf

Stock, Karl F. u.a. (Bearb.): Rilke-Bibliographien. Selbstständige und versteckte Bibliographien und Nachschlagewerke zu Leben und Werk. Graz: Stock & Stock 2016.




Ryan, Judith: Rilke, Modernism and Poetic Tradition. Cambridge u.a. 1999 (= Cambridge Studies in German).

Schnack, Ingeborg: Rainer Maria Rilke. Chronik seines Lebens und seines Werkes 1875 – 1926. Erweiterte Neuausgabe hrsg. von Renate Scharffenberg. Frankfurt a.M. 2009.

Schuhmann, Klaus: Lyrik des 20. Jahrhunderts. Materialien zu einer Poetik. Reinbek bei Hamburg 1995 (= rowohlts enzyklopädie, 550).

Storck, Joachim W.: Rilkes Wendung und die Anfänge des literarischen Expressionismus um 1910. In: Wende, Bruch, Kontinuum. Die moderne österreichische Literatur und ihre Paradigmen des Wandels. Hrsg. von Renata Cornejo u.a. Wien 2006, S. 167-181.

Winkelvoss, Karine: Rainer Maria Rilke. Paris 2006 (= Collection "Voix allemandes").

 

 

Literatur: "1913"

Asendorf, Christoph: Widersprüchliche Optionen: Stationen der Künste 1913 In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 38.1 (2013), S. 191–206.

Berranger, Marie-Paule: "À quoi bon les poètes en ces temps de détresse?" In: 1913: cent ans après. Enchantements et désenchantements. Hrsg. von Colette Camelin u. Marie-Paule Berranger. Paris 2015 (= Collection: Colloque de Cerisy), S. 289-324.

Brion-Guerry, Liliane (Hrsg.): L'année 1913. Les formes esthétiques de l'œuvre d'art à la veille de la première guerre mondiale. 3 Bde. Paris 1971/73.
Bd. 3 (1973): Manifestes et témoignages.

Camelin, Colette / Berranger, Marie-Paule (Hrsg.): 1913: cent ans après. Enchantements et désenchantements. Paris 2015 (= Collection: Colloque de Cerisy).

Chickering, Roger: Das Jahr 1913. Ein Kommentar. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 39.1 (2014), S. 137-143.

Dowden, Stephen D.: Vienna 1913: dans le vrai. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 38.2 (2013), S. 452-468.

Emmerson, Charles: 1913. In Search for the World before the Great War. New York 2013.

Erhart, Walter: Literatur 1913. Zeit ohne Geschichte? Perspektiven synchronoptischer Geschichtsschreibung. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 39.1 (2014), S. 123-136.

Hamburger, Michael: 1912. In: Ders., Reason and Energy. Studies in German Literature. London 1957, S. 213-236.

Hübinger, Gangolf: Das Jahr 1913 in Geschichte und Gegenwart. Zur Einführung in den Themenschwerpunkt. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 38.1 (2013), S. 172-190.

Illies, Florian: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts. Frankfurt a.M. 2015 (= Fischer-TaschenBibliothek).

Jauß, Hans R.: Die Epochenschwelle von 1912: Guillaume Apollinaires 'Zone' und 'Lundi Rue Christine'. In: Ders., Studien zum Epochenwandel der ästhetischen Moderne. Frankfurt a.M. 1989 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 864), S. 216-256.

Johnson, J. Theodore: The Year 1913: An Interdisciplinary Course. In: Teaching Literature and Other Arts. Hrsg. von Jean-Pierre Barricelli u.a. New York 1990, S. 108-115.

Klausnitzer, Ralf: "Literarische Kunst". Richard Moritz Meyers Beobachtungen des Jahres 1913 und die Gegenwart der Vergangenheit. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 38.2 (2013), S. 514-539.

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Mares, Detlev u.a. (Hrsg.): Das Jahr 1913. Aufbrüche und Krisenwahrnehmungen am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Bielefeld 2014.

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Rabaté, Jean-Michel: 1913. The Cradle of Modernism. Malden, MA 2007.

Sautermeister, Gert: Kultur und Literatur in Deutschland und Bremen um 1913. In: Bremisches Jahrbuch 93 (2014), S. 105-120.

Schaefer, Barbara (Hrsg.): 1912 – Mission Moderne. Die Jahrhundertschau des Sonderbundes. Köln 2012.

Werner, Meike G.: Warum 1913? Zur Fortsetzung des Themenschwerpunkts "Das Jahr 1913 in Geschichte und Gegenwart". In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 38.2 (2013), S. 443–451.

Zanucchi, Mario: Transfer und Modifikation. Die französischen Symbolisten in der deutschsprachigen Lyrik der Moderne (1890-1923). Berlin/Boston 2016 (= spectrum Literaturwissenschaft/spectrum Literature, 52).

 

 

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Lyriktheorie » R. Brandmeyer