Paul Zech

 

 

Die Grundbedingung der modernen Lyrik

 

Das Bild unserer Zeit zeigt neben dem früherer deutscher Kulturepochen eine eigentümliche und heftige Verschiebung der Grundlinien. Das ehrwürdige Zentrum, das einst alle Kulturkräfte in sich sammelte, um sie erst alle nachträglich in die einzelnen Strahlen der anderen Kulturerscheinungen auszusenden, die Religion, ist verschüttet, verdeckt, von anderen Grundlinien gequert.

Es ist nicht zu bemessen, was für ein Abgrund uns hierin von den früheren Zeiten trennt, welch ungeheurer und unheimlicher Weg es ist, der uns von dem felsenfesten, schlichten Glauben eines Luther und Bach, von der leuchtenden Klarheit der letzten großen religiösen Zeit in unsere schwankende, losgerissene Existenz hinübergeführt hat. Solange die Religion im Zentrum der Kultur stand, bildete diese einen einfachen, von der Religion her organisierten Zusammenhang von Kräften, ein klares, überschaubares Bild, das von der Abwendung und Überzeugung des Einzelnen nicht betroffen wurde. In unserer Zeit bilden die einzelnen Überzeugungen das Ganze, und wenn man in ihr nach einem zentralen, zusammenfassenden Punkt ausblickt, so fühlt man durch ein bewegliches Gewirr von sich kreuzenden Linien jede Mitte verschoben. Und folgt das Festigkeit und Klarheit suchende Auge sehnsüchtig dem alten Grundquell, so wird es um so einschneidender gewahr, daß die große Zusammenfasserin aller geistig-seelischen Kräfte ihre führende Stellung im Kulturleben verloren hat, und daß eine unkontrollierbare persönliche Religiösität an die Stelle einer ungeheuren umfassenden Kulturmacht getreten ist. Aus dieser Religiösität als solcher aber ist für das Wesen der Zeit wenig mehr zu erschließen, weil sie in dieser innerlichen Form der Sachlichkeit entbehrt, die die Vermittlerin aller Kultur ist. Zu einer Macht, die etwas über das Ganze aussagt – wenn auch auf diesem Wege nie wieder zum selbständigen Zentrum –, kann sie erst da wieder werden, wo sie sich wiederum mit anderen sachlichen Kulturerscheinungen verbindet.

Und wenn die Religion mit ihrer wachsenden Verinnerlichung ihr Herzblut langsam in die Nachbargebilde der Philosophie und Kunst verströmt hat, so ist dies daraus entsprungen, daß die menschliche Kraft mit immer neuer Anspannung, immer neuen Mitteln selber wieder zu erreichen strebte, was ihr als gottgegebene Offenbarung immer unwiederbringlicher verloren gehen mußte: die metaphysische, überwirkliche Seite der Welt und ihr Wirken. Was der Menschheit in der einen, großen, ursprünglichen Form verloren gegangen war, das konnte, das durfte ihr nicht in jeder Form verloren gehen.

Die Form, in der die moderne Menschheit den Gehalt der Religion am vollendetsten sich gerettet hat, ist die Kunst.

Wie jenes Weib, welches über das göttliche Haupt köstliches Wasser goß um seiner Vergänglichkeit willen, so hat die Kunst das ewige Wesen der Religion, das, was nicht sterben darf, obwohl es in seiner ersten heiligen Realität begraben werden mußte, begossen mit den Strömen sehnsüchtiger Liebe und Schönheit. Sie hat es nicht verschmäht, den Balsam der Schönheit schrankenlos und unnützlich auszugießen über das Ewigste, was die Menschheit besitzt, als es in seiner körperlichen Form von ihr zu scheiden drohte. Und sie hat dadurch die Tiefen der menschlichen Seele, in die aller Glauben und Sehnen sich geflüchtet hatte, wieder aufgeschlossen zu einem Born, aus dem das Verschlossene wieder ans Tageslicht drang, um sichtbare Schönheit, sachliches Werk zu werden.

Von allen Künsten aber hat keine so sehr die Religion umworben und an ihr gelebt, wie die [3] Lyrik; sie ist in ihrer Lebensbedeutung für die neue Zeit nur hieraus ganz zu begreifen. Was sie in früheren Zeiten von der Religion empfing, das sucht sie in der modernen Zeit, der Zeit ihrer eigentlichen, selbständigen Entwickelung, der Religion wieder zuzuführen, an religiösen Inhalten selbst zu erschaffen. Während in der Philosophie die Antwort der Einzelseele auf die ewigen Probleme Metaphysik werden mußte, wurde sie in der Lyrik zu einer eigenen Form dichterischer Religiösität, die zugleich mit ihrer eigenen Blüte auch das innerste Wesen der Lyrik entfaltete. Denn die Lyrik, die durch ihren Gegenstand der Religion von allen Künsten am nächsten stand, ja, die ihn im letzten Grunde wie die Philosophie mit der Religion teilt, scheidet sich dennoch durch ihr sachliches Wesen als Kunst nicht weniger grundlegend von ihr als die Philosophie.

Wo das Denken Elemente der religiösen Welt ausscheiden muß, um eine metaphysische zu erbauen, da nimmt die Lyrik eine geschlossene Welt nicht im Glauben, aber in der Gestaltung auf. Sie vermag darzustellen, was die Religion lebt, schrankenlos und weit – aber sie tut es unter jenem schweren Schleier von Sehnsucht und Verzicht, der es in eine andere Reihe der Realität einstellt, der nie vergessen läßt, daß sie das was in ihr lebt, zugleich als ein Gestorbenes beweint.

Da es Symbol wurde – Bild eines Ewigen an Stelle einer historischen Realität – ward das Glaubensverhältnis zu ihm aus dem Religiösen in das Künstlerische verlegt.

So vereinigt sich in der modernen Lyrik tiefste Religiösität mit dem Wissen um den Verlust der Religion. Die metaphysische Glut der sehnsüchtigen, auf das Ewige gerichteten Einzelseele, die soviel wirrer, beladener, verlassener vor dem Ewigen steht, als die von einem gemeinsamen Glauben und Geist getragene, lebt in dieser Religiösität, die nicht mehr in der Religion sich erlösen kann und mündet in die Gestaltung.

So schwillt das eudämonistische Element in ihr unermeßlich an, und mühsam und schwer muß die Seele den ewigen Weg des Mythos aus der Wildnis des eigenen dunklen, verworrenen Erlebens ergraben. Denn wo in der Erkenntnis das Denken eintritt und die eudämonistischen Elemente regelt, aufnimmt oder verwirft, da bleibt der Gestaltung nur der grade Weg der Religion, um sich von dem dunklen Zwange zu erlösen: die Verwandlung.

Mit der Religion aber teilt die Lyrik, wiewohl sie zu anderen Zielen führt, die Verwandlung und Überwindung des dunklen eudämonistischen Grundes im Erleben selbst.

Was der Gothik, der religiösesten aller Künste, aus der breiten Basis des religiösen Gesamtlebens aufsteigt, das ist erst in unserem, den großen religiösen Formen entfremdeten Einzelleben, als schöpferisches Prinzip wiedergeboren worden: als Affekt der individuellen Seele in der Lyrik. Wenn in den gothischen Kathedralen aus immer erneuten, innerlich gleichartigen Antrieben der Ekstase, aus der wachsenden und sich potenzierenden Intensität eines religiösen Erlebnisses immer neue und doch ihrem Wesen nach gleichartige Ausgestaltungen hervorbrechen, deren Sammlung erst den Gesamtbau bildet, so ist dagegen in der modernen Lyrik jedes Gebilde einzeln für sich mit der einzigartigen, nach innen geschlagenen Kraft des Ganzen belastet und begabt. Jeder dieser Affekte, von denen keiner dem anderen gleicht, ist bestimmt, aus sich selbst zu einer Weltanschauung zu werden. So ist Hölderlins "Abschied" die zerstörende und wieder zum Leben erweckende Kraft der religiösen Verwandlung in das Erlebnis dieser Einen Liebe gesetzt. Goethes "Selige Sehnsucht" setzt sie in das Liebeserlebnis überhaupt; und die Setzungen beider Gedichte sind vereinigt in der Trilogie der Leidenschaft, in die Reihe der großen geistig schöpferischen Mächte: Erkennen, Anschauen, Liebe.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Das neue Pathos.
Jg. 2, 1914, Heft 1, [Mai], S. 2-3. [PDF]

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

 

Literatur

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Verzeichnisse

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Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer