Hugo Kersten

 

 

Zur jüngsten Lyrik.

 

I.

Die Gedichtbücher, die heute erscheinen, pflegen in ihrer Stofflichkeit befangen zu sein. Verse vom Schlachtfeld und Kriegsgesänge können ethisch selten künstlerisch zu werten sein. Der größte Teil aller zeitgemäßen Lyrik erweckt nur pathologisches Interesse. Und selbst in den relativ besten Gedichten muß die Ehrlichkeit der Empfindung auch für die fehlenden künstlerischen Qualitäten einstehen. Wer den Stand der heutigen Lyrik kennen lernen will, wird zu einigen Büchern zurückgreifen müssen, die vor dieser Zeit erschienen, und die in ihrer bewußten Neuartigkeit repräsentativ für die Literatur der jüngsten Generation und für das Empfinden des geistigen Menschen von heute sind. Man hat in den letzten Jahren häufig (und nicht mit Unrecht) bezweifelt, daß es in Deutschland eine neue Literaturbewegung nach Dehmel, Rilke und George gäbe. Doch dann erschienen die ersten Verse des frühverstorbenen Georg Heym, die ersten Bücher von Franz Werfel, der in der Mitte steht zwischen der alten und der neuen Literatur, die ersten Verse von Ernst Blaß, Hasenclever, Zech, Stadler, Lichtenstein, die, so verschieden und so verschiedenwertig sie auch voneinander waren, doch den gemeinsamen Willen zu der neuen lyrischen Form bekundeten. Diese Bestrebungen führten zu der Ausdruckskunst der Literatur von heute. Außenstehenden mag vieles an diesen Versen als formalistische Spielerei erscheinen. Manches wird es auch noch sein. Bei einem starken Gedichte aber ("erlebte" Gedichte sagte man früher, doch nahm man das Erleben mehr als von außen kommend, das heißt: mehr unkünstlerisch) kennt man diesen Unterschied zwischen Form und Inhalt nicht. Ein Kunstwerk und besonders ein lyrisches Kunstwerk (in seiner Wirkung betrachtet, nicht aus dem Anlaß seines Entstehens natürlich) ist die Verständnismöglichkeit des schöpferischen Menschen; ist die Anspannung aller Lebenskräfte des Schöpfers und ihre Konzentrierung auf den denkbar stärksten Ausdruck für sein Empfinden, sein Erlebnis, seinen Willen. Demnach können Veränderungen der sogenannten Form, falls sie wesentlich, nicht nur Veränderungen des Grades sind, nur Veränderungen des Inhalts, d. h. des Willens des Dichters sein. Und das heißt hier: Veränderungen des Seelenzustandes eines Generation. Unter diesen Voraussetzungen erscheinen als bedeutsam und charakteristisch die Gedichtbücher von Paul Boldt ("Junge Pferde! junge Pferde!"; Leipzig, Kurt Wolff) und Alfred Wolfenstein ("Die gottlosen Jahre"; Berlin, S. Fischer).

Diese Lyrik unterscheidet sich von der üblichen vor allem dadurch, daß sie nicht "lyrisch" ist. Es sind keine Verse, die sozusagen zum Herzen sprechen. Es gibt keine "Stimmungsbilder", keine Sehnsuchtsgedichte, keine unbewußten Ekstasen; nicht einmal – dies ist besonders kennzeichnend – jener Zustand der Seele findet hier seine Gestaltung, der bisher für nahezu drei Viertel aller Lyrik als Voraussetzung galt, und dessen Folge man Liebeslyrik nannte. Als stärkstes Kennzeichen beider Bücher ergibt sich Bewußtheit bei ängstlicher Vermeidung alles unklar Gefühlsmäßgen. Der alten Kunst der Sentiments und der Sentimentalitäten stellt sich die neue Kunst entgegen: die Kunst des Gehirns und der Nerven. Eine verstandesgemäße Lyrik gab es schon öfter in der deutschen Literatur. So etwa während des Naturalismus der achtziger Jahre. Diese Lyrik beschränkte sich aber darauf, den Eindruck, den der Verfasser von einem Dinge hatte, darzustellen, objektiv zu schildern. Hier aber – wenigstens gilt dies für die vollendeten Gedichte – werden die dargestellten Dinge nur als Hilfsmittel für den persönlichen Ausdruck des Dichters benutzt, als eine Steigerung im Ausdruck seines Weltempfindens. Hieraus erklärt sich die souveräne Behandlung der Dinge und der Zeitenfolge. Ursache und Wirkung erscheint oft aufgehoben. Geschehen erfolgt nicht zeitlich aufeinander, sondern nebeneinander. Es gibt keine Vergangenheit, keine Zukunft. Aus diesem scheinbaren Chaos gestalten sich ihre Verse. Daß die Bilder in ihrer überwiegenden Mehrheit dem rauschenden Leben der großen Stadt entnommen sind, ist nicht nur Zufall; denn sie entsprechen am ehesten der nervösen und vergeistigten Erlebnisart des heutigen Menschen, und keine frühere konnte die Großstadt so als Erlebnis hinnehmen wie die heutige Generation.

In Boldts Versen schwirrt das Geräusch der Straßen und der großen Städte, der Signale der Autos, die sich in den Straßen suchen, das Dröhnen der D-Züge entlang den Kupferdrähten und das Getöse der Abende in Berlin, der "weißen Blume der Erde". Doch wäre es ein Irrtum, wenn man annehmen wollte, daß hier die Bilder lediglich ihrer Kühnheit oder Neuartigkeit wegen nebeneinander gereiht sind. Da nicht die Gegenstände der Umwelt Objekt der Darstellung des Dichters sind, sondern dieser selbst, so sind die Bilder disziplinvoll einer höheren Zweckmäßigkeit untergeordnet. Dieselbe planvolle Beherrschtheit ergibt sich aus der Anordnung des Satzbaues bei Boldt, ebenso wie bei seiner Wortwahl und ihrer metrischen Verwendung. Bei der ersten Lektüre Boldtscher Gedichte wird man das Empfinden haben, daß seine mit brutaler Kraft zusammengeballten Worte allzu gewaltsam in überlieferte metrische Formen hineingepreßt seien. Man könnte bei oberflächlicher Betrachtung glauben, daß die Verwendung ungebundener Rhythmen seiner ursprünglichen Empfindungsweise angemessener wäre. Bei tieferem Eindringen in die konzentrierte Gesetzmäßigkeit dieser Verse wird man aber erkennen, daß die strenge Form, die in sonderbarem Gegensatz zu den kühnsten Neubildungen steht, keine konventionelle Bequemlichkeit ist, sondern daß hier seit sehr langer Zeit wieder einmal einer berufen ist, die überlieferte Form des Gedichtes mit innerer Berechtigung neu und weiter zu bilden, ohne daß man je einen Rückfall in die klingende Rhetorik der ehrwürdigen Leierkastenrhythmen befürchten müßte. Man wird Boldts Namen in Zukunft nennen müssen, wenn man von ernsthaften Bestrebungen in der jungen Literatur spricht. Von den Jüngsten spricht in diesem Buche einer der Besten und Kühnsten: man muß hinhören!

So viel formelle Verwandtschaft auch in beiden Büchern herrscht, so besteht doch ein gegensätzlicher Unterschied zwischen beiden Dichtern insofern, als der Urgrund der Boldtschen Verse sensueller Natur, jener der Wolfensteinschen spiritueller Natur ist. Wolfensteins Buch hebt bewußt und programmatisch an:

Musik nicht will ich machen, sondern schreiten
Und zeigen meine Schritte

und stellt sich damit in klaren Gegensatz zu der ornamentalen Lyrik des vergangenen Jahrzehnts, die Verlaines "De la musique encore et toujours" als ihren Leitsatz erkannte. An Stelle eines unklaren Rausches stehen hier knappe, beinahe mathematische Formulierungen. Wolfenstein ist Fanatiker der literarischen Ehrlichkeit. Man wird nie ein Zuviel in seinen Versen finden, nie ein Hingleiten über Unklarheiten.

Nur so, unter der Kontrolle des Gehirns "im Eise blanksten Denkens", kann die Prägnanz dieser Gedichtzeilen entstehen. Lieber läßt er einen Vers unvermittelt abbrechen, als daß er sich zu einer Konzession an die "Schönheit" des Verses verführen ließe. Und gerade jene Verse, die die Harmonie (im alten überlieferten Sinne) des Gedichtes stören, offenbaren bisweilen stark die neue Schönheit dieser Verse: die Schönheit der Zweckmäßigkeit.

 

 

II.

Waren Wolfensteins Gedichte (vgl. Literarische Rundschau vom 13. September) rein intellektuell begründet, so sind diejenigen Gottfried Benns ("Söhne"; Berlin-Wilmersdorf, A. R. Meyer) ein Versuch, über den Intellektualismus unserer Zeit hinauszugelangen. Sie sind stärkste Steigerung des Intellekts, dem es vor sich selbst graust, und der auf der Flucht vor sich selbst an die Wurzel des Trieblebens gelangt:

"O wehe Stirn! Du Kranke tief im Flor
der dunklen Brauen! Lächle, werde hell:
Die Geigen schimmern einen Regenbogen."

Oder ein andermal:

"Ein armer Hirnhund. Schwer mit Gott behangen.
Ich bin der Stirn so satt."

Nervenstränge schimmern blutig bloßgelegt in Benns Gedichten. Die Rücksichtslosigkeit im Erleben und in der Darstellung, wodurch hier der Wille unter der Oberfläche des Bewußtseins her Erscheinung wird, hat etwas von der Art des Chirurgen. Wertvoll sind diese Gedichte auch, weil sie sich von jeder gerade herrschenden Literaturströmung fernhalten. Es gibt bei Benn Verse ehrlicher Verzweiflung, die zur Zeit der "positiven" Lyrik geschrieben wurden, und die stärker sind, als sämtliche Gedichte demütiger Hingabe an die kleinen Dinge des Lebens, die in den letzten Jahren entstanden.

Künstlerisch steht Benn unter den Heutigen Paul Boldt am nächsten. Während aber Boldts dynamische Verse sehr beherrscht und mitunter scheinbar unbeteiligt gemeißelt sind, ist das Pathos Gottfried Benns lässiger, hemdsärmeliger. Manches Gedicht ist der qualvolle Aufschrei eines Menschen, der diesem Aufbäumen aber gleichzeitig kühl abwägend gegenübersteht, und der im tiefsten Innern von der Zwecklosigkeit dieser Pathetik sehr überzeugt ist.

Neben den stark konzentrierten Versen Paul Boldts, Alfred Wolfensteins und Gottfried Benns wirken die Gedichte von Johannes R. Becher ("Verfall und Triumph", Erster Band: "Gedichte"; Berlin, Hyperionverlag) als nicht immer unbedingt notwendig. Zwar hat Becher die stärkste Phantasie unter den jüngsten Dichtern; doch kommt es für den Dichter zuerst nicht darauf an, zu zeigen, daß er Phantasie, Gefühl und Willen hat, sondern daß er hierfür einen angespannten Ausdruck findet, den man Gedicht nennt. Starke Phantasie haben ist sicher ein Vorzug; doch gibt dies allein noch niemandem die Berechtigung, ein Gedicht zu schreiben. Nun ist Becher allerdings weit davon entfernt, seine Verse unbewußt zu schreiben. Dies Buch ist sehr auf seine Wirkung berechnet geschrieben. Wäre dies zwar an und für sich kein Einwand, so erreicht er doch häufig diese Wirkung nur mit Mitteln, die nicht einwandfrei sind. Er arbeitet oft mit groben Effekten, mit gesuchtem Tumult, mit "kraftgenialem" Chaos. Seine Gedichte verblüffen allzu sichtlich, als daß man an den "Verfall" darin glauben könnte, wie Becher es wahrscheinlich wünscht. Durch ihre Gesuchtheit diskreditiert er die gewollte Dekadenz seiner Verse. Gegen seine dichterische Aufrichtigkeit spricht auch seine allzu reichliche Produktion. Gut drei Viertel der Gedichte dieses Bandes sind reine Illustration, die fortbleiben könnte. Fand man bei Wolfenstein nie ein Zuviel, nie ein Hingleiten über Unklarheiten, so gibt es bei Becher allzuviel Verschwommenheiten. Der Grundton dieser Verse ist ein Protest gegen das Bürgertum, eine Bohême-Pose. Verse, wie

"Der Dichter, der die reichen Bürger haßt"

oder

"Verhaßten Bürgern wollen wir entgegenbreiten
wohl Arme und ein Antlitz, himmlisch-bleich."

sind stereotyp bei Becher. Durch diese Befangenheit gelangt er nicht zu rein dichterischer Wirkung. Dies besagt nichts über den Wert oder Unwert seiner Anschauung. Aber es gibt auch dichterisch wirksamere Proteste als solche Versicherungen des Hasses.

Nicht ganz frei von literarischer Pose erscheinen mir auch die Besonderheiten der Syntax, die Becher liebt, obwohl er gerade hierdurch in Einzelheiten starke Wirkungen des Ausdruckes erreicht. Nun steht Becher aber jedem Aesthetentum fern. Er wäre lieber Propagator als "Lyriker". Und ein ethischer Erfolg wäre ihm lieber als ein künstlerischer. Oder vielmehr dieser Unterschied besteht in seinen Gedichten, die auf Massenwirkungen berechnet sind, und die man in Volksversammlungen vortragen könnte, nicht. Blieb er bisher zwar häufig im Stofflichen oder im rein Formalistischen stecken, so zeigen doch seine späteren Gedichte, und noch mehr seine Prosa, eine stärkere Gestaltungskraft und vor allem ein stark-ethisches Bewußtsein, das seinem Wunsche, durch Gedichte zu wirken, entspricht.

Denselben Wunsch, die ethischen Momente der Lyrik gegenüber den ästhetischen zu betonen, hat auch Franz Werfel in seinem letzten Gedichtbuch ("Einander"; Leipzig, Kurt Wolff). Dieses Buch Werfels ist nicht in der Harmonie seiner früheren Bücher geschrieben. Den unjugendlichen Versen des jüngeren Werfel stehen hier verzweifelte und ehrlichere Verse gegenüber, die mit der etwas satten Beschaulichkeit seiner weltfreundlichen Strophen nur noch einige Aeußerlichkeiten des Ausdrucks gemein haben. Werfel, dessen erste daseinsfrohe und glückselige Rhythmen in dem jubelnden Verse: "Oh Erde, Abend, Glück, oh auf der Welt sein!" ausklingen, beginnt heute ein Gedicht "Warum, mein Gott":

"Was schufst du mich, mein Herr und Gott,
Der ich aufging, unwissend Kerzenlicht,
Und da bin jetzt im Winde meiner Schuld?"

Nicht immer gelingt es ihm, sich von formellen Spielereien zu befreien (so in dem Gedichte "Fluch des Werkes"), und das Aesthetenhafte selbst dieses letzten Buches läßt erkennen, daß Werfels Heimat Oesterreich ist. Doch dieses Aesthetentum vergißt man neben der ethischen Wucht seiner Gedichte. Waren Werfels frühere Gedichte ein freudiges Jasagen zur Welt, ein manchmal etwas charakterloses Gutheißen der Dinge, nur weil sie sind, so ist er jetzt zweifelnder, zerrissener. Und daß sich diese Zerrissenheit in einem Werke des reiferen Mannes findet, macht sie bedeutungsvoller. Nicht unbewußt hat sich bei ihm diese Wandlung vollzogen. Ein Gedicht "Näher mein Gott" beginnt:

"Wie sang ich die kleinen Wege m April!
Die Kinderplätze und Reiter im Park!
Wie sang ich die schwarze Kurallee,
Und die versunkene Brunnenkolonnade
Im Eichenwald!"

um dann fortzufahren:

"Wie sang ich dieses? Und nun fing' ich Schlaf,
Den süßen Stoff, in den noch kein Gedanke fuhr,
Den Aufruhr nicht der Berge, Zypressen, Seen und Bilder!
Den Schlaf fing ich auf allen Dingen!"

Besonders klar erkenntlich wird der Unterschied zwischen dem früheren und dem heutigen Werfel in seiner Stellung zu unserer Zeit. Die wenigen Zeitgedichte dieses Bandes zeugen von starkem sittlichen Ernst, der seiner früheren Spielerischkeit nicht mehr verwandt ist. Ich halte gerade diese Gedichte, trotz einigen technischen Einwänden, für seine wertvollsten.

 

 

III.

Georg Trakl starb in diesem Kriege. Von seiner Kunst gibt der Nachlaßband "Sebastian im Traum" (Leipzig, Kurt Wolff) stärkere Kunde als ein früher erschienenes Gedichtbuch. Zeigte er sich früher schon als starker Könner, so ist er hier ein ganz Eigener, jenseitig schon in seinen Gedichten: "Auf schwärzlichem Kahn fuhr jener schimmernde Ströme hinab, purpurner Sterne voll, und es sank friedlich das ergrünte Gezweig auf ihn, Mohn aus silberner Wolke."

Man hat Trakl mit Hölderlin verglichen: Hölderlin fand für sein Leid einen gleich reinen Ausdruck wie dieser Tote. Ich weiß nicht, ob man von uns anderen, die wir vermeinen, unserer Zeit so nahe zu stehen und ihrer Kunst Ziel und Richtung zu geben, in dreißig Jahren mehr wissen wird als ein paar Namen. Dies aber ist sicher: wenn man später von der deutschen Dichtung unserer Zeit sprechen wird, so wird man Trakl mit der Ehrfurcht nennen, die diesem früh Entschlafenen gebührt, und die wir heute empfinden, wenn wir an Hölderlin denken. Man kann dieses feierliche Buch nicht ohne starke Ergriffenheit lesen, nicht ohne Wehmut die Trauer seiner Strophen auf sich wirken lassen:

"Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;
In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden,
Und Engel treten leise aus den blauen
Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
Wenn schwarz der Ton tropft von den kahlen Weiden."

Wir stehen ihm heute noch zu nahe, als daß wir die Größe dieses Verlustes ganz beurteilen könnten; nur fühlen können wir, daß einer von uns ging, dessen Leben über uns und unsere Zeit hinausgewachsen ist.

Eine besondere und abseitige Stellung nimmt auch Max Herrmann ("Sie und die Stadt", Berlin, S. Fischer) in der jüngsten Lyrik ein. Es ist in seiner Art etwas Weltflüchtiges, Resigniertes, das ihn von der lebensbejahenden Kunst der letzten Zeit trennt, wenngleich er an dem gemeinsam Neuen des Ausdrucks starken Anteil hat. Herrmann ist zu klug und zu wenig naiv, ist zu sehr Zuschauer, um ein starkes Gefühl rein zur Gestaltung zu bringen, und er ist zu sehr Analytiker, um etwa ethische Forderungen zu erheben. Auch ist er zu sehr Verstandesmensch, um nur Dichter des Gefühls zu sein, und er empfindet andererseits zu gefühlsmäßig, als daß man seine Kunst als "Gehirnkunst" bezeichnen könnte. Es gibt kaum jemand in der jüngeren Literatur, gegen dessen Lyrik es so viele Einwände gibt wie gegen Herrmanns. Aber es gibt nur noch ganz wenige Namen, von deren Künstlerschaft man mit demselben Rechte überzeugt sein könnte wie von der starken Künstlerschaft (und stärkeren Menschheit) dieses Dichters.

Diese Zwiespältigkeit ergibt sich weniger aus der simplen Formulierung, daß ein Künstler derjenige ist, der etwas kann (und Herrmann kann, rein technisch betrachtet, sehr viel) als vielmehr aus seiner zeitlosen Stellung. Er steht ohne Beziehung zu jeder sogenannten "Richtung". Was ihn dem Expressionismus nahebringt, ist nicht die Neuartigkeit seines Empfindens, das manchmal etwas altväterlich ist, sondern die Neuartigkeit des angespannten Ausdrucks. Neben den schmiegsam-korrekten "Stimmungen der Stadt" stehen Verse von einer Ueberbetonung des Gefühlsmäßigen, ja oft des Sentimentalen, die es unglaublich erscheinen lassen, daß sie nach 1900 entstanden sind. Herrmann will – ähnlich wie Boldt und Benn – nach einer Zeit des reinen Intellekts endlich wieder Gefühl haben dürfen und sich an sein Gefühl hingeben. Nicht etwa, als ob er zu denen gehöre, die da glauben, daß die Dichtung den Zweck habe, das Dasein zu bejauchzen, denn seine lebensfrohesten Verse funkeln von blitzender Bosheit und haben einen etwas bitteren Geschmack. Es gibt bei ihm Gedichte unendlichen Hohnes auf die kleine schlesische Stadt, in der er lebt, und andere, deren Humor etwas Verzweifeltes hat. Und es gibt bei ihm Gedichte tiefer Trauer, die bleiben werden wie sein "Lied von der Freundschaft".

Und die besten seiner Gedichte stehen in diesem Buche noch nicht.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Literarische Rundschau. Beilage zum Berliner Tageblatt.
I: 1915, Nr. 467, 13. September, [Beilage] S. *1.
II: 1915, Nr. 519, 11. Oktober, [Beilage] S. *1.
III: 1915, Nr. 584, 15. November, [Beilage] S. *1.

Gezeichnet: Hugo Kersten.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).


Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung  online
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Kersten, Hugo: [Rezension zu:] Walter Hasenclever. Der Sohn. Ein Drama. Leipzig, Kurt Wolff. In: Literarische Rundschau. Beilage zum Berliner Tageblatt. 1916, Nr. 120, 6. März, [Beilage] S. *1.
URL: zefys.staatsbibliothek-berlin.de/list/title/zdb/27646518

Kersten, Hugo: Neue Gedichtbücher. In: Literarische Rundschau. Beilage zum Berliner Tageblatt. 1916, Nr. 133, 13. März, [Beilage] S. *1.
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