Alfred Wolfenstein

 

 

Kämpfer Künstler

 

1

 

Ein Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts zieht sich vom Leben zurück, auf das Schreiben in der Einsamkeit. Un homme qui s'est institué artiste, n'a plus le droit de vivre comme les autres. So spricht dieser große Künstler der Mitte, ein Unsichtbarer, der, wie ein Monarch, sich selbst nie herausstellen will; ein zwischen den Polen Ekstatisch und Kämpferisch Eingeschlossener, der hinter seinem Werke wie Gott hinter der Welt verschwinden möchte.

Aber kein ärmlicher Asket; seine Einsamkeit bringt eine Quelle hervor, die aus der Einsamkeit wegströmt. Wenn er auch niemanden mehr umarmt, seine Liebe stirbt doch nicht ab. Denn die Bücher, die er schreibt, werden jetzt seine Glieder, mit denen er sich in die Welt hinausfühlt. Er geht nicht in selbstgenügender Verzücktheit des Dichtertums auf, sondern er veröffentlicht seine Dichtung.

Zur Wüste dagegen scheint sich ein anderer zu bekennen, von dem die Biographie sagt, er pflegte seine Romane vollständig im Kopf zu entwerfen und hierdurch schon ganz befriedigt zu sein . .; nur unter wütenden Tränen läßt er sich vom Verleger zwingen, sein Werk auch niederzuschreiben.

Dieser Kalte ist zu verdammen, gleich einer Maria, wenn sie Gott nur genießen und nicht auch Christus der Welt bringen wollte. Denn was ist der Drang, der nicht auch Sturm hat? Sicherlich keine Kunst. Gerade die "Innerlichen" und die nur Künstlerischen sind am wenigsten Künstler. Mögen sie die tiefste Vision haben: nur das aussprechbare Erlebnis ist Kunst. Und zum Erlebnis wird dem Künstler nur eine solche Vision, deren Verkündigung erfüllbar ist, – ja deren Mitteilen ihm ebenso wichtig ist wie ihr Erleben. In seinem Drang muß der Sturm von Ursprung an schon enthalten sein und in seiner Fähigkeit, zu dichten, schon die Fähigkeit der Anderen, ihn zu vernehmen. Für ihn bedeutet es keinen Zufall, daß er nicht allein auf der Welt ist; für ihn ist die Wirkung auf die Anderen zwar niemals der Zweck, – aber eine geheimnisvolle Ursache seiner Kunst. Eingegeben von Gott, umgeben von anderen Menschen, so wird seine Arbeit möglich, wie ein Fluß weder Quell noch Meer entbehren kann. Dichten ist seine Art, zu lieben.

[178] Und ein Funke (mag er auch scheinbar vom Himmel stammen), dessen Feuer nichts von der Bewohntheit, von der Wüstenlosigkeit der Erde weiß, ist so wenig Kunst, wie die einsame, nur von Gegenständen erweckte Onanie Liebe ist. Zu denken, es gäbe keine Kunst, wenn es nur einen einzigen Menschen auf der Welt gäbe, – ist nur deshalb falsch, weil Alleinsein undenkbar ist; Menschenlosigkeit existiert so wenig wie Gottlosigkeit.

Die Kunst eines Menschen ist um so wahrer sie, je drängender er von seiner einsamen mystischen Kraft – und je stürmischer er dennoch zugleich von unsterblich sterblicher Gemeinschaftlichkeit umschlungen oder zwischen beiden zerrissen wird.

 

2

 

Jeder kann Gedichte machen: ein Dichter sein aber bedeutet, selbst an die Stelle eines Gedichtes treten können. Manchen aus unserer Zeit, oder aus der Vorzeit gegenwärtiger Metzelei, hat es nicht genügt, zu schreiben (geschrieben zu haben). Sondern sie vergaßen, was ihr Gedicht sagte, sie behielten nur noch, daß sie es gemacht hatten, und traten selbst an seiner Statt hinaus. Sie wollten diejenigen, die es gedichtet hatten, sein, – und dies ausdrücken.

So bauten sie vor den Gesichtern im Saale, vor den Menschen, die Freunde werden konnten, noch einmal den eingeschmolzenen Vers mit allen verkörpernden Mitteln des Geistes wieder auf. Stimme, Hand, Blick, Herz lösten sich in die Form des Gedichtes auf, das aus dem Universum der Gestalt hervorstrahlte. Alle farblosen Buchstaben der Welt krümmten sich wie Krüppel unter der Musik dessen, der sein Dasein den Gedichten und sich mit ihnen seinen Freunden hingab.

Als Gespenster freilich standen auf solcher Tribüne alle diejenigen, deren Technik in den Büchern glänzt; die heute so zahlreichen, die, von allen Kanälen gespeist, mehr können als sie sind. Gerade diese behaupten zwar, die Kunst besonders heilig zu halten, indem sie den Stoff mit enormer Gewandtheit zu einer, wie sie meinen, kunstvollsten Form aussaugen (wenn der Pokal leer sei, klinge er um so voller). Und sie würden den Gedanken verabscheuen, daß der Mensch auch mit allen Mitteln seiner körperlichen Gegenwart, mit dem Ausdruck seiner Gestalt, mit seiner Liebe, mit seinem hervorblitzenden Gewissen beim letzten lebendigsten Aufbau einer Dichtung mitwirken könnte. Doch in den Geist ihrer Biegungen, zu denen all dies Menschliche nach angeblichen Gesetzen umgebogen werden müsse, pflegen gerade sie viel Fremdes oder Fingiertes mitverschwinden zu lassen.

[179] Wer aber selbst als sein Gedicht auftritt, hat nur sich darzubringen. Er kann sich weder mit der Farbe anderer Menschen oder Musen aufschminken noch sich in Geist und Körper zerteilen. Er kann sich nicht pour l'art vergeistigen, sondern greift mit der Ganzheit seiner Kunstgestalt in die Ganzheit der Menschen. Alles, was er noch anderes als Form ist, wird der bloß gekonnten Dichtung fehlen, und der nur gedruckten ähnlich wie den Noten ein Orchester.

 

3

 

Nur das Papier mit Werken beschatten, wie der Typus jenes Schriftstellers aus dem vorigen Jahrhundert, oder wie jener andere nicht einmal Buchstaben ans Licht bringen wollen: das würde unsere nach Ekstasen hungernde Welt in völlige Armut stürzen. Auf den religiösen Ekstatiker kann sie nicht rechnen, seine Vision ist für keinen anderen als ihn selbst bestimmt; sie ist das Unsagbare, die Einheit mit Gott.

Der Dichter dagegen breitet sich in die Einheit mit Menschen aus. Das bewußtlose Schweigen des Heiligen – und seine Inkonsequenz, dies Schweigen doch zu brechen und seine Visionen mitzuteilen, wie ins Blaue hinein, – beides steht dem Dichter fern. Er stammelt nicht wie jener, der in beziehungsloser Steilheit nur Gott denkt und vollkommen wäre, wenn er nichts, nicht einmal die Sprache, außer sich und Gott empfände. Sondern seine Vollkommenheit ist die Äußerung, die möglichst ganze.

Er will wirken, – nicht auf den Glauben der anderen (der nie zu verändern ist); aber er will bewirken, daß jeder glaubt.

Aus seiner Kunst soll eine Atmosphäre hervorschreiten, in der nichts Unerregtes, Ungöttliches mehr vorkommen kann. Sie drängt gegen die chaos-alte Atmosphäre an, in der die Mitmenschen noch als gedankenlose Tiere liegen; oder zu Schollen aus Geld gefrieren; oder als stumpfe Soldaten einander zerschmettern. In ihr, bis ins letzte durchsichtig, beginnt das Zeitalter der Entdeckungen aller Sterne.

Die Schüsse, die alles beim alten lassen, sollen übertönende Stimmen zu hören bekommen. Die Waffen, die alles beim alten lassen, sollen, wie von einem gewaltigen Magneten, von der Gestalt des ganz sichtbaren Künstlers angezogen und den chaotischen Händen entrissen werden. Das Hellste und Friedlichste muß sich als das Kämpferische, das es ist, beweisen: die Liebe des Weibes, die Freundschaft des Mannes und, die beides und alles in sich vereint, die Kraft des Künstlers.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Zeit-Echo.
Jg. 2, 1915/16, Heft 12, [September 1916], S. 177-179. [PDF]

Gezeichnet: Alfred Wolfenstein.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).


Zeit-Echo Online
URL: http://bluemountain.princeton.edu/index.html
URL: https://de.wikisource.org/wiki/Zeitschriften_(Literatur)#Z

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

Kommentierte Ausgabe

 

 

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Verzeichnisse

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S. 373-383: Art. Alfred Wolfenstein.


 

 

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