A NEW GERMAN-FRENCH RESEARCH PROJECT (2016-2019): (NEW) POLITICAL REPRESENTATIVE CLAIMS: A GLOBAL VIEW (FRANCE, GERMANY, BRAZIL, CHINA, INDIA)

Ein Forschungsprojekt unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Heberer, Dr. Claudia Derichs, Karin Adelsberger, M.A., Patrick Raszelenberg, M.A. und Dr. Nora Sausmikat.


 

Gefördert durch diedfg

Ausgangspunkt des von Prof. Dr. Thomas Heber und Dr. Claudia Derichs geleiteten Forschungsprojektes war zunächst die Frage nach der politischen Dimension der „Asienkrise“. Die „Asienkrise“ ist mittlerweile weitgehend überstanden. Geblieben ist die Tatsache, dass die Debatten und Diskurse über politische Reform- und Wandlungsprozesse in Ost- und Südostasien im „Westen“ nur marginal wahrgenommen werden. In der Tat sind diese Diskurse wesentlich vielschichtiger und facettenreicher als hierzulande angenommen wird. Ideen spielen in Politikgestaltungsprozessen eine wichtige Rolle. Diese Rolle ist aber, speziell in der Politik und Politikgestaltung, bislang kaum untersucht worden.

Im Mittelpunkt der Untersuchung standen folgende Fragen:
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Wie vollzieht sich der Diffusions- bzw. Spillover-Effekt von der Diskursebene in die Praxis der Politik hinein. In diesem Zusammenhang interessierten uns auch die Verbindungslinien und Verwebungen zwischen gesellschaftlichen Diskursakteuren und dem Staat (bzw. der Partei).
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Intellektuelle sind Modernisierungsakteure und befinden sich dabei durchaus in Übereinstimmung mit der politischen Elite. Was, so war zu fragen, bedeutet dies für das wechselseitige Interaktionsverhältnis?
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Was an den jeweiligen Diskursen ist „indigen“? Hier wurden folgende Ebenen unterschieden: (a) kulturelle Behauptungen von Indigenität sowie entwicklungsbedingte und politische; (b) Abgrenzungen gegenüber „westlichen“ Momenten und deren Begründung; © synthetische Argumentationsstränge (Verbindung westlicher und indigener politischer Muster); (d) die Frage, ob die Debatten etwa über das „Indigene“ („Chinesische“, „Vietnamesische“ etc.) lediglich Legitimationscharakter besitzen.
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Intellektuelle befinden sich heute weitgehend in einer internationalen Diskussion und argumentieren gestützt auf intellektuelles Wissen auch aus dem Westen. Von daher stellte sich die Frage, inwieweit es in Grundfragen der Menschen nicht universale Interessen und Vorstellungen gibt, die eine gewisse Disposition für solche Fragen und Ideen schaffen.
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Momente der Vergleichbarkeit (und der Differenz) der von uns untersuchten Staaten: Wo existieren scheinbar ähnliche bzw. unterschiedliche Strukturen oder Argumentationsmuster?
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Momente der Vernetzung der Demokratiediskurse innerhalb der Region Ost- und Südostasien über NGOs, Wissenschaftleraustausch, Internet usw. Dies besitzt nicht nur eine regionale, sondern auch eine internationale Komponente, zumal Fragen der Globalisierung und von Global Governance sehr eng mit internationalen Diskursen verbunden sind und der Zusammenbruch der meisten sozialistischen Staaten sowie autoritärer Staaten in der Region nicht ohne Einfluss auf diese Diskussion geblieben ist.

Diese Fragestellungen wurden am Beispiel zweier autoritärer Staaten (China, Vietnam), eines multiethnischen, formaldemokratischen Staates mit starken autoritären Zügen (Malaysia) sowie eines demokratischen Staates mit signifikanten parochialen Strukturen und Verhaltensmustern (Japan) untersucht.

Theoretische Einordnung

Mit Beginn des Projektes setzten wir uns in einem ersten Schritt mit der Rolle von Diskursen in Politikprozessen auseinander. Ein zentraler Faktor ist, dass sich die Entwicklung politischer Wandlungsprozesse nicht nur über die Analyse von gesellschaftlichen Interaktionsprozessen und Interessen bestimmen lässt, sondern Ideen und ihnen folgende Diskurse eine zentrale Rolle in der Politikgestaltung spielen. Im Zuge von Entwicklungsprozessen oder – im Falle Chinas und Vietnams – des Prozesses des Umbaus zu einer offeneren Marktwirtschaft, kann der Staat seinen Willen nicht einfach despotisch durchsetzen. Vielmehr muss er im Interesse der Stärkung seiner Staatskapazität mit der Wissensgemeinschaft, den Intellektuellen und Vordenkern, in einen Diskurs eintreten.

In einem ersten Schritt wurden verschiedene Definitionen von Intellektuellen auf unseren Forschungskontext hin überprüft und angepasst. Auf der Basis einer ersten Kategorisierung ließen sich konstruktive, bewahrende, rechtfertigende, transformatorische und demontierende Diskursstrategien feststellen. Es genügt aber nicht, Ideen nur zu benennen und zu beschreiben. Vielmehr müssen die Wechselwirkung von Ideenproduzenten, Ideenträgern und staatlichem Handeln, das Verhalten der beteiligten Akteure und die Auswirkungen von Ideendiskursen analysiert werden, als Analyse eines wichtigen Segments von Politikgestaltung. Dabei wirken Ideen nicht alleine und für sich als Motoren von Wandel und Entwicklung, sie tun dies vielmehr unter bestimmten historischen, ökonomischen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen und nicht losgelöst von spezifischen Interessen und Institutionen. Da es noch keine regionalspezifische Theorie zu unserem Forschungskontext gibt, entschieden wir uns für eine Kombination unterschiedlicher Theorieansätze. Auf der Basis von Theorien zu „westlichen“ Gelegenheitskonzepten, Netzwerksanalysen, Ansätzen aus der Bewegungsforschung wie der „Ressourcenmobilisierungstheorie“, des Bourdieuschen Ansatzes des sozialen Kapitals des Haasschen und Mannheimschen Ansatzes zur Funktion von Intellektuellen (Generationstheorien und epistemische Gemeinschaften) sowie des historischen und organisatorischen Institutionenansatzes entwickelten wir die folgenden übergreifenden Parameter für die Diffusion von Ideen in die Politik für die untersuchten Länder: politische Gelegenheitsstrukturen, Offenheit und Geschlossenheit eines Systems, immaterielle Ressourcen (persönliche und intellektuelle Ressourcen, Interessennähe, soziales Kapital, Netzwerkbildung), timing (Ereignis- und Thementiming) sowie Staatslernen (Anpassungsprozesse).