3.4. Soziologische Theorien

Der Begründer der Soziologe ist Emile Durkheim. Sein Buch »Le Suicide« erschien 1897. Durkheim sammelte systematisch die Todesursachen-Statistiken verschiedener Länder in Europa.

Durkheim wertete das gesammelte Material aus und entwickelte daraus seine Theorie für das Phänomen »suizidales Verhalten«. Nach seiner Theorie ordnete er alle Suizide in vier Kategorien ein:

Egoistischer Suizid

Das Individuum hat gegenüber der Gesellschaft einen zu stark ausgeprägten Individualismus.

Altruistischer Suizid

Das Individuum hat gegenüber der Gesellschaft einen sehr schwach ausgeprägten Individualismus.

Fatalistischer Suizid

Die sozialen Normen in der Gesellschaft sind sehr eng gefaßt. Durkheim ordnet in diese Kategorie zum Beispiel »Opfertode« ein.

Anomischer Suizid

Die sozialen Normen in der Gesellschaft sind zu weit oder zu ungenau definiert. Das Individuum verliert seine Orientierung.



In dieses Schema versuchte Durkheim alle Suizidstatistiken, die ihm bekannt waren, einzubinden. Dieses Vorgehen muß aus heutiger Sicht als gescheitert angesehen werden. Für alle Behauptungen lassen sich in neueren soziologischen Studien Gegenbeispiele finden.

Durkheim bezieht sich bei seinen soziologischen Studien im Wesentlichen auf größere gesellschaftliche Gruppen (Völker, Staaten, Rassen, Religionen) bzw. auf regionale Strukturen (Stadt, Stadtteil, ländliche Gebiete). Ausgeklammert wurden von ihm alle familiäre Strukturen, wo ebenfalls eine Vielzahl von Suiziden ihren Ausgangspunkt (Grund) haben.

3.4.1. Soziologische Betrachtungen auf der Ebene von Völkern und Staaten

Land (1960)

Rate


Land (1980/1986)

Rate

Deutsche Demokratische Republik

37,0

Ungarn

45,3

Schweiz

29,2

Deutsche Demokratische Republik

43,1

Bundesrepublik Deutschland

28,6

Österreich

28,3

Ungarn

25,0

Dänemark

27,8

Österreich

23,1

Finnland

26,6

Tschechoslowakei

22,3

Belgien

23,8

Finnland

20,5

Schweiz

22,8

Dänemark

20,3

Frankreich

22,7

Schweden

17,4

Bundesrepublik Deutschland

19,0

Frankreich

15,8

Tschechoslowakei

18,9

Belgien

14,6

Schweden

18,5

Jugoslawien

13,9

Bulgarien

16,3

Luxemburg

13,4

Jugoslawien

16,1

England und Wales

11,2

Norwegen

14,1

Island

10,6

Luxemburg

13,9

Bulgarien

8,7

Island

13,3

Portugal

8,7

Polen

13,0

Polen

8,0

Schottland

11,6

Schottland

7,9

Niederlande

11,0

Niederlande

6,6

Nordirland

9,3

Norwegen

6,4

Portugal

9,2

Italien

6,1

England und Wales

8,9

Spanien

5,5

Irland

7,8

Nordirland

4,4

Italien

7,6

Griechenland

4,3

Spanien

4,9

Irland

3,0

Griechenland

4,1

Malta

0,9

Malta

0,3

Suizidraten (pro 100 000 Einwohner) in 27 Ländern 1960

Suizidraten (pro 100 000 Einwohner) in 27 Ländern 1980/1986



3.4.2. Soziologische Betrachtungen auf der Ebene lokaler Strukturen

auf dem Land (kleinere Gemeinden) herrscht ein dichteres soziales Netz (= soziale Kontrolle!)
in die Stadt wandern instabile Individuen (?)
Streß durch anonyme Lebensbedingungen
höhere Arbeitslosigkeit in städtischen Gebieten (?)

Mögliche Gründe:

Verlust traditioneller Familienstrukturen
Zunahme der Suchterkrankungen bei Frauen (besonders Alkohol)
Wachsende Vermischung männlicher und weiblicher Rollen

3.4.2.1. Imitationshypothesen

Dazu existieren mehrere Untersuchungen (Keitman 1969; Welz 1979; Schmidtke und Häfner 1988; Phillips 1974). Alle Hypothesen gehen davon aus, daß ein bestimmtes suizidales Verhalten (verbreitet über öffentliche Medien - Buch, Fernsehen usw.) imitiert wird. Als Beispiel möchte ich eine Zusammenfassung der Studie Schmidtke und Häfner (1988) von Bronisch zitieren:

»1981 und 1982, etwa 1½ Jahre später als die erste Ausstrahlung, zeigte das Zweite Deutsche Fernsehen eine sechsteilige Serie unter dem Titel »Tod eines Schülers«. Gegenstand der Serie war der fiktive Eisenbahnsuizid eines 19jährigen Schülers. Die Ausstrahlung hatte in der Bundesrepublik Deutschland, verglichen mit analogen Zeitperioden vor, zwischen und nach beiden Sendungen, einen erheblichen Anstieg der mit gleicher Methode durchgeführten Suizide in der Zeitspanne der Sendung und unmittelbar danach zur Folge. Die Häufigkeitszunahme der Eisenbahnsuizide war am stärksten in den nach Alter und Geschlecht dem fiktiven Modell am nächsten stehenden Gruppe der Bevölkerung. Für Männer von 15-19 Jahren betrug der Anstieg für einen Zeitabschnitt von 70 Tagen während und nach der ersten Ausstrahlung gegenüber den Vergleichszeiträumen 175%, für Frauen der gleichen Altersgruppe 167%. Bei Frauen über 30 und Männern über 40 Jahren fanden sich keine signifikanten Anstiege mehr.

Die jeweiligen Häufigkeitszunahmen der Eisenbahnsuizide in der Altersgruppe der 15-29jährigen Männer für eine Zeitspanne von 70 bzw. 68 Tagen während und nach den beiden Aussendungen verhielten sich zueinander wie die für beide Sendungen ermittelten Einschaltquoten der 15-29jährigen. Dabei handelte es sich nicht um vorgezogene Suizide disponierter Personen, sondern um einen echten Häufigkeitsanstieg von Suiziden.

Praktisch formuliert, so schreiben die Autoren, hat wahrscheinlich eine beträchtliche Anzahl junger Menschen durch diese mit guter Absicht gedrehte Fernsehserie den Anstoß erfahren, ihrem Leben ein rasches, dramatisches Ende zu setzen.« ()



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