ESSENER UNIKATE 21

Geisteswissenschaften – Religion und Gewalt (2003)

Den Schwerpunkt dieses interdisziplinären Heftes 21, das keinesfalls nur eine Reaktion auf den 11. September 2001 ist, bilden Beiträge aus der katholischen und evangelischen Theologie, die durch Artikel aus Politik- und Literaturwissenschaft flankiert werden. So wird Grillparzers „Jüdin von Toledo“ ebenso im Hinblick auf das Thema analysiert wie das Verhältnis von Religion und Nation im ehemaligen Jugoslawien. Die theologischen Beiträge behandeln Themen wie Gewalterfahrungen von Frauen, sexuelle Gewalt und Krieg und Frieden in der Bibel, die Problematik der Divine-Command-Ethics im Kierkegaardschen Sinne sowie die Gewalt und ihre Überwindung im systhematisch-theologischen Denken. 98 Seiten, 2003.

Federführung Hubertus Lutterbach ISBN 3-934359-21-3
Impressum - Vertrieb

Aus dem Inhalt

Ilse Müllner

„Gegen den Willen – Sexuelle Gewalt im Alten Testament“

Auch heute noch ist die Autorität der Bibel eines der zentralen Argumente für Frauen, sich mit biblischen Schriften kritisch auseinander zu setzen. Die Wirkweise der biblischen Schriften hat sich in den letzten hundert Jahren geändert. In der westlichen Welt können biblische Texte nur noch in marginalen Kreisen mit ungebrochener Zustimmung rechnen. Die Autorität der Bibel hat sich gewandelt; auch für jene, die biblische Texte als Wort Gottes verstehen.
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Annegret Reese

„Gewalt gegen Frauen - Normverletzung oder Normverlängerung? – Gewalterfahrungen von Frauen als kritisches Korrektiv für eine theologisch-verantwortete Rede von Gott“

Viele Theologinnen haben die Herausforderung bereits angenommen, Gewalterfahrungen von Frauen als kritische Anfragen an christliche Theologie, Tradition und Kirche ernst zu nehmen. Die Solidarität mit den Frauen und das Misstrauen gegenüber gewaltstabilisierenden Strukturen innerhalb christlicher Theologie, Tradition und Kirche muss weiter wachsen.
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Hubertus Lutterbach

„Sexueller Missbrauch von Kindern – Ein Verstoß gegen die christliche Tradition des Kinderschutzes“

Wie nie zuvor ist die römisch-katholische Kirche während der vergangenen Monate in die Schlagzeilen geraten, weil in ihren Reihen Priester ihren seelsorglichen Dienst versehen, die sich im Rahmen der pastoralen Tätigkeit an Kindern sexuell vergehen bzw. vergangen haben. Bemerkenswerterweise fragt kaum jemand danach, welche Rolle der Schutz der Kinder vor sexueller Gewalt eigentlich in den vergangenen Jahrhunderten gespielt hat. Der Schutz der Kinder vor sexuellen Übergriffen ist rückblickend als eine der großen humanisierenden Leistungen des Christentums zu bewerten. Mit anderen Worten: Der gesellschaftliche Konsens darüber, dass Kindern gegenüber grundsätzlich keine sexuelle Gewalt angewendet werden darf, wurzelt in den Anfängen des Christentums. Insofern wirkt sich der Glaubwürdigkeitsverlust für das Christentum umso gravierender aus, wenn Christen oder sogar engste Mitarbeiter der Kirche diese Tradition missachten.
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Othmar Nikola Haberl

„Symbiose aus Religion und Nation – Religion, Nation und Politik im ehemaligen Jugoslawien“

Bedingt durch den staatlich verordneten Atheismus hat Jugoslawien in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg geradezu notwendigerweise keinen interreligiösen Dialog geführt. Durch die Blutspur des Bürger- und Religionskrieges der neunziger Jahre ist bis auf Weiteres die Chance für die Initiierung dieses Dialogs erst einmal gründlich verdorben, so dass eigentlich nur eins bleibt, wenn die physischen und psychischen Verletzungen dieses Krieges in Angriff genommen werden sollen: Dass mutige Vertreter der Religionsgemeinschaften über die eigenen Schatten springen und dem jeweils anderen die Hand zum Dialog reichen. Nicht weniger aber ist wichtig, dass das säkularisierte Westeuropa den drohenden religiösen und kulturellen Kahlschlag ähnlich mutig angeht.
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Ursula Renner

„Wie entsteht ein Sündenbock? – Grillparzers „Jüdin von Toledo“ als Opfergeschichte“

Gewalt ist ein zentrales Thema unserer Gegenwart, nicht erst seit dem 11. September. In einem beinahe undurchdringlichen Dschungel von Argumenten – als Konflikt von Religionen, Kulturen, Systemen, von Recht und Macht, als ontologische oder biologische Bürde – wird es in der öffentlichen Diskussion verhandelt und gedeutet. Nicht zufällig kommt in einer solchen Zeit der Gedanke auf, in den Erzählungen der Vergangenheit nach Mustern für die Entstehung von Gewalt zu suchen. So als müsse im Archiv des kulturellen Gedächtnisses eine Antwort zu finden sein, unter welchen Bedingungen Menschen sich legitimiert fühlen, anderen Gewalt anzutun. Was ein literarischer Text zu diesem Thema beitragen kann, soll am Beispiel von Franz Grillparzers „Die Jüdin von Toledo“ gezeigt werden.
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Aaron Schart

„Zwischen Gottes-Krieg und Feindesliebe – Krieg und Frieden in der Bibel“

Ohne Zweifel kommen in der politischen Rhetorik auf allen Seiten starke religiöse Motive vor. Insbesondere das Christentum, das Judentum und der Islam spielen eine bestimmende Rolle. Es geht nicht darum, dass Religionen sich gegenseitig bekämpfen, sondern darum, dass sie aufgefordert sind, gemeinsam die Versöhnungskräfte weiter zu stärken und den Fanatikern den religiösen Nährboden zu entziehen. Jede Religion sollte vor allem die eigene Glaubenstradition kritisch sichten und die weiterführenden Impulse im Dialog der Religionen zur Geltung bringen.
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Ralf Miggelbrink

„„...unsere Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens“ (Lk 1,79) – Gewalt und ihre Überwindung im systematisch-theologischen Denken“

Kirche ist immer einerseits geprägt durch Geduld, deren Wurzeln in der unendlichen Fülle Gottes sich verzweigen, und andererseits durch die eschatologische (das Endschicksal betreffende) Ungeduld des Prophetischen. Beide gegensätzlichen Elemente bestimmen notwendig das Leben einer Gemeinde, die im Widerspruch lebt zur adamitischen Natur des Menschen der Angst und der Gewalt, die aber diesen Widerspruch eben nicht adamitisch mit den Mitteln der hysterischen Angst und der zynischen Gewalt lebt. Christliche Gemeinden werden sich immer wieder fragen, worin ihre konkreten Zeichen des Widerspruches bestehen und wo sie den konkreten Menschen in der Uneindeutigkeit ihres Lebens nahe sein wollen.
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