Verehrte Leserinnen und Leser,

in unserem Sprachgebrauch hat sich der Begriff ‚Fusion‘ (lat. fusio = Ausguss, Fließenlassen) fast explosionsartig verbreitet. Ohne In- und Transfusionen kommt bisweilen die Perfusion ins Stocken, Musikstile fusionieren ebenso wie Sensordaten, Atomkerne oder Zellen; ohne Diffusion und Diffusivität kommt kaum eine Wissenschaft aus. Schließlich können Länder, Konzerne, Universitäten und Geheimdienste fusioniert werden – oder aber gegen ihre Fusion kämpfen, weil nicht in jedem Fall die Abgrenzung zur feindlichen Übernahme trennscharf zu bewerkstelligen ist.

Aufschlussreich ist nun, dass das, was wir heute in einem engeren Sinn mit Fusion bezeichnen – nämlich die Vereinigung und Verschmelzung von zuvor Getrenntem – im Lateinischen „confusio“ heißt, und wer jemals eine Fusion erlebt hat, wird sich auch der Konfusionen erinnern. Fusionen führen zum Zusammenfluss und zur Konzentration von Kräften und Potenzialen, aber auch zu deren Verschwendung. Vereinigungen werfen Bestehendes durcheinander, die entstehende Verwirrung kann und sollte dabei aber immer auch als produktive betrachtet werden. Schließlich lässt das durch eine Fusion neu entstehende Dritte oft erst die Ausgangselemente retrospektiv zur Kenntlichkeit geraten: Fusionen produzieren so nicht zuletzt auch Erkenntnis.

Aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums der Fusion der Universitäten Duisburg und Essen, der ersten in der deutschen Nachkriegsgeschichte, haben wir alle Fakultäten und zwei An-Institute gebeten mitzuspielen bei der Frage, was ihnen zum Thema der Fusion als Forschungsfrage einfallen würde. Das Ergebnis können Sie in dem vorliegenden Heft lesen. Schon dem flüchtigen Blick zeigt sich, welche Vielfalt an Antworten die Frage generiert. Darüber hinaus kann die fachübergreifende Beschäftigung mit dem Thema ‚Fusion‘ lehren, dass wissenschaftliche Forschung nicht Wahrheiten produziert, sondern begründete Meinungsvielfalt. Außerdem ist daraus zu lernen, dass wissenschaftliche Forschung nicht notwendig (praktisch) Verwertbares hervorbringt, sondern dessen Voraussetzung: theoretisches und praktisches Wissen. Wie also haben die Kolleginnen und Kollegen die Frage nach der ‚Fusion‘ für ihre jeweilige Fakultät beantwortet?

UNIKATE 45 - Fusionen - Ursula Renner-Henke

Ursula Renner-Henke. Foto:Timo Bobert

(Fakultät für Chemie): Die Fusionen von Atomkernen und die von Atomen zu Molekülen bilden das Kerngeschäft der Chemie. Die Verknüpfung von Atomen zu Molekülen wird allerdings Synthese genannt, der Begriff der Verschmelzung/Fusion ist den Atomkernen vorbehalten. Moleküle wiederum „fusionieren“ zu größeren, supramolekularen Aggregaten. Chemikerinnen und Chemiker untersuchen solche Prozesse der „Selbstassemblierung“, um neue Anwendungsbereiche zu entwickeln.

(Fakultät für Physik): Planeten entstehen durch Collisional Fusing, durch Kollisionen von kosmischen Staubpartikeln, die dann eine neue Einheit bilden. Durch fortgesetzte Kollisionsfusionen in immer größerem Maßstab kommen Planeten wie die Erde zu Stande: Die Ausgangskörper werden aufgebrochen und verschmelzen dann. Der Stoß ist eine wesentliche kosmische Verbindungskraft.

(Fakultät für Mathematik): In der Mathematik können Kerngebiete der Angewandten Mathematik zur Fusion gebracht werden. Mathematikern aus Duisburg-Essen ist es gelungen, eine neue grundlegende Ungleichung aufzustellen, mit der sich sowohl eine der fundamentalen Ungleichungen der Elektromagnetostatik als auch die Ungleichung der Elastoplastizität als Spezialfälle beschreiben lassen. Aus dieser neuen Ungleichung lässt sich ein neues Modell der Elastoplastizität ausarbeiten, das in der Materialentwicklung zur Anwendung gebracht werden kann.

(Medizinische Fakultät): Die Medizinische Strahlenforschung ist nur auf dem Weg einer kontinuierlichen Fusion von Wissen und technologischem Know-how aus ganz verschiedenen Disziplinen und Praxisgebieten möglich: aus Strahlenphysik, -biophysik, -biologie und -chemie, den Ingenieurwissenschaften, der Bio-Medizin und dem Strahlenschutz. Durch die Institutionalisierung dieser Wissensfusion konnte Essen als international angesehener Standort der Medizinischen Strahlenforschung, besonders im Bereich der Onkologie, ausgebaut werden.

(Fakultät für Gesellschaftswissenschaften): Über Record Linkage, die Verknüpfung unterschiedlicher Datenbanken für Forschungszwecke, können personenbezogene Daten in großem

Umfang zusammengeführt werden. Möglichkeiten und Grenzen solcher Datenfusionen werden durch die politische Willensbildung, etwa den Datenschutz, bestimmt. Neue technische Lösungen wie das Privacy Preserving Record Linkage versprechen die Auflösung des Konflikts zwischen Datenzusammenführung und Datenschutz.

(Fakultät für Biologie): Fusionen sind in der Biologie normal und alltäglich, die Biologie kann gar als Wissenschaft der Fusionen per se bestimmt werden: Alle Organismen fusionieren permanent auf allen Ebenen und in allen möglichen Arten und Graden; keine Fortpflanzung ohne Fusion. Unterscheiden kann man zwischen den für alle Partner vorteilhaften Fusionen auf der einen und den mindestens für einen Partner nachteiligen Fusionen (wie etwa im Parasitismus) auf der anderen Seite.

(Kulturwissenschaftliches Institut): Die Musikgeschichte ist seit jeher von Fusionen, vom Zusammenfluss und der Verschmelzung verschiedener Traditonen, Stile und Produktionsweisen geprägt. In der Weltmusik wird diese Prägung programmatisch gewendet. Dabei lässt sich eine Weltmusik (I), in der die zu Grunde liegenden Fusionsprozesse dem Muster kolonialer Expropriation folgen, von einer Weltmusik (II) unterscheiden, wo diese Asymmetrie einer wechselseitigen, postkolonialen Appropriation weicht.

(Fakultät für Geisteswissenschaften): Gerade die geschichtsträchtigen Fusionen können auch Zwangsfusionen sein – wie die zwischen KPD und SPD in der sowjetisch besetzten Zone im April 1946. Die Geschichte dieser Zwangsfusion zeigt, dass politische Fusionen strategisch aufgeladene Prozesse sind, deren Ausgang immer auch vom Zufall, vom richtigen Timing und von Gewalt bestimmt wird. Und doch müssen die Sieger dieser Zwangsfusion letztlich als Verlierer gelten: Mit der Vereinigung von KPD und SPD wurde die Spaltung zwischen West- und Ostdeutschland zementiert, die Stalin’sche Deutschlandpolitik war gescheitert.

(Fakultät für Wirtschaftswissenschaften): Währungsfusionen stärken die gemeinsame Handlungsmacht eines Währungsraums, sie schränken aber auch einzelstaatliche Handlungsspielräume ein. Gerade in Krisenzeiten müssen Währungsfusionen als Risikohandeln eingestuft werden: im Falle eines Scheiterns zerbrechen Währungsunionen wieder, die Einzelwirtschaften gehen geschwächt aus dem Prozess hervor.

(Fakultät für Bildungswissenschaften): Schulfusionen, namentlich zwischen Haupt- und Realschulen, erweisen sich zunehmend aus ökonomischen und demographischen Gründen als notwendig. Sie erfordern in hohem Maße eine Kooperation der Beteiligten, um die Differenz der jeweiligen Schulkulturen zu überwinden.

(Mercator School of Management/Fakultät für Betriebswirtschaftslehre): Unternehmensfusionen stellen Versuche dar, vor dem Hintergrund einer globalisierten Wirtschaft Faktoren wie Dynamik, Unsicherheit, Risiko, Komplexität und Krise positiv zu nutzen. Als strategische Option zur Wertsteigerung und zur Erzeugung von Synergieeffekten wird die Effektivität von Fusionen aber oft über- und die entstehenden Dyssynergien unterschätzt: Fusionen können auch scheitern.

(Fakultät für Ingenieurwissenschaften):
Ingenieurwissenschaft im 21. Jahrhundert ist damit beschäftigt, relativ statische und isolierte Disziplinen in einem kontinuierlichen Prozess zu einer neuen Verschmelzung zu bringen. Global Engineering und Computer Supported Cooperative Working ermöglichen globale Kommunikation und Kollaboration durch die Fusion verschiedener, durchaus heterogener Wissensfelder: Ingenieurwissenschaften, Ökonomie, Soziologie, Kommunikationswissenschaft, Psychologie, Informationswissenschaft, Organisationstheorie und Informatik. Fusionierte Ingenieurswissenschaft entwirft und realisiert die Tools für diesen Prozess.

(Käte Hamburger Kolleg): Im Hinblick auf die Bewältigung globaler Aufgaben (global governance) gilt es, Bedingungen und Möglichkeiten der Kooperation zu erforschen. Dabei stellt Kooperation, auch wenn sie die Fusion von Kräften und Zielen vorsieht, letztlich einen politisch unverzichtbaren Grenzbegriff dar.

In der Vielfalt der hier aufgebotenen Beiträge zeigt sich, so hoffen wir, eine weitere Grundbedeutung von Fusion: Schon im Lateinischen ist mit der „diffusio“ neben der Zerstreuung auch die Unterhaltung in einem durchaus anspruchsvollen Sinn gemeint; die „diffusio animi“ ist die Heiterkeit des Geistes. In diesem Sinn wünschen wir viel Vergnügen bei der Lektüre dieses Heftes!


Ursula Renner-Henke,
Patrick Eiden-Offe


Fusionen in der Chemie

Die Fusion von Atomen zu Molekülen ist das tägliche Brot von Chemikerinnen und Chemikern, denn ohne die Synthese neuer Moleküle geht in der Chemie wenig bis gar nichts. Darüber hinaus kann die Fusion von Molekülen zu supramolekularen Aggregaten neue Materialien mit interessanten und spannenden Eigenschaften hervorbringen.


Physik auf der Suche nach dem Ursprung der Erde

All die „schweren“ Elemente, aus denen die Erde und letztendlich auch wir bestehen, hängen an den Fusionsprozessen, die in Sternen stattfinden. Wir, beziehungsweise unsere Atome, stammen alle aus dem Inneren von Sternen oder aus Supernovae. Damit haben wir in gewisser Weise schon alle eine weite Reise hinter uns. Beginnen wird der Beitrag aber „etwas“ später, als die Elemente, die man benötigt, um ein Planetensystem zu basteln, bereits existierten und in großen kalten Gebilden als interstellare Molekülwolken in einer Galaxie zu finden waren.


Über das Verschmelzen zweier Kerngebiete der Angewandten Mathematik

In diesem Artikel berichten die Autoren, wie sie vor kurzem eine neue grundlegende Ungleichung entdeckt haben, mit der sich sowohl eine der fundamentalen Ungleichungen der Elektromagnetostatik als auch die der Elastoplastizität als Spezialfälle beschreiben lassen.


Strahlenmedizische Forschung an der Universität Duisburg-Essen

Die Strahlenforschung ist auch an der Universität Duisburg-Essen ein ideales Beispiel für bedeutsamen Fortschritt durch kontinuierliche und erfolgreiche Fusion traditioneller Fragestellungen einer Fachdisziplin mit der Expertise thematisch angrenzender Fächer der Natur- und Ingenieurswissenschaften und der (Bio)-Medizin sowie der Integration innovativer Technologien.


Entwicklung neuer technischer Lösungen für die datenschutzgerechte Zusammenführung personenbezogener Daten

Für viele Forschungsprobleme der Medizin und der Sozialwissenschaften liegen relevante Daten über die gleichen Personen in getrennten Datenbanken vor. Die Verknüpfung dieser Datenbanken würde die Untersuchung zahlreicher Fragestellungen erlauben, falls keine Datenschutzbedenken bestünden. Der Beitrag beschreibt neue technische Verfahren zur Zusammenführung personenbezogener Datenbanken, die die Identität der Personen nicht erkennbar werden lassen.


Fusionen aus biologischer Sicht

Eigentlich ist die Biologie gar die Wissenschaft der Fusionen per se: Organismen fusionieren in Teilen oder in Gänze, sie fusionieren innerartlich, aber auch zwischen Arten, Familien, Ordnungen, ja sogar zwischen verschiedenen Reichen. In der Biologie wurde und wird auf allen Ebenen und in allen Zeiträumen fusioniert. Solche Fusionen dauern aber nur dann an, wenn sich das gesamte neue Arrangement als vorteilhaft bewährt.


Appropriation, Expropriation und Transkulturalität

Dieser Beitrag wendet das Prinzip der Fusion auf eine „Musikrichtung“ an, die Verschmelzung zum Programm macht und per se als Hybrid angelegt ist: World Music oder Weltmusik.


Die Gründung der SED zwischen gesamtdeutscher Strategie und kommunistischem Führungsanspruch

Die Vereinigung von sozialdemokratischer und kommunistischer Partei zur „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ im April 1946 gilt bis heute als eine der folgenreichsten Fusionen in der neuesten Geschichte. Freilich war es eine Zwangsfusion, bei der die sowjetische Besatzungsmacht den vielfach widerstrebenden Sozialdemokraten ihren Willen aufzwang. Interne Quellen der SED-Führung und der sowjetischen Führung zeigen, dass die Motive der Beteiligten doch wesentlich differenzierter als vermutet waren.


Anfänglicher Optimismus verwandelt sich in Euroskepsis

Einerseits beleuchtet der Beitrag die Entwicklung hin zur Europäischen Währungsunion (EWU). Es werden sowohl die Hoffnungen, die mit der gemeinsamen Währung verbunden waren, aufgezeigt als auch Konstruktionsfehler der EWU dargestellt. Andererseits geben die Autoren aber auch einen Ausblick auf mögliche Entwicklungen in der Zukunft.


Empirische Analyse und theoretische Bezüge in der Schulforschung

Der Beitrag stellt zunächst empirische Befunde aus zwei Fallstudien zu Schulen vor, die im Zuge einer Schulstrukturreform Schulfusionen realisiert haben. In einem zweiten Schritt werden diese Ergebnisse vor dem Hintergrund ausgewählter bildungssoziologischer und erziehungswissenschaftlicher Konzepte interpretiert. So wird das Erklärungspotenzial theoretischer Ansätze für die Analyse von Schulfusionen ausgelotet.


Fusionen aus Sicht der Betriebswirtschaft

Dieser Beitrag geht der Frage nach, ob eine Fusion eher als Fluch oder doch eher als Segen aus Sicht der Betriebswirtschaft und insbesondere der Unternehmen und betroffenen Personen zu sehen ist.


Ein Beispiel zur Fusion von Wissensbereichen

Mit diesem Beitrag beschreiben die AutorInnen moderne Werkzeuge zur Zusammenarbeit in der Praxis von IngenieurInnen im Rahmen der globalen Industrie. Die Betrachtung der Evolutionen, die über die Zeit auch Fusionen der verschiedensten Art zur Folge hatten, zeigen die weitreiche Bedeutung der Fusion als einen Entwicklungsschritt auf, der in seiner Bedeutung der reinen Evolution sicher überlegen ist.


„Fusion“ als Strategie zur Erforschung globaler Problemlösungen

Am Käte Hamburger Kolleg/Centre for Global Cooperation Research als Institute for Advanced Study wirken internationale Forscherinnen und Forscher zusammen, die neue Zugänge zur Erforschung globaler Kooperation erkunden wollen. Und der Erfolg eines solchen Projekts wird ganz maßgeblich daran zu messen sein, ob es den WissenschaftlerInnen gelingt, neue Ansätze aufzugreifen und anderen Impulse zu geben, sprich: Fusionen anzustoßen, in Gang zu setzen, zu inszenieren.