Verehrte Leserinnen und Leser,

auf interpersoneller Ebene können Menschen erstaunlich gut Probleme lösen, wenn sie sich gemeinsamen Herausforderungen gegenübersehen. Demgegenüber scheint Kooperation auf globaler Ebene häufig zu versagen. Die Stagnation internationaler Verhandlungsprozesse vor der UN-Klimakonferenz Ende 2015 in Paris ist ein Beispiel; die Ohnmacht internationaler Vermittler und Friedensstifter, Staatsverfall und brutalste Gewalt in Syrien, dem Irak und Libyen Einhalt zu gebieten, nur ein weiteres. Doch es gibt auch Lichtblicke: So bekam die Gruppe der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G 20) die Krise der internationalen Finanzmärkte 2007/2008 in den Griff, wobei emerging economies wie China, Indien und Brasilien eine wichtige Rolle zukam. Und auf internationaler Ebene gibt es mittlerweile Einrichtungen wie den Internationalen Strafgerichtshof, der Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit Nachdruck verfolgt, auch wenn es immer wieder Rückschläge gibt.

Wie ‚funktioniert‘ Kooperation? Was sind die Voraussetzungen für das erfolgreiche Zusammenwirken von Staaten, internationalen Organisationen und privaten Akteuren zur Bewältigung globaler Herausforderungen?

Diese Fragen bilden den Ausgangspunkt für die UNIKATE 47. Wir wollen Ihnen dabei Einblicke in Forschungen und Debatten am Käte Hamburger Kolleg/Centre for Global Cooperation Research geben, einer Zentralen Forschungseinrichtung der Universität Duisburg-Essen (UDE). Im Februar 2012 gegründet, wird das Kolleg durch das Bundeministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. In gewisser Weise ist das Projekt selbst das Ergebnis einer Kooperation, haben sich hier doch mit dem Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) in Bonn, dem Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) in Duisburg sowie dem Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) drei Partner zusammengetan.

Das im Duisburger Innenhafen gelegene Kolleg hat in den ersten drei Jahren 59 Fellows aus 23 Ländern Freiräume geboten, jenseits der vielen Zwänge des akademischen Alltags zu forschen und zu diskutieren. Gemeinsam mit dem Kernteam des Kollegs bilden sie eine transdisziplinäre Lerngemeinschaft. In dieser wollen wir, wie es unser Mission Statement formuliert, zum besseren Verständnis der

UNIKATE 47 - Globale Kooperationsforschung - Transdisziplinäre und transkulturelle Perspektiven - Tobias Debiel - EDITORIAL

Tobias Debiel. Foto: Jochen Hippler

Möglichkeiten und Hindernisse grenzüberschreitender Kooperation beitragen (…), um neue Wege globaler Politikgestaltung zur Krisenbewältigung und zum Schutz der globalen Gemeingüter zu erkunden.


Die Artikel im ersten Teil dieses Heftes diskutieren, wie sich auf Grundlage bestehender Theorieansätze und empirischer Erkenntnisse Bausteine für ein neues Verständnis von Kooperation entwickeln lassen. Die Essays im zweiten Teil reflektieren am Beispiel gewaltzerrütteter Gesellschaften Praktiken der Kooperation – und machen deutlich, welche Probleme und Fallstricke beim Zusammenwirken zwischen internationalen, nationalen und lokalen Akteuren und Institutionen auftreten können.

Der dritte Teil gibt Eindrücke von einem kleinen Experiment, das wir gemeinsam mit dem Building Global Democracy Programme von Prof. Jan Aart Scholte, einem unserer Senior Fellows, durchgeführt haben. Neun Expertinnen und Experten an der Schnittstelle von Forschung und Praxis kamen im November 2013 in Duisburg zusammen, um sich jenseits westlich geprägter Vorgaben über ihre regional und kulturell unterschiedlich geprägten Verständnisse von globaler Demokratie auszutauschen. Welche Erkenntnisse sie aus dem diskursiven Aushandlungsprozess gewonnen haben, spiegeln die Interviews mit einigen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wider.

Die UNIKATE 47 stützen sich auf ausgewählte Beiträge aus den Publikationsreihen des Kollegs. Sie wurden eigens für die UNIKATE zugeschnitten, redaktionell bearbeitet und ins Deutsche übertragen.

Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen

Tobias Debiel


Zur Person

Tobias Debiel ist Professor für Internationale Beziehungen und Entwicklungspolitik an der Universität Duisburg-Essen und dort auch Direktor des Instituts für Entwicklung und Frieden (INEF). Gemeinsam mit Claus Leggewie und Dirk Messner leitet er das Käte Hamburger Kolleg/Centre for Global Cooperation Research.


Sind Menschen auf diese zivilisatorische Herausforderung vorbereitet?

Die Krise der globalen Kooperation, etwa im Bereich Klimawandel, erscheint im Licht aktueller Erkenntnisse aus Sozial- und Naturwissenschaften in gewisser Weise als Rätsel: Menschen sind auf interpersoneller Ebene durchaus sehr kooperationsfähig; internationale Zusammenarbeit scheitert aber genau dort, wo wir sie am meisten brauchen. Die Autoren zeigen, wie die Forschung zu Problemlösungen beitragen kann.


Ein provisorisches politisches Programm

Die Kooperation in einer Gruppe gelingt umso besser, je mehr sich Menschen dieser Gruppe zugehörig fühlen. Würde globale Kooperation begünstigt, wenn Menschen sich mit der Welt als ganzer identifizieren könnten, also eine globale „Wir-Identität“ entwickelten? Empirische Forschung unterstützt diese „kosmopolitische Hypothese“, wie der Beitrag zeigt. Politische Entscheidungsträger könnten hieraus lernen.


Zur Entstehung einer neuen Interaktionskultur

Nicht allein Globalisierung, sondern auch der Prozess der Robotisierung ändert unsere Gesellschaften. Empirische Studien belegen, dass aus wiederholten Kontakten von Mensch und Maschine neue Formen der hybriden Interaktion und Kooperation entstehen. Sie erfordern, so der Autor, neue Zugänge, wie wir Andersartigkeit verstehen und sie in unseren Alltag integrieren können.


Eine Herausforderung für die globale Zusammenarbeit

Der 1998 ins Leben gerufene Internationale Strafgerichtshof (IStGH) galt als Meilenstein im Völkerstrafrecht. In den vergangenen Jahren ist er in die Kritik gekommen, nicht zuletzt weil sein Verhältnis zu anderen Gerichtsbarkeiten im Sinne einer Komplementarität nicht hinreichend geklärt wurde. Der Artikel spricht sich für eine stärkere Einbeziehung regionaler Gerichte, wie etwa des Afrikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte, aus, um die tiefen Gräben zwischen IStGH und nationalen Gerichten zu überbrücken.


Warum der Internationale Strafgerichtshof einen besseren Auslösungsmechanismus braucht

Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) ist in den letzten Jahren stark dafür kritisiert worden, sich bei der Straverfolgung allein auf den afrikanischen Kontinent zu konzentrieren. Tatsächlich ist das dem IStGH zugrunde liegende völkerrechtliche Übereinkommen ein Kompromiss, der alles andere als perfekt ist. Es wird in Zukunft darauf ankommen, die Akteure zu benennen, die bei der Aktivierung des Gerichtssystems relevant sind.


Ausgangspunkt für emanzipatorisches Peacebuilding?

Peacebuilding in gewaltzerrütteten Gesellschaften folgte lange Zeit Blaupausen, bei denen externe Akteure ‚top-down‘ liberale Normvorstellungen durchsetzen wollten. In jüngerer Zeit werden partizipative Elemente betont, ebenso die wechselseitige Achtung zwischen internationalen und lokalen Akteuren („relational sensibility“). Der Beitrag zeigt das hierin liegende emanzipatorische Potenzial auf, zeigt aber auch, dass herkömmliche Vorstellungen, ob und wie Gleichheit, Gerechtigkeit und Frieden zu erreichen sind, herausgefordert werden.


Zu den Widersprüchen von „relational sensibilities“

David Chandler argumentiert, dass „relational sensibilities“ keinen kohärenten Gegenentwurf zum Ansatz des liberalen Friedens entwickle, sondern letztlich dessen Annahmen und Widersprüchen verhaftet bleibe. Zwar rückt der neue Zugang das Lokale sinnvollerweise in den Fokus, doch bleibt, so die Replik, ungeklärt, wie man lokale Akteure und Kulturen als Gleichgestellte respektieren kann, wenn man gleichzeitig beansprucht, ein Recht auf Intervention zu haben.


Militarisierung, Politisierung und Kommerzialisierung der humanitären Hilfe

PhilanthropInnen und humanitäre HelferInnen wurden lange als „gute Samariter“ wahrgenommen; zunehmend werden jedoch ihre selbstlosen Motivationen, Prinzipien und Handlungen hinterfragt. Der Beitrag plädiert für eine neue Lernkultur: ExpertInnen im Feld internationaler Kooperation sollten sich stärker an der empirischen Evidenz orientieren und in konkreten Krisen im Sinne einer Verantwortungsethik handeln.


Ein Gespräch mit Jan Aart Scholte

Kosmopolitische Begründungen für globale Demokratie sind angesichts der kulturellen und weltanschaulichen Diversität in der heutigen Welt in der Krise. Jan Aart Scholte, der im November 2013 am Käte Hamburger Kolleg einen transkulturellen Dialog inszenierte, will als Alternative Reflektionsräume schaffen, in denen sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer jenseits der konventionellen, westlich dominierten Routinen auf grundlegende Normen und Prinzipien globaler Demokratie diskursiv verständigen können.


Interkulturelles Lernen als Chance

– Ein Gespräch mit Zeynep Sezgin


Kulturelle Dominanzansprüche überwinden

– Ein Gespräch mit Ahmed Badawi


Afrikanische Perspektiven auf demokratische globale Zusammenarbeit

– Ein Gespräch mit Charity Musamba