Verehrte Leser*innen,

die vorliegende Ausgabe der UNIKATE stellt einen Querschnitt durch aktuelle Forschungsprojekte im Bereich der Bildungsforschung vor. Dabei wurden ausschließlich große interdisziplinär angelegte Drittmittelprojekte ausgewählt, die dem Bereich der empirischen Bildungsforschung zuzuordnen sind. Auch wenn sich in diesen Projekten schon die große Breite der Bildungsforschung zeigt, so werden an der Universität Duisburg-Essen (UDE) darüber hinaus noch deutlich mehr Themen bearbeitet und andere Methoden genutzt, als diese Ausgabe der UNIKATE abzubilden vermag. Über die Projekte hinaus werden, als eine Besonderheit der UDE, auch die Forschungszentren mit Bezug zur Bildungsforschung in Form von Interviews vorgestellt.

Die fachliche Kompetenz der Wissenschaftler*innen an der UDE im Bereich der Bildungsforschung spiegelt sich in der äußerst erfolgreichen Einwerbung von Drittmitteln wider. Im aktuellen DFG-Förderatlas von 2018 liegt die Universität Duisburg-Essen, gemessen an der bewilligten Drittmittelsumme im Bereich „Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung“, im bundesweiten Vergleich zusammen mit der Universität Tübingen auf Platz zwei. Der Förderatlas der DFG zeigt, dass in diesem ausgewiesenen Forschungsschwerpunkt der UDE Wissenschaftler*innen arbeiten, die sich mit ihrer qualitativ hochwertigen Forschung auch in hochkompetitiven Verfahren – wie bei der Vergabe von DFG-Fördermitteln – sehr erfolgreich durchsetzen können.

Die Forschungsprojekte

Das Projekt Ganz In. Mit Ganztag mehr Zukunft. Das neue Ganztagsgymnasium NRW ist ein gemeinsames Kooperationsprojekt der Stiftung Mercator, des Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS), des Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen (MSB) sowie der Universitätsallianz Ruhr (UA Ruhr). Ziel ist es, beteiligte Gymnasien bei der Entwicklung des Ganztagsangebots forschungsbasiert zu unterstützen. Seitens der UDE wirken die Lehr-Lernpsychologie sowie die Didaktiken der Fächer Deutsch, Biologie, Chemie und Physik an dem Projekt mit.

Die relativ hohen Studienabbruchquoten in den naturwissenschaftlich-

UNIKATE 55 - Bildungsforschung - Maik Walpuski & Detlev Leutner. Foto: Vladimir Unkovic
UNIKATE 55 - Bildungsforschung - Maik Walpuski & Detlev Leutner. Foto: Vladimir Unkovic

Maik Walpuski & Detlev Leutner. Foto: Vladimir Unkovic


technischen Fächern werden aktuell häufig diskutiert und kritisiert. Auf institutioneller Ebene führen Studienabbrüche insbesondere bei der Mittelverteilung zur ineffizienten Allokation von Ressourcen. Auf individueller Ebene können Studienabbrüche als möglicher Teilaspekt des Selbstfindungsprozesses von Studierenden auch positiv besetzt sein, sind in der Regel aber mit Zeitverlusten und emotionalen Belastungen verbunden. Gleichzeitig wird seit über zehn Jahren in Deutschland vor einem steigenden Fachkräftemangel gewarnt, insbesondere auch im akademischen Bereich der Natur- und Ingenieurwissenschaften. Seit Anfang 2015 untersucht die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte DFG-Forschungsgruppe „Akademisches Lernen und Studienerfolg in der Eingangsphase von naturwissenschaftlich-technischen Studiengängen“ (ALSTER) aus verschiedenen Blickwinkeln der Erziehungswissenschaft, der Psychologie und der Didaktiken der Natur- und Ingenieurwissenschaften die Ursachen für die im internationalen Vergleich hohen Abbruchsquoten im Bereich der Natur- und Ingenieurwissenschaften. Diese Untersuchungen werden seit dem Jahr 2018 in einem Forschungsverbund von fünf DFG-finanzierten Projekten fortgesetzt und inhaltlich ausgeweitet.

Der Bildungsweg Heranwachsender ist von unterschiedlichen Übergängen gekennzeichnet. Dabei stellt der Übergang von der Primar- zur Sekundarstufe immer noch eine in der Forschung wenig betrachtete, aber bisweilen als „kritisch“ bezeichnete Gelenkstelle im Bildungsgang Heranwachsender dar. Insbesondere das Fach Sachunterricht in der Grundschule, welches sich, je nach Schulform, in bis zu sieben Fächer ausdifferenziert, ist bisher kaum in den Blick der Forschung gerückt. Mit dem vom damaligen Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes NRW finanzierten Graduiertenkolleg „Übergänge Sachunterricht – Sekundarstufe I“ (SUSe I) wurde 2016 eine Reihe von sachunterrichtsbezogenen Promotionsprojekten initiiert. In SUSe I wurden die Herausforderungen des Übergangs des vielperspektivischen Sachunterrichts der Grundschule zu den Fachperspektiven der Sekundarstufe I in verschiedenen Bezugsfächern und Deutsch als Zweitsprache/


Deutsch als Fremdsprache untersucht. An den acht Teilprojekten sind Mitglieder aus den Fachdidaktiken von sechs Fakultäten beteiligt.

Ein wesentlicher Schwerpunkt der UDE liegt im Bereich der Lehrer*innenbildung. Angehende Lehrer*innen studieren jeweils mindestens zwei Fächer, die sie später in der Schule unterrichten werden. Darüber hinaus absolvieren sie ein fächerübergreifendes Studium im Bereich der Bildungswissenschaften (Erziehungswissenschaft und Psychologie). Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierte Projekt Bildungswissenschaftliches Wissen (BilWiss) befasste sich, in Kooperation der UDE mit dem Max Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, den Universitäten in Münster und Frankfurt sowie der TU München, mit den bildungswissenschaftlichen Anteilen im Lehramtsstudium und insbesondere auch im Rahmen einer siebenjährigen Längsschnittstudie mit dem Nutzen des bildungswissenschaftlichen Wissens beim Einstieg und im weiteren Verlauf der beruflichen Tätigkeit als Lehrer*in.

Im Rahmen des Bund-Länder-Programms „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ wurde an der UDE das Projekt Professionalisierung für Vielfalt (ProViel) eingeworben. Zwischen 2016 und 2019 wurden an der UDE insgesamt 22 Teilprojekte in drei Handlungsfeldern (Vielfalt & Inklusion, Skills Labs-Neue Lernräume sowie Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung) durchgeführt. In einer weiteren Förderphase ab 2019 werden diese Projekte fortgeführt und ergänzt. ProViel trägt unter anderem in den studierendenstarken Fächern dazu bei, dass die konzeptuelle Ausgestaltung des Ausbildungsprofils „Vielfalt und Inklusion“ dem aktuellen Forschungsstand entspricht und dass die Idee von „Bildung in der digitalen Welt“ mit ihren Anforderungen an die Professionsentwicklung von Lehrkräften forschungsbasiert in die universitäre Lehre einfließt.

Die International Civic and Citizenship Education Study 2016 (Internationale Studie zur zivilgesellschaftlichen und politischen Bildung; ICCS 2016) unter der Leitung von Hermann Josef Abs untersucht, inwieweit Jugendliche in der Schule auf ihre Rolle als Bürger*innen in Demokratien vorbereitet werden. Im Jahr 2016 hatte Nordrhein-Westfalen als eines von 24 Schulsystemen in Europa, Asien und Lateinamerika an ICCS 2016 teilgenommen. Damit liegen erstmals seit 1999 international vergleichende Erkenntnisse über die Situation der zivilgesellschaftlichen und politischen Bildung für ein deutsches Bundesland vor. Die Studie bietet für Studierende, pädagogische Fachkräfte, Verantwortliche im Bildungssystem sowie Wissenschaftler*innen und eine Gelegenheit, ihre Vorstellungen über politisches Wissen, Identitäten, Einstellungen, Partizipationsbereitschaft und Zukunftserwartungen künftiger Bürger*innen zu reflektieren.

Die Themen Migration und Interkulturalität spielen im Umfeld der UDE im durch Zuwanderung und Vielfalt geprägten Ruhrgebiet eine besondere Rolle. Der Einfluss des Migrationshintergrunds auf schulische Leistungen wird häufig im Zusammenhang mit mangelnden Sprachkenntnissen, aber auch im Zusammenhang mit der Sozialschichtzugehörigkeit diskutiert. Im interdisziplinären Forschungsprojekt SchriFT Schreiben im Fachunterricht unter Einbeziehung des Türkischen (SchriFT) wird in den Fächern Geschichte, Politik, Physik und Technik untersucht, in welchem Zusammenhang fachliche Kompetenzen und Schreibkompetenzen von Schüler*innen stehen und welchen Einfluss die Herkunftssprache Türkisch auf das fachliche Lernen hat.

Die Forschungszentren

Das Interdisziplinäre Zentrum für Bildungsforschung (IZfB) wurde 2016 als dauerhafte zentrale wissenschaftliche Einrichtung der UDE

gegründet. Grundlegendes Ziel des interdisziplinären Zentrums ist die Förderung der Bildungsforschung und entsprechender Entwicklungsvorhaben sowie die Veröffentlichung und der Transfer von Forschungsergebnissen. Um der großen Bedeutung von Grundlagenforschung sowie transfer- und praxisorientierter Anwendungsforschung im Bildungsbereich gerecht werden zu können, befasst sich das IZfB auf breiter wissenschaftlicher Basis mit Bildungsthemen. Die beiden bis dahin bestehenden Einrichtungen, das Zentrum für empirische Bildungsforschung (ZeB) und das Methodenzentrum für qualitative Bildungsforschung (MzQB) wurden in diesem inhaltlich neu ausgerichteten Zentrum zusammengefasst, und die Aufgaben und Ressourcen des gleichzeitig ausgelaufenen Profilschwerpunkts Empirische Bildungsforschung wurden im IZfB verstetigt. Das IZfB vernetzt mittlerweile über 50 Professor*innen und noch mehr Nachwuchswissenschaftler* innen aller Fakultäten in Projekten zur Bildungsforschung.

Das Interdisziplinäres Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (InZentIM) stellt sich der Frage, wie Integration und Migration in Bezug auf Arbeit, Bildung, Gesundheit, Kultur, Politik, Recht, Religion und Sprache theoretisch und empirisch zu fassen sind. An der UDE forschen und lehren bereits heute mehr als 60 Wissenschaftler* innen aus vielen Disziplinen und Fakultäten zu Integration und Migration. Das InZentIM bündelt diese wissenschaftliche Kompetenz, um die Forschung in den einzelnen Fächern und den Austausch unter den beteiligten Disziplinen zu stärken – und zwar sowohl im Bereich der grundlagen- als auch der anwendungsorientierten Forschung. Dabei bietet das Zentrum auch Expertise für fundierten Wissenstransfer und Beratung in alle gesellschaftlichen Teilbereiche wie zum Beispiel Bildung, Industrie, Gesundheit, Medien und Verwaltung.


Die Digitalisierung durchdringt Bildung und Gesellschaft zusehends und eröffnet vielfältige Gestaltungsoptionen. Das Learning Lab ist eine interdisziplinäre Forschungs- und Entwicklungseinrichtung in der Fakultät für Bildungswissenschaften. In Projekten mit Partnern aus verschiedenen Bildungssektoren werden dort die mit der Digitalisierung verbundenen Potenziale für das Lernen und Lehren sowie für Bildung und Gesellschaft untersucht. Die Forschung am Learning Lab basiert auf dem Ansatz der gestaltungsorientierten Bildungsforschung beziehungsweise gestaltungsorientierten Mediendidaktik und stellt somit eine Verknüpfung her zwischen der deutschsprachigen Tradition der Didaktik und der internationalen Diskussion um Instructional Design.

 

Als Herausgeber dieser UNIKATE-Ausgabe wünschen wir Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre.


Maik Walpuski & Detlev Leutner


Das Ganztagsgymnasium in NRW

Das Projekt „Ganz In“ der Universitätsallianz Ruhr hat 31 Gymnasien auf ihrem Weg von der Halbtags- zur Ganztagsschule in einer Gesamtprojektlaufzeit von knapp zehn Jahren inhaltlich und strukturell unterstützt sowie wissenschaftlich begleitet.


Oder: Warum brechen Studierende ein naturwissenschaftlich-technisches Studium ab?

Seit Jahren wird in Deutschland über die Studierfähigkeit der Studienanfänger*innen diskutiert. Basis dafür ist einerseits das weit verbreitete Gefühl, dass „früher alles besser war“, aber andererseits zeigen „harte“ Zahlen gerade für die naturwissenschaftlich-technischen Studiengänge auch im internationalen Vergleich hohe Quoten an Studienabbrecher*innen. Die DFG-Forschungsgruppe „Akademisches Lernen und Studienerfolg in der Eingangsphase von naturwissenschaftlich-technischen Studiengängen“ (ALSTER) ist angetreten, den Dingen auf den Grund zu gehen.


Das Graduiertenkolleg „Übergänge Sachunterricht – Sekundarstufe I“ (SUSe I)

Unter Leitung des Instituts für Sachunterricht (ISU) arbeiten Promovierende aus sechs Fakultäten an der übergeordneten Fragestellung, unter welchen Voraussetzungen der Übergang vom Sach- zum Fachunterricht gelingen beziehungsweise wie dieser unterstützt werden kann.


Fragestellungen, Vorgehensweise und Ergebnisse des BilWiss-Projekts

Das BilWiss-Projekt („Bildungswissenschaftliches Wissen und der Erwerb professioneller Kompetenz in der Lehramtsausbildung“, finanziert vom BMBF) ist angetreten, das von angehenden Lehrkräften im universitären Studium erworbene bildungswissenschaftliche Wissen zu erfassen und die Frage zu stellen, inwieweit dieses Wissen beim Einstieg in den Beruf als Lehrer*in und im weiteren Verlauf der beruflichen Karriere von Nutzen ist.


Das Projekt Professionalisierung für Vielfalt (ProViel)

Der Artikel zeigt, wie das Projekt ProViel Forschungsergebnisse auf unterschiedliche Weise in Studiengänge integriert. Er beschreibt die Herausforderungen und Lösungen der Steuerung von Projekten dieser Art. Darüber hinaus wird das Verhältnis zwischen schulischer, klassen- und berufsbezogener Forschung und der Entwicklung von Studiengängen untersucht.


Die International Civic and Citizenship Education Study 2016 (ICCS 2016) untersucht politische Bildung bei 14-Jährigen im schulischen Kontext

In der Diskussion um Gefährdungen der Demokratie wird der politischen Bildung in und außerhalb der Schule eine wichtige Rolle zugeschrieben. Gleichwohl gibt es nur wenige abgesicherte Erkenntnisse zur politischen und zivilgesellschaftlichen Bildung von Jugendlichen an Schulen in Deutschland. Jetzt liegen erstmals seit 1999 repräsentative und international vergleichbare Ergebnisse für NRW vor.


Schreiben im Fachunterricht der Sekundarstufe I unter Einbeziehung des Türkischen

Die an SchriFT beteiligten Fächer entwickeln fachspezifische Zugänge zu Konzepten der Sprachbildung. Darauf aufbauend können sie ausloten, welche Schnittstellen sich eignen, um Schüler*innen sprach- und fach-übergreifend bei einem vernetzten Kognitionsaufbau zu unterstützen.


Symbiose von grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung Ein Gespräch mit dem Sprecher des Vorstands des Interdisziplinären Zentrums für Bildungsforschung (IZfB), Maik Walpuski

Ein Gespräch mit Michael Kerres über gestaltungsorientierte Bildungsforschung am Learning Lab