SE Methodischer Kulturalismus  (Dienstag, 12-14 Uhr; zusammen mit D. Hartmann)

 

Als sich Anfang der 1960er Jahre der Methodische Konstruktivismus (vor allem als Gegenposition zum Logischen Empirismus und Kritischen Rationalismus) zu entwickeln begann, standen im Mittelpunkt vorrangig Fragen nach einer positiven Lösung des Begründungsproblems für die Wissenschaften sowie der sich daran anschließenden Klärung von Geltungsfragen einzelner Disziplinen. Diese frühe Fokussierung auf die Wissenschaften hat der methodische Konstruktivismus nie konsequent überwunden. Im Gegenteil kann festgestellt werden, dass sich in der weiteren Entwicklung dieser Position immer deutlicher die Auffassung manifestierte, dass sich Erkenntniskritik letztlich in Wissenschaftskritik erschöpft. Die Wissenschaftstheorie galt im Konstruktivismus als die moderne Form der Erkenntnistheorie, und selbst die Praktische Philosophie kam in erster Linie mit Bezug auf ihre Grundlagenfunktion für die Wissenschaftstheorie der Sozialwissenschaften in den Blick.
Nachdem sich in den 80er Jahren die als „Erlanger Schule“ charakterisierte Gruppe methodischer Konstruktivisten aufzulösen begann, entstand Anfang der 90er Jahre in Marburg unter dem Titel „Methodischer Kulturalismus“ ein Philosophenkreis, der sich zwar weiterhin der konstruktiven Form methodischen Philosophierens verpflichtet sah, allerdings die im Erlanger Konstruktivismus vorherrschenden Beschränkungen des Philosophieverständnisses nicht mehr teilte. Philosophie wurde nun nicht mehr nur als Wissenschafts-, sondern als methodisch-systematische Kulturkritik verstanden. Mit Bezug auf die Theoretische Philosophie erfolgte gegenüber den Konstruktivisten dabei insbesondere eine Rehabilitierung der Erkenntnistheorie als einer eigenständigen philosophischen Theorie lebensweltlicher und außerwissenschaftlicher Erkenntnisse, deren primäre Aufgabe in einer philosophischen Reflexion der Lebenswelt als dem methodischen Fundament aller weiteren Erkenntnisbemühungen besteht. Die Positionsbezeichnung „Methodischer Kulturalismus“ deutet in diesem Zusammenhang an, dass die Auseinandersetzung auf erkenntnistheoretischem Feld heute nicht mehr vorrangig mit dem Empirismus als vielmehr mit modernen Formen des Naturalismus zu führen ist. Das Adjektiv „methodisch“ soll dabei allerdings deutlich machen, dass hierbei dennoch eine kritische Distanz zu ontologischen Kulturalismen und Kulturrelativismen gewahrt werden soll.
Unterschiede zum methodischen Konstruktivismus lassen sich nicht nur an der Erschließung neuer Diskursbereiche durch den methodischen Kulturalismus festmachen, sondern betreffen durchaus auch die konkreten Auffassungen zu „klassischen“ Themen wie Logik, Sprachphilosophie, Handlungs- und Wissenschaftstheorie bis hin zur Ethik. Im Seminar werden wir uns anhand ausgewählter Texte mit der Philosophie des Methodischen Kulturalismus auseinandersetzen, wobei der Schwerpunkt auf der Theoretischen Philosophie liegen wird. Das Seminar ist zwar – einer Anregung von Studierendenseite folgend –  als Fortsetzung des Seminars „Methodischer Konstruktivismus“ (SoSe 2005) konzipiert, kann aber auch ohne vorausgegangene Teilnahme am Seminar „Methodischer Konstruktivismus“ besucht werden.

Leistungskriterien: i) für Bescheinigung auf dem Modullaufzettel (GyGe/GHR): regelmäßige und aktive Teilnahme plus Übernahme eines Referats; ii) für einen benoteten Leistungsnachweis: wie i) plus schriftliche Ausarbeitung des Referats oder drei Kurzessays

Literatur (Textsammlungen):
Hartmann, Dirk/Janich, Peter (Hrsg.): Methodischer Kulturalismus. Zwischen Naturalismus und Postmoderne, Frankfurt a.M. (Suhrkamp Verlag) 1996
Hartmann, Dirk/Janich, Peter (Hrsg.): Die Kulturalistische Wende. Zur Orientierung des philosophischen Selbstverständnisses, Frankfurt a.M. (Suhrkamp Verlag) 1998