Wintersemester 2004/05


PS Klassische Texte des Wiener Kreises

Die Philosophie des Wiener Kreises prägte wie keine andere philosophische Strömung die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit einer metaphysikkritischen Abkehr von der traditionellen Philosophie und einer Hinwendung zum Erkenntnis- und Methodenideal der positiven Wissenschaften entwickelte sich unter den Vertretern des Wiener Kreises ein neues Philosophieverständnis: der logische Empirismus. Mit Mitteln der modernen Logik sollte die neue Methode der „logischen Analyse“ sprachlicher Ausdrücke Scheinprobleme in der Philosophie entlarven. Durch diese Methode sollten die in der Grammatik der Alltagssprache versteckten logischen Formen einzelner Ausdrücke oder Sätze aufgedeckt werden, um die Begriffsverwirrungen und philosophischen Irrwege zu beseitigen. Der linguistic turn gehört ebenso zum logischen Empirismus wie das erkenntnistheoretische Credo, daß es keine keine synthetisch wahren Sätze a priori gibt. Sinnvoll sind nur jene Sätze, die entweder analytischen Charakter tragen (wie die Sätze der Mathematik oder Logik) oder prinzipiell durch Erfahrung überprüft werden können. Um diese Abgrenzung zu präzisieren, wurde das, in der Nachfolgezeit kontrovers diskutierte und häufig abgeänderte empiristische Sinnkriterium aufgestellt, welches nur solche (nicht-analytischen) Aussagen als sinnvoll gelten läßt, von denen wenigstens angegeben werden kann, durch welche mögliche Erfahrung sie bestätigt oder widerlegt werden würden. Im Seminar werden wir uns anhand von klassischen Texten mit den Grundzügen des logischen Empirismus vertraut machen.

Textgrundlage:

H. Schleichert (Hrsg.): Logischer Empirismus. Der Wiener Kreis, München 1975

Literatur:

A.J. Ayer (1952): Language, Truth and Logic, New York
V. Kraft (1950): Der Wiener Kreis, Wien/New York 1997³
F. Stadler (1997): Studien zum Wiener Kreis, Frankfurt a.M.
(weitere Literatur wird zum Semesterbeginn bekannt gegeben)


PS Bertrand Russell: Sprachanalyse und Logik

Bertrand Russells (1872-1970) Gesamtwerk ist gewaltig und erstreckt sich in seiner Entstehung über einen Zeitraum von mehr als 70 Jahren. Bereits die Beschäftigung mit seiner Person würde eine seminarfüllende Aufgabe darstellen. Der Nobelpreisträger Russell war nicht nur Philosoph und Grundlagenforscher, sondern auch Wissenschaftsvermittler, Friedensaktivist und Politiker, der mit seiner eigenen poli­tischen Theorie häufig zu weltpolitischen Ereignissen öffentlich Stellung nahm.
Russells philosophisches Werk erstreckt sich vor allem über Fragen zur Erkenntnistheorie, Sprachphilosophie, Logik, mathematischen Grundlagen­forschung bis hin zu Fragen der Ethik und politischen Philosophie. Innerhalb des Seminars werden wir uns fast ausschließlich mit sei­nen sprach- und mathematikphiloso­phischen Überlegungen im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhun­derts auseinandersetzen – einer Schaffensphase, die sicherlich zu den originellsten Russells zählt. Dies betrifft namentlich seine Kennzeichnungstheorie sowie seinen Entwicklungsweg in Rich­tung Typentheorie. Gerade in letzterem zeigt sich die Interaktion zwischen Russells Sprachphilo­sophie, seiner Mathematikphilosophie und seinem Verständnis von Logik.
Russells Untersuchun­gen zu Kennzeichnungen sind der Frage verpflichtet, ob man etwas von Dingen sinnvoll aussa­gen kann, die nicht existieren? Als Reaktion auf Meinongs Annahme von „unmöglichen Gegenständen“ untersucht Russell im Stil einer logischen Analyse die logische Struktur von Kennzeichnungen und kommt zu dem Ergebnis, dass Aussagen, die nicht-referierende Kenn­zeichnungen enthalten, nicht sinnlos, sondern schlicht und ergreifend falsch sind.
Russells Weg zu einer technisch gereiften Typentheorie ist wesentlich durch die Frage geprägt, welche Möglichkeiten zur Vermeidung von Antinomien bestehen? Ausgehend von der nach Russell benannten Antinomie und der nachfolgenden Diskussion mit Poincaré treffen wir unter anderem auf das Problem imprädikativer Begriffsbildungen und der Forderung nach Vermeidung von so genannten „vitiösen Zirkeln“.

 
Literaturgrundlage:
Die für das Seminar einschlägigen Aufsätze Russells befinden sich im Wesentlichen in folgenden beiden Aufsatzsammlungen:

B. Russell (1973): Essays in Analysis, London
B. Russell (1956): Logic and Knowledge, London/New York (Reprint 1994)

Einführende Literatur zu Person und Werk:

A.J. Ayer (1972): Bertrand Russell, London
W. Carl (1972): "Bertrand Russell: Die Theory of Descriptions. Ihre logische und erkenntnistheoretische Bedeutung", in: J. Speck (Hrsg.): Grundprobleme der großen Philosophen. Philosophie der Gegenwart I, Göttingen, S.215-263
R. Monk (1996/2000): Bertrand Russell (Band I: 1996, Band II: 2000), New York u.a.



HS Logik und Metaphysik (zusammen mit Th. Sander)

Michael Dummett hat die theoretische Philosophie der letzten Jahrzehnte maßgeblich durch seinen Vorschlag geprägt, die traditionell unter dem Stichwort „Realismus“ geführte Debatte über die „geistunabhängige Existenz“ bestimmter Entitäten als Frage nach einer tragfähigen Wahrheits- und Bedeutungstheorie zu rekonstruieren.
1991 veröffentlichte Dummett unter dem Titel „The Logical Basis of Metaphysics“ seine 1976 in Harvard gehaltenen „William James Lectures“. Dieses Buch, das die bislang ausführlichste und gründlichste Darstellung seines philosophischen Programm darstellt und nach dem Urteil von Hilary Putnam zu den „true high-water marks of twentieth-century philosophy“ gehört, soll im Zentrum des Seminars stehen.
Zu den Teilnahmevoraussetzungen gehören die Fähigkeit, englische Texte zu lesen, sprachphilosophische und logische Grundkenntnisse sowie die Bereitschaft, ein Referat zu übernehmen. Die Teilnehmer werden dringend gebeten, sich zur Absprache eines Referates bereits in den Semesterferien an einen der Veranstalter zu wenden.

Literaturgrundlage:

M. Dummett, The Logical Basis of Metaphysics, Cambridge (Mass.) 1993. 

Literatur zur  Vorbereitung (in der angegebenen Reihenfolge zu lesen):

M. Dummett, „Realism and Anti-Realism“, in: Ders., The Seas of Language, Oxford 1993, 462-478.
M. Dummett, „The Philosophical Basis of Intuitionistic Logic“, in: Ders., Truth and Other Enigmas, London 1978, 215-247.
B. Hale, „Realism and its Oppositions“, in: C. Wright / B. Hale (Hgg.), A Companion to the Philosophy of Language, Oxford 1997, S. 271-308.