Adaptionen

Wolfgang Coy im Gespräch mit Ralf Höppel und Ulf Schubert
Weimar, 29. April 1998

U.S.: Können Sie sich den Hörern vielleicht kurz vorstellen?

Coy: Mein Name ist Wolfgang Coy. Ich bin Hochschullehrer für Informatik an der Humboldt-Universität in Berlin. Mein Fachgebiet ist Informatik und Gesellschaft, der Schwerpunkt ist digitale Medien.

U.S.: Gut. Als nächste Frage, welche Musik hören Sie gerne?

Coy:  Das ist eine lustige Frage. Das ist sehr gemischt. Eigentlich bin ich ein großer Jazz Fan, über die Jahrzehnte kann ich sagen. Ich höre ganz gerne auch andere Musik, sowohl zur ernsten, wie zur weniger ernsten Seite hin. Gelegentlich neue Kompositionen, aber das ist dann schon immer eine gewisse Anstrengung, manches gefällt mir, Schnittke etwa. Aber dann höre ich schon noch, will mal sagen klassischen Rock`n Roll, bis hin zu Bob Dylan, den ich sehr verehre. Die neueren Entwicklungen der letzten zehn Jahre sind an mir vielleicht doch etwas vorbei gegangen.

R.H.: Ja ich muß da mal zwischenfragen, weil Sie sagen die neueren Entwicklungen sind an Ihnen vorbeigegangen . Es ist ja nun eine Tatsache, daß sich speziell in der populären Musik, die auch die Charts rauf und runter geht, sehr viel dadurch geändert hat, daß neue Technik verwendet wird, daß also Computer und elektronische Soundtechnik auf die Musik relativ weitgreifende ästhetische Auswirkungen gehabt haben. Wie stehen Sie zu diesen Dingen? Um die Frage noch ein bißchen zu konkretisieren,  mögen Sie diese Dinge?

Coy:  Ich mag sie eigentlich nicht. Wenn Sie an Techno denken, Hip-Hop oder so etwas, das muß man verstehen. Wahrscheinlich verstehen, daß es auch eine Altersfrage ist. Daß bestimmte rhythmische Elemente für mich, als ich jung war, wichtig waren. Ich bin in einer Generation groß geworden, wo Rock`n Roll und dann natürlich die Beatles und die Stones einfach auch Revolte waren gegen die Älteren. Aber es war auch einfach Tanzmusik, sie war eine Tanzmusik mit der man wirklich was anfangen konnte und nicht diese Musik der Schnarchsäcke, die damals den ganzen Tag im Radio lief. So daß wir eigentlich unseren Underground auf die Art hatten. Ich stelle mir vor, oder ich denke mir, daß  vieles von dem, was heute mit den Synthies und den entsprechenden Plattenspieleroperationen und ähnlichem gemacht wird, daß das auch in dem Sinn  Jugendrevolte ist und eine bestimmte Identität für eine Altersgruppe, die ich nicht mehr finde. Ich suche sie auch nicht, muß ich gestehen. Für mich ist der Höhepunkt technischer Umgestaltung von Musik vielleicht, wenn Bob Dylan, um ihn noch einmal zu erwähnen, unplugged singt und ich sehe daß das Sony Studio in dem er das macht, etwa 400 Mikrofone im Raum verteilt hat und jede Menge Elektroakustik, so daß am Schluß die Gitarre so klingt, als gäbe es diese Geräte nicht.  Natürlich leben wir längst in einer Phase, in der alle Musik technisch umgestaltet ist. Die Schallplatte hat das gemacht, die CD macht das, das Fernsehen macht das, der Rundfunk macht das. Es gibt nicht mehr oder es ist ein ganz seltenes Ereignis Musik zu hören, die nicht technisch verarbeitet ist. Natürlich ist mir klar, sie spielen darauf an, daß die jetzige Technik nackter da ist, unmittelbarer, selbstverständlicher da ist. Die Technik selber ist zum Instrument geworden, sie ist das aber über lange Zeit schon gewesen. Die Schallplatte ist seit Caruso ein technisches Instrument.

R.H.: Nicht unbedingt muß ich sagen. Natürlich, Sie haben den Aspekt angesprochen, daß Technik auch sehr gut eingesetzt ist, wenn man sie überhaupt nicht merkt. Daran möchte ich die Frage anschließen. Meinen Sie, daß dieser massive Technikeinsatz, der sich meiner Meinung nach auch in Überproduktionen äußert und der teilweise auch an den musikalischen Bedürfnissen vorbeigeht, qualitätsbeeinflussend ist?

Coy: Also ich weiß nicht, ob es musikalische Bedürfnisse in dem Sinne gibt. Ich kann mir darunter nicht so viel vorstellen. Daß man es nicht merkt, soll ja wohl heißen, daß man es nicht merkt. Die Leute, die in dem Produktionsprozeß drin sind hören natürlich gerade, welches Mikro benutzt wird. Ich weiß welchen Streit es immer bei Pop oder bei Rockgruppen gab, welchen Verstärker man benutzt, ob man Röhren benutzt, ob der Fender Sound eindeutig ist usw.. Also da gibt es eine lange Tradition der Kogniszendi, die wissen, wie das gemacht wird und die das auch raushören. Und der Konsumenten, die sich halt vielleicht wirklich vorgaukeln das sei Hifi und ganz genau so wie das Orginal und es gebe gar keine technische Schranke. Diese ganze Hifi- Ideologie, die ja heute schon eine sehr kleine Minderheiten-Position geworden ist, weil die meisten Geräte ganz einfach einen guten Klang haben. Aber diese Hifi-Position, die halte ich für eine der großen Sackgassen der Medienentwicklung. Diese Als-Ob-Entwicklung, Technik einzusetzen, damit man sie anschließend nicht merkt. Ich glaube das ist eine verlogene Position wenn sie propagiert wird und eine naive Position wenn sie einfach hingenommen wird. Tatsächlich verändert Technik immer die Rezeption und das galt natürlich auch für Musikinstrumente zuvor. Das Piano forte ist ein ganz wichtiger technischer Einschnitt der die Musik radikal verändert hat. Und ähnliches können sie bei anderen Instrumenten feststellen, wo einfach technische Entwicklungen die Musik verändert haben.

R.H.: Aber nicht nur bei Musik!

  Coy: Selbstverständlich nicht nur.

R.H.: Es gibt ja sehr viele Lebensbereiche die durch moderne Technik verändert worden sind. Ich möchte jetzt nicht mal unbedingt sagen unmittelbar durch die Informatik, sondern vielleicht eher durch ihre Produkte. Ich habe mir mal Gedanken gemacht über Software. Also wir haben jetzt auf dem PC- Markt, was Office Anwendungen angeht, ein bißchen sowas, was in Richtung Monopol geht. Wenn das jetzt ein Monopol wird und am Ende, nennen wir es beim Namen, einhundert Prozent Microsoft auf den heimischen Rechnern zu finden ist. Meinen sie das hat Auswirkungen auf Wahrnehmungen, auf soziale Strukturen, meinetwegen  auch auf Arbeitsmarktstrukturen?

Coy:  Also um diese Monopolidee erst noch mal zu problematisieren. Erstens glaube ich nicht, daß das  so bleibt.  Das ist eine Durchgangsphase in der wir sind. Dann ist die Monopolisierung durch Microsoft nicht so sehr die Festlegung auf Microsoft Produkte sondern eher auf eine Konkurrenzsituation in der Microsoft vorgibt worum man den konkurriert. Das heißt, die anderen Firmen müssen versuchen, diesen Standard zu erreichen und werden dabei gehindert eigentlich andere Möglichkeiten zu entwickeln. Das ist eine problematische Sache. Aber die Veränderungen die sie jetzt angesprochen haben, die ist letzten Endes relativ unabhängig von dieser ökonomischen Auseinandersetzung. Tatsächlich verändern selbstverständlich Rechner mit ihren Programmen und ihren Möglichkeiten Arbeitsprozesse und Erlebnisse, Wahrnehmungsprozesse. Und sie normieren sie selbstverständlich. Ganz klar dadurch, daß wir massenhaft Programme zur Verfügung haben, die aus ganz andern Gründen vereinheitlicht werden, Austauschbarkeit und so etwas. Es geht ja nicht darum was ich individuell will. Ich kann bessere Programme für jeden Zweck sicher nennen, aber ich kann sie nicht gut einsetzten, wenn ich mit anderen kooperiere. Also muß ich eine Normierung akzeptieren und dabei entstehen Normierungen, das können sie bei der Typographie ein bißchen sehen was mit einem System möglich ist. Das kann man immer ganz gut sehen, wenn man neue Arbeiten auf den Tisch kriegt. Mit Studenten ist es ja so, die schreiben heute ja gerne mit viel Liebe zur Ausgestaltung und dann sehe ich immer wie weit die Technologie gerade gegangen ist. Das begann mal bei Matrixdruckern, wo wir alle gesagt haben: "mein Gott jetzt geht also die Schreibmaschinen-Kultur  den Bach runter" oder so. Das ist ja nicht mal so gut wie eine Schreibmaschine. Und heute kriegen wir Werke die man also schon durchaus in Klassikerreihen sich vorstellen könnte. Aber leider sind sie dann inhaltlich meistens nicht ganz so klassisch formuliert. Ja das wird passieren! Und ähnliches kann man in anderen Bereichen sehen, einen Einsatz von entsprechenden Programmen wie Photoshop oder so etwas. Die auch eine Normierung der Ästhetik ein bißchen mit sich bringt, aber auf der anderen Seite halt auch riesig Räume öffnen, wo ganz neue Sachen ausprobiert werden können. Ich bin da nicht pessimistisch.

U.S.: Sie treten für eine Umgestaltung der Informatik ein. Von einer reinen Computerwissenschaft zu einer Wissenschaft, die sich mehr an den gesellschaftlichen Bedürfnissen orientiert, als sie es jetzt tut. Was muß ihrer Meinung nach an der Informatik, so wie sie jetzt verstanden und gelehrt wird, geändert werden?

Coy:  Also ich will da zwei Ströme auseinanderhalten. Das eine ist, ich trete für die Veränderung ein. Der andere Strom ist, Informatik verändert sich radikal. Das ist einfach so. Also da muß ich nichts dazu tun, sondern da sehe ich, daß das geschieht. Das liegt daran, daß der Einsatz von Rechnern und die Konstruktion von Rechnern sich verändert hat. Die ersten zwanzig, dreißig Jahre des Rechnerbaues waren geprägt von Automatisierung, von Laborrechnern, die eine bestimmte Aufgabe schnell erledigen konnten, die rechnen konnten, letztenendes. Und wo sehr viel Arbeit rein ging um eine Fragestellung so aufzubereiten, daß der Rechner dann (durch 1 Minute, 10 Minuten, 100 Stunden oder 100 Tage rechnen) ein Ergebnis produziert hat, das dann ausgedruckt wurde. Und dann haben es alle angeguckt und haben gemerkt, sie haben einen Fehler in der Programmierung gemacht, und dann haben sie es noch mal gemacht und irgendwann kam etwas raus. Und das hat sich radikal in dem Moment geändert wo Terminals auftauchten, wo man Interaktion möglich machte, wo Rechner verteilt nutzbar waren und damit einzeln nutzbar waren. In den 70igern kam man eigentlich zu einem Shift zum Werkzeugcomputer reden. Und das hat sich dann noch mal jetzt verändert durch die Vernetzung. Vernetzung ist noch ein neues Element. Interaktion und Vernetzung, diese beiden Elemente produzieren Werkzeuge bzw. Medien. Heute würde ich Computer in die Schublade Medien stecken. Und damit hat die Informatik als Wissenschaft, die Mitte der 60iger entstanden ist, ihre eigene, ihre Selbstdefinition verändert und das muß sie bemerken. Und das ist bei allen Wissenschaften so ein Problem, daß sie natürlich versuchen einen Kanon zu schaffen, festzuhalten, daß sie nach bestimmten Regeln und in bestimmten Kontexten verortet sind. Nun bewegt sich aber diese Wissenschaft. Leider bewegen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht im gleichen Tempo wie die Wissenschaft. Und dieser Adaptionsprozeß, den möchte ich ein bißchen beschleunigen. Das verstehe ich als meine Rolle. Jemand muß in der Wissenschaft sagen, wir können nicht mehr so tun, als hätten wir immer noch einen Rechenautomaten vor uns. Wir müssen jetzt mal ein bißchen darauf achten, daß diese Geräte auch ganz andere Auswirkungen haben und ganz anders eingesetzt werden und ganz anders programmiert werden müssen und gestaltet werden müssen. Gestaltung/Design ist eigentlich ein ganz wichtiges Thema geworden. Von der Konstruktion der Programme, von der Analyse der Systeme und dem Einsatz der Systeme hin zu einem bewußten Gestalten, etwa im Sinne der Architektur, um mal eine andere Wissenschaft zu nennen, die solche Probleme auch hat.

R.H.: Kurz zum Thema Programmierung. Sie haben es ja jetzt zweimal so ein bißchen als Schlagwort genannt. Das dringt ja von der Informatik und von den Fachschulen, die dann programmieren beibringen, mittlerweile in fast alle universitären Studiengänge ein. Und es gibt sehr viele Leute die sagen, daß Programmieren sehr wohl ein kreativer Prozeß ist. Daß das Denken, das mit dem Programmieren verbunden ist, ein mittlerweile gesellschaftlich fundiertes Denken ist, das man auch beherrschen sollte und  mal geübt haben sollte und deswegen sollte jeder mal ein Programm schreiben.  Z.B. Friedrich Kittler sagt das ja auch ein bißchen so.Wie stehen Sie dazu?

Coy:  Programmieren kann man im engen Sinne verstehen als die hohe Kunst der Beherrschung einer mathematisch ausgeprägten, formalisierten Sprache zur Konstruktion von Programmen. Man kann es auch in einem weiteren Sinne verstehen. In vieler Hinsicht denke ich programmiert jemand, der Photoshop benutzt, also ein sehr kompliziertes Graphikprogramm, das viele Ebenen, viele Schritte, viele Möglichkeiten hat und auch viele Fehlermöglichkeiten hat, die man schnell erreichen kann. Wenn ein Graphiker oder ein Künstler damit umgeht, dann programmiert er den Rechner, obwohl er das selber vielleicht nicht unbedingt so sehen würde, weil die Operationen, die er benutzt, ihm relativ nahe erscheinen. Er malt irgendwelche Linien, er färbt etwas ein, er verändert Strukturen, kombiniert Strukturen. In dem Sinne denke ich ist Programmieren eine breite Tätigkeit geworden wie Schreiben oder Rechnen. Im engen Sinne, Sie spielen auf Friedrich Kittler an, im engen Sinne programmieren, also in Java-Strukturen oder C++ Strukturen arbeiten, ach nein, das soll ruhig auch eine eingeschränkte Tätigkeit für die Leute sein, die es nicht anders machen können. Das  ist so ein bißchen wie Autofahren. Beim Autofahren haben wir auch so ein Phänomen, daß es Leute geben muß, die müssen halt die Motorhaube aufmachen können und Bescheid wissen. Und es gibt viele, die das eben nicht wissen wollen und auch nicht wissen sollten. Wobei ich das allerdings sofort wieder zurückziehe, denn letzten Endes ist das Ergebnis des Autofahrens, mit wenigen Ausnahmen, kein sonderlich kreativer Prozeß. Die Nutzung eines Computers kann aber ein extrem kreativer Prozeß für die jeweilige Anwendung sein. Aber diese Trennung von eigentlichen Programmieren und bloß Computer nutzen, die hat es für mich nie so gegeben. Da unterscheide ich mich sicher von Kittler, aber auch von vielen meiner Kollegen.

R.H.: Ja das ist interessant, weil das Programmieren ja bei vielen Leuten der Informatik sozusagen das Prestige eingebracht hat. Und diese Prestige ist eigentlich ein bißchen von dem Vorurteil geprägt, daß Informatik etwas sehr technisches wäre, was auch sehr stark mit dem Computer verflochten ist und daß Programmieren eine Tätigkeit ist, die auf der anderen Seite eben nahe an der Mathematik liegt und sehr trocken ist und sehr langweilig. Und das wird dann auf die Menschen übertragen, die diese, ich sage es schon mal, Kunst praktizieren. Die Folge daraus ist vielleicht auch, daß die Informatikstudienplätze in, ich müßte lügen, ich glaube 60 Prozent der Fälle in Deutschland nur ausgelastet sind, an den Universitäten.

Coy:  Das ist ganz falsch.

R.H.: Ist das ganz falsch?

Coy:  Ja das ist ganz falsch.

R.H.: Ich habe diese Zahlen mal gelesen.

Coy:  Ja es gab eine Phase dazwischen, aber im Moment werden händeringend Informatikerinnen und Informatiker gesucht. Und bei uns gibt es also jetzt, ich kann es von der Humboldt aus direkt sagen, wir haben einen steilen Anstieg der Studentenzahlen. Ich glaube auch, daß es in den meisten anderen Unis inzwischen wieder die Tendenz ist, mit einigen Ausnahmen, da wo Universitäten ins Grüne gebaut worden und letzten Endes kein natürliches Einzugsgebiet haben. Also soll heißen, hinreichend viel Kinder die nachwachsen, um zu studieren und da gibt es Schwierigkeiten. Allerdings gibt es die dann in allen Fächern. Aber zu dieser Frage des Programmierens, Informatik ist nicht Programmieren. Programmieren ist eine Handfertigkeit, die auch eine Kunst sein kann, aber die eigentlich in allen Wissenschaftsgebieten heutzutage vorkommt. Das muß man einfach als eine breite Kulturtechnik sehen, die in die wissenschaftliche Kultur hinein gehört. Und mehr und mehr in Varianten, in Verkleidungen auch in den Alltag. Informatik ist die Wissenschaft von der Analyse zu programmierender, zu automatisierender, zu unterstützender Prozesse. Und die Wissenschaft von der Umsetzung dieser Analyse in technische Systeme, das ist eine sehr viel kompliziertere Frage, als Programmieren im engen Sinne. Eines der schönsten Ergebnisse für Informatikerinnen oder Informatiker ist, wenn man feststellt, etwas sollte überhaupt nicht mit Computern behelligt werden. Aber das muß man ja nicht immer vorher wissen.  Also es geht hier nicht um Meinungen, sondern es geht darum festzustellen, daß der Einsatz von Computern einen bestimmten Prozeß vielleicht kontraproduktiv beeinflußt. Das gibt es ja.

R.H.: Gibt es schon solche?

Coy:  Es gibt! Ich glaube, daß wir alltäglich über Ecken stolpern, wo wir merken, da wäre besser nicht automatisiert worden. Mir fällt jetzt nichts unheimlich Schlagendes ein. Aber es gibt einen unheilvollen Zug in dieser Profession, dann wenn man den wesentlichen Prozeß erreicht hat, dann anzufangen, Arabesken zu bauen. Also noch etwas dazu zu machen, wo man meint, daß wäre ja auch noch schön und dann steckt man noch mal soviel Zeit rein. Ich glaube dagibt es viel Unsinn, wo man einfach sagen sollte, laß das doch. Sagen wir mal, es gibt dabei auch ideologische Verblendungen. Es wird sehr viel im Medienbereich von Video-on-demand geredet. Es gibt einige Versuchsanordnungen, wo das mit komplexen Glasfaserkabeln oder ähnlichen Techniken probiert wird. Hotels haben meistens Video-on-demand. Das heißt also in größeren Hotels, kann man auf eine Taste drücken und meistens sind es dann entweder Schmuddelfilme oder Gewaltfilme. Aber wie funktioniert diese Video-on-demand in einem Hotel? Naja, da sitzt eben unten der Pförtner und kriegt ein Signal. Der Film wird gewünscht und den schiebt er dann in einen von 5 Videorecordern die es gibt. Die reichen meistens für 300 Zimmer aus. Und da haben wir so ein Beispiel, wo also auch ein erkennbarer Wunsch nach Vollautomatisierung dahinter ist, der aber möglicherweise überhaupt keine Basis hat. Und wo eine Analyse sagen sollte: "Laßt den Quatsch, das ist ja überhaupt nicht interessant".

U.S.: Welche Rolle wird die Informatik bzw. deren Entwicklung in der weiteren Entwicklung der neuen Medien spielen? Also auch die Arbeitsmarktsituation angesprochen.

Coy:  Das kann man so schwer vorhersagen, denn technisch gesehen oder funktionell gesehen spielt die Informatik eine ganz zentrale Rolle in den neusten Medien, die alle digitale Medien sind. Und die Informatik kann den Kitt liefern, um diese verschiedenen Medien transformierbar zu machen, integrierbar zu machen. Ich glaube, daß sie fast unverzichtbar ist. Ob aber die Wissenschaft der Informatik die im Moment existiert und ihre Ausbildungsergebnisse, ob die tatsächlich die richtigen Leute dafür bereitstellt, das ist eine ganz andere Frage. Und das hängt jetzt davon ab, wie der künftige Weg dieser Ausbildungsgänge sein wird. Werden sie sich in ihrem angestammten und tradierten Verständnis weiterbewegen, dann kriegen sie von den neuen Medien sehr wenig mit,  nur als Nutzer. Also natürlich Beamer und CDs und sonst was. Das geht in die Informatik rein, aber wird dann vielleicht nur absorbiert sowie von den anderen Wissenschaften auch. Wäre ein Szenario. Ein anderes Szenario wäre eines, das mir sehr sympathisch wäre. Eine Informatik, die diesen Prozeß ernsthaft aufnimmt und vorantreibt und sich jetzt wirklich auch mit den Medienwissenschaften soweit verbündet, daß sie gemeinsam versucht etwas zu machen. Aber es kann eben auch zu einer Seperation kommen, so daß die Informatik traditionell ihre Datenbanken pflegt und ihre Anwendungen in der Industrie weiterguckt, wenn sie denn überhaupt noch nach Anwendungen guckt. Und den anderen Leuten das schlicht überläßt, damit umzugehen. Das ist möglich. Wahrscheinlich wird es irgendein seltsam diffuser Mittelweg sein. Also halbwegs schon aus Unkenntnis werden Informatiker eingestellt, um in diesem Bereich zu arbeiten. Aus Unkenntnis der Auftraggeber. Diese Informatiker stellen sich der Herausforderung, gehen also doch in diesen Medienbereich und machen da was. Und da wird es ein wildwüchsiges Probieren geben. Ich hoffe, daß man das strukturieren kann.  Also mein Wunsch ist innerhalb der Informatik die Ausbildungsgänge auch in die Richtung zu verändern, daß wir das offensiv als Fragestellung annehmen. Und dann aber kooperieren müssen. Denn die Aufgabenstellungen können nicht einfach aus dem tradierten Verständnis der Informatik gemacht werden. Wir müssen kooperieren mit Leuten, die was von Gestaltung wissen, mit Leuten, die was von der Anwendung wissen.

R.H.: Ja, mal ein anderes Thema, wenn es um Computer und Gesellschaft geht. Das wäre das Thema Computer und Frauen. Wir sind darauf gestoßen, daß Sie in der Richtung auch etwas gemacht haben. Das war meines Wissens in Bremen. Ist es denn nötig, Ihrer Meinung nach, diesbezüglich eigene Projekte, Arbeitsgruppen oder Initiativen zu  initiieren?

Coy:  Absolut. Es ist nötig, Mädchen beizubringen, daß sie nach dem Abitur Informatik studieren sollten, zum Beispiel. Da haben wir unser größtes Problem. Der Anteil der Mädchen bei den Studienanfängern sinkt seit vielen Jahren. Das ist eigentlich eine absurde Entwicklung. Denn Informatik ist ein Beruf, in dem Frauen eine große Chance haben zu arbeiten. Es gibt keinen Ausschlußgrund, um mal das simpel zu sagen. Aber ich glaube auch, und das kann man sogar feststellen, wenn man so ein bißchen guckt, wie in den einzelnen Ausprägungen der Informatik die Geschlechterverteilung ist, daß es sogar viele Gebiete gibt, wo Frauen sehr geeignet sind. Geeigneter, also typische Frauen geeigneter als typische Männer sind. Beispielsweise da, wo es darauf ankommt mit den Abnehmern, den Kunden, den Auftraggebern ernsthaft zu reden, da wo es auf kommunikative Prozesse ankommt. Da scheint mir eine Position zu sein, wo Frauen sogar überlegen sind. Nach meinen Beobachtungen eindeutig überlegen sind sogar. Das zu fördern halte ich für wichtig. Wie man das fördert, das ist jetzt nun eine komplizierte Frage, über die es viele Diskussionen gegeben hat. Wir haben in der Gesellschaft für Informatik, also der wissenschaftlichen Dachgesellschaft der Informatiker, über viele Jahre das Thema behandelt. Ich war lange Sprecher des Fachbereichs Informatik und Gesellschaft und im Fachbereich Informatik und Gesellschaft gab es eine sehr große Frauengruppe, die gibt es auch heute noch. Und die GI, muß ich sagen, die hat nach anfänglichen Problemen, dürfen auch Männer in diese Gruppe und so etwas (was sie dürfen, nebenbei gesagt), haben sie das akzeptiert, daß das eine eigenständige Sache ist. Und dann, sie haben Bremen angesprochen: in Bremen war die erste wissenschaftliche Konferenz, die sich speziell mit der Geschlechterrolle in der Informatik befaßt hat. Seitdem hat es viele solcher Konferenzen gegeben. Manches ist in meinem Umfeld passiert. Ich selber muß dazu sagen, ich habe mich da nicht sehr engagiert. Aber ich habe immer versucht das zu unterstützen, wo es geht. Es ist nicht meine Fragestellung. Aber ich finde es richtig, daß sie gefragt wird. Und es ist ja eine Fragestellung, die eben nicht nur in der Informatik passiert. Wir haben jetzt gerade in der Humboldt einen Studiengang Gender Studies eingerichtet, wahrscheinlich heißt er auf deutsch Geschlechterverhältnisse, ich weiß es nicht genau. Und eine meiner Assistentinnen arbeitet da intensiv mit. Ich halte es für wichtig, daß wir diese Fragen offen diskutieren und nicht eben in dieser versteckten Weise, die es traditionell immer gegangen ist. Ein bißchen Lächeln darüber und ansonsten: es wird sich schon klären. So ist das nicht. Wir müssen offensiver unterstützen. Aber wir müßten eigentlich an den Schulen mehr machen.  Ich glaube daß die Schulen die Schaltstellen sind für die Entscheidung Wissenschaft und Studium.

U.S.: Welche Resultate kann man von einem Projekt wie "Informatica feminale" erwarten, das da an der Uni Bremen zur Zeit sehr stark beworben wird?

Coy:  Das kann ich Ihnen nicht sagen, das weiß  ich nicht.

U.S.: Ein Vorurteil gegenüber den Computern ist: Computer zerstören die menschliche Kontaktfähigkeit. Was ist Ihre Meinung dazu?

Coy:  Also, Computer machen Menschen manchmal sehr aggressiv. Das habe ich schon beobachtet. Ich weiß nicht, was da für eine Vorstellung, was da für eine Projektion ist. Vor 200 Jahren hätten wir wahrscheinlich gesagt, Lesen zerstört die Kommunikation. Wir hätten es anders ausgedrückt. Tendenziell wäre der heutige Satz dazu: durch Lesen wird die kommunikative Kompetenz zerstört. Blödsinn. Das ist einfach Blödsinn. Also ich kann es nicht beobachten, daß meine Studierenden, Studentinnen und Studenten, unkommunikativ wären. Ich kann aber beobachten, daß es so wie im Rest der Bevölkerung halt Leute gibt, die ein bißchen mehr nach außen reagieren und solche, die ein bißchen mehr in sich gesunken sind, ein bißchen agilere und ein bißchen phlegmatischere. Ja das gibt es. Aber ich kann keinen wesentlichen Unterschied zwischen Informatikern, sagen wir mal, und Kulturwissenschaftlern feststellen in diesen Fragen. Wenn ich unser Labor angucke, in dem halt eine Menge zum Teil recht komplizierte Geräte rumstehen, das summt wie ein Bienenstock. Also da sitzen die Leute rum. Es summt nicht nur weil sie alle auch noch Musik produzieren dabei, sondern weil sie wirklich viel miteinander reden und eigentlich immer eine Hochstimmung da ist. Ich sehe keinen einsamen Hacker da. Aber es gibt natürlich Phasen, wie in jeder ernsthaften Arbeit, wo die Leute sagen: "stör mich jetzt nicht, ich hab wirklich was Schwieriges zu machen, ich muß mich konzentrieren". Und das ist in Ordnung. Aber das gibt es überall, das ist Arbeit. So ist das.

R.H.: Ich hab dann mal eine Frage zu ihrer Person auch, und zwar: Sie machen jetzt was, was sicherlich teilweise umstritten ist und sicherlich auch nicht die Regel ist. Diese Grätsche zwischen Kulturwissenschaft und der Informatik. Dazu hätte ich zwei Fragen. Erstens einmal, wie gehen Sie mit der Kritik um, die da vielleicht aufkommt und zweitens, wie haben Sie das karrieremäßig realisiert? Weil es ja im Prinzip Mehrarbeit ist. Das Mathematikstudium mußte ja trotzdem sein, und dann kam eine große Zusatzbelastung.

Coy:  Ja also, Kritik gab es in Phasen, als ich mich sehr offensiv, was ich auch heute noch tue, für demokratischere Strukturen eingesetzt habe oder für meine Mißbilligung militärischer Entwicklungen ausgedrückt habe. Da gab es sehr viel Kritik. Die hatte dann zwar oft die Form inhaltlicher Diskussion, aber tatsächlich war sie eben eine politische Kritik. Seitdem ich mehr mit den Medien arbeite oder mit den Kulturwissenschaften, ist die Kritik eher verhalten. Sondern die Leute sagen: "ja interessant, da  gibt es also auch so etwas". Beispiel, ich kann mich erinnern, vor einigen Jahren, sechs, sieben Jahren, nein das muß schon länger her sein, vielleicht acht Jahre, haben wir auf einer internen Kolloquiumsveranstaltung über das Verhältnis Medien und Informatik geredet. Und einer meiner Doktoranden sagte, der Computer ist in diesem Sinne ein Medium. In diesem Sinne war präzisiert. Ein Kollege hörte sich das an, meldete sich und sagte: "Ist ja seltsam. Computer als Medium habe ich noch nie gehört. Naja, vielleicht ist was dran." Das ist die Kritik, auf dem Level geht das. Es gibt nicht wirklich eine Auseinandersetzung, sondern da gibt es eine gewisse Toleranz. Soll er es doch machen. Nur, das ist ja natürlich nicht die Position mit der ich zufrieden bin. Ich möchte ja, daß die einsehen, daß es notwendig ist sich damit zu beschäftigen. Also dieses pushende, dieses vorwärtstreibende Moment ist schon mitgedacht. Und ich muß sagen, also, wenn ich mich jetzt so umschaue, in den Informatikfachbereichen, gerade jetzt in Bremen, wo ich nun lange in der Richtung auch mitgeschoben habe, habe ich es geschafft, daß die Kollegen jetzt eine ganze Studienrichtung daraus aufbauen. Da fühle ich mich mit verantwortlich. Das habe ich nicht alleine gemacht, da sind andere Leute: Kubitchek, Friedrich, Nake, die das auch so gesehen haben. Aber das ist schon eine gemeinsame Leistung gewesen, das da hinzubringen. Ich denke, daß ich es auch an der Humboldt schaffen werde, daß die Informatiker zumindestens akzeptieren, daß es diese Kombination gibt. Und bei den Kulturwissenschaftlern kommt das eigentlich ganz gut an, daß ich da mitarbeite. Also diese Brücke, die existiert und die kann man beschreiten und die kann man ausbauen, das ist glaube ich machbar. Sie haben noch eine zweite Frage gestellt, die habe ich jetzt aber vergessen.

R.H.: Ja. Wie baut man so etwas für sich persönlich auf?

Coy:  Die persönliche Frage, ja. Wie bin ich da hingekommen? Naja, ich habe sehr viel verschiedene Sachen studiert, was für Informatiker in meinem Alter gar nicht ungewöhnlich ist. Ich habe nicht Informatik studiert, das gab es einfach nicht. Ich habe Elektrotechnik studiert, Vordiplom in Elektrotechnik, habe ein Diplom in Mathematik und habe Philosophie studiert. Und ich denke in so einem Feld ist es naheliegend, daß man sich auch um soziale Aspekte oder kulturelle Aspekte kümmert. Außerdem habe ich eine tiefe Liebe zur Literatur, über viele Jahre, Jahrzehnte und auch das war immer eine Brücke. Ich habe lange eine Kolumne in der Zeitschrift ´Sprache im technischen Zeitalter´ herausgegeben, die nun eine literarische Zeitschrift ist, oder eigentlich eine literaturwissenschaftliche Zeitschrift ist. Und wo ich dann einfach in andere Beziehungen geraten bin, mit den Kollegen da geredet habe und mich auch heute gar nicht mehr so einfach als Informatiker interpretieren würde. Ich bin es nie gewesen, denn erst war ich es nicht, weil ich es erst noch werden sollte, und jetzt bin ich es nicht mehr, weil ich schon wieder wo anders bin. Aber mache natürlich meine Arbeit, hoffe ich, ordentlich in der Informatik. Ich mache zur Zeit die Grundvorlesungen praktischer Informatik. Früher habe ich immer technische Informatik gelesen, für die Anfänger. Und ich denke insofern sollten meine Kollegen zumindestens nicht allzu mürrisch sein, daß ich auch ein paar andere Sachen mache.

U.S.: Sie haben vorhin die Veränderungen auch im Schulwesen mit angesprochen, die stattfinden muß oder wird. In welcher Richtung wird sich oder soll sich unser Bildungssystem verändern? Also ganz speziell die Frage zur Zukunft des Lernens. Wie wird die aussehen müssen, daß sich eventuell auch die Arbeitsmarktsituation etwas verändern könnte?

Coy:  Ich weiß es nicht. Es ist sehr schwer da jetzt eine Forderung aufzustellen oder eine von den vielen Forderungen aufzugreifen. Fakt ist, es verändert sich bereits radikal. Wir leben in einer von der Ausbildungssituation her völlig veränderten Welt gegenüber dem Stand von vor 10 Jahren oder 20 Jahren und zwar in beiden Teilen Deutschlands. Das ist gar nicht so abhängig von der politischen Vorgeschichte. Nehmen sie die Universitäten. An Universitäten sind heute, so etwa 45 % eines Jahrgangs. Das ist bei weitem die größte Gruppe, viel größer als die Auszubildenden, d.h. Studium ist heute Regelfall der Ausbildung. Das war zu meiner Zeit deutlich anders. Zu meiner Zeit, als ich anfing zu studieren, Mitte der 60iger, waren wir bereits die Studentenschwemme. Das heißt davor waren es noch viel weniger. Und damit hat sich die Universität zum Beispiel radikal verändert. Gleichzeitig haben sich aber auch die Berufsanforderungen verändert. Das ist heute einfach nicht mehr akzeptabel, daß jemand erst etwas lernt und dann den Rest seine Lebens dieses Erlernte exekutiert. Sondern er wird immer wieder lernen müssen. Die Schule ist da auch in einer ganz anderen Rolle gelandet. Es hat ja so viele Versuche gegeben, die Schule zu ändern und zu reformieren, so daß also hinreichend viele Trümmerfelder vorhanden sind heutzutage. Aber eigentlich denke ich, ist die wesentliche Veränderung, wir müssen uns darauf einstellen, daß Lernen ein Prozeß wird, der viel näher an den aktuellen Bedürfnissen abläuft. Das heißt, wenn ich in einem beruflichem Umfeld in eine Schwierigkeit gerate, daß ich merke mir fehlt es an Ausbildung, dann muß institutionell oder es muß generell die Möglichkeit geschaffen werden, daß man in dem Moment eine Lernphase einschieben kann, daß man sich etwas aneignet. Faktisch passiert das in allen dynamischen Berufen sowieso. Aber ich glaube es muß auch langsam anerkannt werden, daß es so ist. Das heißt, wir kriegen ganz andere Ausbildungsziele. Diese klassische Idee, ein erheblicher Anteil der Menschheit ist mit Vierzehn, Fünfzehn im Beruf und hat jetzt alles was Schule ist hinter sich. Oder ein Teil macht Abitur und wird sozusagen das Offizierskorps der Gesellschaft. Und dann gibt es noch welche, die studieren, das ist die Elite. Das ist alles weg. Diese Vorstellung, die man bei Humboldt etwa findet: Der von den Franzosen besetzte preußische Staat muß regeneriert werden durch eine Universität, die ein ganz spezielles Profil von Elite herstellt. Und diese Elite kann griechisch, klar, und hat Literaturkenntnisse und so etwas und arbeitet dann als Verwaltungsfachmann auf der obersten Ebene. Das war Humboldts Idee. Das geht doch alles nicht mehr. Allein durch die technischen Anforderungen, aber auch durch viele andere Anforderungen. Wir müssen da unser Ausbildungssytem da radikal umkrempeln. Und dieses radikale Umkrempeln kann sich nicht erschöpfen in irgendeinen single point, wo man sagt: "Das ist es". Sondern ich glaube, leider, daß dieser Prozeß viel, viel schwieriger wird. Aber wenn man schon das Positive, ja schmeißt das 13. Schuljahr raus, macht die Studiengänge kürzer, gebt den Leuten Chancen später noch mal ein Stück zu studieren´. Wenn sie es auch wirklich wissen, was sie dann noch brauchen. Wenn sie merken, eigentlich hätte ich eher mal das machen sollen. Dann wieder die Unis zu öffnen, viel stärker, viel bewußter als es bis jetzt ist, für Teilzeitstudenten, die nebenher etwas studieren. Natürlich sind ganz viele Studierende heutzutage Teilzeitstudenten. Einfach schon aus ökonomischen Gründen. Aber wir sollten das offensiver angehen. Wir sollten es akzeptieren, sollten die Studienordnung, die Ausbildungsgänge in die Richtung auch öffnen, daß wir sagen, okay, wenn jetzt jemand kommt und sagt: "Ich will jetzt 2 Jahre lang Informatik machen" ,um mein eigenes Fach zu nennen, "und will das und das dabei lernen". Dann sollten wir ihm die Möglichkeiten geben zu sagen "o.k., das paßt, das kannst du machen, und so kannst du es machen" oder wir müssen auch sagen können : " Das ist völlig unsinnig, das machen wir nicht, sowas lehnen wir ab, so etwas". Aber die Offenheit muß hergestellt werden. Und da sind wir noch sehr, sehr weit weg. Bei allen Experimenten die jetzt losgehen um Bachelor, Masterstudiengänge, um Credit Point Systeme und so. Die Uni schwirrt ja von solchen Vorstellungen. Es ist ja nicht so, daß das alles nicht beredet würde. Aber es gibt keine großen Züge die erkennbar wären. Und ich glaube, daß die Reformen die angegangen werden, gar nicht an die grundsätzlichen Fragen rankommen. Sondern daß es im Moment immer noch die Hoffnung ist, etwas neue Politur drüber und dann ist es wieder in Ordnung. Wird es aber nicht sein.

R.H.: Was halten sie von der technologischen Politur die momentan aufgebracht wird. Ich meine damit solche Dinge wie z.B. Teleteaching, Lernsoftware, Lernkonserven auf Video, die man sich ja über dicke Glasfaserkabeln holt und die ja sehr kontrovers diskutiert werden. Aber die auch enorme Möglichkeiten bieten?

Coy:  Naja sie sagen es ja schon. Das Kontroverse ist ja berechtigt. Weil wir so viele Niederlagen in dem Bereich erlebt haben. Wenn man nachguckt, welche technischen Errungenschaften in die Lehre eingedrungen sind, dann fallen mir eigentlich nur drei ein. Die Tafel, das ist so Ende des 16 Jh. glaube ich. Dann das Kopiergerät, extrem wichtig. Mitte der 50ger, Ende der 50ger geht das im Westen los. Im Osten geht das eigentlich erst seit 1989 los. Und der Overhead-Projektor. Das sind glaube ich die 3 großen Errungenschaften der Lerntechnologie. Das ist dürftig, gemessen an dem, was alles schon probiert wurde. Vom Nürnberger Trichter bis zur computerunterstützten Unterrichtseinheit. So, soviel zur kritischen Seite. Aber auf der anderen Seite glaube ich schon, daß die Computertechnik in der jetzigen Form wie wir sie erkennen können, soll heißen vernetzte, dezentralisierte, multimedial ausgestattete Rechner, daß die ein sehr großes Potential bieten, um Lernprozesse zu unterstützen. Wie das im einzelnen nun aussehen soll, ja, das ist eine schwierige Frage. Aber man kann Ansätze erkennen. Beispielsweise, ein einfaches Beispiel. Lexika sind heutzutage auf CD-ROM. Es gibt noch schöne Lexika zur Raumgestaltung und die Encyclopedia Britannica sieht natürlich in Buchform besser aus als in CD-ROM Form. Aber sie ist in CD- ROM Form deutlich praktischer, und ich benutze sie seit 2 Jahren und finde das toll. Ein Spitzenlexikon, wo ich wirklich mit sehr wenig Aufwand komplizierte Quersuchen machen kann und erstklassige Qualität zurückgeliefert bekomme. Toll. Das Netz ist eine andere Ecke.

Man kann World Wide Web natürlich sehr viel Schrott finden. Jeder wird das sofort bestätigen. Ich selber habe genug Schrott reingestellt, so daß er auch zu finden ist. Aber man kann eben auch Qualität finden. Und man kann viele Fragestellungen in einem Tempo und in einer Tiefe und Breite beantworten, die halt auch mit einer guten Bibliothek nicht so ohne weiteres erreichbar sind. Und wer hat schon gute Bibliotheken. Also das ist ja auch eine Standortfrage, die nun sehr, sehr ungerecht in der Republik verteilt ist. Also da sehe ich Potentiale. Es gibt auch inzwischen eine Menge Experimente mit Lernformen. Als Konserve haben sie jetzt angesprochen, die ich für ausgesprochen gut halte. Wo ich selber sehe, oh ja wenn ich das zu meiner eigenen Studienzeit zur Verfügung gehabt hätte, das hätte mich sehr viel weitergebracht. Es gibt beispielsweise phantastische Formelmanipulationssysteme, Mathematika oder Maxima u.a.. Das hätte ich gerne in meinem Studium gehabt, um damit manche Sachen zu lösen und zu sehen, wie die Prozesse ablaufen. Es gibt ähnliche Sachen in ganz anderen Bereichen. Bei den Biologen beispielsweise oder bei den Chemikern. Die offene Frage ist, ob man diese Technik nur als Unterstützung der Konserven, das soll heißen als Lehrbücher einsetzt, oder ob man damit auch die Lernprozesse selber aktuell verbessern kann. Soll heißen Fernlehre, das ist natürlich ein großes Thema. Ich denke, da kann man keine generelle Antwort finden. Natürlich ist ein Seminargespräch in einer kleinen Gruppe von 10 - 15 Leuten eine Erfahrung, die man vermutlich nicht technisch transformieren kann. Aber man muß sehen, viele Leute studieren, und wir haben ja vorhin darüber gesprochen, als Teilzeitstudierende, studieren als Fernstudierende. Können gar nicht an die Uni, weil sie woanders leben und nicht direkt zu einer Uni Zugang haben. Für die kann das hochinteressant sein, daß sie die Netze nutzen können, um bestimmte Lernformen auszuprobieren, die vielleicht nicht so toll sind wie völliges Freistellen um ein normales Studium zu machen, die aber trotzdem was bedeuten. Ich will nur mal auf einen Punkt hinweisen. Die britische Open University, die ja lange existiert und eher eine Radiouniversität war und eine Fernuniversität, hat sich sehr intensiv jetzt mit dem Internet angefreundet und kriegt dadurch eine enorme Zahl von Studierenden aus dem ehemaligen Commonwealth. Das heißt als Entwicklungsmaßnahme für die Länder in globaler Verteilung ist das ein Instrument, das es einfach sonst nicht gibt. Die meisten Studienwilligen dieser Länder können es sich nicht leisten an eine Universität zu gehen und schon gar nicht an eine Universität in England. Mit dem Netz können sie das. Und man muß dazu sagen, die Open University löst das in einer Weise, wo man nicht sagen kann, da wird irgendein Billigstudium rausgegeben. Sondern es sind knallharte Prüfungen. Es ist ein schwieriges Studium, aber sie haben einen enormen Erfolg damit. Und insofern gibt es mir Hoffnung, daß wir Wege finden, wie wir das einsetzen können. Das heißt aber nicht, daß jetzt nun alles andere sofort umgestaltet wird und die Zukunft nur noch strahlend sein kann. Wir müssen sehen!

R.H.: Da fällt mir noch eine Frage ein. Sie haben diese schönen raumdekorierenden Lexikonreihen genannt. Meine Frage zielt auf Bücher allgemein ab. Es gibt mittlerweile ja Leute, die sind meiner Meinung nach Technikeuphoriker. Die sagen in 30 Jahren sind Bücher verschwunden und wir haben nur noch CD-ROMs. Es gibt andere, wie z.B. Umberto Eco, der hat ein wunderschönen Text geschrieben. Das Buch ist ein toller Kulturgegenstand. Und wenn ich irgendeine Klassikerausgabe habe, dann kann ich mich im Sommer auf die Wiese setzen und da lesen. Und das leistet die CD-ROM einfach momentan nicht. Wie stehen sie dazu, daß Bücher verschwinden werden? Und wie denken sie, daß Bücher in den nächsten 30 Jahren, sagen wir mal oder in den nächsten 5 Jahren, ihre Rolle verändern werden?

Coy:  Also sie verschwinden nicht. Sie verschwinden leider aus ganz anderen Gründen. Weil sie zerfallen, weil sie schlecht produziert worden oder sonst etwas. Aber das Buch verschwindet nicht, noch lange nicht und wahrscheinlich nie. Aber das ist selbstverständlich eine offene Geschichte. Die Frage der Handhabbarkeit ist wichtig dabei. Ich weiß früher, also mit der Geschichte der Informatik gibt es immer wieder Witze über das Buch und den Computer. Und da wird dann gesagt, da gibt es eine neue Technik die verbraucht keinen Strom und hat eine sehr hohe Auflösung und man kann sie leicht transportieren und so fort. Früher habe ich immer gesagt, Computer kann man nicht mit in die Badewanne nehmen. Wobei dann an der Stelle Bücherfreunde auch nicht mehr so richtig mit mir gesprochen haben. Es ist heute leider nicht mehr so, das kann man nicht mehr so halten. Man kann Computer mit in die Badewanne nehmen, man kann sie auch mit ins Bett nehmen oder auf die Wiese; also da hat Eco schon gar nicht mehr so ganz recht. Und er selber hat so einen Rechner, mit dem man das kann. Also wahrscheinlich ist es eine ältere Aussage von ihm. Die derzeitige Qualität ist nachwievor so. Ich mag nicht am Bildschirm lesen, auch nicht mit einem Notebook, was relativ leicht und bequem sein mag. Da haben wir noch ein bißchen Entwicklungsarbeit vor uns. Aber die Vorstellung, und das kann ich mir schon vorstellen, daß wir in 20 Jahren Rechner haben, die im Gewicht und in der Handhabbarkeit sich nicht mehr so arg von größeren Büchern unterscheiden. Und da kann das schon eine Alternative sein, zum lesen. Also wenn man da denkt, daß man da einige hundert Bücher in seinen Rechner speichern kann und nicht nur eins. Ja, weiß ich nicht. Es kann sich schon noch etwas entwickeln. Dennoch wird das Buch, einfach aus vielen Praktikabilitätsgründen noch lange weiterexistieren. Und in manchen Formen vielleicht nie verschwinden, weil es eben einfach auch ein Stück Kultur ist, das wir weitertragen. Aber ich merke schon, so ganz absolute Aussagen haben nicht mehr viel Sinn in diesem Bereich. Es ist schon denkbar, daß wir technisch an einen Punkt kommen, relativ schnell an einen Punkt kommen, soll heißen, noch zu unseren Lebzeiten zu einem Punkt kommen, wo die Konkurrenz sichtbar wird, wirklich sichtbar wird. Und dann gibt es halt, ich habe vorhin über das Lexikon gesprochen, da ist die Sache erledigt. Der Rechner ist schneller als jedes Lexikon sein kann. Er ist aktueller, wenn er vernetzt ist, aktueller als jedes Lexikon sein kann. Also da hat sich etwas getan. Und er ist billiger. Also ein CD-ROM kostet in der Herstellung 1.40 DM oder so. Die Herstellung eines großen Lexikons, es ist egal wie günstig man arbeitet, ist sehr viel teurer und ökologisch vielleicht auch problematischer.

Frage R.H.:  Ja, wo wir schon bei den Büchern sind. Wie steht es mit den Dingen, die bei den Büchern den Inhalt ausmachen? Da drängt sich mir nämlich der Eindruck auf, daß durch Netzkultur, durch Dinge, die ich mir dann mal ausdrucken kann, die ich dann aber genau so schnell wieder in den Mülleimer werfen kann. Manche Texte, die publiziert sind, sind ihr Papier nicht wert. Das gibt es in sehr vielen Stellen. Sind sie der Meinung, daß es ein positiver Aspekt ist, daß ich meine Sachen ins Netz hängen kann (meinetwegen), so schlecht sie auch sind, das in die Suchmaschinen reinbringe und die Leute werden es finden und verschwenden ihre Zeit damit? Das ist meine Meinung dazu. Oder würden Sie es persönlich besser finden, wenn weiterhin der Druck über das Verlagswesen in der Art und Weise ausgeübt werden würde, wie er momentan ausgeübt wird, von der inhaltlichen Seite her?

Coy:  Also so wie das Verlagswesen seine Rolle des Lektorats zur Zeit wahrnimmt, kann ich keine Verschlechterungsmöglichkeiten sehen. Punkt. Schlechte Texte hat es immer gegeben, wird es auch weiterhin geben. Das mißliche ist, daß die Autoren nur im geringsten Prozentsatz bereit sind zuzugeben, daß sie schlechte Texte sind. Und das auch die Leser sich meistens ein bißchen darüber entzweien, ob das nun ein schlechter Text ist oder nicht. Ich denke, wir werden zwei Wege verfolgen. Es ist nicht eine Frage von müssen, wir werden zwei Wege verfolgen. Das Netz als Publikationsmöglichkeit öffnet Wege die vorher verstopft waren. Verlage konnten aus ökonomischen Gründen oder aus politischen Gründen, was vielleicht der schlimmere Zweig war, nicht alles veröffentlichen. Heute kann man alles in dem Sinne veröffentlichen, daß es zugreifbar ist. Nicht daß es beworben wird oder so, sondern daß es zugreifbar ist. Das halte ich für eine Demokratisierung des Wissens. Das ist einfach eine Öffnung des Prozesses. Jeder kann einfach sein Kram anbieten, wie jeder sein Recht auf freie Rede hat. Nur niemand sollte gezwungen sein, zuzuhören. Also das ist die andere Seite. Das ist der eine Prozeß. Der andere Prozeß ist eine ganz andere Frage. Die Qualitätssicherung in bestimmten Zonen des Publizierens. Wenn ich eine wissenschaftliche Zeitschrift habe, dann habe ich persönlich eine Einschätzung dazu, was ich da finde, welche Qualitäten das hat. Nun sind wissenschaftliche Zeitschriften sehr verschieden. Es gibt aber welche wo ich einfach erwarte, daß da allererste Qualität drin ist. Und diese allererste Qualität fällt ja nicht vom Himmel, weil die Autoren alle so klug sind. Sondern  da ist sehr, sehr viel Lektoratsarbeit darin, da ist ein Herausgebergremium dahinter, da ist eine Tradition dahinter, da ist ein Verlag dahinter, der sich auch in der Pflicht fühlt und solche Sachen. Diese Zonen müssen wir erhalten und ausbauen, d.h. wir müssen die Qualitätssicherungsmaßnahmen für bestimmte Produkte übertragen auf die elektronische Publikation. Das gelingt zum Teil schon. Es gibt eine Menge elektronische, wissenschaftliche elektronische Zeitschriften, es gibt eine Menge elektronische Zeitschriften, die alles mögliche beinhalten. Aber es gibt ja auch, da brauchen sie ja nur in eine Bahnhofsbuchhandlung zu gehen, es gibt eine Menge andere Zeitschriften die alles mögliche beinhalten. Wir reden aber über bestimmte Ausschnitte daraus, denen wir höhere Qualität zubilligen wollen. Diese Prozesse müssen wir erweitern, transformieren aus den bestehenden Prozessen. Die sind ja nicht schlecht, historisch ist da ja viel gutes entstanden. Das muß ausgebaut werden. Man muß aber sagen, gerade im Drucksektor, also um da noch mal draufzuhauen, da beobachte ich über 20 - 30 Jahre eher einen Verlust der Aufgabe. Es ist schlechter geworden. Und da sollten wir Sachen zurückerobern, z.B. gerade im Wissenschaftsbereich, den Verlagen gelegentlich auch mal diese Aufgaben wieder weg nehmen  und sie zurückbringen in die Universitäten und Akademien. Das ist gar kein Fehler. Und daß z.B. eine Akademie ihre eigene Zeitschrift jetzt wirklich verlagsfrei herausgeben kann oder eine Universität, in einer Weise, wie sie es vorher nicht konnten, das finde ich gut. Aber noch mal, das eine ist sozusagen die demokratische Öffnung in dem Sinne, jeder darf Anbieter sein und soll es auch sein. Wer etwas äußern will, mein Gott, das mag der spannendste Gedanke in der seltsamsten Form verpackt sein. Aber auf der anderen Seite Schutzzonen, in denen höchste Qualität nach wie vor produziert werden kann. Beides ist wichtig. Aber das sehen Sie in den anderen Medien genauso. Also wenn sie das Fernsehen angucken, haben sie auch ein volles Spektrum aller möglichen Angebote. Von qualitativ sehr hochstehenden Sendungen bis zu Sachen, wo man sich schon fragt, wie das finanziert wurde.

U.S.: Sie sprachen in ihrem gestrigen Vortrag auch über künstliche Intelligenz. Welche Entwicklungen sind auf diesen Gebiet zu erwarten und welche Risiken und Vorteile kann man sich von solchen Entwicklungen versprechen oder sehen?

Coy:  Also ich hoffe, daß die große Diskussion der künstlichen Intelligenz vorbei ist. Das diese Phantasien vom Nachbau des menschlichen Gehirns und so etwas, daß so etwas nur noch bei einzelnen Leuten diskutiert wird. Innerhalb dessen was sich heute künstliche Intelligenz als Forschungsgebiet nennt, gibt es viele interessante, praktische Ansätze. Wo einfach hochqualitative Programmierung gemacht wird und hochqualitative Modellierung. Die meisten KI-Forscher sind Informatiker, auch wenn ihr Selbstbild oft das einer großen interdisziplinären Gemeinde ist, das stimmt nicht. Sie kommen fast alle aus der Informatik, mit wenigen Ausnahmen. Ein paar Linguisten, ein paar Psychologen. Diese Leute arbeiten an bestimmten Fragestellungen der Informatik, wie sagen wir mal Spracherkennung, Bildverarbeitung, Modellierung, die auch in anderen Gebieten der Informatik angesiedelt sein könnten und gelegentlich auch dort angesiedelt sind  In dem Sinne gibt es eine Normalisierung der Verhältnisse. Künstliche Intelligenz erregt heute nicht mehr das große Aufmerksamkeitspotential, das vor 10 oder 20 Jahren da war. Ich habe es immer so verstanden, daß die Diskussion der künstlichen Intelligenz auch eine allgemeine Aneignung zum Thema Computer war. Und das klingt natürlich alles viel spannender, wenn man über KI redet als wenn man über Datenbanken redet oder über Büroautomatisierung oder über Grafikprogramme. Eine Gesellschaft, die den PC auf den Tisch gestellt bekam, nicht wußte wie der funktioniert und was er soll, aber wußte, daß sie ihn braucht. Das war ja diese seltsame Widersprüchlichkeit. Die versuchte herauszufinden, wo denn da die Grenzen sind. Was kann man mit dem Ding machen? Und da wurde gleich über den Homunculus diskutiert und über das künstliche Denken und all das. Das ist jetzt weitgehend weg. Die Situation hat sich normalisiert, und die Leute wissen, daß dieser Schrottkasten gewisse Sachen kann und gewisse Sachen nicht kann. Und sie wissen sogar was sie bräuchten, damit er etwas mehr könnte. Und von daher sind viele ideologische Diskussionen erledigt. Ich hoffe es zumindest.

R.H.: Sie haben vorhin Ihre Liebe zur Literatur angesprochen. Und zur Literatur gehören ja auch ganz gewisse Utopisten. Sie haben im Vortrag Leute vorgestellt, die in diese Richtung gearbeitet haben. Unter anderem z.B. Lem, der auch einen riesengroßen theoretischen Hintergrund hat. Der ist allerdings von den Texten her, die utopistischer Natur sind, größtenteils älter. Meinen sie, es gibt momentan jemanden, den es sich lohnt zu lesen, weil da Dinge drinstehen, die in den nächsten 20 Jahren relevant sind. Aber auf der anderen Seite sehr spannend und anderswo nicht angedacht. Oder sind sie eher der Meinung, daß gewisse Ideen sowieso in der Luft liegen und daß es nicht möglich ist, durch einen einzelnen Autor soviel neues oder innovatives oder phantasievolles zu erfahren, daß es deswegen also nicht möglich ist, einen zu nennen.

Coy:  Die Literatur war immer sehr stark vorgängig zur technischen Entwicklung. Es ist faszinierend. Man kann schon unterstellen, daß gerade in der Sience Fiction Literatur oder in der Literatur, die sich in diesem Umfeld annähert. Lem würde ich eigentlich gar nicht, mag ich ihn gar nicht als Sience Fiction Autor einstufen, weil das unter Umständen schon ein bißchen beleidigend klingt. Er ist wirklich ein großer Literat. Er schreibt einfach phantastisch. Das ist ja nicht das normale in diesem Feld, muß man dazu sagen. Die Literatur hat in vielen Stellen triggernd gewirkt. Wir haben die Sachen schneller erkannt, als die Techniker die daran gearbeitet haben. Aber gerade in der Informatik in den letzen 20, 30 Jahren gibt es da auch ziemlich enge Rückkopplungsprozesse. Also man muß schon sehen, das ist anders als im Anfang des Jahrhunderts. Heute wird Technik sehr, sehr stark von solchen kulturellen Vorgaben beeinflußt. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Also ich will da ein Beispiel nennen, eine literarische Vorgabe, die offensichtlich ist, ist der Flachbildschirm für das Fernsehen. Der große, flache, der möglichst die ganze Wand ausfüllt. Den findet man durchgängig in der Sience Fiction Literatur, schon ganz lange. Auch in den Filmen Truffots, "451" und ähnlichem. Gebaut wird er immer noch nicht so recht. Er ist einfach zu teuer. Aber es ist offensichtlich, daß enorme Forschungsgelder reingesteckt werden, um das Ding, das Ziel zu erreichen. Ob sich das immer so rechnet, ist eine andere Frage. Also man kann sich das natürlich als eine angenehme und in manchen Arbeitssituationen auch sehr praktische Ergänzung vorstellen. Aber zwingend ist es nicht. Andere Sachen mögen da erfolgreicher gewesen sein. Was die neueste Sience Fiction Literatur angeht muß ich gestehen, daß ich da möglicherweise eben jemanden übersehe. Im Moment kommt es mir so vor, als wäre eine stille Phase erreicht. Ich war sehr begeistert als ich William Gibson zuerst gelesen habe (1987), aber das ist jetzt 11 Jahre her. Er schreibt auch weiterhin sehr gut. Also ich finde "Virtual Light" beispielsweise einen sehr guten Roman, einen neueren. Sterling hat ein neues Buch geschrieben, Bruce Sterling. Ja, da sind viele spannende Ecken drin. Aber eigentlich, also wenn man das nur so auffädeln würde, dann findet man in der Sience Fiction Literatur der letzten 40 Jahre, nicht viele Bücher, die wirklich große Linien vorgezeichnet haben. Brunners "shockwave rider" würde mir noch einfallen, als eines der wichtigen Bücher. Aber es sind eigentlich gar nicht so viele. Und Lem tatsächlich, über Riesenstrecken, im Großteil seines Oeuvres, ist einfach sehr reflektiert auf diese Prozesse eingegangen. Aber manches ist auch, wenn man, ich habe jetzt vor einiger Zeit den "Unsichtbaren" wieder gelesen, das war mein erstes Buch, das ich von Lem gelesen habe, Anfang der 70ger. Es ist ein unglaublich schlechtes Buch, was das Schreiben angeht. Es ist ein sehr gutes Buch, was den Plot angeht. Aber nur um darauf hinzuweisen, wie schlecht Lem geschrieben hat. In dem ganzen Roman kommt keine Frau vor, ja es ist eine Riesenmanschaft, die einen fremden Stern untersucht, wo eine Katastrophe stattgefunden hat und wo faszinierende Automatenpopulationen  leben. Diese Beschreibung ist sehr, sehr gut, also der Plot. Die Ausführung ist jämmerlich, und er schreibt wenige Jahre später unglaublich viel besser. Er hat sich da wirklich enorm entwickelt. Und heute halte ich ihn schon wie, sagen wir mal, auf einem Niveau wie Eco oder so, für populäre Weltliteratur. Gar keine Frage, auch nobelpreisverdächtig. Obwohl er ihn natürlich nicht kriegt, weil diese Stockholmer Professoren das nicht über sich bringen.

U.S.: Die letzte Frage von meinem Fragekatalog wäre: in 14 Tagen kommen Professor Zielinsky und Professor Reck, von der Kunsthochschule für Medien in Köln, mit einem Vortrag namens "Wem gehört die Zeit?". Welche Frage würden Sie diesen beiden Herren stellen.

Coy:  Also die Schwierigkeit ist, daß ich Zielinsky und Reck relativ oft sehe und deswegen habe ich vielleicht Fragen, die niemanden außer den beiden wichtig erscheinen. Jetzt haben Sie mich, das ist eine schwierige Ecke, ja. Na vielleicht, wie sie den Weg der Medienhochschule in Köln sehen, wie sie das Fächerraster sich eigentlich vorstellen, für die nächsten zehn,  zwanzig Jahre in ihrer Hochschule. Es ist ja eine sehr interessante Hochschule, an der sie sind und ja, ich fände es spannend, was ihre Ausbauplanungen oder ihre Umbauplanungen angeht. Das wäre ein Themenkreis, über den ich mit ihnen sprechen möchte. Aber ich denke das werde ich einfach einmal bei einer anderen Gelegenheit wirklich tun und es nicht über diese Fernsprechweise tun.

R.H.: Ja, eine Sache habe ich noch und zwar. Diese beiden sind ja durchaus als Medientheoretiker zu bezeichnen, gehören auch zu den bekanntesten in Deutschland. Und es gibt ja eine ganze Reihe Leute, die über Medien schreiben. Und wir hatten lange Diskussionen darüber, daß das in einer ganz bestimmten Sprache und in einer bestimmten Weise passiert, mit ganz bestimmten Diskurstypen. Es geht bei den Pessimisten von solchen Diskursen bis zu den ganz optimistischen Leuten, die das Ganze in fast einem religiösen Kontext darstellen. Mir fällt da Levy ein zum Beispiel, Pierre Levy. Was halten Sie von dieser Art von Theorieschmiede?

Coy:  Also inzwischen ist der Medienbegriff eigentlich so, daß man ihn gar nicht mehr verwenden darf. Das ist das System der 90iger geworden. Wir hatten in den 70igern, da war alles fokussiert auf den Systembegriff, jetzt wird alles auf den Medienbegriff fokussiert, eine unsägliche Mode, die mich nicht interessiert. Aber dummerweise arbeite ich in dem Gebiet. Also habe ich die Schwierigkeit, ich kann das Wort Medien nicht vermeiden. Ich würde es am liebsten vermeiden. Klar, wie bei allen gesellschaftlichen Prozessen dieser Art, es ist ein Plastikwort geworden. Und um Plastikwörter sammeln sich alle möglichen ideologischen Einstellungen. Klar und es gibt halt Leute, die prinzipiell eben alles lieber ein bißchen in grau sehen und es gibt Leute, die also doch gerne eine neue Kirche hätten, irgendwelcher Art. Und das kann man alles da rein projizieren, der Begriff ist groß genug. Für mich selber ist der Medienbegriff erst einmal im unmittelbaren Sinne ein technischer Arbeitsbegriff gewesen. Also ich habe einfach versucht, bestimmte Entwicklungen in der informatischen Technik zu beschreiben und da ist mir dieses Wort nahe gerutscht, sage ich mal. Dann hat es historische Zufälle gegeben, daß ich Leute wie Christoph Tholen oder Friedrich Kittler kennengelernt habe. Und da um die herum eine ziemlich große Gruppe von Menschen, die zwar aus den Kulturwissenschaften und Geisteswissenschaften kamen, aber eine sehr große Offenheit gegenüber technischen Prozessen zeigten. Was mich begeistert hat. Und die Begeisterung war vielleicht manchmal wechselseitig. Weil ich eben umgekehrt auch versucht habe zu verstehen was sie machen und aber auch technische Elemente rein bringen konnte, die für sie wieder interessant waren. Entlang dieser Achse sehe ich die Perspektive einer interessanten Medienwissenschaft. Aber nicht der einzigen. Es gibt selbstverständlich ganz andere Ansätze. Traditionellere, die sich auf Rezeptionsgewohnheiten stützen, oder die eine Soziologie der Medien betreiben. Das interessiert mich selber relativ wenig. Oder eben auch avantgardistischere, die sich versuchen mehr in den Kunstbereich rein zu stürzen und eigentlich den Wissenschaftsbegriff ein Stück weit aufgeben. Weibel würde ich mal da so hinsetzten, aber nur als ein Beispiel. Ja das ist ein weites Feld. Und Luhman treibt sich auch noch rum, hat sein System jetzt auch über die Medien gestülpt und seine Schüler noch viel mehr. Aber auch traditionelle Germanisten entdecken plötzlich, daß sie ihr Leben lang schon Medienwissenschaftler waren. Das ist ganz interessant. Das erinnert mich eigentlich an so eine Stelle bei Shakespeare, nein bei Moliere ist das wohl, daß wo jemand entdeckt, daß er sein ganzes Leben lang schon Prosa gesprochen hat. Und ganz begeistert herumläuft und sagt: "Wißt ihr, ich spreche Prosa, schon immer, ich bin ein Naturtalent". Und so kommt es mir ein bißchen vor wenn ich jetzt sehe, daß die eher traditionellen Wissenschaften wie Germanistik, Romanistik, Amerikanistik und ähnliches, daß die jetzt plötzlich alles Medienforscher sind. Naja, sollen sie es machen.

R.H.: Und was würden Sie jetzt meinen, was Medienkultur ist. Die ja hier erfunden worden ist und praktiziert werden soll. Und wo wir eigentlich selbst noch nicht ganz genau wissen, wo uns das hinführen wird.

Coy:  Ja das kann ich nicht sagen. Das ist work in progress. Das ist ganz klar. Ich habe vor, ach ich weiß nicht, 12 Jahren, 13, 14 Jahren in einem Kursbuch, das war einmal eine sehr wichtige Zeitschrift, in einem Kursbuch mit dem Titel "Computerkultur" einen Aufsatz geschrieben. Und ich muß sagen, es hat mir Spaß gemacht. Ich hab einen ziemlich verrückten Artikel über künstliche Intelligenz geschrieben und da konnte ich mich ausleben. Kultur, da habe ich gedacht, da kannst du ein bißchen was machen was du sonst technisch nicht so schreiben würdest. Aber mit dem Begriff Computerkultur konnte ich gar nichts anfangen. Da waren die Redakteure einfach weiter als ich. Und langsam, ja in diesen 14 Jahren habe ich langsam versucht zu kapieren, was Computerkultur so bedeuten könnte. Und habe versucht verschiedene Aspekte dann auch in meine eigene Arbeit reinzukriegen. Dazu gehört die intensive Beschäftigung mit dem Begriff digitaler Medien. Das war mir damals nicht klar, daß Kultur analytisch gesehen bedeutet, Analyse der Medien und der Prozesse in den Medien. Das war zu dem Zeitpunkt noch undeutlich. Ja gut! Mal sehen was aus der Medienkultur wird! Ich weiß es nicht. Jetzt im Moment kann ich es noch nicht beurteilen. Die Eule der Minerva braucht eben etwas Licht.

R.H.: Ich spreche ein abschließendes Wort. Okay also dann möchte ich mich im Namen der Fakultät Medien sehr herzlich bei Ihnen bedanken. War ein sehr interessantes Gespräch. Und ich muß Ihnen aus persönlichen Interesse und aus persönlicher Motivation, aber auch im Namen vieler anderer, mit denen ich jetzt schon darüber gesprochen habe sagen, daß es uns allen sehr recht wäre, wenn wir mal wieder einen Vortrag von ihnen hören könnten, bzw. wenn irgendwelche anderen Kontakte auch zustande kämen.

 

Diese Transkription enthält das gesamte Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Coy.
Die grün markierten Passagen stellen die geschnittenen Sequenzen dar.