in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. August 2001

Malen nach Zahlen

Alberti mißtraute der Illustration und ließ seine Leser selbst zeichnen

Das theoretische Oeuvre Leon Battista Albertis zu Kunst, Wissenschaft und Technik erscheint fast gänzlich bilderlos. Dieser verblüffende Umstand ist jedoch weder der Nachlässigkeit des Autors noch den Zufällen einer wechselvollen Überlieferung geschuldet, sondern eine bewußte Strategie. Vor ihr erweisen sich alle Mutmaßungen über "verlorene" Abbildungen als müßig, und alle beigefügten Illustrationen als unautorisiert und methodisch unwillkommen. Der ikonophobische Zug in Albertis Werken resultiert vielmehr aus dem Anspruch der wissenschaftlichen Strenge einer rein literarischen Beschreibung. Die Regeln der neuen Künste und Technologien sollen vollständig den diskreten, alphanumerischen Zeichen von Schrift und Zahl überantwortet werden ("commendare alle lettere"). Selbstgenügsam soll der Text sein und keiner ergänzenden Bilder, Zeichnungen oder Diagramme bedürfen. Angesichts des mit dem Buchdruck der Neuzeit beginnenden "multimedialen" Lernens mögen die Texte Albertis daher als verwirrende Zumutung erscheinen. Welcher Dozent für darstellende Geometrie würde wohl versuchen, die Gesetze der Zentralperspektive ohne eine einzige Illustration zu erklären?

Albertis Werke entstehen an der Schwelle eines epochalen medienhistorischen Umbruchs. Der Buchdruck wird nicht nur eine unkorrumpierte Tradierung des Wissens über Räume und Zeiten hinweg sichern, sondern vor allem auch neue Arten des Zusammenspiels von Bild und Text entwickeln. Vorrangig in Medizin und Technik sollte ein neues Wissen durch die Kombination von beweglichen Lettern und gedruckten Bildern emergieren, näherhin also durch ein wechselseitiges Verweissystem aus Buchstaben und Ziffern, Details und ganzen Abbildungen. Als Alberti zwischen 1430 und 1450 seine gerade einmal vierseitige Schrift "Descriptio Urbis Romae" veröffentlichte, konnte er sich nicht darauf verlassen, daß das Kartenmaterial nicht durch spätere Kopisten korrumpiert würde. Seinem Lösungsvorschlag für eine störungssichere Übertragung ist nun Mario Carpo im Rahmen einer sorgfältigen, historisch-kritischen Edition des Textes nachgegangen. (Mario Carpo: "Ecphrasis géographique et culture visuelle à l'aube de la révolution typographique", in: Leon Battista Alberti, Descriptio Urbis Romae, éd. M. Furno et M. Carpo, Genève (Droz) 2000, S. 65-96)

Obwohl Alberti sich nicht auf Ptolemäus beruft und die vorgestellte Methode als selbsterfundene präsentiert, kannte er doch dessen 1409 als "Cosmographia" erstmals wieder erschienene "Geographie". Da sich Kopierfehler akkumulieren, Distanzen dadurch verfälschen und unter Umständen lebensgefährliche Karten produzieren, verzichtete schon Ptolemäus auf eine zeichnerische Darstellung der Welt und verzeichnete lediglich 8000 Koordinatenpaare. Im Anschluß an diese Argumentation (so zumindest Carpos Vermutung) entwickelte Alberti ein graphisches Verfahren, das es jedem Leser – unabhängig von zeichnerischem Talent und individueller Geschicklichkeit – erlauben sollte, seine eigene, exakte Karte von Rom zu zeichnen. Es teilt sich in gewissem Sinne in Hard- und Software, oder präziser: in Apparate, Verfahren und Daten.

Nach Alberti nehme man ein Blatt Papier, zeichne einen Kreis ("Horizon") und teile ihn in eine festgelegte Anzahl von Graden. In seinem Mittelpunkt befestige man ein drehbares Lineal mit einer ebenfalls festgelegten Anzahl von Unterteilungen ("Radius"). Mit dieser einfachen Vorrichtung sind nun, von einem bekannten Zentrum aus, alle Punkte durch Winkel und Entfernung, also durch Polarkoordinaten, adressierbar. Und da die Vorrichtung nicht metrisch, sondern nur systematisch bestimmt ist, lassen sich Karten in verschiedenen Maßstäben zeichnen. Was noch fehlt, sind die Daten, die vom Benutzer lediglich korrekt eingestellt werden und keinen visuellen Interpretationsspielraum mehr zulassen. Für Alberti und Rom sind dies das Colosseum als symbolischer Null- und Mittelpunkt, der allen anderen Orten ihren relativen Platz anweist und Tabellen für insgesamt 176 Koordinatenpaare. Dabei entfällt allenfalls die Hälfte der resultierenden Punkte auf Stadttore, Kirchen oder antike Monumente. Die andere Hälfte verschlingt die datenintensive Beschreibung des Tiber. Sein Verlauf wird durch zahlreiche Punkte markiert, die der zeichnende (und noch nicht mit Bézier-Kurven ausgestattete) Leser zu einer kantigen Annäherung zu verbinden hat. Schon hier zeigt sich, welche enormen Datenmengen für eine detaillierte Karte nötig gewesen wären. Albertis Versuch, dieses System in "De statua" um eine zusätzliche Koordinate zu erweitern, dadurch dreidimensionale Daten zu speichern, zu übertragen und zu immergleichen Skulpturen zu prozessieren, mußte folglich scheitern.

Als Konstruktions- und Arbeitsvorschrift jedenfalls erscheint "descriptio" oder Beschreibung hier in einem ganz unvertrauten Sinn, der die mediale Differenz von Schrift und Bild unterläuft. Dank Albertis Verfahren war es möglich, Zeichnungen "wörtlich" zu speichern, zu diktieren und zu kopieren. Es überspannte gewissermaßen die Inkompatibilitäten und die supplementären Verhältnisse zwischen räumlichen und zeitlichen Künsten, indem jede neue Karte als Epiphanie des Textes erschien und der Text immer schon das Bild war. Ekphrasis hatte die Form eines Programms angenommen und steuerte eine diskrete Abfolge eindeutig definierter Arbeitsschritte, durch die Daten identisch visualisiert wurden. Die Computergrafik sollte genau dort, im kartographischen Dispositiv von Radarbildschirmen, Polarkoordinaten und Vektorgrafik-Dateien, sechs Jahrhunderte später wieder ansetzen. Daß Albertis Bemühungen einer sicheren Codierung Roms schon optisch an seine Arbeiten zur Kryptographie gemahnen, an die Mechanisierung und Verbesserung der Caesar-Verschlüsselung für den vatikanischen Geheimdienst, verwundert kaum. Schließlich gehörten und gehören exakte Karten zu den bestgehüteten Geheimnissen. Sie verschlüsseln, übertragen und am Bestimmungsort wieder in Klartext oder eben in verläßliche Zeichnungen dechiffrieren zu können, liegt als Möglichkeit in der "Descriptio" begründet. Und bekanntlich sind auch die Ursprünge des Computers auf Engste mit der Kryptoanalyse verbunden.

CLAUS PIAS