in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. Juni 2000

Die bedrohte Faulheit

Eine Konstanzer Tagung zur "Anthropologie der Arbeit"

Jeder Blick hat bekanntlich seinen blinden Fleck. Der panoramatische Blick, den eine Konstanzer Tagung unter dem Titel "Anthropologie der Arbeit" versprach, mußte daher notwendig den Ort der eigenen Arbeit übersehen. Der Arbeitscharakter des Geistigen wird erst dem Rezensenten auffällig, der Geisteswissenschaftlern bei der Arbeit zusieht. Und er macht sich vorzugsweise in jenen Momenten bemerkbar, in denen die Arbeit des Vortragens aussetzt und ?beiseite gesprochen" wird. Die Organisatoren von Tagungen sind dafür besonders anfällig, da sie an den verwaltungstechnischen Rändern des Denkens auf der Bühne arbeiten. So blitzte denn auch am Bodensee ab und zu die Arbeitsbasis des Geistes hervor: Beispielsweise als der Konstanzer Soziologe Ulrich Bröckling die Tagung mit einem Witz über arbeitslose Soziologen beendete. Oder als der Historiker Dieter Groh damit kokettierte, daß Geisteswissenschaftler auch im Schwimmbad nicht mit der Denk-Arbeit aufhören könnten. Oder als die Literaturwissenschaftlerin Eva Horn an der Schalterflut eines Mischpults lächelnd bekannte, die ?Sprache, die im Arbeitsraume gültig ist" (Ernst Jünger) nicht zu beherrschen.

Das Problem der Selbstverbergung der Arbeit stellte sich auch in den lichtbildbestückten Abendvorträgen, in denen Klaus Türk (Wuppertal) durch seine unvergleichliche Privatsammlung von „Bildern der Arbeit" führte oder Benno Ennker (Konstanz) das wechselhafte „Bild des Arbeiters in der Sowjetunion" rekonstruierte. Bilder der Arbeit scheinen zunächst jene zu sein, die Menschen bei der Arbeit zeigen. Doch unvermutet erscheinen Brüche: Arbeitet der kleine Ministrant, der in der Sommerhitze einer Prozession mühselig sein Kreuz voranträgt? Arbeitet das Dampfschiff, das auf Turners grandiosem Gemälde die „ Téméraire" in den Hafen schleppt? Wo ist die Arbeit des Künstlers, die durch das Werk überschrieben wird und wo die Arbeit der Wahrnehmung, die den ikonographischen Sinn unterläuft und in die Zuständigkeit der Experimentalpsychologie fällt? Im Falle der sowjetischen Bilder stellen sich diese letzten Fragen noch dringlicher, denn die „Biomechanik" Meyerholds oder die Arbeitswissenschaft Sokolows propagierten gerade die Indifferenz von Kunst in Arbeit. Meyerhold versprach durch „Taylorisierung des Theaters ... in einer Stunde so viel zu spielen wie wir heute in vier Stunden bieten", und Sokolow imaginierte, daß „der Theaterregisseur und der Ingenieur ... gemeinsam ein System einer neuen Produktionsgymnastik nach den Gesetzen der Arbeitsprozesse schaffen", in dem zuletzt eine „Musik der Maschine" erklingen würde.

Man wird nie fertig

„Anthropologie der Arbeit" ist insofern vielleicht — wie Rudolf Helmstetter (Berlin) bemerkte — eine Tautologie und „Anthropologie" nur der Name für das Nichtwissen, warum überhaupt gearbeitet wird. Diese Namen lassen sich gleichwohl historisieren. Sie erlauben es, eine Folge von „Vorstellungen" des Menschen zu rekonstruieren, die jeweils auf einem bestimmten wissenssoziologischen und technikhistorischen Boden gedeihen und deshalb eher Grund zu einem „schwachen Begriff" (Dieter Groh) des arbeitenden Menschen geben, als zu „anthropologischen Fundamentalien", Wesensbestimmungen oder einer einzigen Geschichte der Arbeit. In diesem Sinne konzentrierten sich die Referenten auf die zuletzt gültige und die derzeit vielleicht neu auszuhandelnde „Menschenfassung" der Arbeit.

Hans Wupper-Tewes (Bochum) resümierte den Taylorismus als Modell strategischer Beherrschbarkeit. Ein funktionaler Begriff des Menschen korrespondiert einem funktionalen (und nicht mehr bloß konstruktiven) Verständnis der Maschine, so daß beide in einer mathematisch bestimmbaren „Normalität" der Abläufe zusammenfallen können. Diese funktionale Fügung des Menschen erlaubt eine Erweiterung des Arbeitsraumes in Kindheit, Freizeit, Bildung und Selbstsorge. Carl Wege (Bremen) erinnerte daran, wie Martin Heidegger und Ernst Jünger versucht hatten, den Arbeitsbegriff von allen vorangehenden Bestimmungen zu befreien und zu universalisieren. Dabei erscheint Jüngers Bestimmung der Arbeit als desjenigen, was die gesamte menschliche Sphäre durchzieht und verbindet, als eine seltsame Spielart von „Humanismus", in der der „Geist" nur eine Subkategorie der Arbeit bildet. Der „Arbeitsraum" ist ein Raum ohne Kontemplation, ein Raum, in dem nur die Realitätstüchtigkeit von Wissen zählt. Wer sich nicht im Straßenverkehr orientieren kann, wird eben überfahren. Noch deutlicher sprach Heidegger in seiner Rede „Der deutsche Student als Arbeiter" (1933) von der Umerziehung der interpretierenden Klasse und davon, wie „Arbeit die Atmosphäre reinigt".

„Säuberungsaktionen" im Namen der Arbeit waren nach Rudolf Helmstetter das Zeichen einer ganzen Epoche, die nicht faul war. Die Moderne habe einen geradezu kolonialen Krieg gegen die Faulheit geführt und „faule Völker" in einem „Imperialismus des Fleißes hinweggearbeitet". Die Totalisierung der Arbeit bei Jünger und Heidegger läuft den Versuchen parallel, auch die letzten Residuen der Faulheit für die Arbeit aufzuschließen. Dazu gehören nicht nur die psychophysische Entdeckung der „schöpferischen Pausen", die die Arbeit effektiviert, sondern auch die „Deutschen Freizeitkonferenzen" der Weimarer Republik, die das Unbewußte der Freizeit mit „sinnvollen" Tätigkeiten zu füllen suchten und auch vor einem „Amt für Feierabend" nicht zurückschreckten. Für Gustav Grossmann war, wie Stefan Rieger (Konstanz) zeigte, dafür schon 1929 keine Dienststelle mehr nötig, sondern nur eine korrekte Buchführung. Grossmanns Ratgeber „Sich selbst rationalisieren", der bis heute ungezählte Wiederauflagen erfahren hat, fand im Zwangsneurotiker den verbindenden Typus zwischen registrierendem Kaufmann und messendem Arbeitswissenschaftler. Wenn jeder sämtliche Tätigkeiten seines Tages, Arbeit und Müßiggang, Ernährung und Bewegung, protokolliert, dann werden alle Lebensäußerungen in einem Aufschreibesystem homogenisiert, das zudem noch „methodisch vorbereitete Glückstage" erzeugt. Das Leben erscheint als eine unaufhörliche „Arbeit an sich".

Einer solchen Umstellung von „Disziplinar-" auf „Kontrollgesellschaften", in denen man „nie mit etwas fertig wird" (Deleuze) ging eine Reihe von Beiträgen nach. Eva Horn las das Assessment Center als Emblem einer Epoche, die von Normalisierung auf Eignung umstellt und in der standardisierung durch Individualisierung abgelöst wird. Die Psychotechnik der Arbeitswissenschaft unterlief erworbenes Können, erschloß Physiologie und Psychologie durch Fremdbeobachtung, Messung und Mathematisierung und gewann damit eine standardisierungsgrundlage konstanter Eigenschaften.

Die Firma Ich & Co.

Das Assessment Center als „moralische Anstalt" setzt hingegen auf die Rollenspiele der Gruppentherapie, in denen Ernstfall und Probehandeln nicht mehr auseinanderzuhalten sind. Aus der panoptischen Unterwerfung durch die Arbeitswissenschaft wird ein Spiegelkabinett der Selbst- und Gruppenbeobachtung, das nicht auf strategischer standardisierung, sondern auf taktische Vervollkommung setzt. Rollenspiele haben keine „Ergebnisse" mehr wie Tests, sondern inszenieren Simulationen, in denen das Selbst greifbare Form annehmen soll und in denen man „seinen Menschen zeigen" muß. Zwischen Komik und Erschrecken bewegte sich daher Ulrich Bröcklings Blütenlese aktueller Ratgeberliteratur aus der Welt des Total Quality Management. Das klassische Disziplinarschema von Bekenntnis, Reue und Vergebung wird in dynamischen Systemen, in denen jede Rüge als „Lernhilfe" gilt, obsolet. In einem „demokratisierten Panoptismus" des personal growth heißt es, sich selbst sehen zu lernen, wie andere einen sehen. In der „Firma Ich & Co" wird jeder zum Betriebsleiter und Eigentümer seiner Selbst: „Sehen Sie sich als Produkt und beobachten Sie den Markt". Und da das Ich sich sich nicht entlassen kann, fallen das Selbst und seine Präsentation im gelungenen Produkt zusammen und tilgen die Unterscheidungen von Schein und Sein, von Maske und Gesicht. Günter Voß (Chemnitz) bestimmte diese neue Gestalt als „Arbeitskraftunternehmer", der den Arbeitnehmer ablöst. Während am proletarisierten Lohnarbeiter rohe Arbeitskraft und am verberuflichten Arbeitnehmer standardisierte Qualifikation ausgebeutet wurde, ist der Post-Tayloristische Arbeiter ein „Halbfertigprodukt", das sich selbst erst produziert und seine individualisierte Qualifikation unter systematischer Selbstkontrolle verbetrieblicht. Man erhöht die Spielräume, zwingt den Arbeiter durch temporäre Auftragsbeziehungen zur Selbstorganisation, und für den Arbeitswissenschaftler bleibt nur die Kontextsteuerung durch controlling-Systeme übrig. Normative Vergesellschaftung läuft als forcierte Individualisierung ab und wird zur Selbstvergesellschaftung, die oft wenig mit einer „lustvollen Wahl von Lebensstilen" gemein hat.

Es verwundert nicht, daß ein „kritischer" Diskurs, der mit Interessen operiert, angesichts solcher Sozialisationsspiele einer Schamkultur anachronistisch wirkt. Bemerkenswert ist vielmehr, daß die Theoreme der verstummten Postmoderne plötzlich aus einer anderen Richtung zurückhallen. Die „Dezentrierung des Subjekts", seine Auflösung in eine „Kreuzung von Texten", die Zumutung, Last oder gar Gewalt der Identität und des Geschlechts, die in multiple Identitäten, in gender swapping und eine unendliche Schicht von grundlosen Masken aufzulösen sei — all dies ist inzwischen unter Begriffen wie „Flexibilisierung", „Projekt-" oder „Identitätsmanagement" in Politik und Wirtschaft zu hören.

Motor des Mangels

Der Beitrag von Joseph Vogl (Weimar) über „Fausts Arbeit" schlug insofern einen Bogen vom Beginn zum Ausgang des „Zeitalters der Dampfmaschine" (Norbert Wiener). Nach Auflösung der Werttheorien des 18. Jahrhunderts zielte Arbeit nicht mehr auf die Befriedigung von Bedürfnissen, sondern diente als „Motor des Mangels" und war damit immer schon „abstrakte Arbeit". Dieser Logik, „die Fülle verspricht und Mangel erzeugt" folgt auch die Poesie. Sie ist die Wagenlenkerin, die in der Mummenschanz-Szene von „Faust II" einen neuen Reichtum führt, der von Geiz begleitet wird und Papiergeld gebiert. Die Poesie erscheint als Apokalyptikerin der Wertsubstanz, denn die ausgegebenen Anleihen schöpfen ihren Wert aus dem Nichts. Sie ist das Sinnbild einer grundlosen Ökonomie der umlaufenden Schuld und des Nichtigen, der referenzlosen Zeichen und der endlosen Zirkulation eines wesentlichen Fehlens.

Die Dampfmaschine, die zeitgleich eine Erlösung vom ökologischen Krisenzyklus versprach, führte jedoch zu einem kapitalistischen Pessimismus im Zeichen der Thermodynamik. Jede investierte Energie wird durch Entropie degradiert und unbrauchbar für Arbeit. Aus dieser permanenten Krise heraus entwickelte die Arbeitswissenschaft ihren energetischen Imperativ. Der Computer wäre in diesem Sinne nicht nur ein Modell des immer neu programmierbaren Menschen, sondern auch ein Apokalyptiker der Energie. Er verspricht eine Gesellschaft, der — anders als Hannah Arendt meinte — die Arbeit eben nie ausgeht, weil er mit wenig Energie unendliche Zeichenspiele produziert.

CLAUS PIAS