in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Sommer 1999

Die Kunst des Verschwindens

„Die Modernität ist das Vorübergehende, das Entschwindende, das Zufällige, ist die Hälfte der Kunst, deren andere Hälfte das Ewige und Unabänderliche ist" diagnostizierte Baudelaire 1863. In Weimar, in dessen Geschichte das Ephemere nur selten eine Chance bekam und fast alles, was diesen Ort berührte, sich zu Kunst oder Ernst, jedenfalls aber Ewigkeit verwandelte, will man nun auch dem Verschwinden eine Chance geben. Unter dem Titel „Licht auf Weimar – Die ephemeren Medien" wurden Künstler aufgefordert, sich wider die Musealisierung mit Licht, Plakaten, Gerüchen, Pflanzen und Tönen ins tägliche Leben der Stadt einzuschleichen.

An Leben, wenn man denn die Touristenströme so nennen will, mangelt es derzeit nicht, ebensowenig wie an Kunst, über die man inzwischen stolpert wie im letzten Jahr noch über die unzähligen Kulturstadt-Baustellen. Die eingeladenen Künster standen daher vor dem Problem, wie man in einem Ballungsraum kunstförmiger Objekte und unter den detektivischen Blicken kunstsuchender Betrachter noch weitere Kunstwerke verstecken könnte. Eine konsequente Methode wäre das Schweigen gewesen – doch was vorübergehnd sein soll, muß auch einen Anfang haben. So wurde diesen Monat eröffnet, was nicht zu sehen war, und dies teilweise im einfachsten Wortsinn.

Dan Graham und Vito Acconci sind entgegen früheren Ankündigungen nicht vertreten, und Jenny Holzers und Wolfgang Laibs Arbeiten werden erst im August zu sehen sein. Mischa Kuballs bedrückender nächtlicher Suchscheinwerfer auf dem Aufmarschplatz vor dem Gauforum (neuerdings zum „Weimarplatz" enthistorisiert) wurde von der dort ansässigen Behörde verhindert. Und auch Ute Wredes poetisches „Mohn und Gedächtnis" –eine Aussaat von Klatschmohn entlang der Bahnlinie von Weimar nach Buchenwald– wird erst im Juni oder Juli erblühen und bleibt wohl der dokumentarischen Luftbildfotografie vorbehalten.

In den bisher realisierten Arbeiten werden die Gattungsvorgaben des Ephemeren und der Medien auf verschiedenste Weise ausgelegt. Bei Eva & Adele ist es das vorübergehende Erscheinen ihrer selbst im Stadtbild: eine apparitio operis der Künstlerkörper, die kein Werk hinterläßt, sondern nur mediale Spuren in Form anonymer Amateurvideos und -fotografien. Sie thematisieren körperliche Anwesenheit und mediale Abwesenheit und reihen mit ihrem Exotismus jene „Momente" aneinander, die Henri Levebvre die „blitzartigen Aufhellungen" des endotischen Alltags nannte.

Bei Liz Bachubers „Nesting Places" geht es dagegen um die Dichotomien von Einschließen und Ausschließen, Zuwenden und Abwenden. Sie hat Stühle in überdimensionale Nester eingeflochten und damit gewissermaßen das Mediendispositiv von Sitzordnungen beschrieben. Medien schaffen Einheiten, ermöglichen Zusammengehörigkeiten und organisieren damit Sinn. In Liz Bachhubers Arbeit erscheint das Ephemere als Einladung, an Orten zu verweilen, die ansonsten transitorisch sind, an anonymen Orte ohne identitätsstiftende Markierungen und Geschichte. Mit Bahnsteigen, Einkaufszentren und Plattenbaugebieten hat sie zielsicher die von der Musealisierung des öffentlichen Raumes unmarkierten Plätze besetzt und in soziale Orte, in Stätten temporärer Einrichtung im Unwirtlichen verwandelt.

Ebenso wie Stühle schaffen auch Türme Gemeinschaften. Sie funktionieren als Landmarken, kommunisieren die Betrachter in ihrem Sichtfeld und bilden damit ein Territorium. Weimar wird bekanntlich überrragt durch den überall sichtbaren Glockenturm von Buchenwald. Der Kanadier Robin Minard hat den Klang dieser Glocke synthetisiert und läßt ihn, elektronisch bearbeitet, von den drei Türmen der Innenstadt (der Herderkirche, dem Schloßturm und dem Rathausturm) erklingen. Täglich um 8 Uhr morgens, 18 Uhr abends und nachmittags um 15:15 Uhr (dem Zeitpunkt der Befreiung des Konzentrationslagers) ensteht zwischen diesen drei Punkten eine Klanglandschaft aus kaum verortbaren Tönen. Da Glockenklang fest zum touristischen Erwartungsrepertoire gehört, wird die kleinstädtische Idylle zunächst kaum gestört, und erst bei genauem Hinhören erscheint das Vertraute unheimlich.

Das Verhältnis von historistischer Oberfläche und darunterliegender historischer Schichtung, besonders im Hinblick auf die nationalsozialistische Vergangenheit Weimars, ist auch Thema der Arbeit von Christoph Rihs. Seine Installation aus mehreren Diaprojektoren wirft nachts die zuckenden Silhouetten von Schmetterlingsschwärmen auf die Fassade des „Haus Stadt Weimar". Die solcherart aufflatternden Seelen haben gleich mehrere Anmutungsqualitäten: die nostalgische Medientechnologie der Laterna Magica, die frühen großstädtischen Lichtreklamen und die ruckelnden Bilder des Films. Und jede bezieht sich auf eine Epoche des Hauses und der Stadt: Zunächst seine klassizistische Gestaltung durch Clemens Wenzeslaus Coudray als Haus der Armbrustschützengesellschaft, zu deren Mitgliedern auch Goethe und Carl August zählten. Dann, 1926, den Gründungsakt der Hitlerjugend durch Baldur von Schirach, der die paramilitärische Jugendbewegung bewußt an die Tradition dieses Ortes anschloß. Und zuletzt das gerade entstehende „Multiplex-Kino zur Erweiterung des Freizeit- und Kulturangebots".

Auch die wohl umfangreichste Arbeit der Ausstellung widmet sich dem Verborgenen im Offensichtlichen. Jochen Gerz‘ „Künstlers Traum – Goethe in Buchenwald" wirft ein Licht auf Weimar, indem sie von einem Licht über Weimar reden macht. Große Werbeflächen in der Innenstadt zeigen den Nachthimmel, der von einem grünen Lichtstrahl zerschnitten wird und berichten von dieser merkwürdigen Himmelserscheinung. Auf dem ersten Plakat nimmt der Intendant Bernd Kauffmann Stellung, der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, der Bürgermeister, ein Ausschuß des Stadtparlaments und viele andere werden folgen. Nicht diese monatlich wechselnden Plakate, sondern das offensichtliche Gerücht über den Lichtstrahl zwischen Belvedere und Buchenwald selbst ist die Arbeit, und alle logisch möglichen Strategien (Glaube, Unglaube und Verwerfung), jede Rede also, ist immer scon Teil von ihr.

Wöchentlich erscheinen Stellungnahmen von Weimarer Bürgern in der Lokalpresse, erste Amateurfotografien des Lichts, Leserbriefe und Dementi tauchen auf, Telefonleitungen werden eingerichtet, und Kulturstadt-Besucher füllen gewissenhaft die in allen Lokalen ausliegenden Postkarten aus, um zur Lösung des vermeintlichen Rätsels beizutragen. Jochen Gerz, virtuos im Umgang mit dem Undarstellbaren und erfahren in der Subversion durch das Unsichtbare, liefert lediglich die Rahmenbedingungen für eine wahre Geschichte, die nur noch nicht geschrieben ist. Das Licht ist, wie schon seine Hamburg-Harburger Säule, nur das naive Objekt, das Rede schafft und damit Dokumente für eine zukünftige Archäologie unseres Diskurses produziert. Anders als „moralische Niedlichkeiten" (Gerz) festrednerischer Erinnerung an die Doppelgesichtigkeit Weimars in Klassik und Konzentrationslager, spricht seine Arbeit nicht vom sogenannten „Mensch", sondern läßt Menschen –ganz literal und aus der geographischen Mitte der Extreme– sprechen. Dabei erweist sich paradoxerweise das Ephemere und Unsichtbare als hartnäckiger als das Permanente und Sichtbare: man kann es nicht leugnen, denn es ist ja gar nicht da.

Claus Pias

Die einzelnen Arbeiten sind z.T. bis Oktober, z.T. bis zum Dezember zu sehen. Zu den einzelnen Werken erscheinen jeweils gesonderte Publikationen im Hatje Cantz Verlag