in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.6.1998

Alarm in brünstigen Fleißen

Schrill und bunt: Hermann Bahrs Künstlerroman »Die gute Schule«

Hermann Bahr ist kein unbekannter, vergessener Schriftsteller, wie in performativem Widerspruch gerne beteuert wird. Wer in der überbordenden Literatur zur letzten Jahrhundertwende blättert, kann seinen Namen in fast jedem Register finden. Präsent ist er dann allerdings nur in Verweisen, Zitaten oder Fußnoten, also an jenen Stellen, die den Diskurs glaubwürdig erscheinen lassen, die sein Wissen bestätigen indem sie auf einen Ort der Autorität verweisen. Und tatsächlich scheint Hermann Bahr aus allen Richtungen zurückzublicken, an allen Topoi der Jahrhundertwende immer schon da zu sein. Sei es Naturalismus, Symbolismus, Impressionismus, Décadence, Secession, Expressionismus oder Heimatkunst: In allen Regionen der "Stilkunst um 1900" hat er sich kritisch oder poetisch bewegt.

Naturgemäß wurde ihm seine Verwandlungsfähigkeit übelgenommen; nicht nur von dezidierten Feinden wie Karl Kraus, sondern auch von ehemaligen Freunden wie Arthur Schnitzler oder Protegierten wie Hugo von Hofmannsthal. Bahr, für den Authentizität die längste Zeit nur Funktion und Effekt von Rhetorik, von Inszenierungen und Wahrnehmungskonventionen war, mußte verdächtig erscheinen in einer Zeit, die Kultur in einer Kunstmetaphysik von "Ausdruck" und "Stil" zu begründen suchte. Bahr, der Panegyriker der Veränderung, wußte jedoch, daß Kultur weniger von Letztbegründungen als von Archiven abhängt.

Nie derselbe zu sein, sondern jeden Tag ein anderer, ohne identisches Ich leben zu wollen, bedeutete eine Permanenz kleiner Tode, deren Spiegelbild ein Wille zum Archiv war, der sich im Falle Bahrs durchaus mit dem Goethes oder Victor Hugos vergleichen läßt. War es zunächst der Vater, der alle schriftlichen Zeugnisse seines Sohnes aufhob, so wurde später Bahrs zweite Frau Anna zur Archivarin ihres Mannes, zum Interface ans kulturelle Gedächtnis. "Die Frau ist dem Manne die große Helferin aus dem Täglichen ins Ewige", bemerkte Bahr dazu.

Anna Bahr-Mildenburg bereitete - getreu den Dilthey'schen Regeln der Archive für Literatur von 1889 - den Sprung ihres Mannes aus dem kommunikativen ins kulturelle Gedächtnis vor, aus der faktischen in die erinnerte Geschichte. Allein 50.000 Briefe an Hermann Bahr und wahrscheinlich nicht weniger von ihm, 500 unveröffentlichte Aufsätze und über hunderttausend Zeitungsausschnitte belegen Bahrs Diktum, "daß die europäische Seele keine Geheimnisse vor mir hat". Allerdings hat eine restriktive Copyright-Politik bislang erfolgreich verhindert, daß Geheimnisse ausgeplaudert werden. Die letzte (vorzügliche aber knappe) Anthologie liegt dreißig Jahre zurück, eine Tagebuchausgabe begann erst 1994, also 60 Jahre nach Bahrs Tod, und eine Ausgabe seiner kritischen Essays, des bedeutendsten Teils des Oeuvres, fehlt nach wie vor.

Es ist also ein seltenes Ereignis, daß im Ullstein Verlag nun Die gute Schule, Bahrs Künstlerroman von 1890, wieder erschienen ist. Die Geschichte ist simpel und bekannt: Ein Künstler verliebt sich, die Liebe scheitert, die Kunst scheitert und - der Künstler wird zum materialistischen Bourgeois. Schon an diesem Ende, das die seit der Romantik gängigen Alternativen von Selbstmord oder genialischem Kunstwerk (oder beidem) ironisch vermeidet, ahnt man, daß etwas nicht stimmt. Und so handelt es sich bei den durchgängig in erlebter Rede geschriebenen 200 Seiten nicht um die Geschichte eines "armen, aber idealistischen Malers", wie der Klappentext verspricht, sondern vielmehr um das Ende des Künstlerromans das selbst noch als Künstlerroman vollzogen wird.

Gleich zu Beginn begegnet man dem namenlosen Protagonisten bei stundenlangen Sitzungen vor dem Spiegel, in denen er versucht, nach "Künstler" auszusehen und liest mit, wie er sich mit Berühmtheiten der Kunstgeschichte vergleicht. Den Blick so geschärft, merkt man, wie alle "Legenden vom Künstler" hier fungibles Material geworden sind - nicht nur für die Romanfigur, die sich in immer neuen Selbstinszenierungen versucht, sondern auch für den Autor Bahr. Leicht entdeckt man das Motiv des Nicht-Ausführen-Könnens, das Ungenügen am endgültigen Werk und die Skizzenästhetik ebenso wie die Metapernfelder von Künstler und Großstadt, Kunst und Frau, Tod und Repräsentation. Das Bild der Avantgarde im Hinterzimmer eines schäbigen Lokals, die antibourgeoise Attitüde und Verurteilung des Salon, die von Zola übernommen sind, finden sich hier ebenso wie der Erlösungsgedanke durch christusähnliche Avantgardisten, die Ästhetik des Rausches in den Varianten Alkoholismus, Sado-Masochismus und mystische Enthaltsamkeit, die Décadence der Nerven, die Abstraktion, die Sprachkritik, die romantische Verklärung der kindlichen Wahrnehmung, der Übermensch oder die Duftsymphonien à la Huysmans.

Während jedoch Zola, den Bahr zur Entstehungszeit des Romans für sich entdeckte und bewunderte, in seinem L'oeuvre das ganze Pathos der avantgardistischen Künstlerlegende literarisch entfaltete und dem Mythos der Avantgarde seine Ausdrucksformen stiftete, legt Bahr gerade die Rhetorik frei, aus der Künstler-Träume gemacht sind. Sie geraten ihm schief, schrill, bunt und oft genug auch lächerlich. Alles scheint bekannt, aber nichts will sich überzeugend verbinden. Alles scheint Versatzstück und von allem ist es eine Prise zuviel, wie schon die endlosen Pluralbildungen sinnfällig machen: in "Wähnen" befangen, von "Wärmen" umweht, von "Scheinen des Seienden" betrogen, in "brünstigen Fleißen" tätig oder von "Alarmen" gewarnt.

Alarme mögen allerdings angesichts so mancher Stilblüte schlagen, und schon Marie von Ebner-Eschenbach legte 1890 in ihrem Tagebuch eine eigene Sammlung derselben an. Wo auf jeder zweiten Seite "brünstig geschlürft" wird, tritt eben Langeweile ein und Sinnlichkeit ab. Sicher sind es also nicht sprachliche Qualitäten, die diesen Roman wiederlesenswert machen. Und die Suche des Helden nach einem Leben als Gesamtkunstwerk ist auch keine interessante Geschichte.

Die gute Schule ist weder der "Grüne Heinrich des fin de siècle", wie Otto Brahm meinte, noch das deutsche A Rébours. Auch wenn der Herausgeber Günter Helmes in seinem Nachwort die Klippen der Bewertung mit Gelehrsamkeit und Zitatenreichtum zu umschiffen sucht: Die gute Schule ist keine gute Literatur, und den Autor Hermann Bahr an ihr zu messen, hieße ihm einen schlechten Dienst tun. Aber sie ist ein hinreißendes Stück Kulturgeschichte, ein Bilderatlas der Jahrhundertwende. Die hellen, schlanken, tanzenden Frauenkörper, die Ausdruckslinien der Reformkleider, die violetten Sümpfe und gelben Himmel, die Absinth-Trinker und Flaneure, die "Edison-Liebe" der elektrifizierten Welt, die Ornamente von Peitschen und Kirchengewölben, alles und viel mehr ist da. Der junge Hermann Bahr, in Österreich vorerst gescheitert und von Berlin enttäuscht, hat diese Bilder in Paris gesammelt. Gültig formulieren wird er sie in seinen Essays.

Claus Pias

 

Hermann Bahr: Die gute Schule. Seelenstände. Mit einem Nachwort von Günter Helmes. Berlin (Ullstein) 1997. ISBN3-548-24161-1. Preis 14,90 DM