in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Januar 2001

Auf der Suche nach der verlorenen Site

Nein, nicht Al Gore hat das Internet erfunden, sondern Tim Berners-Lee. Und der ist weder Republikaner noch US-Amerikaner, sondern Brite und laut "Time Magazine" einer der hundert klügsten Köpfe des 20. Jahrhunderts. Da Berners-Lee nicht nur klug, sondern auch bescheiden ist, weiß er um die Heterogenese von Erfindungen und mißtraut der Erfinder(auto)biographie, die nun unter seinem Namen auf Deutsch vorliegt. Dieses Mißtrauen ist berechtigt. Was im Original unter dem Titel "Weaving the Web" erschien, heißt nun übersetzt "Der Web-Report" und erinnert mit unfreiwilliger Komik an all jene Reporte, die – von aufklärungspädagogischen Textzipfeln nur knapp bedeckt – zur voyeuristischen Nabelschau einluden. Nicht nur um die nackten Tatsachen der Erfindung geht es jedoch in dieser literarischen Gattung, sondern auch um die Entschleierung jener 'großen Männer' die angeblich hinter jeder Erfindung stehen. Und da diese nicht reden, sondern bilden, leihen Co-Autoren ihnen gern ihre Stimme.

Was Berners-Lee zu sagen gehabt hat, mußte also erst ein Aufschreibsystem namens Mark Fischetti durchlaufen, das es nach amerikanischen standards formatierte. Dazu gehört (wie Hayden White es nennen würde) eine "romantische Plotstruktur": Der Erfinder-Held hat (s)eine "Vision", er trifft ungezählte Leute, die alle nur Vornamen zu haben scheinen und meist mit Unverständnis oder Ablehnung reagieren, er überzeugt einige und realisiert zuletzt (s)einen Traum, der dann als Artefakt den Triumph über die Erfahrungswelt symbolisiert. Daher freut sich der Leser auch über die wenigen Sätze, die durchs Netz der Erfolgs-Teleologie schlüpfen konnten, wie etwa den, daß Chicago durch einen "bemerkenswerten Mangel an Bergen beeindruckt". Ohnehin kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Berners-Lee, der eben nicht zu den Millardären der Goldgräberzeit der Computergeschichte gehört, sondern hartnäckig auf einer Hacker-Ethik der freien Sourcen insistiert, diese Success-Story nicht geheuer ist. So handelt nur die erste Hälfte des Buches von der Entwicklung des Internets im heutigen Sinne, also den Dateistandards und Übertragungsprotokollen, die aus dem militärisch-universitären Rechnerverbund ein Medium für Massen nach dem Zeitalter der Massenmedien machten. Die zweite Hälfte hingegen ist den Wünschen und Prognosen gewidmet, die das "Word Wide Web Consortium" (W3C), dem Berners-Lee vorsteht, für die Weiterentwicklung des Internet hegt.

Aber schon die erste Hälfte des Buches selbst sträubt sich, gängige Klischees zu bedienen. Viel mehr als eine geradlinige Geschichte verfolgt sie eine verschlungene Reiseroute und rekonstruiert den Schaltplan eines Netzes von Personen, Institutionen, Technologien und Symboliken, in dem sich das Internet "zusammenfügt". Kein "Heureka!" begründet das World Wide Web, wie Berners-Lee schon zu Beginn klarstellt. Niemand hat es bestellt, und der Erfolg seiner standards war unvorhersehbar. Biographische Elemente wie die frühe Faszination des Knaben am viktorianischen Nachschlagewerk "Enquire within upon Everything" oder die Geburt des Hypertext-Links aus dem Geist Proust'scher mémoire affective vermögen das Dasein des Netzes nicht zu plausibilisieren. Auch die "Erfindungshöhe", wie es im patentrechtlichen Jargon heißt, spielt kaum eine Rolle. Die Markierungssprache HTML, die Berners-Lee entwickelt hat, ist ein Derivat des weit überlegeneren und schon seit 1969 etablierten SGML und entstand gerade mit dem Ziel, "die am wenigsten leistungsfähige Sprache zu erstellen". Auch die Entwicklung des Übertragungsprotokolls HTTP ("Hypertext Transfer Protocol") ist Berners-Lee nur einen Nebensatz wert. Und so bleibt als originellstes Konzept vielleicht das des URI ("Uniform Resource Identifier", heute als URL bekannt) übrig. Der URI ist die einzigartige Adresse eines Dokuments, und erst über ihn wurde es möglich, alle Dokumente in einem gemeinsamen, dezentralisierten und homogenisierten Adreßraum abzulegen.

Die "Erfindung" des Internet bezeichnet also weniger ein konkretes Objekt als die standardisierung einer Praxis. Es geht um die Formulierung von Regeln, auf deren Basis sich (möglichst alle) Maschinen und Menschen verständigen können. Als standard bedürfen diese keiner naturalisierenden Legitimation, sondern müssen lediglich eine minimalistische Evidenz aufweisen, die keine Frage mehr zuzulassen scheint. Internet heißt technisch implementierte Konsensfähigkeit. Auf Maschinenseite forderte dies Protokolle, die zwischen allen Arten von Hardware funktionieren und den komplizierten Übertragungsprozeß unsichtbar machen. Auf der logischen Ebene der Datenstrukturierung bedurfte es eines unhierarchischen, dezentralen und endlos erweiterbaren Adreßraums. Und im Bereich des "social engineering" war es die Kunst, die Benutzer aller möglichen Programme und Computer auf bestimmte standards zu verpflichten. Das Internet ist eine gelungene Verhandlung, ein diplomatisches Unternehmen, und sein historisches Testfeld war das europäische Forschungszentrum CERN. Berners-Lee arbeitete dort in der Abteilung "Data Acquisition and Control" mit dem Auftrag, die hausinterne Kommunikation zu optimieren. Rückblickend beschreibt er das CERN als babylonischen Mikrokosmos verschiedenster Forschungsrichtungen und Fachsprachen, als labyrinthische Konstruktion aus Kommunikationslosigkeit und (In)Kompatibilität, gespalten in Religionen und Sekten verschiedenster Hardware, Betriebssysteme und Anwenderprogramme. Diese "evangelizing phase" des Internet (Berners-Lee) war bestimmt von Anträgen und Tagesordnungen, Gesprächen an Kaffeeautomaten und abteilungsinternen Vorführungen, strategischen Rücksichten und taktischen Anknüpfungen, eigener Programmierung und fremden Ergänzungen und Umschriften des Codes. Sie ist – mit Bruno Latour gesprochen – ein Gemisch aus Entdeckungen, Rahmenbedingungen, Formung und Konstruktionen. Was so verfaßt wird, hat in der Tat den Charakter einer Verfassung, deren Grundrechten und -pflichten man sich unterstellt und innerhalb derer dann Glaubensfreiheit garantiert wird.

So scheint es auch kein Zufall, daß Berners-Lee beiläufig und mit wenigen Sätzen ein Bekenntnis für die "Unitarian Universalist Church" ablegt. Diese Vereinigung aus Unitariern und Universalisten speiste sich historisch aus heterogenen religiösen Richtungen. Zu ihren Quellen zählen die pietistischen Schriften eines Johann Wilhelm Petersen ebenso wie sozinianischen Lehren der Reformationszeit. Zu ihren Gründerfiguren um 1800 gehören beispielsweise der Chemiker Joseph Priestley oder der Physiker und Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung Benjamin Rush. Geistige Freiheit, unbeschränkter Vernunftgebrauch und Toleranz gegenüber allen Religionen gehören zu ihren Prinzipien. Gleichwohl noch heute an vielen Kongregationen der Unitarian Universalists die protestantischen Wurzeln erkennbar sind, finden in ihren Räumen sowohl Teezeremonien als auch hohe Jüdische Feste, hinduistische Feiern oder muslimische Gebete statt. Bei den Unitarian Universalists scheint der Herrensignifikant abgeschafft: kein Symbol beansprucht alleinige Gültigkeit, keine Lehre absolute Gewißheit. Als universal bleibt eine transzendentale Obdach zurück, unter der die differenten Glaubensinhalte enthierarchisiert und institutionell vernetzt werden können. Die Unitarian Universalists sind die Religion der Medien: sie bieten lediglich eine Infrastruktur, innerhalb derer alle möglichen Glaubensäußerungen erscheinen können und Protokolle, die diesen Verkehr regeln. Wie die Telekom sind sie nicht für übertragene Inhalte verantwortlich, sondern nur für das Funktionieren der Übertragung. Universalisten zeigen Toleranz gegenüber allen religiösen Betriebssystemen, indem sie Kommunikationsstandards zur Verfügung stellen, die nur minimal differenziert ist. Ihr "World Parliament of Religions", das erstmals 1893 in Chicago tagte und von dem Unitaristen Jenkin Lloyd Jones und der Universalistin Augusta Chapin geleitet wurde, ist daher dem 100 Jahre später gegründeten "World Wide Web Consortium" Berners-Lees vergleichbar.

Auch dessen Visionen sind global und universell. Niemand soll in Zukunft vom Netz ausgeschlossen sein, was umgekehrt nur bedeutet, daß auch Blindheit oder Taubheit, motorische Behinderungen oder andere Schriftsysteme keine Ausrede mehr hergeben, nicht on-line zu sein. Und kein Text soll dem Netz entgehen: "Wenn sich das Dokument nicht im Web befindet, existiert es nicht", schreibt Berners-Lee, für dessen Buch selbstverständlich nur Werbung im Netz zu finden ist. Doch der bloße Nachweis performativer Widersprüche und die Erinnerung an die Machtmechanismen der Kontrollgesellschaft wären eine allzu billige Kritik. Interessanter ist sind allemal die künftigen technischen standards wie XML ("Extensible Markup Language") und RDF ("Resource Description Framework"), deren Details Berners-Lee dem Leser erspart, um direkt zu den Utopien überzugehen, deren Basis sie sein sollen. Der Grundgedanke ist, daß es einen Begriff von "Bedeutung" gibt, der von Maschinen prozessierbar ist und daß auf der technischen Implementierung dieses Begriffs ein Umschlagen von Quantität in Qualität, von schierer Rechenleistung in unprognostizierbare Komplexität stattfinden kann. Wo bisher beispielsweise Suchmaschinen nur stochastisch arbeiten konnten, sollen zukünftige Agenten beschreiben, ableiten und folgern können. Sobald eine kritische (Daten)Masse erreicht ist, soll das Netz beginnen, sich selbst zu schreiben. Schon jetzt fängt es (so Berners-Lee) "zu träumen" an, wenn es unerwartete Zeichenverkettungen herstellt. Doch nicht um ein Lacan'sches Unbewußtes, dessen Theorie sich ja selbst von Nachrichtentechnik und Kybernetik herleitet, geht es Berners-Lee. Seine Ver(über)menschlichung des Netzes hat vielmehr religiöse Implikationen und schreibt damit jene Umstellung von Theologie auf Technologie fort, die von Teilhard de Chardins "Noosphäre" bis zu Pierre Lévys "kollektiver Intelligenz" reicht. In der Netz-Utopie von Berners-Lee geht um ein Etwas, das ein eigentlich Menschliches ist, das jedoch von individuellen Bedingtheiten befreit ist, das zugleich vergegenständlicht ist und das darum anschaubar und verehrbar wird als ein anderes, vom Menschen unterschiedenes und eigenes Wesen. Und dieses Etwas hieß bei Ludwig Feuerbach schlicht "Gott". Als Tim Berners-Lee einmal mit dem Vers "All souls may..." ansetzte, einem amerikanischen Journalisten sein Verständnis der feineren Bedeutung von Göttlichkeit zu erläutern, verließen ihn die Worte. Und die Anekdote will es, daß er sich zu seinem Computer umdrehte mit den Worten: "Vielleicht finde ich es ja im Netz..."

Claus Pias

 

(Tim Berners-Lee mit Mark Fischetti: "Der Web-Report. Der Schöpfer des World Wide Webs über das grenzenlose Potential des Internets". Aus dem Amerikanischen von Beate Majetschak. München (Econ) 1999, 332 S., 49,90 DM)