in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.8.1998

Benjamin Wilson, An Account of the Experiments Made at the Pantheon..., (London) 1778
The Bakken Library and Museum, Minneapolis

Rundköpfe oder Spitzköpfe

Eingeschlagen: Benjamin Franklin und Benjamin Wilson streiten über Blitzableiter

Vor der Aufklärung galt der Blitz als Strafe, Hinweis oder Prophezeiung Gottes. Die Kirche hielt das Interpretationsmonopol der Himmelszeichen und signalisierte bei Gewittern durch Glockengeläut, daß hier eine schützenswerte Gemeinde sei. Auf diese Weise starben - nach einer zeitgenössischen Statistik - zwischen 1750 und 1783 etwa 100 von 300 Glöcknern an Blitzschlag. Seit der Abfuhr Gottes durch Blitzableiter gibt es nurmehr elektrische Phänomene am säkularisierten Himmel, und ausgerechnet Benedict XIV und Pius VI setzten sich gegen den Willen vieler Gemeinden für die Installation von Blitzableitern ein.

Das Monopol nicht nur der richtigen, sondern vor allem der legitimen und konsensfähigen Deutung der Erscheinungen ging an die Naturwissenschaft über. Diese brauchte rhetorische Stragegien, Bilder und Erzählungen also, um ihr Experimentalwissen auf dem Markt der Institutionen und der Öffentlichkeit in anerkannte Wirklichkeit zu verwandeln. Trent A. Mitchell hat dies "epistemologische Evaluation" genannt und anhand der Einführung des Blitzableiters in England beispielhaft ausgeführt (The Politics of Experiment in the Eighteenth Century. The Pursuit of Audience and the Manipulation of Consensus in the Debate over Lightning Rods, in: Eighteenth Century Studies, vol. 31, no. 3 (1998), S. 307-331).

Nachdem es bis 1762 keine Blitzableiter in England gab, löste ein Einschlag im Turm der St. Brides Church von Christopher Wren eine umfangreiche Diskussion aus. Das Militär in Form des Board of Ordnance erklärte die Blitzableiterfrage zu einer der nationalen Sicherheit und in einem neu gebildeten Kommitee saßen sich der Amerikaner Benjamin Franklin und der Brite Benjamin Wilson gegenüber. Franklins Blitzableiter waren spitz und ragten über das Gebäude hinaus, Wilsons liefen rund oder kugelförmig aus und endeten einige Fuß unter dem höchsten Punkt im Haus. So unterschiedlich wie ihre Blitzableiter waren auch die Kontrahenten.

Franklin wurde als Amerikaner vorab mit kolonialer Geringschätzung beäugt. Eine Anekdote berichtet, daß Abbé Nollet (der das Monopol für elektrische Experimente am Hof Ludwigs XV. hielt) sogar seine Existenz leugnete: Was so brilliant sei, könne nicht aus dem unzivilisierten Amerika kommen. Wilson dagegen bewegte sich als Künstler und Wissenschaftler in den Kreisen des Hochadels und der Royal Society. Dementsprechend gehörten die Wilsonianer dem höfischen Establishment, die Franklinianer hingegen dem Umfeld einer "bürgerlichen Öffentlichkeit" an. Wilson setzte auf höfische Autorität, Franklin auf den Markt der Diskussion.

Diese politischen Propositionen bestimmen beider Interpretation der Elektrizität. Für Wilson ist sie ein "spiritualized Newtonian aether", eine aktive Ingredienz, die die brutale und dumpfe Natur durchdringt. Die Elektrizität spielt die Rolle Gottes oder des Monarchen, sie ist "Instrument des Allmächtigen, der das Universum lenkt, regiert und erhält". Für Franklin hingegen ist Elektrizität ein demokratisches Element, das sich allen Objekten gleichermaßen zu verbinden sucht. Jedes Ungleichgewicht bewirkt Elektrifizierung. Positiv und Negativ haben ihre Parallelen in Franklins moralischer und politischer Arbeit wie der Dissertation on liberty and necessity, pleasure and pain (1725). Bei Wilson duldet Gott die menschlichen Tätigkeiten, bei Franklin wird er (potentiell) überflüssig. Der runde Blitzableiter, so Wilson, sei passiv, gerate nicht mit der Naturordnung in Konflikt, sondern verhindere nur das Schlimmste, der spitze hingegen sei aktiv, fordere, über das Gebäude hinausragend, die Natur heraus und ziehe das Unglück geradezu an. Sein Pragmatismus verbot Franklin solcherlei animistische Spekultaion. Sind bei Wilson nur die großen Gebäude mit Blitzableitern gesichert und schützen die kleinen, so hat bei Franklin jeder ein Recht auf seinen eigenen Blitzableiter.

Nach der Installation von Blitzableitern Franklin'schen Typs im Munitionslager Purfleet 1772 verschärfte sich die Debatte. Wilson formulierte im Jahr darauf einen Protest, auf den lediglich mit der Anbringung weiterer (Franklin'scher) Blitzableiter reagiert wurde. Die Boston Tea Party verschlechterte das politische Klima und 1776 ging Franklin als amerikanischer Gesandter nach Paris, um über ein Bündnis mit Frankreich zu verhandeln. 1777, im zweiten Jahr des Unabhängigkeitskrieges, schlugen zwei Blitze in Gebäude mit Franklin'schen Blitzableitern ein. Die Wilsonianer triumphierten, und die Entscheidung zwischen runden und spitzen Köpfen war zu einer politisch-nationalen zwischen aufrührerischen Verrätern und britischen Königstreuen geworden.

Benjamin Wilson zögerte keinen Moment, seine Interpretation als den legitimen und zugleich britischen Wissenschaftsdiskurs zu inszenieren. Statt der Royal Society, die inzwischen Franklin glaubte, sollten nun Königsaugen selbst von Wilsons Experimenten Zeugnis ablegen. Mit Forschungsgeldern des Hofes und des Militärs errichtete er eine monumentale Versuchsanordnung im Pantheon, die George III. überzeugen sollte. Er verließ den Raum wissenschaftlicher Diskussion und betrat mit seinen Geräten denjenigen aristokratischer Aufmerksamkeit, wo der Primat der Sichtbarkeit im Herrscherblick kulminiert. Als Künstler und Theaterliebhaber wußte er, was eine effektvolle Inszenierung ist: Ein Tubus von 115 Fuß Länge und 16 Inch Durchmesser stellte eine Wolke dar, das Modell eines Munitionslagers war Ziel der Entladung. Künstlicher Nebel sorgte für die aemulatio bedrohlicher Natur. Doch nicht nur die Realität stand bei der Modellierung Pate, sondern auch die Regeln des decorum. Die (teilweise überflüssigen) Geräte waren in Material und Ornamentik dem Geschmack des Instrumentensammlers George III. angemessen. Das Ergebnis war ein Versuch, der zwar der Wiederholungslogik der Experimentalwissenschaften folgte, aber praktisch von niemandem mehr nachvollzogen werden konnte. Und wer würde schon die Wahrnehmung des Königs anzweifeln?

George III. war überzeugt und seine Autorität legte Zeugnis ab: Er ordnete an, St. James Palace und Purfleet mit Wilson'schen Blitzableitern umzurüsten, und die Royal Society solle ihre Meinung ändern. Deren Präsident, John Pringle, durfte gehen, als er die Änderung der Naturgesetze außerhalb seiner Dienstbefugnisse verortete. 1796, dreizehn Jahre nach Ende des Unabhängigkeitskrieges, stellte man bei einer Routineprüfung fest, daß die Franklin'schen Blitzableiter nie geändert wurden.

Claus Pias